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von Christoph Jünke

Gefragt nach den politischen Offensivmethoden der aufkommenden Jugendrevolte seiner Zeit, nach chinesischer Kulturrevolution und lateinamerikanischem Guerillakampf, antwortete der alte Georg Lukács Ende 1966 kritisch, dass man sich darüber im Klaren sein müsse, »dass wir heute in der Erweckung des subjektiven Faktors nicht die zwanziger Jahre erneuern und fortsetzen können, sondern dass wir auf der Grundlage eines neuen Anfangs mit allen Erfahrungen zu beginnen haben, die wir aus der bisherigen Arbeiterbewegung und aus dem Marxismus haben. Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir es mit einem Neuanfang zu tun haben, oder – wenn ich eine Analogie gebrauchen würde – dass wir jetzt nicht in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts stehen, sondern in einem bestimmten Sinn am Anfang des 19. Jahrhunderts« (Gespräche mit Georg Lukács, Reinbek bei Hamburg 1967, S.48).

Diese Sicht der Dinge scheint mir noch heute, fast 45 Jahre später und mehr denn je, bedenkenswert und der treffende Ausgangspunkt für eine erneute Zuwendung auch zur Aktualität von Georg Lukács.* Die Linke hat von vorne zu beginnen, auch wenn dieser Neubeginn natürlich keine geschichts- und theorielosetabula rasa sein kann und darf.

Im Widerspruch jedoch zu seiner in der zitierten Passage zu Tage tretenden Erkenntnis, dass die großen Wege der organisierten Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert in eine weitreichende Sackgasse geführt haben, hat Lukács selbst damals erst begonnen, die strategischen Konsequenzen seiner eigenen Aussage zu ziehen. Denn er hielt realiter auch weiterhin an einer dieser Strömungen, dem Realsozialismus, fest. Ihm war bekanntlich noch der schlechteste Sozialismus besser als der beste Kapitalismus – eine Einschätzung, an der sich die Geister des 20. Jahrhunderts zu Recht geschieden haben.

Dass jedoch Lukács' prinzipielle Loyalität zu den Grundlagen jenes einstmals real existierenden Sozialismus (an dem, wie Rudi Dutschke nie müde wurde zu sagen, alles real war, nur nicht der Sozialismus) keine ungebrochene und widerspruchsfreie gewesen ist, dass in seiner Brust durchaus zwei Seelen miteinander kämpften, das lässt sich in seinem »politischen Testament« (Rüdiger Dannemann), seiner 1968/69 verfassten, aber erst in der Mitte der 1980er Jahre posthum veröffentlichten Programmschrift Sozialismus und Demokratisierung aufzeigen. Hier findet sich die ganze Widersprüchlichkeit von Lukács' Verhältnis zum historischen und politisch-theoretischen Stalinismus in geradezu paradigmatischer Weise.

Sozialismus und Demokratisierung ist ein über weite Strecken ausgesprochen enttäuschendes Werk. Bereits Lukács' einleitende Skizze zur bürgerlichen Demokratie ist bemerkenswert einseitig und undialektisch. Von der zutreffenden Feststellung, dass sich die bürgerlich-kapitalistische Ausbeutung Ende der sechziger Jahre nur der Form nach, nicht aber dem Wesen nach verändert habe – statt dem absoluten werde vor allem der relative Mehrwert aus den Lohnarbeitenden ausgepresst – leitet er unmittelbar über zu der im realsozialistischen Propagandaton vorgetragenen Aussage, dass die zeitgenössische bürgerliche Demokratie lediglich die Demokratie »eines manipulierten, mit Hilfe von Manipulationen herrschenden Imperialismus« und »nur à la Nixon und Strauß« (Georg Lukács: Sozialismus und Demokratisierung, Frankfurt/Main 1987, S.24; Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich im folgenden Text auf diese Ausgabe), mittels der CIA, des US-amerikanischen Geheimdienstes, realisierbar sei. Dass Lukács dies ausgerechnet in einer Zeit formuliert, in der sich innerhalb dieser bürgerlichen Demokratie eine weltweite Welle des Aufbegehrens formiert hatte, die sich gerade an der Aktualisierung und Radikalisierung des klassischen, d.h. frühbürgerlich-radikaldemokratischen Denkens entzündete, verrät bereits viel von jener mangelnden dialektischen Sensibilität, die dem realsozialistischen Herangehen an die bürgerliche Demokratie eigen ist und dessen methodischer Wurzelgrund sich auch bei Lukács in einem für ihn doch recht bemerkenswerten vulgärmaterialistischen Kurzschluss von Ökonomie und Politik findet. Die in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsform vorherrschende Trennung von Ökonomie und Politik wird auch bei ihm ökonomistisch kurzgeschlossen, indem er die Politik zur gleichsam ehernen Magd bürgerlicher Ökonomie verkürzt.

Erkennbar wird dies bspw. an seinem politisch-theoretischen Kurzschluss von Citoyen und Bourgeois. Wenn Lukács darauf insistiert, dass der radikalbürgerliche Citoyen nichts anderes sei als der bürgerlich-kapitalistische Bourgeois, verkennt er die immanente Spannung in der Brust eines jeden Bürgers. So wird dem realsozialistisch Befangenen die bürgerliche Demokratie als ganze, mit all ihrer Widersprüchlichkeit und allen ihren mal mehr, mal weniger organischen Erscheinungsformen und Werten ein undifferenziertes reaktionäres Ganzes ohne jede emanzipative Errungenschaft. Doch die Demokratie mag ihrem Wesen nach noch so sehr, wie Lukács eingangs seiner Schrift betont hatte, prozesshaften Charakter tragen, sie ist immer auch (!) ein Zustand, und das heißt in demokratietheoretischer Hinsicht, ein Komplex von Institutionen und Prozesswerten. In Lukács' Ausführungen zum Thema bleibt dieser Aspekt schlicht ausgeklammert.

Bürgerliche Demokratie, da hat Lukács zweifelsohne Recht, ist eine historische Sozialform, die aufs engste verwoben ist mit dem Ausbeutungs- und Herrschaftsinteresse des kapitalistischen Bürgertums. Und doch geht sie darin nicht wirklich auf, sondern besitzt ein gleichsam überschießendes Moment, das sich nicht zuletzt gerade in jenen demokratischen Formen und Werten manifestiert, die diese Gesellschaftsform historisch gezeitigt hat und – mindestens partiell – immer wieder zu erneuern ermöglicht. Als marxistische Wesensschau durchaus treffend, fehlt es den Lukácsschen Äußerungen aber gerade an jener dialektischen Vermittlung von Wesen und Erscheinung, von Form und Inhalt, die er selbst sonst immer wieder so gerne eingeklagt hat. Seine apodiktische Behauptung, dass bürgerliche Demokratisierung nur noch à la Nixon und Strauß möglich sei, führt sich selbst ad absurdum in einer Zeit, in der sich der radikaldemokratische Aufbruch der internationalen Protestbewegung Ende der 1960er Jahre nicht nur für eine Demokratisierung à la Brandt und Genscher, sondern mehr noch und gerade in den Strömungen einer Neuen Linken für einen emanzipativen antikapitalistischen Sozialismus als offen gezeigt hat.

Wenn sich also bereits in Lukács' einführender Skizze zur bürgerlichen Demokratiegeschichte seine realsozialistische Befangenheit auch in Fragen politischer Theoriebildung aufzeigen lässt, wird diese intellektuelle Verstrickung im eigentlichen zweiten Teil der Schrift unmittelbar manifest. Sein hier entfalteter historischer Abriss des damals noch real existierenden Sozialismus unter der Fragestellung seiner möglichen Demokratisierung ist allerdings nicht mehr nur einseitig und undialektisch. Er ist mehr noch und in erschreckender Weise von historischer Unkenntnis geschlagen, von Verkürzungen und Verdrehungen durchsetzt und in politisch-theoretischer Hinsicht zutiefst problematisch.

Wir finden in diesem zweiten Teil des Buches zwar eine scharfe Kritik an der Person Stalins: Stalin habe den Marxismus vulgarisiert und das Marxsche Wertgesetz verballhornt; er habe sämtliche Demokratisierungstendenzen der sowjetrussischen Frühzeit auf bürokratische Weise radikal abgebaut und alle Politik zur reinen Herrschafts-Taktik degradiert; er sei ein reiner Taktiker gewesen, der das sozialistische Ziel aus den Augen verloren habe. Doch originell ist diese Kritik allenfalls dadurch, dass sie von Lukács stammt. Wichtiger ist hier, dass sich Lukács die aus seinem Gedankengang selbst ergebende entscheidende Frage nicht stellt: Wenn Stalin vor allem ein Taktiker gewesen ist, welche Taktik hat er dann eigentlich konkret vertreten? Jede Taktik ist qua Definition an eine Strategie, an ein Ziel gebunden, doch welches Ziel war dies bei Stalin? War es die bedingungslose Selbstherrschaft eines absolutistischen Autokraten? Ist das jedoch eine marxistische Antwort? War es nicht vielmehr die Machteroberung und Herrschaftssicherung einer sozialen Schicht oder Klasse, der dieser Selbstherrscher zur Herrschaft verhalf? Diese sich einem Marxisten mindestens aufdrängende Frage stellt Lukács aber nicht. Bei ihm gibt es die Bürokratie weder als agierende Schicht oder Kaste oder Klasse mit eigenen Interessen noch als Bezugspunkt der Selbstherrschaft Stalins. Für ihn gibt es in dieser Schrift nur Stalin und seine diversen Opponenten.

Im Zuge dieser personalisierenden Geschichtsbetrachtung kommt Lukács trotz seiner Kritik an der Person Stalins dahin, den von diesem verkörperten historischen Stalinismus nichts desto trotz geschichtsphilosophisch zu rechtfertigen. Denn, so Lukács: Stalins Sieg über seine diversen Rivalen sei der Sieg des besseren Taktikers gewesen, und insofern auch kein zufälliger, sondern ein historisch zwangsläufiger Sieg. Für Lukács gab es keine historische Alternative zum sich durchsetzenden Stalinismus. Und damit verliert auch seine konkrete Stalin-Kritik ihren Stachel, denn unabhängig von der Tatsache, dass Stalin ein dummer, machtbesessener Taktiker gewesen sei, war das von ihm begründete und repräsentierte Gesellschaftssystem für den Geschichtsphilosophen Lukács historisch gerechtfertigt – als Ausdruck des schwierigen »Sozialismus in einem Lande«… Dieses politisch-theoretische Grundaxiom des historischen Stalinismus, diese These vom Sozialismus in einem Lande, hat Lukács bis zum Schluss grundlegend akzeptiert. Deren Konsequenz ist jedoch eine faktisch weitgehende Apologie des historischen Stalinismus.

Lukács' intellektuelle Verstrickung in das Prokrustesbett der stalinistischen Ideologie ist auch methodisch aufzuzeigen. So verbleibt er, erstens, selbst in diesem Werk ganz im Rahmen jenes typisch stalinistischen Wahrnehmungs- und Forschungsverbots, das wissenschaftliche und materialistische Analysen der realen Geschichte als Voraussetzung jeder ernsthaften Diskussion einfordert, aber gleichzeitig die bereits damals beachtliche Literatur sowohl bürgerlicher wie alternativ-linker Forschungs- und Analysearbeit meint vollkommen ignorieren zu dürfen glaubt. Lukács' Sicht auf die Vergangenheit ist hier nicht wissenschaftlich, sondern politisch-normativ. Sie bleibt zudem, dies zum zweiten, vollkommen im Stalinschen Personenkult befangen. Obwohl er, in Anlehnung an den italienischen KP-Führer Togliatti, die Kritik des Stalinismus als Personenkult explizit ablehnt, bleibt auch Lukács selbst in gerade dieser personalisierenden Geschichtsbetrachtung befangen, in der die Geschichte die Geschichte weniger handelnder Personen ist. Auch bei ihm wird das weltgeschichtliche Drama ersten Ranges einzig von Joseph Stalin und dessen konkreten Widersachern bestimmt. Ausfluss dieser Befangenheit im Personenkult ist, drittens (und bereits erwähnt), die vollkommene Ausklammerung der Bürokratiefrage. Die gesellschaftswissenschaftliche Schlüsselfrage nach der realsozialistischen Bürokratie und ihrer Interpretation wird von Lukács nicht einmal aufgeworfen; eine materialistisch-soziologische Bürokratiediskussion als Frage nach den klassen- und herrschaftsförmigen Grundlagen der nachkapitalistischen Gesellschaftsform findet, so oder so, schlicht nicht statt.

Das Wahrnehmungs- und Forschungsverbot kombiniert sich mit der Befangenheit im stalinistischen Personenkult und der Ausklammerung der Bürokratiefrage, dies zum vierten, zu einer von jeder historischen Empirie und jedem wissenschaftlichen Standard gereinigten Polemik gegen alle rechten wie linken Alternativen zu Stalin und zum aufkommenden Stalinismus, die man nur als eine grobe stalinistische Karikatur bezeichnen kann. Und schließlich und endlich wird auch diese Schrift von jener realsozialistischen Diskurstaktik durchzogen, die manche die Sklavensprache genannt haben, und die Lukács selbst 1957 die äsopische Sprache nannte. Auch hier noch verklausuliert Lukács offensichtlich das, was er sagen will. Er spricht nicht offen, nimmt viele seiner Aussagen und Thesen formal gleich wieder zurück, um sie dann erneut zu vertiefen und zu verklausulieren. Er gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist und lässt ihn gleichzeitig nackt dastehen.

In sechs von insgesamt sieben Kapiteln ist Lukács' Sicht auf die Geschichte des Stalinschen Sozialismus in einem Lande zutiefst unmaterialistisch und undialektisch sowie, schlimmer noch, wissenschaftlich falsch und haltlos. In diesen Kapiteln verbleibt er auch Ende der sechziger Jahre noch so voll und ganz im herrschenden Diskurs des Stalinismus, dass man geradezu von einem schlechten Buch sprechen müsste, das sowohl intellektuell wie politisch keinen wirklich originellen oder im emanzipativen Sinne aufhebenswerten Gedanken beinhaltet, sprich: keine ernsthafte Auseinandersetzung wert wäre – wenn es denn hier enden würde.

Doch gerade in demselben Moment, sprich: auf derselben Seite, auf der Lukács den letzten Schluck aus dem Kelch intellektueller Selbsterniedrigung nimmt und sogar vor einer geschichtsphilosophischen Rechtfertigung der stalinistischen Terrorherrschaft als Mittel einer sozialistischen ursprünglichen Akkumulation nicht zurückschreckt, nachdem er also 83 Seiten lang dem Kaiser gegeben hat, was dem Kaiser ist, ändert sich plötzlich der gesamte Gedanken- und Argumentationsgang. Denn, so Lukács, was als ursprüngliche Akkumulation historisch gerechtfertigt war, müsse nun, mit deren Abschluss grundlegend verändert werden, und zwar nicht erst irgendwann in der Zukunft, sondern bereits heute und jetzt – also Ende der 1960er Jahre! Habe der Stalinschen ursprünglichen Akkumulation eine spontane Dialektik innegewohnt, das notwendige Produktionsniveau mittels Verstaatlichung der Produktionsmittel auch gleichsam gegen die Person Stalin zu akkumulieren, so könne dies fortan nicht mehr der Fall sein.

Nun gehe es darum – und zu beachten ist im Folgenden, dass die verwendeten Begriffe nicht die eines linken Feuilletonisten, sondern die eines marxistischen Philosophen sind – »etwas dem Wesen nach qualitativ Anderes« (S.90) zu schaffen, eine grundlegend neue gesellschaftliche »Seinsart« (S.109). Nun, nach der Vollendung des Reichs der Notwendigkeit, also der ursprünglichen Akkumulation, beginne gleichsam das Reich der Freiheit, also der wahre Sozialismus. Und damit müssen auch jene Momente des Sozialismus hervortreten und ihre gesellschaftlichen Rechte antreten, »die nicht mehr rein ökonomischen Charakters sind« (S.91). Von einem inneren Automatismus der verstaatlichten Ökonomie könne nun nicht mehr die Rede sein, denn das historisch Neue könne »unmöglich aus der immanent-spontanen Dialektik der ökonomischen Entwicklung entstehen« (S.93).

Was ist jedoch dieses Neue, das da seine gesellschaftlichen Rechte einzuklagen beginnt? Es ist die menschliche Emanzipation (die Lukács hier einmal mehr auf die Frage der menschlichen Arbeit verkürzt). Die Arbeit dürfe nun nicht mehr nur, wie er in Anlehnung an Marx sagt, ein Mittel zum Leben sein, die Arbeit selbst müsse zum ersten Lebensbedürfnis werden. Und dies gehe nur, wenn der Lebensalltag der Menschen grundlegend umgewälzt werde. Hierzu müsse der Subjektcharakter der werktätigen Massen zurückerobert und im materiellen wie gesellschaftlichen Alltagsleben strukturell verankert werden. Es gehe deswegen fortan um »die Selbsttätigkeit der Massen nicht bloß in den Fragen der so genannten großen Politik, sondern auch – und sogar vor allem – in der Reglung ihres eigenen Alltagslebens« (S.99).

Damit definiert Lukács den Übergang zum Sozialismus grundlegend neu, denn die entscheidende Frage bei dieser Übergangsgesellschaft sei nicht mehr die Frage nach der ökonomischen Reife, sondern »stets die: wie jene Menschen sozial entstehen, die imstande sind, die neuen Aufgaben, die durch diese Umwandlung gesellschaftlich gestellt sind, in ihrer spontanen Praxis zu produzieren« (S.109). Eine solche Lage habe es bisher in der Menschengeschichte noch nicht gegeben (ebd.), denn gehe es im Kapitalismus um die Anpassung des Menschen an die bestehende Arbeitsweise, so »handelt es sich (hier) dagegen um eine Anpassung der Arbeitsweise an das adäquate Wesen des Menschen, an seine menschliche Würde, menschliche Entfaltungsfähigkeit« (S.111). Der Mensch dürfe nicht weiter Objekt sein, sondern müsse Subjekt werden, und zwar hier und heute (S.118f.).

Dieser neue Übergang ist also für Lukács ganz ausdrücklich keine utopische Zukunftsmusik, sondern eine Forderung des Tages. Er beklagt die unzureichende Entstalinisierung, kritisiert die realsozialistische Bürokratie und ihren kapitalistisch-technokratischen Modernisierungskurs eindeutig von links und fordert die umfassende Demokratisierung. Der erste Schritt einer solchen sozialistischen Demokratisierung liege in der Mobilisierung der »vorwiegend ›stummen‹, ›unterirdischen‹ öffentlichen Meinung zu einer systematisch-öffentlichen Praxis« (S.104), und zwar durch einen direkten »wirksamen Appell an diese jetzt noch in die Anonymität zurückgedrängten Kräfte« (S.105). Und Lukács fordert explizit die praktische Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie, die Zulassung von Fraktionsbildungen in der kommunistischen Partei und die weitgehende Zulassung einer gesamtgesellschaftlichen Meinungs- und Redefreiheit. Schließlich fordert er sogar »eine neu durchdachte realistische Arbeitsteilung zwischen Staat und Partei« (S.117) – was nichts anderes heißen kann als eine Absage an die führende Rolle der Partei im real existierenden Sozialismus.

Was uns Lukács hier bietet, ist ein beeindruckendes und erfrischendes Plädoyer für die Rückkehr und Erneuerung einer sozialistischen Rätedemokratie in Form einer direkten Basisdemokratie, für eine gleichsam zweite Re volution, die die Notwendigkeit des grundlegenden Bruchs und den historisch neuartigen Charakter des sozialistischen Transformationsprozesses betont. Er bricht hier mit der schlechten Tradition der Linken, die proletarisch-sozialistische Revolution nach dem Muster der bürgerlich-kapitalistischen Revolution zu denken. Und er bricht mit jener Logik, die er selbst zuvor vertreten hat, denn die Logik des siebten Kapitels ist meines Erachtens unvereinbar mit der Logik der ersten sechs Kapitel. Deren Logik ist nichts anderes als die Logik Joseph Stalins, die stalinistische Logik des Sozialismus in einem isolierten und unterentwickelten Lande, das auf die despotische Durchsetzung einer Akkumulations-, Modernisierungs- und Erziehungsdiktatur setzt. Es ist die Logik, die sich in der DDR in jenem Selbstverständnis niedergeschlagen hat, dass »den Sozialismus in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf[halten]«.

Die Logik des letzten Kapitels ist dagegen eine gänzlich andere. Es ist die Logik der linken Opposition gegen den Stalinismus, die spätestens seit Mitte der zwanziger Jahre immer betont hatte, dass man mit erziehungsdiktatorischen Methoden, mit gewalttätigen und undemokratischen Mitteln keinen Sozialismus aufbauen kann, dass der Sozialismus entweder demokratisch sein wird oder gar nicht sein wird. Die Logik des letzten Kapitels ist nicht die Logik Joseph Stalins, sondern die Logik Leo Trotzkis oder Rosa Luxemburgs. (Dass sich Lukács in dieser Schrift »vorsichtig gewissen trotzkistischen Positionen näherte«, hat auch Wolfgang Harich: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin 1993, S.208, durchaus wohlwollend hervorgehoben.) Luxemburg fasste diese andere Logik bereits 1918 in die mittlerweile klassischen Worte: »Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, anstelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei.“ (Gesammelte Werke, Band 4, S.363, Hervorhebung: CJ)

Lukács thematisiert allerdings den immanenten Widerspruch zwischen diesen beiden in seinem eigenen Werk entfalteten Logiken nicht. Er hält vielmehr beide Logiken für vermittelbar. Doch sein Vermittlungsversuch ist zwar ehrenwert, aber wenig überzeugend. Es komme, schreibt er – und damit schließt auch seine Schrift –, »auf die Einsicht und den Mut der Kommunisten an, ob sie ihn [den von Marx vorgezeichneten Weg] und mit wie viel Erfolg zu beschreiten imstande sein werden« (S.125). Doch kann man gerade diese Einsicht und diesen Mut von denen erwarten, die sich vierzig Jahre lang an die Stelle der zu emanzipierenden Subjekte gesetzt und diesen Posten mit aller Schläue und nötigen Gewalt verteidigt haben? Kann man den Subjektcharakter der werktätigen Massen, ihre ökonomische, politische und kulturelle Selbsttätigkeit reanimieren, indem man an diejenigen appelliert, die sie diesen werktätigen Massen jahrzehntelang systematisch vorenthalten haben – nicht nur aus mangelnder Einsicht, sondern auch aus Herrschaftsinteresse? Können Jahrzehnte einer systematischen und terroristischen Enteignung und Entmündigung der zu Emanzipierenden spurlos an diesen vorübergehen? Auf welchem Wege kann und soll der emanzipative Mensch aus der stalinistischen Entfremdung erwachsen? Und wie sollen selbsttätige Menschen entstehen, die imstande sind, die welthistorisch neuen Aufgaben dieses historisch einmaligen Transformationsprozesses in ihrer spontanen Praxis zu produzieren? Die Idee, so Marx, blamierte sich stets, wo sie vom Interesse geschieden. Doch welches Interesse hätten die Kommunisten des real existierenden Sozialismus und ihre sozialistische Bürokratie gehabt, sich selbst abzuschaffen? Lukács überspielt diese bohrenden Fragen mit dem reformkommunistischen Prinzip Hoffnung: Er appelliert an die herrschenden ›Kommunisten‹ und hofft, dass sich die drei Jahrzehnte einer blutigen ›ursprünglichen Akkumulation‹ schlicht zu den Archivakten legen lassen. Doch was richten drei Jahrzehnte der Erziehungsdiktatur in den von ihr betroffenen Subjekten aus? Erlauben sie die Reifung zu einer in der Menschengeschichte noch nie da gewesenen sozialistischen Demokratie?

Lukács reformkommunistische Hoffnung ist weder logisch nachvollziehbar noch hat sie sich historisch bestätigt. Die im Realsozialismus vorherrschende Bürokratie hat sich – hier haben wir Lukács die historische Erfahrung späterer Jahrzehnte voraus – als unfähig zur Reform im sozialistischen Sinne erwiesen. Die realsozialistische Bürokratie hat sich lieber zum Steigbügelhalter des kapitalistischen Technokratismus gemacht als zum Verbündeten einer radikaldemokratisch und sozialistisch aufbegehrenden Bevölkerung. Dieselbe historische Erfahrung sagt uns heute auch, dass Jahrzehnte einer systematischen und terroristischen Enteignung und Entmündigung der zu Emanzipierenden offensichtlich nicht spurlos an diesen vorübergehen können. Emanzipierte, selbsttätige Menschen, die die objektiven Möglichkeiten des einstmals real existierenden Sozialismus selbstbewusst und kollektiv zum Ausgang eines qualitativen Schritts zu einem wahren Sozialismus zu nehmen imstande sind, konnten aus der stalinistischen Herrschaft und Entfremdung offensichtlich nicht erwachsen. Die reformkommunistische Hoffnung auf einen Umschlag des verzerrten in den wahren Sozialismus hat getrogen und der Unglaube, dass die Errungenschaften des ›real existierenden Sozialismus‹ mit ihrer despotischen Herrschaftsform untergehen könnten, sich als verheerend ausgewirkt. (Es wäre der kollektiven Diskussion wert, ob diese Hoffnung von Beginn an getrogen hat, bzw. auf wann der so genannte point of no return zu datieren ist. Die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings von 1968 – Ausgangspunkt auch von Lukács‘ hier behandelter Schrift – wird diesbezüglich von vielen Autoren als von zentraler Bedeutung angesehen.)

Wenn aber Lukács' Vermittlungsversuch der beiden Logiken alles andere als überzeugend ist, haben wir es hier – und dies ist meine entscheidende These – mit einem wirklichen Bruch in der Logik des Lukácsschen Werkes zu tun. Strebt man Konsistenz der Argumentation an, so muss man sich für eine der beiden Logiken entscheiden. Und so erweist sich Lukács' Plädoyer für eine Erneuerung der sozialistischen Demokratie als ein Plädoyer mit Fallstricken, denn das im letzten Viertel des Bandes machtvoll entfaltete Plädoyer für den unwiderruflichen Bruch mit dem Stalinismus, für eine sozialistische, auf breiteste Selbsttätigkeit setzende Rätedemokratie bleibt auch in diesem Werk gekoppelt an seine geschichtsphilosophische Apologie der stalinistischen Erziehungsdiktatur in den ersten drei Vierteln des Werkes.

Lukács' ›politisches Testament‹ erweist sich also als ein zutiefst widersprüchliches. An ihm lässt sich der wahrscheinlich lebenslange innere Kampf seines Autors studieren: die beiden miteinander streitenden Seelen in seiner Brust.

In den letzten beiden Absätzen seiner bemerkenswerten Schrift rekurriert Lukács schließlich auf Marxens Schrift über den 18. Brumaire und zitiert dessen berühmte Aussage, dass sich proletarische Revolutionen beständig selbst kritisieren und in ihrem eigenen Lauf selbst unterbrechen. In diesen (mit dem realsozialistischen Vulgärmaterialismus unvereinbaren) Marxschen Passagen ist die sozialistische Revolution der Sprung ins Reich der Freiheit, ein gewaltiger, historisch neuartiger Sprung, der einer komplizierten Dialektik von Kontinuität und Bruch folgt. Und der späte Georg Lukács, der Lukács des letzten Viertels von Sozialismus und Demokratisierung, hat sich, trotz aller Widersprüche und Fallstricke, zu einem seiner Propheten gemacht. Doch auch für Lukács und die Linke, die sich auf ihn beruft, gilt, worauf Marx in dem von ihm angeführten Zitat anspielt. In der Fabel Aesops behauptet ein Prahler, er habe in Rhodos einen gewaltigen Sprung getan, worauf ihm erwidert wird: „Hic Rhodus, hic salta!“ – hier ist die Rose (griechisch für Rhodos), hier tanze. Es scheint mir nicht völlig an den Haaren herbeigezogen, wenn einer der aesopischsten Denker des 20.Jahrhunderts mit diesem Schlusswort auch sich selbst und seine Freunde aus dem intellektuellen und politischen Sklaventum zu befreien trachtete (Aisopos, der Held aus den frühgriechischen Sagen, war ein Sklave). Eine Aufgabe, die mir auch heute noch nichts an ihrer Aktualität verloren zu haben scheint.

* Vortrag, gehalten auf der von der Rosa Luxemburg-Stiftung und der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft Ende April in der Helle Panke Berlin veranstalteten Konferenz „Über die Aktualität eines linken Marxisten – Georg Lukács zum 125.Geburtstag“. Es handelt sich dabei um die stark gekürzte Fassung eines umfangreichen Essays, den ich unter dem Titel „Georg Lukács‘ Probleme der sozialistischen Demokratisierung“ in Christoph J. Bauer u.a. (Hg.): »Bei mir ist jede Sache Fortsetzung von etwas« Georg Lukács. Werk und Wirkung, Duisburg 2008, sowie in Christoph Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute, Köln 2007, veröffentlicht habe.

 

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.