von Andreas Kalckhoff

Spiel als Muster und Abbild des Soziallebens

Sport und Spiel nehmen einen erheblichen Platz in unserem sozialen und kulturellen Leben ein, sie sind darüber hinaus ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Die Beschäftigung mit diesem Phänomen ist also für die Sozialwissenschaften ein Muss, möchte man meinen. Tatsächlich wird es aber, da den Bereichen Freizeit und Vergnügen zugeordnet, nicht wirklich ernst genommen. Dabei liegt doch nahe, dass die Art der Kommunikation und Interaktion in den bevorzugten Sportarten und Spielen etwas über das Sozialverhalten der Spieler wie der Zuschauer aussagt. Ein Buch, das diesen Zusammenhang thematisiert, ist also von großem Interesse.

Henning Eichberg, Professor Emeritus an der Universität von Süddänemark, ist ein deutscher Kultursoziologe und Historiker, der ein Großteil seines wissenschaftlichen Lebens der Erforschung von Sport und Spiel im historischen und globalen Vergleich gewidmet hat. Nun hat er eine Zusammenschau seiner Erkenntnisse vorgelegt und dabei neue Fragen aufgeworfen. Er knüpft dabei an ältere Aufsätze an, vor allem aus Bodily Democracy (2010), die er am Ende zu einer Philosophie des Spiels erweitert. Er will damit ein »Sprungbrett für eine neue materialistische und kritische Theorie« bauen.

Phänomenologie des Spiels

Eichberg ist kein Freund von Systemen und Definitionen, denen sich die Wirklichkeit unterzuordnen hat. Er bevorzugt stattdessen die phänomenologische Methode, die beschreibend zu Begriffen kommt. Was den Beobachtungsgegenstand angeht, so schließt er alles ein, was dem Selbstverständnis der Spielenden und der Zuschreibung von Zeitgenossen nach als Spiel (play) erscheint oder früher mal erschien. Sport (game) betrachtet er dabei als Sonderform des Spiels. Entsprechend breitet er vor dem Leser ein breites Spektrum des Spielerischen aus, von den zahlreichen Formen des Kinderspiels und des vormodernen Volkssports zum modernen Leistungssport und weiter zu Jagd (game), Wettspiel, Schauspiel, Tanz und Poesie. Durch die Einbeziehung außereuropäischer Spiele und Sportarten fächert er sein Beobachtungsmaterial weiter auf.

Eichberg entwickelt seine Philosophie des Spiels entlang von Fallstudien, die ihm helfen, sich kritisch mit der Geschichte der Sportwissenschaft und den gängigen Spieltheorien auseinanderzusetzen. (Die mathematisch-ökonomische Spieltheorie bleibt dabei außen vor.) Das geht nicht immer ohne deutliche Sympathie für ›alternative‹, nicht kompetitive Bewegungsspiele ab, die er vor allem in historischen und außereuropäischen Gesellschaften findet. Er hebt die Bedeutung von Spaß, Lachen und Anarchie im Volkssport hervor und verweist auf ihr revolutionäres Potential. Mit sichtlichem Missvergnügen betrachtet er dagegen den olympischen Leistungssport mit seinen kommerziellen Auswüchsen. Er vergisst aber am Ende nicht, vor Romantisierungen zu warnen, auch was die scheinbar unschuldigen Kinderspiele betrifft. Wer Sport und Spiel im historischen und sozialen Zusammenhang erkennen will, braucht dazu eine gewisse Distanz.

Es ist unmöglich, die Fülle seiner Beispiele, Gedanken, Schlüsse und Sprünge hier auch nur annähernd wiederzugeben. Deshalb will ich mich auf einige Aspekte seiner Philosophie beschränken.

Eichberg widmet ein eigenes Kapitel den »dunklen Spielen«, die von einer idealistischen Spieltheorie übersehen wurden. Kinder quälen zum Spaß Tiere und, etwa beim Indianerspiel, auch ihre freiwilligen oder unfreiwilligen Mitspieler. Jugendliche haben nicht nur Freude an Geisterbahnen und Horrorfilmen, sondern auch an lebensgefährlichen Risikospielen wie U-Bahn-Surfen, Fassadenklettern und innerstädtischen Autorennen. Erwachsene setzen mit Glücksspiel und Wetten – bis hin zum Russisch-Roulette – ihre Existenz aufs Spiel. Auch sie quälen Tiere: beim Hahnenkampf, bei Hunde- und Stierkampf. Beim Boxkampf und beim Autorennen werden Todesopfer in Kauf genommen. Blickt man in die Vergangenheit, öffnen sich weitere Abgründe: Gladiatorenspiel, Kreuzigung, Kopfjagd, Kricket mit Menschenköpfen, als Schauspiel inszenierte öffentliche Hinrichtungen bis in die frühe Neuzeit – im Mittelalter von teilweise unvorstellbarer Grausamkeit. Einen längeren Exkurs widmet Eichberg dem militärischen Kriegsspiel.

Damit ist freilich Eichbergs Überzeugung nicht vereinbar, dass Spiel mit ›Leben‹ gleichzusetzen sei und Spielfeindlichkeit mit ›Tod‹. Eichberg thematisiert in diesem Zusammenhang die Spielfeindlichkeit des Wahhabi-Islamismus ebenso wie die des christlichen Puritanismus. Man muss dabei an Umberto Ecos Im Namen der Rose denken, wo der mörderische Mönch Jorge von Burgos seinen Hass auf die Komödie erklärt: »Christus hat nie gelacht.« Die protestantischen Quäker verboten nicht nur das Kartenspiel, sie duldeten auch kein häusliches Musizieren. Im Widerspruch dazu haben die islamistischen IS-Terroristen aber offensichtlich kein Problem mit dunklen Spielen wie dem Schauspiel des öffentlichen Kopfabschlagens. Eichberg lässt die dahinterstehende Frage unbeantwortet.

Fragen an das Spiel, das Spiel als Frage

Eichbergs unbeantwortete Fragen resultieren freilich nicht aus einer Verlegenheit. Das Fragen ist für ihn vielmehr eine Alternative zum selbstgewissen, abschließenden Definieren, zur akademischen Besserwisserei. Dass Frage, Kritik und Zweifel produktiv sind, ist bekannt. Eichberg geht einen Schritt weiter und macht daraus ein Erkenntnisprinzip. Anders als der rhetorische Frager Sokrates, der immer schon alles weiß, was er fragt, richtet er seine Fragen an sich selbst, an sein Untersuchungsobjekt und an sein Publikum. Er beruft sich dabei auf den Physiker Niels Bohr: »Jede These, die ich aufstelle, darf nicht als Behauptung verstanden werden, sondern als Frage.«

Darüber hinaus sieht Eichberg eine enge Verbindung zwischen Frage und Spiel: »Über das Spiel können wir Fragen an die Welt, an andere und an uns selbst stellen. Ein Spiel spielen und eine Frage stellen sind zwei Formen der Lebenspraxis, die tief miteinander verbunden sind.« Im Arbeitsalltag und in der Wissenschaft würden zwar auch Fragen gestellt, aber was dort wirklich zähle, seien die Antworten. Im Spiel dagegen läge der Spaß mehr beim Fragen, beim Ausprobieren, im Neugierverhalten. Der ergebnisorientierte Sport, bei dem gezählt und gemessen wird, entferne sich somit vom Spiel, bei dem es mehr um das Tun als um das Ziel gehe. Olympischer Sport und Fußball seien quasi schon Arbeit – entsprechend werde dort verdient. Dagegen kann man einwenden, dass es immer schon Spiele mit Schauspielcharakter gab, bei denen die Zuschauern den Spaß hatten und die Akteure die Arbeit. Andererseits kennen wir auch Spiele, die nicht von Neugier bestimmt sind: etwa Ballspiel und Tanz, bei denen es um Anmut und Harmonie der Körperbewegung geht.

Eichberg will die Kernfragen »Was ist Spiel?« und »Warum spielen wir?« nicht durch globale Definitionen eingeengt wissen. Er rechtfertigt das mit dem Nietzsche-Zitat: »Definierbar ist nur das, was keine Geschichte hat.« Allerdings bewegt sich seine Zuschreibung von Neugier, Ausprobieren und Fragenstellen doch ziemlich nahe an einer Definition. Auch in anderen Fällen hat man diesen Eindruck, wobei es sich aber jedesmal um eine andere ›Definition‹ handelt. So entsteht aus einer Vielzahl disparater, oft widersprüchlicher Spielmotivationen ein Mosaik, das sich in seiner Gesamtheit einer Definition verweigert, dessen Teile aber gut beschrieben sind.

Am Ende münden Eichbergs Fragen an das Spiel in die universellen Fragen: ›Was ist der Mensch? Zu was sind wir fähig und was würden wir gern tun?‹ Das erscheint mir sinnvoll und problematisch zugleich. Natürlich unterliegen auch Spiel und Sport der Conditio Humana, aber unter diesem Aspekt fällt es schwer, Spiel vom ›ernsten‹ Leben zu unterscheiden. Andererseits hilft diese Sichtweise, nicht nur das Disparate des Phänomens Spiel zu erklären, sondern auch seine historische und kulturelle Varianz. Denn die Conditio Humana ist, wie Kritiker dieses Begriffes hervorgehoben haben, nicht festgeschrieben. Sie unterliegt dem kulturellen Wandel und der kulturellen Bandbreite.

Spiel als Muster und Abbild des Soziallebens

›Was kann uns das Spiel über unser Leben als soziales Wesen lehren?‹ ist die Hauptfrage dieses Buches. Eichberg spürt dabei sozialen Kategorien wie Konkurrenz, Gemeinschaftsgefühl, Identität, Tribalisierung, Selbstbestimmung , Leistung, Ordnung, Reproduktion, Autonomie, Entfremdung, Protest und Revolte nach, die im Spiel ein phänomenologisches Äquivalent haben. Insofern könnten Spielformen etwas über die jeweiligen historischen und lokalen Gesellschaften aussagen. Dabei lasse sich die soziale Bedeutung von Spiel und Sport eher von ihrer körperlichen Praxis ablesen als von Selbsterklärungen und Absichtsbekundungen. Eichberg propagiert damit einen Materialismus, der als Basis den menschlichen Körper erkennt, und zitiert dazu Nietzsche: »Der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts außer dem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe. Der Leib ist eine große Vernunft, … [und] deine kleine Vernunft, die du ›Geist‹ nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.«

Dagegen kann man wieder einwenden, dass viele Spiele – Brett- und Kartenspiele, Wettspiele, Rätselspiele, Musikspiel, Dichtung – ziemlich unkörperlich sind. Für Eichbergs Philosophie ist das freilich kein Problem, er zieht für diese Betrachtung eben nur Körperspiele heran. Wichtig ist ihm indes: »Die Basis des menschlichen Soziallebens ist die Körperpraxis, die beides umfassen, Spiel und Arbeit – während der Überbau darin besteht, wie Menschen dieses Praxis organisieren und sich Gedanken darüber machen.«

Ein Beispiel, wie gesellschaftliche Entwicklungen im Spiel vorweggenommen werden, ist der Wandel von den zierlichen Reigen- und Figurentänzen der Barockzeit zu rasanten Geschwindigkeitstänzen, deren erster der Walzer war; Polka und Galopp folgten. In Verlauf des 19. Jahrhunderts beobachten wir dann, wie Geschwindigkeit und Beschleunigung die gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Entwicklung zunehmend beherrschen. Hier fand ein Mentalitätswandel statt, der sich vorweg in tanzenden Körpern manifestierte. Als in Deutschland die erste Eisenbahn gebaut wurde, war Geschwindigkeit schon längst Teil des körperlichen Alltags. Heute sehnen wir uns wieder nach Entschleunigung.

Die andere große Frage, die Eichberg an das Spiel stellt, lautet: ›Wer spielt?‹ Im geschichtlichen Rückblick ist zu erkennen, das Volk und Herrscher unterschiedliche Vorlieben hatten, die sich freilich im Lauf der Zeit immer mehr annäherten. Eichberg beschäftigt sich besonders intensiv mit Volksspiel und Volkssport. Aber wer oder was ist überhaupt ›das Volk‹? Eichberg diskutiert die Vieldeutigkeit des Begriffes und seinen Bedeutungswandel im Verhältnis zu Masse, Bevölkerung und Staatsvolk. Er greift den Schlachtruf der DDR-Bürgerbewegung auf: ›Wir sind das Volk?‹ und erkennt darin einen Gegensatz zwischen ›wir‹ und der Macht. Vor allem aber ist ihm wichtig, dass das Volk eine kulturelle Identität besitzt. Doch anders als jene, die heute dieses Wort gerne im Mund führen, bedeutet für ihn Identität nicht Abgrenzung gegen andere, sondern Dialog mit dem Fremden. Im übrigen lasse sich Identität nicht definieren, weil auch sie dem historischen Wandel unterworfen sei.

Eichberg: »Die Soziologie beschreibt in ihrem Konzept von Zivilgesellschaft Volk als dritte Kraft in der Auseinandersetzung mit dem Staat auf der einen Seite und dem Markt auf der anderen. Während der Staat der Logik des Gewaltmonopols und der Verwaltungshoheit folgt und der Markt der Logik von Wettbewerb und Profit, basiert die Zivilgesellschaft auf einer Vielzahl von Netzwerken und Identitäten, auf Vereinen und Solidargemeinschaften (solidarity inside groups). Das erzeugt eine Vielfalt in der Gesellschaft, die zum Auslöser kultureller Konflikte werden kann.«

Eichberg sieht dabei nicht Individuen als Spielakteure und Zuschauer, sondern soziale und kulturelle Gruppen, denen das Spiel zu einem Teil ihrer Identität verhilft. Das könne freilich nationale Leidenschaften wecken und auch innergesellschaftlich zu Spannungen führen.

Ein bunter Strauß Blumen

Wer mehr wissen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Was hier nur angerissen werden konnte, findet er dort reichlich mit Beispielen unterfüttert. Die Themenvielfalt auf den zweihundertfünfzig Seiten ist fast erdrückend. Man erfährt viel über ›exotische‹ Spiele und Sportarten, die manche Gewissheit über die universelle Gültigkeit westlicher Vorstellungen hinwegfegen. Spannend sind die beschriebenen Grenzfälle und Übergänge zwischen Sport und Tanz, Spiel und Theater in Indonesien, Melanesien und Australien – Übergänge, die nicht ganz unverständlich sind, denkt man an den akrobatischen Moriskentanz des Mittelalters, an den Begriff ›Spiel‹ für das Theaterstück, an den olympischen Eistanz sowie an Ballett und Operette. Aber auch seine Beschäftigung mit unserer eigenen, europäischen Vergangenheit öffnet die Augen für Mentalitäten, die uns heute fremd sind, für die ›longue durée‹ der Entwicklung heutiger Spiel- und Sportformen, aber auch für den Abbruch von Spieltraditionen.

Eichberg erweist sich als großer Gedankenspieler. Man muss seinen Deutungen und Sprüngen nicht immer folgen. Aber er begeistert in jedem Fall durch seine Neugier, seine Detailkenntnis und Kombinationsfreude. Was macht es da, wenn er sich manchmal von seinen Assoziationen davontragen lässt? Was macht es, wenn seine Philosophie, wie bei Friedrich Nietzsche, gelegentlich in Poesie umschlägt? Das Schlechteste ist das nicht. Der Leser nimmt von dieser Lektüre einen bunten Strauß Blumen, manchen Käfer darin, mit nach Hause. Das ist für ein Buch zum Thema Spiel sicher ein Kompliment. Besonderen Spaß, das sei hier nicht vergessen, machen die surrealistischen Illustrationen von Lennart Wulf Eichberg.

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