
von Ulrich Schödlbauer
Ich entdeckte ihn in den Weiten von Youtube auf der Suche nach einem stillen Abendvortrag über die ewig ungelösten Rätsel des Weltalls. Er stand, in korrekter Sprecher-Haltung, die gleich den Profi verriet, vor einer mit Börsennachrichten gespickten Wand und seine Stimme klang unvergleichlich: hell, körnig, zuckend im Stakkato eines Maschinengewehrs und bis in die letzte Silbe hinein beherrscht – eigentlich müsste ich sie, in neuerer Sprache, ›durchherrscht‹ nennen, um der Erscheinung gerecht zu werden, doch das steht auf einem anderen Blatt und ich habe es gerade verlegt. Er nannte sich ›Mister X‹ oder dergleichen und gehörte zur Klasse der Börsengurus, also jener Menschen, die vermögenden, aber unbedarften Menschen Fonds und Ratschläge andrehen, indem sie den nächsten Crash mit der Präzision eines Uhrwerks voraussagen, inklusive sämtlicher erwartbarer Schwarzer Schwäne und ihrer Auswirkungen auf das Weltgeschehen. Letzteres verdient hervorgehoben zu werden, weil mit dem Schwarzen Schwan das Unerwartete des Weltgeschehens gemeint ist: Der Börsenguru hat es, nicht anders als der Historische Materialist seine revolutionären Umschläge, eingetütet und für den Hausgebrauch fix und fertig parat.
von Herbert Ammon
›Die Einschläge kommen näher.‹ Mit diesem als understatement gemeinten Kalauer aus der Militärsprache setzt man sich hierzulande gerne über unliebsame Wahrnehmungen/ungute Gefühle hinweg, beispielsweise nach/über beunruhigende ärztliche Diagnosen. Zu den Glücklichen gehören diejenigen, denen das alles egal ist. Für viele – für die meisten? – reichen lockere Phrasen indes nicht mehr aus, wenn ihnen von Ferne – oder aus der Nähe – Freund Hein entgegenlächelt. Sub specie mortis geht es um Existenzielles, um die letzten Dinge, um Sinn. Die einen behelfen sich mit den Tröstungen der Philosophie, die anderen mit Religion, wieder andere mit einer Synthese aus beidem.
von Wolfgang Schütze
Die Auseinandersetzungen um die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) als Thüringer Ministerpräsident letztlich dank eines Taschenspielertricks der AfD haben nicht nur in der Politik, sondern auch in Medien zu einem Überbietungswettbewerb geführt. Mit wenigen Ausnahmen wie der Neuen Zürcher Zeitung galt: Je weiter Publikationen von Thüringen entfernt waren, umso schriller, hysterischer die Reaktionen. Von Tabu- und Kulturbruch, gar Zivilisationsbruch war die Rede. Manche sahen sogar schon die Machtübernahme durch ›Faschisten‹ im Thüringer Wald unmittelbar bevorstehen. Es schien, als wollte niemand der letzte sein in der Brandmarkung der Thüringer Verhältnisse.
In das Bashing Thüringens und Thüringer Akteure reihte sich bemerkenswerterweise auch die Thüringer Allgemeine ein, eine in Erfurt herausgegebene Regionalzeitung. Ob aus freien Stücken oder einem medialem Zentralismus folgend – analog der Einmischungs- und Durchgriffsversuche von Parteizentralen – steht dahin. Bis vor wenigen Jahren war es bei den Thüringer Zeitungen der Funke Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe) Usus, dass mindestens die Kommentare zu Land und Leuten selbst geschrieben wurden.
Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Front: ©2024 Lucius Garganelli, Serie G