Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

… neulich vor dem Einstein

kam mir das Diktum des Novalis in den Sinn, als ich von Protesten dagegen hörte, die Verse einer (›schwarzen‹) Poetin einer (›weißen‹) Übersetzerin zu überlassen … war das eine Weinkrämpfe auslösende, unerhörte Identitätsanmaßung? Ursprünglich jedenfalls nicht. Denn beide – die Lyrikerin Amanda Gorman und die Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld (noch jüngst mit dem International Booker Prize ausgezeichnet) – waren sich gegenseitig gewogen, beide literarisch ähnlich interessiert und sie fanden auch einen (holländischen) Verlag, der sie drucken wollte; eine überaus normale ›Büchermacherei‹.

Dass man dann das, was danach passierte, nicht mit einem aufgeklärten Gelächter marginalisieren konnte, erschüttert die gegenwärtige kulturelle Atmosphäre ›im (aufgeklärten?) Westen‹. Was macht sich da breit? Ein wieder stärker spürbares Zensur- und Verbotsbegehren durch die vernetzt-veröffentlichte Meinung? Hierbei dominieren immer mehr Gemeinschaften ethnischer, popkultureller, genderesker, religiöser oder polit-extremistischer Observanz, die je speziell empirische Besonderheiten vor das Forum der Polis bringen. Das sollen sie auch dürfen! Als zunächst eine Meinung unter anderen. Aber der neue gemeinschaftliche, sozusagen ›programmatische‹ Imperativ – alles-musst-du-›woke‹politisch-sehen – ist geeignet, Integrativität und Zusammenhalt des Allgemeinen in Sprache und Gesellschaft zu erschüttern. Das geht einher mit – wahlweise – Tribunalisierung der Anderen und Viktimisierung des Eigenen. Damit aber wäre die Meinungs- und Gedankenfreiheit – dass nämlich in einem freien Staate jeder denken dürfe was er will und sagen dürfe was er denkt – eingeschränkt auf das je Woke-gefällige … Das schließt auch die ›Woke‹-Abwehr allgemeiner Darstellung und Gestaltbildung Aller durch Alle ein. Damit aber wären die Grenzen der – identitären – Gemeinschaften dann die Grenzen ihrer Welt.

Was ginge dabei verloren? Etwas, was viele gering schätzen (gar verhöhnen) – das Allgemeine, das Allgemein-Menschliche. Wenn der Mensch nicht mehr zählt, weil er nicht mehr gesehen wird, dann werden an seiner Stelle empirische Modalitäten als Ersatz suggeriert und der universalistische Titel ‚Mensch‘ verschwindet im Gestaltlosen eines unbestimmt und undefiniert Unsagbaren, bloß Empirischen. Eine gesprächspraktische Auswirkung dieses Verlustes ist die Dominanz des Meinens (aktivistischer Massen) gegenüber dem Erkennen (in den Wissenschaften). Kultur würde zum Meinungskampf; wer seine Meinung am stärksten und majorativ artikulieren kann, gewinnt. Also gerade das Gegenteil von Meinungsfreiheit.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.