von Ulrich Schödlbauer

5. Publizistisches Intermezzo

Dass überhaupt sich ein Missbehagen breitmachen konnte, das nicht ohne Rückstände vom Tagesgeschäft absorbiert wird, hat sicher auch mit den ›neuen Realitäten‹ zu tun, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit den Ereignissen des 11. September 2001 einen so breiten Raum beanspruchen. Nicht ausgeschlossen werden darf, dass der vorhergesagte und ehedem eher belächelte ›clash of civilizations‹ durch den Gang der Dinge in die Position einer unwiderstehlichen Interpretation gerückt ist, der man an seriösen Orten eifrig widerspricht, während sie in praxi die eher reflexartig vorgenommenen Einschätzungen von Personen regiert, die gelernt haben, das eine zu sagen und das andere zu denken. Das wäre zwar nicht der Fall einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wohl aber einer gespaltenen, von Hoffnungen und Sorgen auseinander dividierten Wirklichkeitsbeschreibung, in der das Gefühl der Befremdung, der Fremdheit dessen, ›was wirklich vorgeht‹, die vertrauten Parameter überwiegt.

Eine ähnliche Wirkung könnte von den letzten Büchern der Journalistin Oriana Fallaci ausgehen, der ein italienisches Gericht, das ahnungslos zu nennen vermutlich den Kern der Sache verfehlt, Gelegenheit gegeben hat, sich als »Ketzerin« im Spektrum der öffentlichen Meinung Europas ein Millionenpublikum zu ertrotzen. Fallacis tremolierende Warnung vor der schleichenden »Landnahme« durch islamisch geprägte Bevölkerungsteile macht es Kritikern durch eine enthemmte Sprache und hanebüchene historische Konstruktionen leicht, den Daumen zu senken. Anzunehmen, dass deshalb ungehört verhallt, was eine nicht durch rechte Gesinnungen auffällig gewordene ehemalige Identifikationsfigur der  Frauenbewegung hier herausschreit, zeugt von beträchtlicher Ignoranz oder aktiver Bewusstseinsverdopplung.

Das Schreien der Fallaci, selbst ambivalent, durchbricht die Ambivalenzen der Kultur, es erzeugt das weghörende Zuhören von Leuten, die in Zukunft darauf bestehen werden, ›nichts gewusst zu haben‹. Nicht der Westen hat – so der Kern ihrer Rede –, in puncto Nachkommen ein Problem, sondern die Masse der Einwanderer, deren Fortpflanzungsrate sich von der westlichen signifikant unterscheidet. Seltsamerweise liegt sie gerade damit im Hauptstrom öffentlich geführter Debatten, in denen seit langem die mangelnde Integration von Einwanderern, besonders aus dem Nahen Osten, beklagt wird – eine Redefigur, die damit schließt, dass ab jetzt mehr für die Integration getan werden müsse, falls man die Probleme noch in den Griff bekommen wolle. An dieser Stelle wirft Fallaci das Gewicht der welterfahrenen Journalistin in die Wagschale, die weiß, wovon sie redet, wenn sie die europäische Intellektuellen- und Politikerkaste der Arroganz und der Dummheit bezichtigt: der Arroganz, weil sie jeden Personenkreis, der sich innerhalb ihres medial und institutionell abgesicherten Wirkungsraums befindet, nur als kolonisierte oder noch zu kolonisierende, als ›aufgeklärte‹ oder ›gesichtslose‹ oder ›verführte‹ Masse zu konzipieren bereit ist, der Dummheit, weil sie der Integrationskraft des eigenen Systems allen Ernstes zutraut, auf Dauer jede Art von kultureller Differenz und sogar Feindschaft, wenngleich unter gelegentlichen Verdauungsschmerzen, zu inkorporieren. Fallaci rührt damit an die Glaubensgrundlagen eines Liberalismus ohne Feinde, der Kämpfe und Kämpfer erst dann ernstzunehmen bereit ist, wenn sie sich auf dem Boden des eigenen Systems gegenüberstehen. Den USA käme in diesem System die Rolle des watch dogs zu, der die nicht Integrationswilligen an den Grenzen des westlichen Universums verbellt und den man gelegentlich zu schelten hat, wenn man in seinem Maul die Reste einer Briefträgerhose findet.

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