Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

… neulich im Einstein

machte mir meine polnische Freundin klar, dass die jüngsten kriegerischen Ausbrüche des ›Nationalstolzes der Großrussen‹ (als Mentalität schon Anfang des Ersten Weltkriegs von Lenin kritisiert) nicht bloß aus deren neueren Bedrohungsphobien zu begründen sind, sondern dass darin eine über hundertjährige geopolitische Dynamik in Rechnung zu stellen ist.

Mit dem Zusammenbruch des russischen Kaiserreichs 1917 kam es sehr schnell, zunächst vom Bolschewismus unterstützt, zur nation-building bei vielen aus dem sogenannten ›Völkergefängnis‹ entlassenen Ethnien; am nachhaltigsten (und geostrategisch einfallsreich) geschah das bei der Neubegründung der Republik Polen (Nov. 1918), die sich mit erheblichen militanten Landnahmen aus dem Bestand der ehemaligen drei Monarchien konstituierte [expl.: westpreuß. Posen (Poznań), litauisch Vilnius (Wilna), ostgalizisch Lemberg (Lwów)].

 … neulich im Einstein

– glücklich durch die Hygieneschranke gelangt, gab mir im Blick auf neueste große Perspektiven der Politik eine merkwürdige Symmetrie zu denken, dass immer irgendwie im Rhythmus eines Säkulums die politische Phantasie der Herrschenden erschöpft scheint beziehungsweise zyklisch wird. Das fiel mir bei Plänen aus dem Wirtschaftsressort auf, die für eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist (Julius Fučik) entworfen schienen. Ging es ehemals – in der Morgenröte einer neuen kommunen heilen Welt – noch um Pläne zur landesweiten Elektrifizierung, so geht es heute um Klimatisierung & Dekarbonisierung des ganzen Landes … Bei beiden aber geht es auch explizit um nichts weniger, als um die ›Rettung-der-Welt‹. Es scheint der gleiche Widersacher zu sein, gegen den man – damals wie heute – aufstehen muss: die Markt- & Geldwirtschaft, der Kapitalismus. Nur hat sich der Feind inzwischen unversehens vervielfacht: waren es ehedem – abzählbare – Kapitalisten, die die Dunkelheit verantworteten und ans neue Licht gezogen wurden, so sind es heute wir Menschen alle selber, deren Verkehrs- und Betriebsformen der Wärme zu zerbrechen seien.

… neulich im Einstein

machte mich eine Freundin (der Kritischen Theorie) auf isomorphe Alltagsphänomene am Beginn unserer bürgerlichen Welt und ihren Turbolenzen heutzutage aufmerksam, – nämlich auf jene Wahrnehmung einer Großen Furcht aus dem Sommer 1789, als – damals – le peuple français (genauer: der dritte Stand) der felsenfesten Überzeugung war, ihre politischen Eliten, die Aristokratie und ihre ›Clercs‹ würden sie alle der Extermination überlassen. Der entsprechende Zynismus der ›Oberen‹ träte exemplarisch in der Empfehlung der Autrichienne (die dann als ›Witwe Capet‹ ihren Kopf verlor) in Erscheinung, die Armen sollten, falls ihnen das Brot ausginge, doch zum Kuchen greifen. Die Große Furcht schien nicht bloß ein grundloses Schreckensbild zu sein; große natürliche und soziale Katastrophen (Trockenheit, Missernten, Kriegsinszenierungen), unfähige und nihilistische Verwaltungs- und Gesetzespraxis (u.a. gegen das Gemeineigentum) waren entsprechend vorurteilsverstärkende Befunde im öffentlichen Bewusstsein.