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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens


von Ulrich Siebgeber

Erinnerung an Leipzig-Connewitz, Sommer 1991: der eingeflogene West-Dozent unterwegs auf Parkplatzsuche nahe der damaligen Szenekneipe Backwahn, dirigiert von ein paar im Fond sitzenden Studenten … einer klugen, munteren Gruppe, vereint durch die Aussicht, einen Abend lang über das Land und seine Zukunft zu diskutieren. Plötzlich ein Schrei aus vier Mündern: »Gas geben!«, dazu ein dumpfer Schlag gegen das Fahrzeugheck –: nachdrücklicher ließ sich die Szene-Freiheit in jenen ferngerückten Zeiten nicht unterstreichen. Natürlich waren das die Rechten, ausgerüstet mit Fahrradketten oder was auch immer, die ihrer Enttäuschung über den davonbrausenden Feind nonverbal (vermutlich auch verbal, aber das hörten wir nicht) Ausdruck verliehen.

Leipzig, Herbst 2019: die AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung bittet zum Kongress.

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von Ulrich Siebgeber

Stephen Bannon, den in Deutschland niemand zitieren darf, ohne sich der üblichen Formeln des Exorzismus zu bedienen, durfte darüber seit längerem plaudern, jetzt zieht es peu à peu auch in die Köpfe deutscher Redakteure ein: der ›Handelskrieg‹ zwischen den USA und China, angeblich von Donald Trump zu Klamaukzwecken vom Zaun gebrochen, um seinen Anhängern ein Spektakel nach ihrem Geschmack zu bieten, ist offenbar bloß ein Gesicht jenes strategisch angelegten Krieges um die Vorherrschaft auf diesem Planeten, der lange im Kommen war (man erinnere sich an die Verlautbarungen des Project for the New American Century und die heftigen Reaktionen, die es hervorrief) und nun wirklich entbrannt zu sein scheint.

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von Ulrich Siebgeber

»Unfassbar! Ich verstehe nicht, dass…« Wenn alle, die nicht verstehen können, was sie ganz gut verstehen, aufhören würden, nicht zu verstehen und zu verstehen zu geben, dass sie ganz gut verstehen, warum jemand wie sie nicht verstehen kann, dann wäre das ein großer Schritt für die Menschheit und ein kleiner ... Ausrutscher für den, der plötzlich versteht, dass er versteht und warum er es nicht versteht. So oder ähnlich ließe sich ausdrücken, was Menschen umtreibt, die inständig auf der Auskunft beharren, es gebe keine Zensur, nur Anstand. Wer gibt solche Auskünfte? Der Zensor vermutlich oder der Regisseur hinter dem Zensor. Regisseure haben, wenn es um Anstand geht, ohnehin ihre eigenen Vorstellungen. Sie wissen, dass erst dort, wo der Anstand flöten geht, der Rubel zu rollen beginnt. Also bemühen sie den Anstand, wann immer sich eine Gelegenheit bietet, und lassen ihn kommen. Das ist nicht nett, das ist nicht schön, das ist nicht anständig, aber es zieht die Leute in ihren Bann. Kommt der Anstand, so geht der Verstand, bleibt der Verstand, so steht der Anstand kopf: So sieht es aus.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.