von Gunter Weißgerber

Es war einmal ein junges Mädchen. Am liebsten hätte es wohl in der Welt von ›Tausendundeine Nacht‹ gelebt. Eine fremde, schöne Welt mit viel Glück am Wege. So wie es Märchen oft eigen ist.

Niemand, schon gar nicht ein Kind, nimmt den Inhalt eines Märchens wortwörtlich. Irgendwie klappt das mit dem Ausblenden, dem Überlesen auch sehr schlimmer Dinge in Geschichten, die uns doch so gefallen. So entstand wohl nie Mitleid mit der Hexe, die von Hänsel und Gretel verbrannt wurde. Auch glaubten wir, dass diese Hexe mit Hans und Grete Grausames vorhatte. Unsere Eltern, die es sicher besser wussten, was angeblichen Hexen an Folter angetan worden war, um den armen Geschöpfen abstruse Geständnisse zu entlocken, schützten uns vor den Wahrheiten hinter den Märchen. Niemand wollte uns die schönen Mythen zerstören. Schön sollten wir es haben.

Was die Gebrüder Grimm in ihren Kriminalromanen, gemeinhin Märchen genannt, zu Wege brachten, das war nachgerade ein Klacks im Vergleich zu den Geschichtenerzählern von ›Tausendundeiner Nacht‹. Eine exotische, bunte, dem Anschein nach harmonische Welt, deren einzelne Sätze und Beschreibungen nicht zu wörtlich genommen werden dürfen.

Ich denke, wer mehr über das Geschlechterverhältnis in der islamischen Welt, mehr über die Justizpraxis und über Strafen im Orient wissen und spröde Fachliteratur zunächst umgehen möchte, der kann sich noch einmal dieser Märchensammlung widmen. Dieses Mal aber einfach nur Wort für Wort lesen, aller romantischen Gefühle entkleidet. Das Aha-Erlebnis ist vorprogrammiert: Die islamische Welt steht seit 1400 Jahren, zwar mit westlicher Technik modernisiert, scheinbar unverrückt dort, wo sie zu Zeiten des Propheten stand – weitverbreitete Geschlechterapartheid, weitverbreitete Akzeptanz schlimmster körperlicher Strafen, weitverbreiteter Judenhass. Selbst Kinder sind Eigentum des Vaters. Alles sehr ernüchternd.

Antje Sievers ist nun so ein romantisches Mädchen gewesen, das sich mit großer Naivität und Leidenschaft ihrem Märchenbild von orientalischer Kultur nicht nur ohne jegliche Ressentiments, sondern, ganz im Gegenteil, ausgestattet mit einer ganzen Welt voller positiver Vorstellungen näherte. Wer soll ihr das verdenken? Alle Menschen sind gleich, alle wollen Frieden und Freiheit – wer so aufwächst, der transformiert das schöne Märchen 1:1 in die reale, in die schöne Welt. Die Eltern von Frau Sievers haben alles richtig gemacht, Kinder erzieht man nicht zu Missgunst und zu Geringschätzung anderer. Meine Eltern haben das mit meinem Bruder und mir auch nicht getan.

Gerade weil Antje Sievers mit viel Liebe und Vorschusslorbeeren für die orientalische Kultur ihr Leben mit dem Bauchtanz in Angriff nahm, gerade deshalb ist ihr die Schilderung des Bauchtänzerinnenlebens so gut gelungen. Ich kann das Buch nur allen Eltern empfehlen, die ihre Kinder und besonders die Mädchen weltoffen aufziehen. Weltoffenheit und Vorsicht jedoch schließen sich nicht aus, sie bedingen einander. Es soll ja gut gehen beim Aufeinandertreffen von Kulturen. Je besser man andere Menschen und ihre Kultur kennt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht zu Konflikten kommt. Wenn aber, um ein Beispiel auszuwählen, junge Frauen nicht wissen, wie sie in der orientalischen Kultur gesehen und eingeordnet werden, kann das nur in einer Katastrophe enden. Nichts spricht gegen multikulturelle Partnerschaften Okzident-Orient, wenn den Beteiligten alle Zusammenhänge und Erwartungen klar sind. Ich verstehe Antje Sievers Buch als Ratgeber für ein konfliktärmeres Miteinander von Orientalen im europäischen Okzident. Nirgendwo hebt sie den Finger und rät ab, schon gar nicht ist sie rassistisch oder islamophob. Diese Vorwürfe werden zwar kommen, doch sie treffen nicht zu. Nicht bei diesem Buch, erst recht nicht bei Antje Sievers.

Eigentlich hätte der Tanz im Orientexpress eine Begleitlektüre für die Völkereinwanderung 2015/2016 sein müssen. Frau Sievers Erkenntnisse, Informationen und Ratschläge hätten die Teddywerfer vom Münchner Hauptbahnhof schon beim Werfen im geistigen Gepäck haben müssen. So wie allen Ankömmlingen das deutsche Grundgesetz hätte ausgehändigt werden sollen – möglichst zweisprachig in Deutsch und der jeweiligen Muttersprache. Ich weiß, für das Buch wäre es zu früh gewesen. Immer sind es die Menschen, die erst klüger werden müssen.

Sievers Buch wäre 2015 ein wichtiges Handbuch in der Hybris der sogenannten ›Willkommenskultur‹ gewesen. Nur – kein Verlag hätte es ohne deutschlandweite Empörung wegen angeblichem Rassismus und genauso angeblicher Islamophobie bewerben können. Nachdenkliche Stimmen haben es noch heute schwer durchzudringen. 2015/2016 wäre das dem öffentlichen Selbstmord nachdenklicher und skeptischer Citoyens gleichgekommen.

Welche Tipps gibt uns Frau Sievers auf dem Weg zu einem Kennenlernen zwischen Deutschen und Zugewanderten auf Augenhöhe mit? Ohne das komplette Buch zu referieren, seien in der Folge einige Themenbereiche hervorgehoben.

Unsere Hausordnung

Antje Sievers unterschwellige Hauptbotschaft ist die Notwendigkeit der Anerkennung unserer »Hausordnung«. Wir haben das Grundgesetz, wir sprechen deutsch, wir bieten Schutz und Chancen. Dafür erwarten wir die Akzeptanz dieser Hausordnung. Frauen sind in jeder Hinsicht selbstständige Menschen mit absolut gleichen Rechten und Pflichten. Kein Mann ist den Frauen ›obertan‹. Die Sexualität der Frauen gehört den Frauen, nicht den Männern. Kinder sind Schutzbefohlene, eigenständige Menschen, im Sinne von sächlichem Besitz gehören sie weder Mutter noch Vater. Die Religionen sind geschützt, die Religionsausübung unterliegt dem Grundgesetz. Vom Grundgesetz abweichende religiöse Praktiken und Verfahren werden nicht geduldet. Das Verlassen von Religionsgemeinschaften ist vom Grundgesetz gedeckt. Das gehört zur Religionsfreiheit.

Europäische Frauen und orientalische Männer

Es gibt in den meisten Fällen eine Beziehung – vor der Eheschließung und danach. In den meisten Fällen wird der muslimisch sozialisierte Mann nach der Hochzeit den muslimischen Pascha herauskehren. Zieht das Paar dann in die Heimat des Mannes, wird alles viel dramatischer. Nichts gilt mehr, was im Leben davor Gültigkeit hatte. Fortan regiert das muslimische Geschlechterverständnis, welches leider auch seitens der Schwiegermütter verlangt wird. »Wenn ein muslimischer Mann heiratet und eine Familie gründet, schließt sich der Kreis, er tritt in die Fußstapfen seiner Vorfahren, und alles, was er von nun an tut, ist eine Frage des guten Rufes und seiner Ehre. Als Familienoberhaupt muss er ein guter Muslim sein. Nach und nach ändern sich seine Lebensgewohnheiten, … . Und beginnt damit, seine Ehefrau an die Kandare zu nehmen. … Deutsche Ehefrauen wissen es nicht. Was immer vor der Heirat ihre Lebensgewohnheiten gewesen sein mögen: Ab sofort gehören sie der Vergangenheit an.« (S. 50/51).

Wenn (Ehe-)Frauen sich auflehnen

Dann gilt Sure 4:34! Frauen mögen sich bitte nichts vormachen. Um diese Sure und deren Folgen kommen sie nicht herum: »Wenn ihr befürchtet, dass Frauen sich auflehnen könnten, ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie«(S.70).

Im Orient lügt man anders (S. 64)

Es ist für Orientalen inakzeptabel, unangenehme Wahrheiten offen zu sagen. Das Gesicht muss gewahrt bleiben. Deshalb wird in der Regel versucht, die Wahrheit zum eigenen Vorteil zu verändern. Was für uns wie eine Lüge wirkt, ist für Muslime die Möglichkeit, nicht unhöflich zu sein. Missverständnisse sind zuhauf vorprogrammiert.

Selbstbeherrschung als Malus

Orientalische Flüchtlinge kommen aus archaischen Gesellschaften, in denen Gewalt selbstverständlich dazu gehört. Selbstbeherrschte, kontrollierte Menschen gelten als schwach. Gewaltausübung ist ein Ausdruck von Überlegenheit. (S. 79). Antje Sievers beschreibt viele Fallen beim unerwarteten Zusammentreffen von Okzident und Orient. Wie Frauen sich Respekt verschaffen müssen und wie sie das nicht schaffen, wie männliche Selbstmordversuche Teil des Geschlechterkampfes sind, wie normal Ehen unter engen Verwandten sind, wie Zweckehen gegründet werden (Bezness), welche tödliche Missachtung Juden und Homosexuelle zu erwarten haben usw., usf.

Und sie hat noch eine ganz besondere Warnung parat: Liebe Europäerin, hüte dich vor der Schahada! Unbedingt! Wer bei einer Trauung einige Worte auf Arabisch nachsprechen soll, ohne die Bedeutung zu kennen, kann ohne es zu ahnen, im selben Augenblick zum Islam konvertiert sein. Daraus gibt es kein Entrinnen mehr. Die Worte heißen auf Deutsch: Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Vor Zeugen ausgesprochen, ist man damit lebenslänglich zum Islam konvertiert. (S. 107). Im Kapitel Da staunt der Vordere Orient, da staunt der hintere Orient… lässt Antje Sievers eine Ahnung aufkommen, was sie und viele andere insbesondere seit 2015 verloren haben: die Lebensfreude gelebter Multikultarilität. Sie kannte das, was sie unter ›Multikulti‹ in seiner schönsten Form beschreibt. Und es fehlt ihr schmerzlich.

›Schaffen wir das?‹

»Tatsache ist, wir müssen es schaffen. Integration geschieht nicht von selbst, Patentrezepte kann man nicht aus der Tasche ziehen, aber es gibt ein „Zauberwort: Respekt. Respekt sollte das oberste Gebot sein. ... Das Letzte, was wir im Hinblick auf die Probleme von Zuwanderung und Integration riskieren dürfen, ist es, diese Werte (Grundgesetz, Aufklärung, freie Gesellschaft, unsere Demokratie) zu hinterfragen. Es sollte Schluss sein mit der Toleranz für Intolerante.« (S. 130-139). Weil die Menschen so sind, wie sie sind, müssen bestimmte Erfahrungen immer erst von vielen Menschen gemacht werden. Erst dann setzt das gruppendynamische Nachdenken ganzer Gesellschaftsschichten ein. So ein Zustand ist inzwischen erreicht. Die Zuwanderungshybris weicht täglich stärker der Erkenntnis, dass wir uns in etwas hineinziehen ließen, wovon wir nicht wissen, wie wir da heil herauskommen sollen. Deutschland ist, wie die Europäische Union in Gänze, in Gefahr. Große Teile der Gesellschaft waren 2015/16 willig trunken und hatten ihren Kater noch vor sich. Antje Sievers liefert mit ihrem Tanz im Orient-Express ein gutes Handbuch für das Deutschland des Jahres 2018. Damit der Kater nicht übermächtig werde, sei das Buch wärmstens empfohlen.

Weißgerber Gunter

Gunter Weißgerber, Publizist, geboren 1955, SPD-Abgeordneter des Deutschen Bundestages 1990-2009, von 1990 bis 2005 SPD-Landesgruppenvorsitzender Sachsen in der SPD-Bundestagsfraktion, zählt zu den Gründungsmitgliedern der SPD in der DDR (SDP). Er trat als Redner bei den Leipziger Montagsdemonstrationen auf und gehörte von März bis Oktober 1990 der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an und zählte zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden.

Wikipedia-Eintrag

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