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Ein Monument

von Monika Estermann

In seinem schmalen Bändchen, Die Lust am Buch von 2019 (Insel-Bücherei 1464) berichtet Michael Hagner vom Besuch in einem Tel Aviver Kellerantiquariat. Hier fand er die Selbstbiografie von Josef Popper-Lynkeus aus dem Jahr 1917, die ausweislich eines kleinen Einklebers auf dem hinteren Einbanddeckel aus den Beständen des ehemaligen Wiener Antiquariats der Brüder Suschitzky stammte. Hagner stellte sich die Frage: »Was tun mit einem solchen Buch, das ein Flüchtling war und eine verknotete Geschichte zu erzählen hat?« (S. 59-63) Der Gedanke an das Schicksal der Suchitzkys blitzt in Hagners Kontext nur kurz auf, wie ein Glassplitter, auf den die Sonne trifft. Zur Geschichte dieses Unternehmen kann man jetzt in dem Werk von Ernst Fischer: Exilbuchhandel 1933-1945 nähere Auskunft finden. Nach Fischer wurde die Firma Suschitzky 1938 von den Nazis geschlossen. Wilhelm Suschitzky, einer der beiden Inhaber, hatte sich bereits 1934 das Leben genommen, während dem Bruder Philipp und seiner Frau zunächst die Flucht nach Paris gelang, beide aber dennoch 1942 in Auschwitz ermordet wurden. (Fischer 3,2 S. 882f und Bd. 3,3, S. 514-516) Die Buchbestände der Suschitzkys wurden beschlagnahmt und in alle Winde verstreut, einige gelangten auf unbekannten Wegen offensichtlich auch nach Israel.

Fischers Bände sind im Rahmen der Geschichte des deutschen Buchhandels nach jahrzentelanger, intensiver und notwendiger Vorarbeit erschienen. Von diesem langlebigen Projekt der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels liegen vor: 3 Bände zum Kaiserreich, hrsg. von Georg Jäger, Wolfram Siemann und Dieter Langewiesche (3 Bde, 2001- 2010); zur Weimarer Republik, hrsg.von Ernst Fischer und Stefan Füssel (2 Bde, 2007- 2012) und zum Dritten Reich und Exil, hrsg.von Ernst Fischer, Reinhard Wittmann und Jan-Pieter Barbian (4 Bde, nebst 1 Suppl.bd., 2015-2021). Im Rahmen der Darstellung zum Dritten Reich ragt der dritte Teil heraus. Er stammt von Ernst Fischer als alleinigem Verfasser, ist ausschließlich dem Exil gewidmet, umfasst in zwei Teilen etwa 2000 Seiten, der dritte, das ›Supplement‹ 640 Seiten.

Fischers Bände haben zunächst keine direkte Verbindung zu den vorhergehenden Bänden, in denen das Thema ›jüdischer Buchhandel‹ nur marginal, innerhalb der konfessionellen Unternehmen vorkam. Angesichts des radikalen, gesellschaftlich-moralischen Umsturzes zu Beginn des Dritten Reiches und den ungeheuren Folgen für die ›er außerhalb des Reiches erfolgreich fortsetzte. Der Standard der Buchausstattung war je nach Exinicht-arischen‹ Verleger und Buchhändler, ist der Umfang von zwei Bänden plus Supplementband durchaus angemessen. Gehörten Unternehmen wie z.B. Bertelsmann als ›Mitläufer‹ zu den gesellschaftlichen und ökonomischen Profiteuren des neuen Regimes, die auch nach dem Kriege erfolgreich weiter agieren konnten, so wird hier die andere Seite sichtbar, die Verleger, Sortimenter und Antiquare, die aufgrund der Rassegesetze ihre Heimat verlassen mussten, im Ausland aber schon wegen der Sprache ihrer Bücher und der einheimischen Konkurrenz oft schwer Fuß fassen konnten. Nur eine winzige Minderheit bildeten hierbei die berühmten Antiquare, die sich mit ihren legendären Sammlungen problemlos ein Überleben im Ausland sichern konnten.

Den schier unüberschaubaren Stoff gliedert Fischer nicht topographisch nach den Zufluchtsländern der Verfolgten, sondern aus gutem Grund nach dem Modell der vorhergehenden Bände der Geschichte des deutschen Buchhandels. So sind die Themen des ersten Teils wieder die geschichtlichen Grundlagen, die Situation der betroffenen Autoren in den einzelnen Exilländern, die Arbeit der Buchhersteller und Gestalter, das große Gebiet des Verlagsbuchhandels mit Schwerpunkten auf den belletristischen Verlagen, den juristischen, politischen und wissenschaftlichen oder den Unternehmen, die sich mit Kunst und Musik befassten. Im zweiten Teil sind es die Kinder- und Jugendbuchverlage, die Zeitungen und Zeitschriften, die literarischen Agenturen, die Formen des verbreitenden Buchhandels, die Fragen von Buchbesitz und Leihbibliotheken. Damit werden die Entwicklungslinien seit der Weimarer Zeit fortgeführt und im Exil die Veränderungen oder Brüche sichtbar. Hinzu kommt noch ein weiterer, wichtiger Teil über die Wirkungsgeschichte: die Rolle der Remigranten beim Wiederaufbau Deutschlands nach 1945. Es sollte bereits an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass Ernst Fischer nicht nur der Herausgeber, sondern auch der alleinige Verfasser dieser beiden Bände von etwa 1400 Seiten ist, vergleichbar nur mit den Bänden über das Kaiserreich, deren Verfasser auch größtenteils der Herausgeber Georg Jäger ist. Zu dem Werk Fischers gehört auch ein, mit äußerstem Understatement, ›3. Teil‹, genannter Band: »Exilbuchhandel – Supplement«, tatsächlich ein voluminöses »Biographisches Handbuch« der »Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933«, ein Nachschlagewerk von etwa 700 Seiten über alle in irgendeiner Weise vom Schicksal des Exils betroffenen Personen.

Im ersten Kapitel werden wieder die geschichtlichen Grundlagen vorgestellt, hier die politischen Bedingungen für Vertreibung, Exil und ›Entjudung‹ des Kulturlebens nach der ›Machtergreifung‹ des NS-Regimes. Der Prozess der Exilierung der Autoren und die Beschränkung der Lieferung der nun im Ausland gedruckten Bücher ins Reich vollzog sich nach 1933 bekanntlich in raschen Schritten. Selbst Thomas Manns Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, 1937 in Amsterdam bei Querido erschienen, konnte das deutsche Lesepublikum nur noch mit Einschränkungen erreichen. Großen Raum gibt Fischer dem Kapitel über die Autoren in ihrer oft prekären Situation. So waren z.B. die Lebensumstände der Emigranten oft nicht sicher, so im Fall des politischen Verlegers Willi Münzenberg, der bereits 1935 in der Dokumentation Das braune Netz das Ausmaß der NS-Bespitzelung offenlegte – zugleich aber selbst von Nazi- und Sowjetspitzeln observiert wurde. (S. 75)

Das Exil betraf mehr als 2200 Schriftsteller und Publizisten, eine Zahl, die gemessen an der Gesamtemigration von mehr als 500 000 Personen zunächst gering erscheinen mag, die aber »unter Berücksichtigung ihrer Sprecherfunktion« als eine ihrer »Kerngruppen« anzusehen ist. Ein markantes Fanal war bereits die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 gewesen, denn sie ließ am wahren Charakter des Systems keinen Zweifel. So ist es, wie Fischer feststellt, nicht verwunderlich, dass »sich der größte Teil der bedeutenderen, auch international anerkannten deutschen Autoren bereits Ende 1933 im Ausland« befand (S. 111).

Viele dieser Vorgänge sind weitgehend bekannt, deshalb verdient das Kapitel über »Buchherstellung und Buchgestaltung« besonders hervorgehoben zu werden. Die aus Deutschland Geflüchteten trafen in ihren Gastländern oft auf weniger entwickelte ästhetische Standards und Gewohnheiten in der Buchausstattung, besonders beim Gebrauchsbuch. In Deutschland gab es seit der Jahrhundertwende, seit der ›Buchkunstbewegung‹, einen, wie es Fischer formuliert, »gewaltigen innovatorischen Schwung, der die Entwicklung in allen Bereichen der buchgestalterischen Arbeit kennzeichnete.« (S. 203) Durch die Vertreibung der ›undeutschen‹ Typographen und Buchgestalter wie Jan Tschichold, John Heartfield oder Georg Salter u.a.– etwa zweihundert Personen – entstand »ein fast vollständiger Bruch« in der deutschen Entwicklung, die sich nun aber außerhalb des Reiches erfolgreich fortsetzte. Der Standard der Buchausstattung war je nach Exilland und wirtschaftlichen Gegebenheiten sehr unterschiedlich, von der Vervielfältigung mit Wachsmatrizen, wie z.B. bei Heinz Politzers Gedichtband von 1941 in Jerusalem bis hin zu kommunistischen Großdruckereien in Paris, die auch auf deutschen Satz eingerichtet waren (S. 211). Für die Buchgestalter öffneten sich neue Felder, so z. B. für Paul L. Urban, der am Bauhaus tätig gewesen war, für Münzenberg und Kiepenheuer gearbeitet hatte, dann aber ins Exil nach Holland zu Querido ging. Nach einem Zerwürfnis mit Allert de Lange zog es ihn in die Schweiz und nach Umwegen in die Sowjetunion, »wo sich seine Spur in den stalinistischen Säuberungen verlor.« (S. 217)

Ein wichtiges Ausstattungselement des Gebrauchsbuchs, das in den zwanziger Jahren bereits erhöhte Aufmerksamkeit erhalten hatte, war der Schutzumschlag, der typographisch, bild- oder fotografisch gestaltet sein konnte. Zu dessen bedeutenden Gestaltern zählte u.a. John Heartfield (Helmut Herzfeld), der nach anfänglich genialen Arbeiten in den USA nicht wirklich Fuß fassen konnte und zu einem tragischen Beispiel für die »Selbstzerstörung des politischen Exils«( S. 225) wurde. Ein Gegenbeispiel stellt Georg Salter dar, der bereits 1934 nach New York kam und die Chancen des amerikanischen Buchmarktes nutzte, indem er z.B. beim Buchumschlag »Gestaltungsaufgabe und kommerzielle Funktion« zusammensah. 1937 übernahm er für den Verlag Alfred A. Knopf die (erfolgreiche) Gesamtausstattung zu Kafkas Prozess, ein Versuch, »Spezifika und Traditionen der deutschen und europäischen Buchgestaltung« zur Geltung zu bringen. (S. 231)

Auch die großen Typographen wurden ins Exil gedrängt, so Jan Tschichold, Meisterschüler Walter Tiemanns, der in die Schweiz ging, während die Bauhaus-Typographen sich meist den USA zuwandten. Viele Illustratoren gingen ebenfalls in die USA, so Fritz Eichenberg, der bereits im Herbst 1933 übersiedelte und mit seinen Holzstichen zu einem »der meistbeachteten Graphiker und Buchkünstler in den USA überhaupt« wurde, neben Fritz Kredel und Hugo Steiner-Prag. Anders verhielt es sich mit George Grosz, der wie Heartfield scheiterte, zum Opfer seiner »allzu weit gehenden künstlerischen Anpassungsbereitschaft« wurde und im Exil seine bissige Schärfe einbüßte. (S. 258f) Erwähnt sei auch, dass es sogar im Exil, trotz aller Schwierigkeiten, Formen von ›Bücherluxus‹ gab, so etwa in den Niederlanden zur Zeit der deutschen Besatzung. Fischer deutet sie als »symbolische Formen ästhetischen Widerstands«. (S. 263)

Zu den innovativen Buchkonzepten des Exil gehörte aber vor allem das moderne Taschenbuch. Fischer zeichnet detailliert seine Genese in den USA nach, ausgehend von den traditionsreichen Leipziger Tauchnitz Editionen bis hin zu den eleganteren Albatross Editionen in den dreißiger Jahren, deren Gestaltung Hans Madersteig, dem angesehenen Drucker der Officina Bodoni, oblag (S. 273f). Die erfolgreichen Penguin Books, 1935 nach dem Vorbild von Albatross in England entstanden, traten ihren Siegeszug an und hatten nicht zuletzt »als Soldatenlektüre eine gewaltige Konjunktur«. (S. 275) Das nach 1945 entstandene deutsche Taschenbuch von Rowohlt und Fischer hatte also seine Wurzeln auch in diesem Entwicklungsstrang.

Das große Kapitel über den Verlagsbuchhandel nimmt mehr als die Hälfte des ersten Bandes ein. Es gelingt Fischer eine Typologie des Begriffs ›Exilverlage‹ und dessen wissenschaftlicher Genese herauszuarbeiten mit einer Übersicht über die verschiedenen Unternehmen in den einzelnen Exilländern. Ein Problem bei der Recherche war z.B. die Feststellung der Auflagenhöhen, die sich bei Bestsellern wie Franz Werfels Das Lied der Bernadette (Bermann-Fischer) oder Anna Seghers Das siebte Kreuz (El Libro Libre, Mexiko), beide 1942, noch am einfachsten feststellen ließen. (S. 296 f.) Der Autor stellt in diesem, an die zweihundert Seiten umfassenden Kapitel, alle mit Belletristik befassten Exilverlage vor. Diesem großen Komplex folgen, wie in den vorhergehenden Bänden der »Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert«, die politischen, wissenschaftlichen, Kunst- und Musikverlage, hier noch dazu die auf Judaica spezialisierten Unternehmen. Hinter der eher nüchternen Darstellung der einzelnen, meist erfolgreichen Unternehmen verbergen sich aber auch tragische Schicksale, wie nicht geglückte Ausreisen, der Verlust des Lagers,das Scheitern in einem fremden Land mit fremder Sprache oder der Tod durch Verrat und Bespitzelung, wie z.B. bei dem anfangs erwähnten Willi Münzenberg (S. 524 f.)

Als besonderes Beispiel für den (gescheiterten) Versuch des finanziellen Überlebens im Exil ist die heute berühmte Briefanthologie Walter Benjamins Deutsche Menschen anzusehen, die 1936 im Verlag Vita Nova in Luzern erschien. (S. 555ff). Dieser politische Verlag mit christlich-humanistischem Profil im Besitz des Redakteurs und Herausgebers Rudolf Rössler vertrat einen strikten Antinazismus und ebensolchen Antikommunismus. Rössler wurde 1944 wegen des Vorwurfs der Doppelspionage verhaftet, 1945 aber wegen seiner Verdienste für die Schweiz frei gesprochen (S. 559). Das Buch Deutsche Menschen erschien unter dem Pseudonym ›Detelf Holz‹, das Benjamin schon früher verwendet hatte, um einen Zugang zum deutschen Markt zu haben. (S. 561) Der Verkauf der ersten Auflage von 2000 Exemplaren verlief schleppend, 1937 erhielt Benjamin eine enttäuschende Abrechnung über circa 200 Exemplare. Erst sehr viel später, 1978 jedoch fand sich die Ursache, denn der größte Teil der Auflage »lag unversehrt im Keller der Stockerschen Buchhandlung in Luzern«. Es ist zu vermuten, dass Benjamins Werk nicht eben im Mittelpunkt von Rösslers Aktivitäten gestanden hatte, sondern die Publikation wie andere eher zur Tarnung seiner riskanten Spionageaktivitäten gedient hatten. (S. 562)

Mit dem Kapitel »Wissenschafts-, Fach- und Reprintverlage« behandelt Fischer einen wichtigen Schwerpunkt von Emigration und Exil, ein Thema, das auch in die Nachkriegszeit führt. Wie wichtig dieser Bereich war, lässt sich daran ablesen, dass etwa ein Drittel der deutschen Hochschullehrer auf Grund der Rassegesetze ihres Amtes enthoben und ein großer Teil, etwa 2400 bis 2500 Personen, in die Emigration gezwungen wurde, was einen »enormen Verlust an geistigem Kapital« bedeutete. (S. 575) Hinzu kamen aber auch die aus Deutschland emigrierten Wissenschaftsverlage, »bzw. die Exilanten, die in ihren Aufnahmeländer jene Publikationsplattformen und -netzwerke aufbauten«, in denen die geflohenen Wissenschaftler ein verlegerisches Asyl fanden. (S. 576) Fischer untersucht die publizistische Situation in den einzelnen Aufnahmeländern, zunächst in Europa, angefangen mit Frankreich, Dänemark, Großbritannien und besonders den Niederlanden. Es gab zwar auch Versuche, in Palästina und Südamerika Fuß zu fassen, aber am wichtigsten wurden die USA. Mit der Gründung von Academic Press in New York durch Kurt Jacoby und Walter Jolowicz (1940) setzte eine Entwicklung ein, die für die dortigen Verhältnisse einer ›Revolutionierung‹ gleichkam. Üblicherweise wurden dort die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften von entsprechenden Gesellschaften herausgegeben, nun aber führten die Neuankömmlinge das in Europa übliche System der wissenschaftlichen Verlage ein, die weiter und offener und von »von jedweden wissenschaftlichen Gruppierungen unabhängig waren«. (S. 600) Auch die Publikation von wissenschaftlicher Sekundärliteratur erhielt damit neue Impulse. Academic Press entwickelte sich weltweit zu einem der größten Verlage in dieser Sparte. (S. 601) Fischer zeichnet darüber hinaus die Entwicklung anderer naturwissenschaftlicher Verlage in den USA auf, die von Emigranten gegründet wurden, so z.B. Springer Publishing Company oder den großen Boom der Reprintverlage, wie z.B. Johnson Reprint Corporation oder Kraus Reprint, ein Unternehmen, das der ursprünglich auf Handschriften und alte Drucke spezialisierte aus Wien stammende Antiquar H. P. Kraus ins Leben gerufen hatte. (S. 615f) Hier zeigt sich deutlich welche positive Rolle die Emigranten für die USA spielen konnten: Aus den Schutz und Hilfe suchenden Flüchtlingen wurden Gebende, die das Verlagswesen in ihren Zufluchtsländern stark entwickelten und ausbauten.

Auch die Kunstbuch- und Musikverlage wie Phaidon oder C.F. Peters/Hinrichsen wurden ins Exil gedrängt, der letztere nach Großbritannien, das sich zunehmend zu einem »Asyl für Musikverleger entwickelte«. (S. 653) An diesen wie anderen Beispielen wird deutlich, welch intellektuellen und künstlerischen Aderlass die Vertreibung dieser Verlage bedeutete. Mit dem Weggang aus Deutschland transferierten die Verlage ihr ganzes berufliches und fachliches Können in die aufnehmenden Länder, ebenso die Backlist und natürlich die Aufführungs- oder Publikationsrechte. Dieser Verlust an geistigem Kapital und an innovativen Kräften war nach dem Kriege nicht mehr aufzuholen.

Das betraf auch die Arbeit der Kinder- und Jugendbuchverlage, von denen sich die meisten in Großbritannien, den USA und der Schweiz ansiedelten. Etliche belletristische Verlage pflegten diesen Zweig ebenfalls, so der Malik-Verlag von Wieland Herzfelde, der 1936 z.B. Alex Weddings (d.i. Grete Weiskopf) Das Eismeer ruft publizierte. Auch die Schweizer Verlage erwiesen sich offen für diese Sparte, z.B. Artemis in Zürich oder A. Müller in Rüschlikon-Zürich, wo Felix Salten nach seinem Erfolg von Bambi (1923) mit Bambis Kinder. Eine Familie im Walde (1940) oder Renni der Retter. Das Leben eines Kriegshundes (1941) wieder anknüpfen konnte. (S. 697) Deutsche Kinderbücher erschienen nun auch bei Allert de Lange oder Querido in Amsterdam, in England wurde Walter Trier, Erich Kästners berühmter Illustrator, selbst zum Kinderbuchautor. (S.702) In New York z.B. brachten Kurt Wolffs Pantheon Books 1944 eine eindrucksvoll von Josef Scharl illustrierte Ausgabe von Grimms fairy tales heraus, der andere deutsche Titel in Übersetzung folgten. Als besonders erfolgreiche Illustratoren erwiesen sich in den USA die bereits erwähnten Fritz Kredel und der Holzstichkünstler Fritz Eichenberg. Angesichts der günstigen Situation, die die deutschen Buchgestalter vorfanden und der Karierechancen zeigten »sich die USA als goldener Boden für Kinder- und Jugendbuchillustrationen« (S. 712)

Die etwa vierhundert Zeitschriften und Zeitungen des Exils sind schon länger Gegenstand wissenschaftlicher Forschung gewesen. Fischer beschränkt sich deshalb auf die Darstellung wichtiger Blätter wie das Pariser Tageblatt und die Pariser Tageszeitung, einem der »besterforschten Bereiche des deutschsprachigen Exils« (S. 725) Bei einer Zahl von etwa 40 000 Emigranten in Paris erreichte die Auflage von etwa 5600 Exemplaren einen großen Kreis, aber »die aufmerksamsten Leser ,[waren] wohl in der französischen Polizei, den Spionagediensten und in der deutschen Botschaft in Paris zu finden.« (S. 731) Die meisten der hier besprochenen Bücher kamen bei Querido heraus, während die Titel aus kommunistischen Verlagen boykottiert wurden. Kulturell-literarischen Zeitschriften wie Die Sammlung Klaus Manns standen neben politischen Organen wie Die Zukunft oder wissenschaftlichen Zeitschriften wie die von Max Horckheimer herausgegebene Zeitschrift für Sozialforschung. Besonders wichtig wurden die literarischen Agenten als Schlüsselfiguren für die Buchmärkte des Exils. Fischer rückt hier eine Berufsgruppe ins Licht, die obwohl äußerst wichtig, meist übersehen wird. Er führt dieses Thema auch für die Zeit nach 1945 fort, als ehemalige Emigranten, wie Heinz und Ruth Liepmann sich in Europa als Literaturagenten betätigten.

Der ›Verbreitende Buchhandel‹, dieses perfekt organisierte Vertriebssystem über den Knotenpunkt Leipzig, womit alle Regionen, die europäischen Länder und auch die in Übersee rasch und effizient mit Büchern beliefert werden konnten, stand dem Exilbuchhandel nicht mehr zur Verfügung. Zwar versuchten Allert de Lange, Fritz Landshoff und Bermann Fischer 1938 eine gemeinsame und auch erfolgreiche Zusammenarbeit im Vertrieb, sie wurde aber mit Kriegsbeginn eingestellt. Beim Übergang in die USA mussten sich die deutschen Verleger wie Bermann Fischer erst mit den Besonderheiten des dortigen Buchmarkts vertraut machen, zumal auch hier die negativen Folgen des Ersten Weltkriegs in der öffentlichen Meinung noch deutlich spürbar waren. (S. 845)

Konnten die Exilverlage noch einige Aufmerksamkeit mit ihrer publizierten Literatur auf sich ziehen, so sah es mit dem Sortimentsbuchhandel anders aus. In Paris waren anfangs z.B. die deutschen Buchhandlungen noch in ziemlicher Dichte vorhanden, wie z.B. Au Pont de l'europe, aber diese jüdischen Unternehmen wurden mit Kriegsbeginn enteignet. (S. 872) Fischer zeichnet detailliert, aber mit der nötigen Distanz, die Einzelschicksale nach, etwa das der nach Großbritannien Geflüchteten, wie die anfangs erwähnten Suschitzkys. Diese Kette von Einzelschicksalen in den besetzten Ländern, ob in den Niederlanden oder den USA ergibt ein dichtes Bild der menschlichen Situation der Exilierten, seien es z.B. Schoenhof's in Cambridge, Mass. (S. 899) oder kleinere Firmen in Brasilien oder Chile. Sie alle litten unter den gleichen Probleme wie Fremdheit, Missgunst und Denunziation. Viele Firmen konnten nach 1945 ihre Tätigkeit fortsetzen, so auch in Israel, wo es aber bald zu Überfüllung kam. (S. 928)

Mit dem Antiquariatsbuchhandel, der ohnehin oft international arbeitete, war es eine besondere Sache, denn dieser Zweig hatte die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg durch die »Flucht in die Sachwerte« (S. 949) gut überlebt und »für erstklassige Handelsware gesorgt«. (S. 949). Der Boom wurde aber durch die ›Machtergreifung‹ 1933 und die Annexion Österreichs im März 1938 gestört. Viele Antiquare wurden ins Exil gedrängt, meist nach Großbritannien oder die USA. Vertrieben wurde auch eine Persönlichkeit wie Martin Breslauer, der 1937 nach London ging, allerdings 1940 nach einem Luftgangriff verstarb (S.954). Fischer zeigt – wie Perlen auf einer Schnur – die Situation der großen Antiquariate auf, deren Besitzer zum Teil überleben konnten, während andere wie Albert Cohn, in Auschwitz ermordet wurden. (S. 976)

Auch in der Schweiz, Italien, Schweden und Dänemark ließen sich deutsche Antiquare nieder, aber nirgends war die »sanfte Invasion« so erfolgreich wie in den USA, da sich hier die »besten Voraussetzungen für eine Neuetablierung boten.« (S. 985) Bernard M. Rosenthal, Spross der berühmten Antiquarfamilie, war 1933 mit dreizehn Jahren in die USA gekommen. Im Rückblick zeigte sich, dass den »Antiquariatsemigranten« mehrere Faktoren geholfen hatten, ein »interessiertes Sammlerumfeld«, die Verbindung zu »anspruchsvollen Schichten«, aufnahmebereite »Rare Book Departments« an den Universitäten sowie die Kenntnis des europäischen Marktes zur Beschaffung spezieller Titel. (989) Fischer würdigt die wichtigsten Antiquare in einzelnen Kapiteln, so Emil Hirsch und Hellmuth Wallach, Walter Schatzki, Felix Kauffmann, auf dessen Vermittlung 1930 ein (letztes) Pergamentexemplar der 42zeiligen Gutenbergbibel nach Washington in die Library of Congress kam.

Nach diesem sehr langen Kapitel (an die 1000 Seiten) widmet sich der Autor den Buchgemeinschaften, die natürlich auch im Exil weiterlebten, so die Züricher Dependance der Büchergilde Gutenberg. Sie wollte einen Beitrag zur »geistigen Landesverteidigung« liefern und entwickelte sich zu einem mitgliederstarken Verband, der im Dezember 1945 102 300 Mitglieder zählte. Andere Vorhaben wie der Deutsche Buch Club in America, stießen jedoch auf wenig Resonanz. Wichtiger aber wurden die Leihbibliotheken, in Großbritannien und besonders Israel, dem »Leihbibliothek-Paradies« (S. 1079)

Mit dem Kapitel über »Buchbesitz und Lesen im Exil« kommt Fischer zur privaten Aneignung eines Buches, jenseits der buchhändlerischen und anderer Verbreitungsfragen. Er geht der interessanten Frage nach, für welche Käufer und Leser die Exilverlage eigentlich produzierten. Die Schätzung von Wieland Herzfelde, der 1937 die Zahl der Leser außerhalb des Reichs auf dreißig bis vierzig Millionen angesetzt hatte, war spätestens seit Kriegsbeginn hinfällig. In der Situation des Exils aber waren elementare Bedürfnisse vor jedem ›Bücherluxus‹ vorrangig. Viele der Geflüchteten, wie z.B. Joseph Roth oder Klaus Mann lebten in prekären Verhältnissen und konnten sich nicht mit Buchbesitz belasten. Da die Exilierten in ihrem Umfeld meist kulturell isoliert waren, bedeutete dies, dass sie letztlich auch ihr eigenes Publikum bildeten. Veröffentlichungen anderer Emigranten wurden aufmerksam verfolgt, z.B. Thomas Manns Lotte in Weimar, auch über trennende ideologische Grenzen hinweg. Dieses Lesen hatte eine politische Komponente, wenn die »Leistungsbilanz« des Exils mit der »Dürftigkeit« der im Reich verbliebenen Schriftsteller verglichen wurde. (S. 1089)

Wichtig war aber auch der sozialpsychologische Aspekt, denn für Emigranten waren die Bücher und das Lesen ein Weg, die Verbindung an die Heimat und die deutsche Kultur zu aufrecht zu erhalten – hatte doch schon Heine in seinem Pariser Exil vom »portativen Heimatland« gesprochen. Lektüre war wichtig zur Bewältigung psychischer Ausnahmesituationen, in die Viele durch Flucht und Entwurzelung geraten waren. Erwähnt wird der spätere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, der nach längerer Haft nur ein Buch mit ins schwedische Exil nahm, Musils Mann ohne Eigenschaften. (S. 1089) Elias Canetti dagegen fand Halt an Goethe: »Es ist nicht ein Werk, es ist die Stimmung und Sorgfalt eines erfüllten Daseins, das mich plötzlich überwältigt hat … Aber er gibt mir mein Recht: Tu, was Du mußt, sagt er, auch wenn es nichts Tobendes ist, atme, betrachte, überdenke.« (S. 1089/90) (Hier zeigt sich eine Parallele zur unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland, als man aus ganz anderen Gründen, nämlich der Verdrängung und Entlastung, wieder Halt durch die Goethe-Lektüre suchte.)

Die blühende Buchkultur, die bibliophilen Gesellschaften, von denen sich nach 1900 insgesamt siebenundzwanzig mit zahlreichen jüdischen Mitgliedern gebildet hatten, wurde im Dritten Reich völlig zerstört. Fälle wie der des oft als ›König der Büchersammler‹ bezeichneten Hans Fürstenberg, der die Gefahren nicht erkennen wollte, blieben die Ausnahme: Er flüchtete 1938 über Prag nach Paris, konnte nach Zahlung der »ungeheuren Reichsfluchtsteuer« seine Bibliothek mit 16 000 Bänden, darunter 5000 Rara, retten. Der Inhalt der Bibliothek mit kostbaren Erstausgaben, Holzschnittbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts, illustrierten Büchern des 18. Jahrhunderts blieben weitgehend erhalten, sodass er 1945 seine Sammlungen weiter bauen konnte. Die Entscheidung Stefan Zweigs dagegen, der 1935/36 bereits seine Autographensammlung verkaufte, zeugt von großer Weitsicht, denn er schrieb: »Als die Zeit Hitlers einsetzte und ich mein Haus verließ, war die Freude an meinem Sammeln dahin und auch die Sicherheit, irgend etwas bleibend zu erhalten.« (S. 1103)

Neben dem Schicksal der Emigranten und ihren Büchern wird auch ein seltener Fall von »Bibliotheken mit Exilkarriere« gezeigt: Die Bibliothek des bereits 1929 verstorbenen Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, deren circa 60 000 Bände und 25 000 Fotografien sowie seine bewegliche Habe und seine Mitarbeiter 1933 von Hamburg aus kurz vor Weihnachten auf zwei kleinen Dampfern nach London verschifft wurden und dort den Grundstock für das einflussreiche ›Warburg Institute‹ bildeten. Auch die Sammlung von Salman Schocken überlebte das Dritte Reich ebenso wie die ›Wiener Library.‹ (S. 1111)

Fischer schließt seinen Band mit einem besonderen Kapitel über verlegerische und buchhändlerische Remigration. Die Bereitschaft zur Rückkehr war in dieser Berufsgruppe erstaunlich niedrig, am ehesten noch bei den Verlegern, wie im Westen Gottfried und Brigitte Bermann Fischer, die sich aber später enttäuscht von Deutschland abwandten. Viele Emigranten lieferten als ›Kulturoffziere‹ Berichte über die Situation in den Besatzungszonen, so z.B. Zuckmayer. Auch kommt Licht in die Rolle der CIA im Kalten Krieg, die Auseinandersetzungen zwischen den Rückkehrern wie Fritz Helmut Landshoff mit Kiepenheuer & Witsch oder die Rolle der Remigranten im Aufbau Verlag. Aus dieser Perspektive, dem Blick von Außen, wird auch die Nachkriegsgeschichte in den Besatzungszonen beleuchtet, etwa die des Suhrkamp Verlags, bei dem Remigranten aber »keine wahrnehmbare Rolle« gespielt haben. (S. 1151) Die Bemühungen des Ullstein-Clans zur Wiedererrichtung ihres Buch- und Presseimperium dagegen scheiterten.

Es ist das Verdienst von Fischers jahrzehntelanger, geradezu monumentaler Arbeit, dass er das Thema der Emigration und ihrer Folgen in großer Breite darstellen kann, die Emigration der ›Kulturverleger‹ und ihr Wirken auf dem amerikanischen Buchmarkt, z.B. Kurt Wolff und seine Frau Helen, andererseits, dass es später deutsche Medienkonzerne, wie Bertelsmann und Holtzbrinck waren, die amerikanische Traditionsverlage aufkauften und auf reine Markterfolge setzten. Der Einfluss durch die Emigranten wird an den Musik-, Kunst- und Sachbuchverlagen gezeigt, ebenso wie bei den Wissenschaftsverlagen. Den Schlusspunkt bilden die Wirkung des Exils im Antiquariatsbuchhandel sowie die Remigration und Internationalisierung der Frankfurter Buchmesse. Ein umfangreiches Personenregister schließt die Bände ab.

Diesen beiden Bänden von zusammen 1367 Seiten hat Fischer noch ein ›Supplement‹ beigegeben. Tatsächlich handelt es sich um ein circa 650 Seiten starkes biographisches Lexikon aller in den beiden Bänden erwähnten oder zum Umfeld oder zum Familienverband gehörenden Personen. Das bietet die Möglichkeit einer personen- und firmenbezogenen Recherche und darüber hinaus auch zur Positionierung einer Firma in ihrem Umfeld. Dieses Lexikon ist die zweite und stark erweiterte Auflage des 2011 herausgekommenen Handbuchs Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933 von 2011. War dieses bereits von der Kritik als ein ›Kompendium von unschätzbarem Wert für die Exilforschung‹ gelobt worden, so gilt dies für den überarbeiteten und ergänzten, jetzt vorliegenden Band umso mehr. Hier werden Lebensläufe sichtbar, mit Herkunft, Familien und Ausbildung, die Flucht, das Exil, die beruflichen Stationen und Verbindungen, die berufliche Tätigkeit nach dem Krieg, sei es in Europa oder im Ausland. Es werden nun die Personen und ihre Schicksale sichtbar, von denen in den beiden ersten Bänden berichtet wurde.

Die Bände sind Monumente geworden, an denen die Leistung und das Schicksal der jüdischen Verleger und Buchhändler nur zu erahnen ist. Sie sprengen an Umfang und Darstellungstiefe den Rahmen der bisherigen Bände der Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert bei weitem. In der Monumentalität, der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der hier gesammelten Schicksale erinnern sie an das Berliner Stelenfeld für die ermordeten Juden Europas.

(Ernst Fischer: Drittes Reich und Exil. Teil 3: Exilbuchhandel 1933-1945, Teil 1 u. 2 sowie Teil 3: Exilbuchhandel – Supplement. Berlin [de Gruyter] 2020-2021. Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 3: Drittes Reich und Exil)

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.