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von Markus C. Kerber

Szenen einer Ehe

Mit der Biografie über Gretha von Jeinsen der verehelichten Gretha Jünger (1906 – 1960) legt Ingeborg Villinger einen wichtigen Beitrag zur Erschließung des Werkes von Ernst Jünger und seiner Persönlichkeit vor.

Gewiss ist es nicht die Intention der Autorin gewesen, zu eben diesem Werk lediglich ein Mosaiksteinchen zu liefern. Es geht ihr vielmehr darum, die Eigenständigkeit der begabten Gretha von Jeinsen, die als Pianistin und Bühnenkünstlerin sowie als Briefschreiberin frühzeitig ihre Talente erkannte und manifestierte, zu würdigen. Gleichwohl gerät angesichts der Bedeutung des Jüngerschen Werkes und der Einzigartigkeit seiner Persönlichkeit auch der gute Wille, durch eine gewichtige Biografie, die Rolle der Frau an seiner Seite ins angemessene Licht zu rücken, stets zum complément der Würdigung des Jahrhundertschriftstellers.

Die fesselnde Schilderung des Lebens der Gretha von Jeinsen ist aber nicht nur für den empathischen Leser, der an diesem bewegenden Schicksal Anteil nimmt, von Interesse, sondern liefert wichtige Informationen über fast ein halbes Jahrhundert deutscher Kulturgeschichte.

Gretha von Jeinsein, einer landadeligen Familie mit großem Nationalstolz entstammend, lernte im zarten Alter von 16 Jahren den 11 Jahre älteren Offizier Ernst Jünger kennen, der ihr mit Uniform, Säbel und natürlich dem Pour le Mérite dekoriert begegnete.

Es ist aus heutiger Sicht interessant zu sehen, wie der Auftritt eines ritterlichen Kriegers auf eine mädchenhafte Figur wirkte. Die Anziehung jedenfalls war gegenseitig und so kam es zu einer lebenslang währenden, wenn auch letztendlich unglücklichen Verbindung, aus der 1926 ein erster Sohn mit Namen Ernst – genannt Ernstl – hervorging. Bis dahin hatte Gretha Jünger bereits ihre Ambitionen als Schauspielerin auf unterschiedlichen Kabarettbühnen ad acta gelegt. Sie fanden immer weniger den Beifall des Mannes, dem sie sich nun ganz unterordnete und den sie sogar als ›mein Gebieter‹ bezeichnete.

Ebenso interessant ist die Bereitschaft einer so begabten jungen Frau, sich völlig dem Lebensplan ihres in Fragen des alltäglichen Lebens wenig begabten Gatten unterzuordnen, und darauf zu verzichten, eine eigene, nicht nur künstlerische, sondern auch materielle Existenz fortzuführen, die erfolgversprechend begonnen hatte.

Gretha Jünger war von dem Willen beseelt, ihrem Göttergatten den Rücken frei zu halten und die vielversprechende schriftstellerische Karriere, die ihn bereits in der Weimarer Republik zu einer Berühmtheit gemacht hatte, zu unterstützen. Das nachfolgende Eheleben an unterschiedlichen Standorten, von denen die ländlichen, Gretha Jünger besonders behagten, wird abgesehen von der sich um den Sohn Alexander erweiternden Familie nicht von ehelicher Harmonie und gegenseitiger Zuwendung geprägt. Dennoch führen die Jüngers ein Gesellschaftsleben mit einem großen bürgerlich-nationalen Bekanntenkreis.

Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges, den Gretha Jünger aus einer nationalen Gesinnung als Revanche für die Schmach des Versailler Friedensdiktats prinzipiell bejaht, ändert sich die familiäre Situation radikal. Nach der Niederwerfung Polens tritt die Wehrmacht zum Feldzug im Westen an. Mit dabei als Kompanieführer ist der mittlerweile 45jährige Ernst Jünger, der von nun an nur noch in unregelmäßigen Abständen in Kirchhorst – in der Nähe von Hannover – am Familiensitz erscheint. Jünger wird schnell von Oberst Dr. Speidel, dem Chef des Stabes der Wehrmacht in Paris, in seinen Mitarbeiterkreis geholt und führt von nun an in der Seine-Metropole ein mondänes Okkupantendasein, das ihn mit unzähligen Persönlichkeiten des französischen Geisteslebens zusammenbringt. Wie aus Jüngers Pariser Tagebüchern unschwer hervorgeht, handelt es sich bei diesen Bekanntschaften nicht nur um Persönlichkeiten wie Picasso, sondern auch Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes, auf die der Träger des Pour le Mérite eine besondere Ausstrahlung ausgeübt haben muss.

Hiermit beginnt die von Ingeborg Villinger im Einzelnen beschriebene Leidenszeit für Gretha Jünger. Zurückgelassen in Kirchhorst wendet sich in der Korrespondenz mit ihrem Freundeskreis und in Mahnbriefen an ihren fortgesetzt untreuen Ehegatten. Doch der zur Selbststilisierung und Egomanie neigende Jünger, für den Paris eine zweite Heimat und seine Liebhaberin ein emotionaler Hafen geworden ist, leugnet, streitet ab beziehungsweise verspricht Besserung. Natürlich tritt diese nicht ein. Sie tritt auch nicht ein, als Jünger sich mit dem Ende der Deutschen Besatzung im August 1944 zum ›Dienstantritt‹ als Ehemann im Haushalt der Perpetua, wie er Gretha nennt, zurückmeldet. Die beiden sind von völlig unterschiedlicher Emotionalität: auf der einen Seite der elitär gesinnte, auf Ritterlichkeit pochende hochdekorierte Krieger, der sich als Bestandteil einer überzeitlichen, gewiss nicht demokratisch legitimierten Elite ansieht, auf der anderen die warmherzige Mutter und geduldige, hochtalentierte Ehefrau, die mit allen Kräften versucht, den Laden in diesen schwierigen Zeiten zusammenzuhalten.

Am 11.01.1945 trifft eine schreckliche Nachricht bei der Familie ein: Bereits am 29.11. des Vorjahres war der älteste Sohn – Ernstl – in Carrara einem Kopfschuss erlegen. Jünger notiert in seinem Tagebuch am Folgetag (Kirchhorst 13.11.1945):

»Der gute Junge, von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nach zu tun. Nun hatte er es gleich beim ersten Mal besser gemacht, ging unendlich über ihn hinaus.«

Während Ernst Jünger um seinen Sohn trauert, indem er den Verlust des Stammhalters beklagt, der dem Vater gleichgesinnt sein muss, findet Gretha Jünger ganz andere Worte für ihren tiefen Schmerz:

»Diese Tage haben uns alt werden lassen; Der Schmerz gleicht den Wellen, die kommen und gehen. Ich taumle von der einen zur anderen, und lasse mich tragen davon. Nichts ist zu ändern. Nichts mehr zu hoffen. Er fiel durch Kopfschuss, man hat ihn einige Stunden später in einem Panzerwagen holen lassen, man hat ihn beerdigt, es ist aus und vorbei. Man meint, die Welt müsse stillstehen – ach, lieber Freund, dieser Kelch muss bis zur Neige geleert werden, und ich habe fast keine Tränen mehr. Noch sehe ich ihn vor mir, halte ihn in den Armen, als der Abschied kam, und der nachbarliche Wagen am Tore vor der Scheune hielt; alle Bilder seiner Kindheit ziehen an mir vorbei, die Goslarer Tage, an denen er schon vom Ruhm und den Lorbeeren des Krieges träumte, wir sind wie betäubt.«

Die folgende Schilderung der Nachkriegszeit innerhalb der Familie Jünger lässt neben den unsäglichen privaten Problemen und Sorgen um das materielle Überleben die Orientierungslosigkeit jener Schichten deutlich werden, die zwar hitlerfeindlich waren, aber doch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 auf eine nationale Revanche gehofft hatten. Der Freundeskreis der Jüngers, zu denen auch Carl Schmitt gehörte, stellt sich den Fragen der Verantwortung auf unterschiedliche Art und Weise. (Siehe: Helmuth Kiesel, Ernst Jünger, Carl Schmitt Briefwechsel, Stuttgart 2012) Hier wird biografisch jene Fragestellung besichtigt, die von Daniel Morat (Von der Tat zur Gelassenheit, Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920 – 1960) geistesgeschichtlich behandelt worden ist.

Die Jahre, die folgen, sind gekennzeichnet durch ständige Ortswechsel, anhaltende Ehestreitigkeiten und einem verzweifelten Versuch der treuen Ehefrau, sich von ihrem treulosen ›Gebieter‹ loszusagen. Er endet mit einer kurzzeitigen Versöhnung, ehe Ernst Jünger weiter auf Tauchstation geht.

Es ist verdienstvoll, dass der Verlag, der das gesamte Werk Jüngers herausgebracht hat, mit dieser überfälligen Biografie Gretha Jüngers auch neue Einblicke in die Biografie ihres Großautors gewährt, der sich als edler Ritter stilisierte, im zwischenmenschlichen Bereich aber wohl eher ein Eisklumpen war. Das sagt jedoch nichts über die Größe seines Werkes, sondern nur etwas über die aufopferungsvolle Geduld, mit der seine Ehefrau diese Situation so lange ertragen hat.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.