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von Daniela Gretz

Ernst Heinrich Bottenbergs siebter Gedichtband kehlungen.ent-kehlungen fügt sich nahtlos in das bisherige literarische Œuvre des emeritierten Sozialpsychologen ein, das nicht zuletzt von dessen wissenschaftlicher Vor- bzw. Verbildung entscheidend geprägt wird. Zunächst einmal wirken Bottenbergs Grenzgänge zwischen Literatur und Wissenschaft irritierend und es bleibt letztlich schwer zu entscheiden, ob es sich nun bei den vorliegenden »Text-Chimären« (so der Untertitel) um die späten spielerischen Ausgeburten einer déformation professionnelle handelt oder doch um die emphatische Wiedergeburt der Lyrik aus dem Geist der Wissenschaft.

Festzustellen bleibt, dass Bottenberg erneut einigen Aufwand betreibt, um der Lyrik unter den Bedingungen der »Epoche der Globalisierung« (so der Klappentext) neue Ausdrucksmöglichkeiten abzugewinnen, auch wenn er seine exzentrischen Wort- und Satzgebilde einstweilen ganz bescheiden mit »Texte« überschreibt. Neben der literarischen De- und Rekontextualisierung wissenschaftlicher Terminologie und Rhetorik bedient er sich dabei besonders einer betont ›experimentellen‹ (aber seit der klassischen Moderne auch längst schon wieder traditionell anmutenden) Typographie (Zweipunktabstand zwischen einzelnen Wörtern, idiosynkratische Interpunktion und Groß- und Kleinschreibung, ausschweifende Binde- und Gedankenstrichkonstruktionen), die gleichermaßen der Bedeutungsde(kon)struktion wie der Bedeutungssteigerung und der Vervielfältigung des Sinns dienen soll. In den besten Passagen des Bandes gelingt dies und Bottenberg kann (auch das ein aus der Lyrikgeschichte altbekannter Topos) der abgenutzten, konventionalisierten Sprache Assoziationsreichtum und neue Ausdruckskraft verleihen. Leider macht er jedoch von den genannten Mitteln so radikal und exzessiv Gebrauch, dass sich der angestrebte Effekt schnell verflüchtigt und letztlich die Lesbarkeit so stark beeinträchtigt wird, dass sich so etwas wie ›pures Lesevergnügen‹ nur höchst selten einstellt. Tröstlich bleibt allein, dass so das Leiden des Lesers am Text mit dem in den Texten zum Ausdruck gebrachten Leiden an der modernen Welt korrespondiert...

Auch wenn die Texte in erster Linie ihre Eigengesetzlichkeit und Hermetik emphatisch ausstellen und damit zugleich einen spontanen und intuitiven Zugang systematisch verstellen, lässt die so eingeforderte Arbeit am Text , wenn man sie denn zu leisten bereit ist, ein ganz eigenes, anspielungs- und traditionsreiches Textuniversum entdecken. Dessen (leeres) Zentrum markiert der melancholische Gestus eines (vergeblichen) literarischen Ringens um Sinngebung und Bedeutungskonstruktion in einer technisierten, mechanisierten und globalisierten Welt.

Manche von Bottenbergs ›Texten‹ verleihen dabei dem Bemühen, der modernen Welt ›dennoch‹ eine Stimme zu geben, selbstreflexiv Ausdruck, indem sie sich als die titelgebenden »kehlungen« und »ent.kehlungen« inszenieren, wie z.B. in »den SCHWEREN.MUND«: »aufwürgend verWordenes Schluchzendes / suchend die wunde / den SCHWEREN.MUND / der dinge der zeiten der orte«. Dabei illustriert der Titel des Bandes selbst bereits treffend das Bottenbergsche Verfahren, da er den technischen Begriff der Kehlung als Aushöhlung oder Einbuchtung mit der Assoziation einer (versagenden) Stimmgebung verbindet und zum poetologischen Programm macht.

Insgesamt handelt es beikehlungen.ent.kehlungen also um den Versuch einer alternativen, literarischen Vermessung der globalisierten Welt, gleichermaßen im Anschluss an und in Konkurrenz zu deren technischer und wissenschaftlicher Vermessung , die in den Texten ostentativ zur Schau gestellt und kritisiert wird. Dabei bestimmen die Texte zwar die diskurstypischen Dichotomien (Innen-Außen, Eigenes-Fremdes, Schwarz-Weiß...) und Begriffe (Zweck, Gewinn, Berechnung, Grenze...), die jedoch ständig rekombiniert und mittels zahlreicher Re-Entry-Figuren ineinander überführt und gespiegelt werden. So wird z.B. die eigene Innenwelt, die, im Kontrast zur überkommen lyrischen Innerlichkeit, stets mit neurophysiologischen Adjektiven wie limbisch, zerebral und neuronal näher bestimmt wird, regelmäßig zum Spiegel elementarer Fremdheit und Entfremdung und die Konfrontation mit dem Fremden gerinnt umgekehrt häufig zu Bildern einer eigenen inneren Entfremdung. Im Anschluss daran kommt es, neutheoretisch gesprochen, in Bottenbergs »Text-Chimären« immer wieder zu Hybridisierungen (so die wenig spektakuläre Bilanz), die allerdings, wie plakativ in »Melencolia (AD 1514): afro-americana«, im Gegensatz zur schönen neuen Theoriewelt, wenig Anlass zur enthusiastischen Feier der Globalisierung bieten.

Stattdessen dominiert den Band jener althergebrachte melancholische Gestus, der die geheimnisvollen, dunklen und bedeutungstragenden Reste und Überbleibsel einer überkommenen Welt (und Literatur) anzipiert (siginifikanterweise werden hier parallel zu Bottenbergs früheren Gedichtbänden immer wieder Naturbilder bemüht), die wie u.a. in »des Tal.Gewinns« letztlich allerdings nur mehr emphatisch eine Leerstelle markieren, die Bottenbergs »Texte« selbst weder füllen können noch wollen: »Der Schluß: nulllinie.Definiert«.

E. H. Bottenberg: kehlungen.ent.kehlungen. Text-Chimären. Regensburg (S. Roderer Verlag) 2008, 87 Seiten