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von Katharina Kellmann

Prof. Bernd Lucke versucht, an der Hamburger Universität wieder seinen Pflichten als Professor der Volkswirtschaftslehre nachzukommen. Dies scheint ein Problem zu sein, vor allem ein Problem für Menschen, die die politischen Standpunkte Luckes ablehnen.

Dies ist ihr gutes Recht. Nicht selten hat Lucke mit provokanten Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht. Aber eine Hochschule ist ein Ort, an dem die Auseinandersetzung mit Argumenten geführt werden soll. Vorlesungen zu stören gehört in meinen Augen nicht dazu. Auch dass entweder die Polizei oder private Sicherheitsdienste dafür sorgen müssen, dass der akademische Lehrbetrieb ungestört abläuft, lässt Zweifel aufkommen, ob wir noch in einer liberalen Demokratie leben.

Nun ist Prof. Lucke nicht irgendwer. Er zählt als Wirtschaftswissenschaftler zur neoliberalen Schule. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit Konjunkturproblemen. Wie viele seiner Kollegen schlug er in den neunziger Jahren vor, staatliche Sozialleistungen zu kürzen, da nur so die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland überwunden werden könne.

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von Ulrich Schödlbauer

Empathielose Scham: So lautet der Terminus technicus für das routinierte Absondern von Sprechblasen nach einem terroristischen Vorfall, unverzüglich von Erschütterungsarbeitern unter die Lupe genommen und auf die Frage hin untersucht, inwieweit es sich um das Absondern von Sprechblasen handelt und was dabei als verbaler Fehltritt aufs Strengste geahndet gehört. Und siehe: Untersuchung und Ahndung fließen ineinander, als seien sie seit unvordenklichen Zeiten ein und dasselbe. Ja, es gibt Betroffene diesseits der Betroffenheitsrede: die Mordopfer, die sich nicht mehr äußern können, die ›Gemeinten‹, durch Zufall entronnen, die Angehörigen der Ermordeten, schließlich alle, die noch nachträglich in einer Wiederholungsschleife aus Erschrecken und Erleichterung um ihre Liebsten bangen oder nüchtern den gestiegenen Gefahrenpegel für die eigene soziale Gruppe ins Auge fassen. Mehr oder weniger passiv, mehr oder weniger hilflos sind alle der rituellen Bekundungsmaschine ausgesetzt – es sei denn, einem von ihnen platzt unversehens der Kragen und er erfährt, wie schnell er selbst Teil dieser Maschine wird. Die Angst eines Landes ist unvergleichbar der Angst eines Einzelnen: ›Schiss‹, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, mischt sich darin mit der bangen Erwartung, als Gesellschaft am Beginn einer ›neuen‹ Gewaltserie zu stehen, die alle noch teuer zu stehen kommen wird.

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… neulich im Einstein

war ein Freund bewegt vom, wie er es nannte, heiligen Kind (›L’enfant sacré‹); es sei die wiedererstandene Jungfrau von Orleans … nur mit nicht so feurigem Ausgang. Aber da war mein Widerspruch prompt, denn: zunächst werde nicht ihr heutzutage eingeheizt, sondern uns Zuschauern von ihr. Und zum anderen rückt sie doch in der Heroen(Heroinen)skala, wenn man schon bei der französischen bleiben will, ziemlich weit nach vorn. Zu ihrer Gestalt finden sich Parallelen beim ›Unbestechlichen‹ (in Paris 1793), der – zuerst – den Schrecken »als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes« deklarierte (Wikipedia, Art. ›Terrorherrschaft‹). Und ›Schrecken‹ (›La Terreur‹) ist seither ein nachhaltiger Begriff der politischen Sprache geworden (das ist etwas anderes als das Kindermärchen von ›Einem der auszog das Fürchten zu lernen‹). Wer ›Schrecken‹ als solch zentrale Botschaft vor politischen Gremien verkündet – wie eben ›das heilige Kind‹ –, muss diesbezüglich politisch als eine Robespierienne begriffen werden.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.