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von Peter Brandt

Häftling Nr. 1935 – das Verfolgungsschicksal des Zeugen Jehovas Ernst Reiter

Die Geschichtswissenschaft kennt seit über drei Jahrzehnten den Begriff der ›vergessenen Opfer‹ des Nationalsozialismus. Genau betrachtet, wurde fast jede Gruppe der im Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten nach 1945 Opfer eines gesellschaftlichen Verdrängungs- und Verleugnungsprozesses, für den ›Vergessen‹ manchmal auch ein Euphemismus war. Maßgeblich für eine Überwindung dieses ›Vergessens‹ der Opfergruppen waren in allen Fällen aus den Opfergruppen selbst kommende Initiativen.

Zunächst waren es jüdische Überlebende und jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – zumeist beides in einer Person –, die den Holocaust dokumentierten und erforschten, lange bevor die Ermordung der europäischen Juden zu einem zentralen Thema der Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde. Doch bei den meisten Opfergruppen bestand keine eigene wissenschaftliche Tradition, die diesen Aufarbeitungs- und kollektiven Erinnerungsprozess tragen konnte. Nicht-fachliches Engagement aus den Opfergruppen war entscheidend für die Erinnerung, Erforschung und Anerkennung. Wachsende, zwangsläufig nicht immer konfliktfrei verlaufende Unterstützung aus der Fachwissenschaft trat hinzu; heute gibt es auch eine wissenschaftliche Forschung, an der Nachkommen der Überlebenden oder spätere Generationen der einstigen Opfergruppen teilhaben.

von Ingrid Timpel

In meiner Nachbarschaft wohnt eine ältere Dame, Ingrid Timpel, die seit Jahr und Tag schreibt: Akribische Tagesnotizen und einen Lebensbericht. Aus diesem Bericht gebe ich hier ihre Notate zum 29. April 1945 unverändert und unkommentiert wieder. Oder doch nicht ganz. Mein Rat an alle, die derzeit zum Krieg aufrufen: Fragen Sie möglichst bald bei denjenigen nach, die den Krieg erlebt haben. Ein weiterer Rat: Beeilen Sie sich.
Helmut Roewer

Am 29. April 1945 vor 77 Jahren, war der Tag, an dem mein Leben aus den Fugen geraten ist.

Im Jahr 1945 war der Winter lang und sehr kalt. Wir Kinder, mussten Holz und brauchbaren Abfall sammeln, um die Stube warm zu bekommen.

Wir wohnten in Neubrandenburg, einer schönen norddeutschen Stadt mit einer geschlossenen Stadtmauer und vier Toren. Unser Haus stand in der Neutor Straße 32, direkt an einem der vier Tore.

von Steffen Dietzsch

Nationaler Einschluss und Neues Europa?

Piɬsudski gehört zu den großen Irredentisten, die im Gefolge des Versailler Vertrags hervortraten und die die politische Geographie Europas nachhaltig – bis heute – in Bewegung hielten. Sein Traum eines Polska Międzymorze (›zwischen-den-Meeren‹) beflügelt bis heute die geopolitische Phantasie seiner Anhänger; er war ihnen damit der große Realist der Utopie. – Templin erzählt davon in seiner außerordentlich gut recherchierten, anekdotenreich und lesefreundlich – manchmal im familiären Ton – geschriebenen Biografie. Seine Darstellung von Piɬsudskis dramatischer Lebens- und Politikentwicklung ist empathisch, engagiert und analytisch. Dadurch kann seine Arbeit zu einer weiteren produktiven Grundlage werden für eine erneuerte, künftige Diskussion über die besondere Rolle des Neuen Polen in den Anfängen und Verläufen des sogenannten Weltbürgerkriegs (1919-1989). Zu dessen vorläufigem Ende (1989) gehört als Ursprung und Konsequenz, dass jenes geistige wie geopolitische Scheitern der Sowjetunion auf das Waterloo des Bolschewismus zurückzuführen ist, als das der historisch singuläre Sieg von Piɬsudskis Armee im sowjetisch-polnischen Krieg vor Warschau (August 1920) verstanden werden muss. Es gehört aber auch zur Tragik von Piɬsudskis politischem Projekt, dass im nationalen (und militärkultischen) Furor und in den national-ethnischen Überdehnungen, mit denen die Polonia Restituta begründet wurde, allerdings auch einige Gründe seines Untergangs (1939-1944) begriffen werden müssen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.