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von Ulrich Siebgeber

Manchmal darf es auch eine Glosse sein. Das keineswegs unschuldige, allerseits »Entsetzen« auslösende WDR-Kinderliedchen von der »Oma« als »Klimasau« könnte daran erinnern, dass »Oma« und ihre Jahrgänge nicht nur die Umweltpolitik der westlichen Länder durch das ertrotzten, was heute den Kindchen als Moral-Sabberlätzchen dient, durch Umweltaktivismus, sondern auch die Klimadebatte entfachten, als deren Nutznießer medienverwöhnte Halberwachsene gegenwärtig ihre Politkarriere einfädeln. Bekanntlich war es die Generation Oma, die das vom Finanzministerium geplünderte Klimamodell entwickelte, während inzwischen ein Teil der Wissenschaft, soweit sie sich nicht mittels billiger Angstmache die Taschen füllt, differenziertere Wege geht, die wahrzunehmen die aktuelle Aktivisten-Generation offensichtlich zu bequem ist.

Das hindert Oma zwar nicht daran, in den Hühnerställen der Hypermoral SUV zu fahren und dabei gewaltige Mengen CO2 auszustoßen, offenbar aber ebensowenig, den unschuldigen Kleinen mit den hellen Stimmchen gelegentlich die Last mit den Vollzeitarbeits-Eltern abzunehmen und ihnen aus dem Märchenbuch der modernen Welt die neuesten Katastrophenmeldungen vorzutragen.

Der WDR hat sich halb für die Geschmacklosigkeit entschuldigt, halb einen draufgesetzt, indem er sie als Satire ausgab. Das Land erlaubte sich bereits die Debatte, ob Satire wirklich alles darf. Wie immer, wenn’s ernst wird, zuckten die Macher zurück. Weniger erörtert wurde bisher die Frage, ob alles Satire ist, was sich unter den Aufkleber duckt. Dabei lässt sie sich, wenigstens in diesem Fall, leicht beantworten: Satire braucht einen Gegenstand. Was wäre der Gegenstand hier? Oma? Das Klima? Die zu »Botschaftern für Klimagerechtigkeit« ausgebildeten unschuldig trällernden Kindchen? Wer erlaubt sich solche öffentlich-rechtlichen Scherze? War es am Ende gar eine Satire auf die Öffentlich-Rechtlichen und wieder hat’s keiner bemerkt? Nun, in Deutschland bleiben die übelsten Possen unbemerkt. Warum nicht auch eine Satire, in der sich die Satiriker selbst satirisieren? »Ich = Ich«, schrieb einst der Philosoph Fichte und deduzierte daraus die Welt, wenigstens die des Subjekts. Das heutige Subjekt sagt lieber »Ich bin’s nicht« und löscht jene Formel samt Liedchen, aber es hat sie intus und gelegentlich tritt sie heraus.

Kenntlichkeit ist das Gebot der Stunde. Ein weiterer Meister des Wortes setzte den offenbar satirisch sein sollenden Vers obendrauf: »Meine Tante ist ne alte Nazisau.« Nein, das verdient keinen Link. Sie sollen ja witzig sein, unsere Landsleute, und was dem einen seine Oma, das ist dem anderen, wie’s scheint, seine Tante. Allerdings soll auch da ein WDR-Mitarbeiter Pate gestanden haben, der auf Twitter das Wort von der ›#Nazisau‹ auf die Großmütter der Tweetkünstler applizierte, die sich über die – siehe oben – WDR-Satire echauffierten. Was lernt der einfache Mitmensch in diesen Tagen? Im Westen nichts Neues. Das ist zwar ein Titel des Journalisten und Romanciers Erich Maria Remarque von 1929, der noch das Grauen des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib erfahren durfte. Aber gestandenen Klimajägern des heutigen Medien-Deutschland dürfte er als soldatischer Klimasünder vermutlich nicht vor die Flinte kommen: Sei froh, dass du tot bist, Alter. Beiläufig, für Zahlenkundige: Wir bewegen uns hier bereits (mindestens) in der Opa-und-Oma-Generation der heutigen Omas-und-Opas. Doch vielleicht existiert in Aktivisten-Familien noch der eine oder andere davongekommene Stalingradkämpfer. #Pflegen statt #Pöbeln wäre dann die Devise (und heimlich nach dem Parteibuch #stöbern).

Vorschlag: die klimabeschwingte Suche nach Klima- wie Nazi-Omas (das Ur-Ur sei den Textern großzügig geschenkt) vorerst auf die eigene Familie beschränken und aus dem Ergebnis die passenden Schlüsse ziehen: Shut up.

 

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.