Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

... neulich – endlich wieder – im Einstein

(wie lange habe ich das Café vermisst!) kam mir die Furie des Verschwindens in Erinnerung. Die droht, wie wir seit Hegel wissen, die gute Laune aller Aktivisten verschiedenster Couleur zu vermiesen: die Eitelkeit des Selbstbewusstseins bringt uns immer wieder neu auf die Strasse, um – diesmal aber wirklich! – die allgemeine Freiheit (von natürlichen, historischen, sozialen, kulturellen, kommunikativen und aktuell-angesagten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten) anzumahnen und zu organisieren, und momentan scheint auch immer der Himmel auf die Erde herunter verpflanzt; – aber kurz danach bleibt alles immer wieder beim Alten … Dem Gewollten, der reinen Gesinnung, dem felsenfesten Glaubens fehlte (nochmals Hegel) momentan das Prinzip der Wirklichkeit. – Dem kann man nur entsprechen, wäre man in der Lage Arbeit am Begriff zu leisten. Und zwar, um (natürliche wie soziale) ›Wirklichkeit‹ als eine ›so-und-nicht-anders-entstandene‹ zu begreifen. Das ist die allgemeine Arbeit der Wissenschaft.

Nun kann man, wenn man die politische Macht dazu hat, in diesen Vorgang von außen eingreifen. Das hat ›eingreifendes Denken‹ von jeher gemacht; dazu hat vor allem die Politik, die sich als eine ›erlösende‹ verstanden hat, die Wissenschaft immer zu instrumentieren gewusst. Der dadurch intendierte neue, absichtsvolle Zugriff auf Wirklichkeit war jedoch immer mit Wirklichkeitsverfehlung verbunden. Wirklichkeit ›entwirklichte‹ beziehungsweise trivialisierte sich in Virtualitäten (der jeweiligen Absichten). Die historischen Fallbeispiele kann man aus der kommunistischen wie nationalsozialistischen Politikpraxis aufrufen – Trofim Lyssenkos Biologie der ›Erziehung der Hirse‹ (die den Begriff ›Gen‹ tabuisierte) oder die ›Deutsche Physik‹ Philipp Lenards (der die Relativitätstheorie als ›jüdisch‹ stigmatisierte).

Ein allgemeiner Mangel bei den Wahrnehmungsproblemen war die verquere Inanspruchnahme von Sprache. Sie verstanden Worte und Begriffe empirisch als konventionelle, parteiliche, politische Repräsentanten, die man, da sie menschengemachter Provenienz entspringen, wie parlamentarische Repräsentanten ab- oder hinzuwählen könnte. Mit einer politisch ›klassenmäßig‹ bzw. ›rassenmäßig‹ jeweils gesäuberten Sprache erzeuge man dann jeweils ›reine‹ neue Wirklichkeitssegmente?! Also: kein (nicht mehr ›angesagter‹) Begriff, keine Problem. ›Konstruieren‹ bzw. ›dekonstruieren‹ erfolgt nach der moralischen Mehrheitsstimmung? Wie praktisch: Wir tilgen den ›Rasse‹-Begriff, und schon ›verschwindet‹ der Rassismus? Oder positiv: Wir erfinden neue Worte für das Genus und schon vervielfachen wir unsere genetische Vielfalt (zumindest als sprachliche!). – Aber wurde hier nicht etwas grundsätzlich falsch verstanden beim Zusammenhang von Definiens und Definiendum? Denn: das was an der inflationär benutzten Metapher ›soziale Konstruktion‹ sozusagen ›wahr‹ wäre, ist, das sie zunächst nichts anderes als die gedankliche Operation der Definition ausmacht; sie hat eine logische Gestalt. Das ist zu unterscheiden von Naturgestaltungen. Diese als ›soziale‹ Konstruktionen zu verstehen, überfordert die Kompetenz des Logischen. Das wäre ein klassischer Fall von Kategorienverwechslung. Dieser Grundfehler wird in Kauf genommen, wenn Macht & Mehrheit in den begrifflichen und sprachlichen Kosmos der Wissenschaften einzudringen versuchen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.