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von Frank Piegeler

 Ein einzelnes Gedicht kann eine Geste sein, vom Appell bis zur Sezierung der Wirklichkeit – eine Zusammenführung, ein Zyklus von Gedichten zeigt solche Gesten gleichsam am lebendigen Leib, klärt im Gang der Lektüre über das lyrisch-medizinische Werkzeug ebenso auf wie über die Hand, in der es liegt und geführt wird. Die lyrische Geste schält sich heraus, nimmt Gestalt an im Wechselspiel der Töne und des Vokabulars, in ihren Konfrontationen, die – das ist die Chuzpe, die im Schreiben liegt – in ihrer üblichen sprachlichen Ausstattung angekratzt, zweifelhaft erscheinen oder sogar verschwinden können.

Das ist, wenngleich nicht ausschließlich, eine Frage der Kombinatorik, der Übersetzung eines Blicks, des Gesehenen. Diese Übersetzungen sind oszillierend, Opazität und Klarheit stellen sich erst allmählich ein, denn das Wörterbuch zu diesen Welt-Begegnungen und ihrer »Versprachlichung« (Willms) besteht aus den Gedichten selbst, in ihnen ist ein individuelles Korpus angelegt, das nicht bewiesen werden muss, sondern sich erweist, die Grammatik im Gefolge.

KORRESPONDENZEN

 draußen taumelt ein so ausgehöhltes Gesicht
entgegen, aus welchen
Jahrzehnten-Kontexten kommt es?
Noch heute die Mittel fehlen als
Für-immer-Nicht-Gewusstes
Nie-zu-Erreichendes

Ungefähr in der Mitte von »Phobos« wird hier erneut und nicht zum letzten Mal eine Irritation über ein Gesicht mit Pausen versehen, in denen ein Verstummen, blank, ein Fragen ankündigt, das in eine verstörte Antwort mündet. Das »Fehlen« besteht weiter, unaussprechbar scheint das »als«, nicht zu füllen, isoliert bleibend, einstweilen ersetzt durch die Absolutismen des »Fürimmer« und »Niemals«. Korrespondenzen erscheinen als Fabelwesen, entschieden einer Sehnsucht überantwortet, die Begegnungen kennt, will – aber auflöst:

 unaufhebbare Einsamkeiten:
ich bin ich u.
du bist du

 keine Beatmung hilft.

 Das ist bis in den Kern der Grammatik Resignation, die womöglich gesagt werden muss, trotz einer eigenartigen »Hoffnung« im Verschweigen oder Zögern vor dem »und«, einer diktatorischen Konjunktion, dem leichten Kuss. Eine Resignation, die Motiv und Leben des Phobos sein mag, eine Weise, sich ihm zu stellen. Wichtiger und dennoch wie eine Korrespondenz scheint ein anderes Beben: der »Zärtlichkeitsraum«, in dem das Du, im »Aufwachgebiet«, »[nicht] noch einmal wirklich« gesagt werden muss (»UEBER DAS VERGESSEN«).

Die Zwischenräume der Vergangenheit können nicht einfach benannt werden. Die entschiedene Erinnerung könnte die Wörter ablenken – umgekehrt: Die Erinnerung entsteht mit den Begegnungen in der Gegenwart, die Wörter müssen gefunden, aufgerufen, müssen verglichen werden mit dem Gesehenen; ein Bedürfnis, das Fragen aufwirft und die Wörter zu »ABTREIBUNGEN« macht gleich zu Beginn von »Phobos«. Das heißt auch: »der Weg ist scheinbar frei«, mit dieser Erkenntnis. Aber es gibt kein Sich-Entziehen, denn »fremd sieht mich das Tier an«. In den Wörtern bleiben die Digressionen wie erst recht die idyllischen Töne selten, vielmehr hintergründig. Der Gesang auf das »Mini-Entlein« endet in einer Art Wunderhorn-Kehrreim: »so süß, so krank, so schön –«, »SUSPEKT« ist ein Scherzo über den Gedanken an eine Geste, die sich immer wieder einstellt gegen die Wirklichkeit, wie es später heißt: »diese Geste, die im Grunde keine ist / realisierte sich wieder«.

Die »Phobos«-Gedichte befragen ein Leben:

 was das
Leben in dir noch meint, die Fragen

 werden noch einmal erhoben, schwach
so wie kaum mehr etwas herauskommt

 Es sind diese Fragen, mit einem Klang wie aus der Ferne, der allein noch herauskommen soll, in einem Leben, das genug Wörter parat hat zu Erklärungen von Verfehlungen, die stets infrage stehen. Willms verschweigt sie nicht: »Gesellschaftsprinzip«, »Kohärenzverlust«, »Interaktion«, »Globalisierung«, »Bindungsangst«, »Schemata«. Es sind Angebote zu Rettungen, die leicht aufzugreifen wären in einer Auflockerung des Lebens, das in dieser Währung spricht, vor allem: hinreichend von ihr Gebrauch machen kann. Willms streut sie ein, auch diese Wirklichkeit der Übersetzungen, dieser »Wirrwarr«, ist eine Stimme, die sich erhebt. Aber am Ende steht die Analyse dem Gefühl gegenüber, der Zweifel am Einklang, der sich aufheben möchte mit dem ersten Wort »dein«. Das ist die Spannung, die diese Notate im Gang durch die Welt durchzieht und nicht aufgelöst werden kann.

Es gibt in diesen Gedichten keine Natur-Notate, Natur wird notiert als Gegensatz zu »komplexe[n] psychische[n] Verwicklungen«, im Blick auf eine Schnee-Eule, deren Blick aus dem Käfig heraus bedrängt:

 mir schlicht nicht bekannt u. überraschte mich:
eine Schnee-Eule, die in der Sonne sitzt
gegen den Tag blinzelt, sicher stark neurotisiert
durch die jahrelange Käfig-Situation, verhinderte
Auslebung der Triebe usw., furchtbar gequält irgendwie

 u. doch anwesend wie ein Mensch

Die Sehnsucht setzt sich fort, als ob ein Mensch anwesend sei. Die Kluft darin wird immer wieder in der Verwirrung darüber, wer spricht, genannt, auch im Gedicht, »ob Opfer Rassisten seien«. Der Gestus des »sagte er, sagte ich« führt bei dieser Frage zu keiner Antwort, nur in die Leere, aus der sie entsteigt, unter dem Siegel des »Aversiven«, sie bleibt offen und man weiß nicht, wer sagt:

man muss schon tiefer gehen
als es Verhalten anzeigt

Eine Lösung scheint es nicht zu geben, immer wieder das Nennen von »sprachlichen Ungeschicklichkeiten« wie: »es tut mir leid«. Wie entkommt man diesen Wörtern? Es scheint, so Willms, kein Entkommen zu geben, nur selten, dann wenn die »Splitterfische« zerbrechen. Aber das ist unzuverlässig.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.