Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26908795

von Ulrich Siebgeber

1.

Schnaps ist Schnaps und Politik ist Politik. Das Wort ›Klimaskeptiker‹ ist Politik, das Wort ›Klimaleugner‹ desgleichen. Soweit ist nichts gegen sie einzuwenden. Politik muss unterhaltsam sein, sonst verläuft sich die Kundschaft. Fragt man einen Klimaskeptiker, wogegen seine Skepsis sich denn nun richte, dann antwortet er in der Regel: gegen die Annahme, der Klimawandel sei menschengemacht. Fragt man ihn, wer ihn denn dann gemacht haben soll, redet er über irgendwelche Prozesse und wird weitschweifig – überdies in einem Jargon, den kein Mensch weit und breit versteht. Hat er den Kontakt zur Frage verloren, dann wird er weich und betont, er wende sich ja gar nicht grundsätzlich gegen die These vom menschengemachten Klimawandel. Man müsse nur auf die Größenordnungen achten. Die Moderatorin, eine Menschenkennerin par excellence und eine erfahrene Gesprächsführerin überdies, weiß jetzt: Aha – und zieht das Netz zu.

So schwimmen wir alle im Netz der Menschenfischerin. Wir alle deshalb, weil dies alles keine Frage zwischen mir und dir ist, also gewissermaßen zwischen einem Ich und einem Du, sondern eine des Angekommenseins zwischen den Menschen.

Wer angekommen ist, zum Beispiel in einer öffentlich-rechtlichen Gesprächsrunde, der möchte auch angekommen sein. Er ist ja angekommen, warum also sollte er es nicht sein wollen? Die härtesten Hunde werden butterweich unter der Führung einer klugen und energischen Moderation. Andererseits bekommen Menschen verwirrende Ansichten, sobald sie in einem jener alternativen Aufnahmestudios verkabelt wurden, deren Produktionen man auf YouTube gleich nebenan findet (nicht etwa, weil irgendjemand sie ernsthaft suchen würde, sondern weil der Algorithmus spielerisch beide verbindet): echte Ansichten, über deren Dezidiertheit man im Leben nur staunt. Hier aber gehen sie ganz leicht über die Theke, als handle es sich um frisch belegte Frühstücksbrötchen beim Bäcker unten an der Ecke, der einfach früher aufsteht als andere. Auch da ist Moderation am Werk, meist eher männliche, denn dezidierte Ansichten…

Nein, wir wenden uns gar nicht grundsätzlich gegen die These vom menschengemachten Klimawandel, vornehmlich deshalb, weil es auf grundsätzliche Ignoranz schließen ließe, falls wir es täten. Der Mensch, der wirkliche Mensch ist ein kosmischer Faktor, der seine Existenz bis an die äußersten Ränder des Universums vorträgt. Er weiß es nur nicht. In der Regel, denn dieses Wir, das nur in der Regel denkt, soll heißen dort, wo alle denken, versagt in Bereichen, in denen es keinen Widerhall findet. Auf der Erde hingegen, diesem winzigen Planeten in einem winzigen Sonnensystem am Rande der Milchstraße, herrscht es unumschränkt und ist sich seiner Wirkungen beinahe sicher.

Nein, wir haben nichts dagegen, unsere Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Schon allein deshalb nicht, weil ›wir‹ keines besitzen. Unsere ›Versorger‹ kaufen es per Kontrakt, sie kaufen es auf irgendwelchen Weltmärkten ein, die morgen verrückt spielen können wie wir selbst, aber Verrücktheit ist immer die der anderen. Das ist ganz normal. Weltgegenden gibt es, da bohrt man ein Loch in die Erde, vielleicht auch zwei, und es beginnt zu strömen… – nein, ganz so einfach ist es nicht, sagen Leute, die sich damit auskennen, aber im Prinzip: ja. Beim Gas zum Beispiel, wo ähnliche Verhältnisse herrschen, ist Europa (und vor allem dieses winzige Land auf einem winzigen Planeten in einem winzigen Sonnensystem etc. – den Rest spare ich mir, wer will, kann ihn aber gern selbst einfügen) bereits zwischen die Mühlsteine der Bündnispolitik geraten, nicht etwa, weil Russen und Amerikaner uns den Gashahn zudrehen wollen, sondern weil sie, Lieferanten verhalten sich manchmal so, einander gegenseitig, bildlich gesprochen, an die Gurgel… – aber lassen wir das. Der lachende Dritte – in diesem Fall, wer sollte es anders sein, wir – kann dabei schneller zum Erstickungsfall werden, als seine Medien es wahrhaben wollen.

Der Wind weht, wo er will, wann er will und so stark, wie er will. Er kann auch drehen – das schadet den Windrädern nicht, aber es sorgt hin und wieder für Überraschungen. Dieses Jahrzehnt um Jahrzehnt um Jahrzehnt aus der Erde sprudelnde Öl – das Gas lassen wir einmal beiseite, es verdirbt bloß die Phantasie – hat die Länder, in denen es sprudelt, zwar nicht über Nacht, aber über viele Nächte so stark verändert, dass selbst ihre Bewohner sie nicht wiedererkennen würden, hätten nicht auch sie – über sehr viele Nächte – sich gründlich verändert.

Gründlichkeit ist, wie man weiß, nicht jedermanns Sache. Dem einen hilft’s, dem andern fällt es schwer, sich damit anzufreunden. Als die USA seinerzeit beschlossen, der siegreichen Sowjetunion am Hindukusch eine definitive Niederlage zu bereiten, da bedienten sie sich der Sprache des Öls, sprich des Ressentiments von Leuten, denen es definitiv nicht gefiel, was das schwarze Gold ›aus ihnen machte‹.

Dieser Widerstand gegen das, was unaufhaltsam aus den Quellen des Nichtstuns aufsteigender Reichtum mit den Menschen macht, reicht überall bis in die gepflegtesten Kreise. Er wird dort auf exzellente, wenngleich nicht völlig durchsichtige Weise gepflegt. Man muss nicht zwingend das Schreckenswort ›Terror‹ gebrauchen, um das weltweite Aufleben alter Bräuche zu konstatieren. Glücklicherweise ist es die sittigende Kraft im Menschen, die Religion, die am Ende immer siegt. Sie muss nur durch einen geeigneten Erinnerungs-Katalysator erweckt werden, um aufs Neue zu fließen und Proselyten zu produzieren.

Folge der Spur des Öls und du findest … Glauben: Das trifft nicht bloß auf den speziellen Fall des Wahhabismus zu, in dem sich schwarzes Gold und salafistischer Eifer aufs Trefflichste zu verbinden scheinen. Das Ölzeitalter hat längst gebändigt geglaubte Kräfte wieder entfesselt. Es war ein Irrtum zu glauben, der untergegangene Peak Oil markiere die Krise des Zeitalters und es gehe danach stürmisch bergab. Die wahre Schreckensvision wird von Abgefallenen des Erschöpfungsparadigmas ausgegeben, die mit Kurven und Zahlen andeuten, die Ölvorräte unter der Erde könnten sich in geeigneten Schichten regenerieren, seien also im Prinzip so gut wie unerschöpflich. Das Unerschöpfliche erschreckt die Menschen. Warum? Weil es sie mit der Wahrheit konfrontiert. Die Wahrheit ist: Jede Abhängigkeit erzeugt Sucht. Sucht aber … strebt nach Erleuchtung. Wer im Delirium nach dem Schalter tastet, will ihn auch drücken.

Deutschland, das Land der Reformation und der religiösen Weltkriege, ist das Land der Windräder. Sie bauen auf etwas auf, was kein Fahrverbot aus der Welt schafft: dem Glauben, dass im stetig Wehenden, im Sturmgebraus und im Säuseln des Nachtwinds der Geist weht, dass er weht, wann er will und dass er die Seinigen nie verlässt. Die Dunkelflaute, dieses Schreckgespenst, von Kritikern der Energiewende regelmäßig mit weißer Kreide an die Tafel gemalt, ist kein leerer Wahn. In ihr verbirgt sich das Böse, nach dem Luther auf der Wartburg einst das Tintenfass schmiss. Es muss, da ist sich die schlafende Kundschaft mit der randalierenden einig, an allen Fronten bekämpft werden, an denen Strombedarf herrscht.

2.

Der pensionierte Ökonom Hans-Werner Sinn, ein nüchterner Mensch mit einem Sinn für den schwarzen Humor der Zahlen, die sein Beruf ihm über den Bildschirm schickt, hat einmal aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammengetragen und ausgewertet, was an Zahlenmaterial zur sogenannten Energiewende kursiert (seit Helmut Kohls ›geistig-moralischer Wende‹ sind politische Wenden hierzulande als Rolle rückwärts definiert – man muss sich das stets vor Augen halten, wenn die friedliche Revolution von 1989 als ›Wende‹ deklariert wird). Das Ergebnis war niederschmetternd, jedenfalls für jemanden, der eigentlich stets davon ausging, auf der Ebene der Realia in einem gut regierten Land zu leben. Nicht alles, was eigen ist, ist deshalb schon eigentlich. Deshalb ist vieles noch nicht eigentlich so weit, wie es für oberflächliche Gemüter den Anschein haben könnte. Das gilt für den ›menschlichen Faktor‹, der in vielem seinen Reformern hinterhertrottet (was vielleicht auch beabsichtigt ist), es gilt aber auch, und da könnte es eng werden, hin und wieder für den technischen Faktor.

Wenn einem Mitmenschen, der gerade den Lichtschalter betätigt, die elektrische Zahnbürste samt Kaffeeautomaten und Toaster sowie den Eierkocher angeworfen hat und jetzt vor dem Bildschirm sitzt, glaubhaft versichert wird, nach Experten-Auffassung sei das Speicherproblem für ein auf Ökostrom basierendes System, getrieben von Sonne und Wind und deshalb in steter Gefahr, bei Dunkelflaute auf Grund zu laufen (vielleicht wäre ›ins Gras zu beißen‹ die treffendere Metapher‹), in der ›vor uns liegenden‹, also fachlich überblickbaren Zeit technisch nicht lösbar, weil die notwendigen Kapazitäten durch das, was machbar sei, um mehrere Größenordnungen unterschritten würden, und wenn dem gleichen Subjekt die Dramatik der eingeleiteten und noch ausstehenden Wende-Schritte menschlich, das heißt statistisch geschickt und, wie es immer heißt, argumentativ überzeugend näher gebracht wird, dann kann es sich zurücklehnen, Däumchen drehen und murmeln, dass alles nicht so heiß gegessen wie gekocht wird. Es kann aber auch – was eigentlich?

Beten? So weit kommen wir noch. Es kann den Propheten der Winde geben und im häuslichen Kreis über die Geburtswehen der Zukunftsgesellschaft diskutieren, während Suppenkasper über steigende Energiepreise flucht und herumerzählt, dass im Haushalt der ›Abgehängten‹ eine Straße weiter gestern der Strom abgeklemmt wurde. Oder es kann mit den bekannten Geistern höhnen: »Welch ein Unfug!« – mögliche Konsequenzen am Frühstückstisch inbegriffen.

Kennen wir alles. Käse, Quark, Gouda! Schinken? Nein danke. Aufhören, aufhören!

Reagierten die Auguren besorgt? Äußerten sich fromme Bundestagsdiätissinnen betroffen über die zynische Gedankenführung des notorisch unzuverlässigen Herrn? Warf eine kritische Studentenschaft ihm vor, brutal mit dem Leben anderer Menschen zu spielen, und verlangte seine Entfernung? Prüfte man seine Zahlen nach und ergänzte sie dort, wo neuere oder differenziertere Angaben vorlagen? Stellte man fest, seine Überlegungen seien im Großen und Ganzen schlüssig, ließen aber ein paar nachzutragende Punkte außer acht, die der Sache dann doch ein anderes Aussehen gäben? Bat ihn die größte aller Koalitionen zu einem klärenden Gespräch? Nein. Ein paar Knallköpfe, die keinen Joke auslassen, feixten zum tausendundersten Mal über ›Professor Unsinn‹, den Büttel des kapitalimperialistischen Finanzapparats, und etliche Blogger vom Zweige ›Wir lassen die Hoffnung nie sinken‹ zitierten in der gebotenen Kürze aus dem Zahlenwerk, was ihnen für ihre Zwecke brauchbar erschien. Ist ›Dunkelflaute‹ rassistisch? Die Frage steht noch im Raum. So sieht es aus, wenn 80 Millionen Menschen rund um die Uhr erwarten, dass ihnen der Strom zu Gebote steht, den sie benötigen, um morgens in ihre Klamotten zu finden. Die Energieversorgung ist so sicher, wie sie geglaubt wird.

La Délirante, Schicksalsfrau mit den bleichen Bäckchen, folgt zwar nicht der Spur des Öls, aber ihrer Intuition. Ihre Intuition sagt ihr, dass alles schön sein wird, wenn erst das Hässliche beseitigt wurde und die bösen Gesinnungen ›letztlich‹ am Pranger verendet sind. Dafür kämpft sie, man sieht es hin und wieder auf Plakaten vom letzten Wahlkampf, die an gewissen Plätzen, zerfetzt und insofern zur Kenntlichkeit entstellt, ein zähes Nachleben feiern. Niemand kennt sie, niemand weiß, in wie vielen Positionen sie sitzt – denn es handelt sich, der Leser wird es bemerkt haben, um kein Individuum, keine ›Einzelperson‹ –, aber jeder kennt eins ihrer vielen Gesichter, mindestens eins, das hat er sich gemerkt, der Niemand, und bei diesem einen überkommt ihn der Rochus. Wir haben Arbeitskräfte geordert und es kamen Menschen. Wir haben Windräder geordert und es kamen Mühlsteine. Wir haben Menschen in Gremien befördert, echte, patentierte Menschen mit einem hochwertigen Sinn für das große Ganze, und es kam – Luft. Allein die Frage, ob es heiße oder kalte Luft sei, die durchs elektrifizierte Gebläse strömt, spaltet die Nation. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist sie das Brennholz, das gespalten gehört, um den Kamin der guten Hoffnungen zu heizen, man muss rechtzeitig daran denken, solange die Sorge, dass dieser Sommer niemals enden könnte, die Zuschlagzeilen beherrscht.

Zugabe:

Vor kurzem las man, die These, dass dort, wo der Glaube an Gott schwinde, stattdessen der Glaube an alles Mögliche blühe, sei Unsinn. Das ist natürlich, hier sei es versichert, Unsinn. Das Gegenteil ist der Fall. Wer diesen Satz inhaliert, tief inhaliert, der muss früher oder später zu der Erkenntnis kommen … nun ja, heraus mit der Sprache! Also denn: Wer’s glaubt, wird selig.

Die schlimmsten Fehler entstehen bei der Durchsicht.

 

Sommerstroh, gedroschen, geschüttelt und – leicht – gerührt

Die Regenmacher

 

Abb.: Tagebau Garzweiler Foto: Absetzer in Betrieb, im Hintergrund Windräder. Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26908795

 

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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