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Es war einmal eine westliche Gesellschaft, in der die Weichen nach den ungeschriebenen Gesetzen des politischen Establishments gestellt wurden. Die Aufteilung der Pfründen schien mit der damit einhergehenden Glückseligkeit der Globalisierung vollendet. Gesetze und nationale Alleingänge störten da nur, ebenso ›alternative Personen‹ mit einem gefährlichen Charisma. Der Flüchtlingsansturm war auf dem Siedepunkt. Die Pressemeute stürzte sich verheißungsvoll auf die wenigen ankommenden Kinder. Sie nutzten ihre Teleobjektive wie scharfe Waffen im Dauerfeuer, um festzuhalten, wie junge Frauen an den Bahnhöfen Teddybären überreichten. Die entzückenden Bilder wurden, einer Frontberichterstattung gleich, Tag und Nacht gesendet. Die politische Korrektheit wurde zur verbindlichen Verhaltensregel erklärt und wer sich nicht daran hielt, konnte nur ein Rechter sein. Aufgebaute und aufgebauschte Feindbilder, die so dringend benötigt wurden, um eine berechtigte Kritik an den Geschehnissen zu unterbinden. Die WHO rief nach dem Rinderwahn die Vogel- und Schweinegrippe aus und versuchte erfolglos, diverse Impfstoffe der Pharmaunternehmen unter die Menschenmassen zu bringen. Millionen Impfampullen mussten vernichtet werden. Man lernte daraus, die nächste Pandemie generalstabsmäßig vorzubereiten und durchzuziehen.

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von Steffen Dietzsch

Alles Lebendige erlebt Niedergänge; das ist ihm naturhaft eingeschrieben. Noch in der Aufklärung (im Dix-huitième) hat man mit dieser Einsicht geschichtliche Prozesse und politische Großstrukturen (Staaten, Reiche, Kulturkreise) analytisch beschrieben. Die wurden metaphorisch als Lebewesen begriffen, – mit naturgesetzlich beschränkter Lebensdauer zwischen (Geburt) ›Jugend‹ und ›Alter‹ (Tod). In dieser Tradition hofft der Autor, man möge ihm »zugestehen, dass das Konzept des Niedergangs eine fundamentale Kategorie historischer Interpretation ist.« (14) – Als einst Kant (im Streit der Fakultäten, II,3.a-c) daran ging, Begriffsunterscheidungen von dem zu machen, was man von der Zukunft zu wissen glaubt, da hat er dieses Konzept die ›terroristische Vorstellung der Menschengeschichte‹ genannt; dem entgegengesetzt sei dann die ›eudämonistische‹ Vorstellung, die als eine bloß ›sanguinische Hoffnung‹ aber ebenso wenig aus wirklichen Gründen heraus zu begründen wäre.

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Homerisches Gelächter

von Boris Blaha

Ulrich Schödlbauer hat einen Roman, einen politischen Roman über T. geschrieben. Hören Sie mir überhaupt zu? Was? Politisch? Über T? Diesen durchgeknallten Irren, der das Weiße Haus gekapert hat und seither durch die moderne, bisher so gut aufgeräumte Welt irrlichtert? Das liest doch keiner, wo doch jeder schon weiß, was für ein unmöglich aufgeblasener Volltrottel dieser T. ist.

Eigentlich ist es ja auch gar kein Buch über T., sondern mehr über uns aus der Perspektive von T. Der Plot: Zwei alte lebenserfahrene Männer, ideengeschichtlich versiert, auf dem Weg nach unten unterhalten sich auf entsprechend hohem Niveau über T. 's Weg nach oben und seine unvermeidlichen Begleiterscheinungen. Der eine, ein gereifter, vietnamesischer Kommunist, der andere ein von ›Lolita‹ verführter Menschheitsfreund mit zu viel Geld. Schon der Plot verspricht intellektuelles Vergnügen.

Ein herrliches homerisches Gelächter durchzieht das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, weil es ein so wunderbares Buch über den westlichen Ikarus ist, der der Sonne zu nah kam, abstürzte, als neuer Phönix wieder aufstieg und – dumm und erfahrungsresistent, wie er ist – immer wieder verbrannte. Zur Einstimmung möchte ich einen Punkt etwas näher beleuchten: den Zeitpunkt. Wie T. und sein angelsächsischer Gefährte B. erscheint auch dieser ›politische‹ Roman zu einem bestimmten, einem machiavellischen Moment.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.