Renate_Solbach_Tabu_Cafe.jpg

von Klaus-Rüdiger Mai

Ich weiß, der Begriff der gebildeten Nation klingt bildungsbürgerlich, verstaubt und hoffnungslos gestrig, doch liegt in diesem Konzept genau die wichtigste Garantie dafür, dass weder Sie noch ich und erst recht nicht Ihre Kinder zu den Verlierern des Paradigmenwechsels werden, im Gegenteil, in der gebildeten Nation findet sich der Zauberstaub, der uns zu Gewinnern machen wird, wenn wir Freiheit, Demokratie, nationale Souveränität und europäische Verständigung als Konzert der Kulturen sichern, denn Deutschland hat nur einen einzigen bedeutenden Rohstoff, seine Bürger, und nur eine, wenn auch mächtige Ressource, die Bildung. Bildungspolitik ist Wirtschaftspolitik, ja die wichtigste wirtschaftspolitische Intervention. Wir werden Deutschlands Wohlstand als Wohlstand für alle Deutschen auch in Zukunft sichern und sogar mehren können, wenn wir den Wettbewerb bestimmen, wir wirtschaftlich besser sind. Verlieren wir im internationalen Wettbewerb – verlieren wir alles. Schneller und besser zu sein, das allein ist es, was Ihre und meine Zukunft sichert. Schneller und besser zu sein bedeutet, gebildeter zu sein, bedeutet, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt voranzutreiben.

0
0
0
s2smodern
powered by social2s

von Ulrich Schödlbauer

Das ist ein Jahrhundertsatz, geformt von Millionen Mündern und damit ein geflügelter Widerspruch in sich ähnlich der aus der Antike überlieferten Ansage eines ansonsten unbekannten Kreters: Alle Kreter lügen. Lügen nun all jene, die diesen Satz wie eine Monstranz vor sich hertragen, die einen seit Jahren, die anderen seit den jüngsten Lockdown-Beschlüssen, zu denen jedem, der seine Sinne beisammen hat und gelegentlich noch mit den Nachbarn redet, nichts weiter mehr einfällt als Heilige Einfalt!, oder sagen sie die Wahrheit, die bittere Wahrheit und sonst nichts? Nun ja, sie sagen es ja: Niemand sagt es, also sind sie niemand, patentierte Niemande, die sich selbst bescheinigen, niemand zu sein. Wie konnte es dazu kommen, dass so viele in diesem Lande, wie die Phrase lautet, sich für Niemande halten, schlimmer: für niemand?

0
0
0
s2smodern
powered by social2s

von Gunter Weißgerber

»Am 17. September 1852 fuhren meine junge Frau und ich, nach einer Reise von 28 Tagen, an Bord des prächtigen Paketschiffes ›City of London‹, in den Hafen von New York ein. … Mehrere hundert Auswanderer fuhren im Zwischendeck, aber nur ungefähr zwanzig Passagiere in der Kajüte, unter diesen ein Professor der Universität Yale und mehrere New Yorker Kaufleute. Ich war noch nicht imstande, mich in englischer Sprache zu unterhalten, doch, da der Yale Professor etwas deutsch sprach und zwei oder drei von den New Yorker Kaufleuten ein wenig Französisch verstanden, gab es der lebhaften und erheiternden Unterhaltung genug. … Der Tag, an welchem wir im New Yorker Hafen ankamen, hätte nicht herrlicher sein können. Die Bucht und die sie umgebenden Inseln strahlten förmlich in sonniger Pracht. … Am Ufer von Staten Island entlang segelnd, … fragte ich einen von meinen Mitpassagieren, welche Sorte von Leuten in diesen hübschen Wohnungen lebten. ›Reiche New Yorker‹, sagte er. ›Und wieviel muß ein Mann besitzen, um ein reicher New Yorker genannt zu werden?‹ ›Nun,‹ antwortete er, ›ein Mann, der so ungefähr 150,000 oder 200,000 Dollar oder ein festes Einkommen von 10,000 bis 12,000 Dollar hat, würde als wohlhabend betrachtet werden. Natürlich gibt es Männer, die mehr als das – sogar eine oder zwei Millionen oder gar noch mehr – besitzen.‹ ›Gibt es viele solche in New York?‹ ›O, nein, nicht viele, vielleicht ein Dutzend, aber die Zahl der Leute, die wohlhabend genannt werden könnten, ist groß.‹ ›Und gibt es viele arme Leute in New York?‹ ›Ja, einige, meistens neue Ankömmlinge, glaube ich. Aber in vielen Fällen würde, was man hier als Armut ansieht, in London oder Paris kaum so genannt werden. Es gibt fast keine hoffnungslos Arme hier. Es wird gewöhnlich angenommen, daß niemand arm zu sein braucht.‹«(aus Carl Schurz: Lebenserinnerungen, Zweiter Band, S. 1-3, Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer 1907)

0
0
0
s2smodern
powered by social2s
POLITIK GESELLSCHAFT KULTUR GESCHICHTE
Deutschland Modelle Fluchten Zeitgeschichte
Europa Identitäten L-iteratur Personen
Welt Projektionen Medien Entwicklungen
Besprechungen Besprechungen Ausstellungen Besprechungen
    Besprechungen  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.