Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

 … neulich im Einstein

musste ich lange auf Freund Miloš (aus Prag) warten – aber er hatte mir schon eine ›E-Mail‹ geschickt: sein Zug sei gecancelt worden … Das war der seit langem einzig korrekte Gebrauch dieses Verbs, soviel ich hörte. Aber ›abgekanzelt‹ zu werden, ist eine gegenwärtig überall und von ›den Vielen‹ auszuhaltende demokratie-pädagogische Zumutung: how dare you!, Du gehst ungerührt die Mohrenstrasse entlang? Trägst keine Maske? Liest Shakespeare oder George? Isst Fleisch? Kaufst ›rechte‹ Bücher? Vergisst mit ›man‹ die ›Frau‹? Unsereins lässt das – nolens volens – gern gelten als eine Meinung neben anderen, gedeckt durch den – unbedingten! – Wert: Meinungsfreiheit.

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neulich – auf dem Weg ins ›Einstein‹

sah ich (in Bronze) Kant und Lessing im Gespräch; beide hätten Geschichten über sich zu erzählen, die in der Menge als (modern) Fakes Stimmungen zu erzeugen in der Lage wären. Beide mussten sich als Polarisierer, Zyniker und Atheisten, gar als Nihilisten bezeichnen lassen. – Bei Kant geht die (von Akademikern) erzeugte Pogromstimmung derzeit soweit, ihn aus der Diskursgemeinschaft unter dem Friedrich-Denkmal herauszuschneiden…

Aufnahme: ©rs 2020

Aber: Nirgends in Kants Theorie über den Menschen, nirgends in seiner Schrift Von den verschiedenen Racen der Menschen (1775) ist etwa ein Platz für einen Begriff wie ›jüdische Rasse‹ auszumachen. Der Begriff ›Rasse‹ wird von ihm generell in der Naturgeschichte gebraucht, um »den Klassenunterschied der Thiere eines und desselben Stammes, so ferne er unausbleiblich erblich ist« zu bezeichnen.

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... neulich – endlich wieder – im Einstein

(wie lange habe ich das Café vermisst!) kam mir die Furie des Verschwindens in Erinnerung. Die droht, wie wir seit Hegel wissen, die gute Laune aller Aktivisten verschiedenster Couleur zu vermiesen: die Eitelkeit des Selbstbewusstseins bringt uns immer wieder neu auf die Strasse, um – diesmal aber wirklich! – die allgemeine Freiheit (von natürlichen, historischen, sozialen, kulturellen, kommunikativen und aktuell-angesagten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten) anzumahnen und zu organisieren, und momentan scheint auch immer der Himmel auf die Erde herunter verpflanzt; – aber kurz danach bleibt alles immer wieder beim Alten … Dem Gewollten, der reinen Gesinnung, dem felsenfesten Glaubens fehlte (nochmals Hegel) momentan das Prinzip der Wirklichkeit. – Dem kann man nur entsprechen, wäre man in der Lage Arbeit am Begriff zu leisten. Und zwar, um (natürliche wie soziale) ›Wirklichkeit‹ als eine ›so-und-nicht-anders-entstandene‹ zu begreifen. Das ist die allgemeine Arbeit der Wissenschaft.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.