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von Christoph Jünke

 Das mythische Jahr 1968 war fast vorüber, da erschien Leo Koflers hier neu aufgelegte Schrift Perspektiven des revolutionären Humanismus im renommierten Rowohlt-Verlag. Doch einmal mehr hatte Kofler Pech mit einem seiner Bücher. Die in ihrem Zenit stehende außerparlamentarische Opposition konnte mit seinem politisch-theoretischen Pamphlet offensichtlich nur wenig anfangen, denn niemand sollte sich fortan auf dasselbe beziehen oder sich mit ihm nennenswert auseinandersetzen. Rezeptionsspuren sucht man vergeblich, sieht man von einer Handvoll von eher distanziert-kritischen Rezensionen im Feuilleton ab.

Man mag dies der damaligen Flut gesellschaftskritischer Literatur anlasten, in der so vieles kaum beachtet bis auf weiteres verloren ging. Man kann dies auch auf den gelegentlich allzu verschachtelten Schreibstil Koflers zurückführen, der sich von seinem mitreißenden Redestil unterschied. Oder jenem Zug ins Altmodische, der Koflers Auftreten kennzeichnete und zu dem er sich immer wieder gern, d.h. in provokatorischer Absicht, bekannte. Doch mehr noch war dies das Produkt einer tief greifenden und weitreichenden Entfremdung. Dass der offen sich zum revolutionären Marxismus bekennende Kofler in der bleiernen Adenauer-Zeit einen mehr als schwierigen Stand hatte, mag jenen unmittelbar einleuchten, die diese Zeit noch erlebt oder über sie gelesen und gehört haben. Dass er jedoch auch bei der jungen, aufbegehrenden Generation der »68er« unbeachtet geblieben ist, trägt die Züge einer klassischen Verdrängung – mit allen entsprechenden Ursachen und Folgen.

Die Neue Linke der 60er Jahre war nicht frei von Illusionen und Selbstüberschätzungen. Eine davon war, dass sie sich als wirklich neu betrachtete, während sie doch in einer Tradition des Aufbegehrens gegen sozialdemokratischen Reformismus einerseits und kommunistischen Stalinismus andererseits stand, die sich zu vergegenwärtigen ihr offensichtlich schwer fiel. Lässt man die ersten vereinzelten Vorläufer der 1930er und 1940er Jahre einmal beiseite, so begann die Geschichte der Neuen Linken in der Mitte der 1950er Jahre – nicht nur, aber eben auch im damaligen Westdeutschland. Vom Weg der SPD nach Godesberg enttäuschte und sich entsprechend radikalisierende Sozialdemokraten, mit der nachfaschistischen Restauration unzufriedene und sich ebenfalls radikalisierende bürgerliche Demokraten, von der Entstalinisierung und dem befreiungsnationalistischen Aufbruch in der Dritten Welt beflügelte kommunistische Dissidenten und heimatlose Linkssozialisten bildeten damals ein Netzwerkmilieu von Gruppen und Personen, Zeitungs- und Zeitschriftenprojekten, die auszubrechen versuchten aus der binären Logik des Kalten Krieges zwischen den beiden damaligen Supermächten und sich auf den »Dritten Weg« machten – »zurück zu Marx«, wie es damals hieß.

Es waren viele Tausende, für die Viktor Agartz oder Theo Pirker, Fritz Lamm, Gerhard Gleissberg oder Wolfgang Abendroth in den Jahren 1954/55 bis 1957/58 sprachen. Und es war Leo Kofler, der damals, gleichsam als ›Wanderprediger‹, nicht wenige in die Grundlagen und Feinheiten einer undogmatischen marxistischen Theorie einführte, die die zerrissenen Fäden von Freiheit und Sozialismus neu knüpfte und die Themen und Thesen des Marxismus der 60er Jahre in vielem vorwegnahm.

Symbolisierte sich das Scheitern dieser ersten Generation Neuer Linker im KPD-Verbot von 1956, im Landesverratsprozess gegen Viktor Agartz 1957 und im Godesberger Parteiprogramm der SPD von 1959, so war sein Produkt jene nachhaltige Entfremdung zwischen den politischen Generationen, die wir auch in den europäischen Nachbarländern jener Zeit wahrnehmen können, die jedoch nirgendwo einen solch nachhaltigen Bruch verursacht hat wie gerade in Westdeutschland.

Dass dieser gescheiterte Aufbruch der 50er Jahre auch den Aufbruch der 60er Jahre mit einer schweren Hypothek belastete, lässt sich an den politischen Diskussionen ebenso verfolgen wie an den theoretischen. Auch wenn die innovative Kraft der »68er« immer wieder beeindruckend ist – sofern man sich nicht anstecken lässt von der 68er-Verachtung heutiger Meinungsführer –, nicht selten wurde damals das Rad aufs Neue erfunden. Und was Wolfgang Abendroth seinen jungen Zuhörern während der Revolte diplomatisch beizubringen versuchte, drückte Leo Kofler um einiges unverblümter und schwerer verdaulich aus.

Auch ihm, dem Zaungast der Bewegung, ging es 1968 noch immer um ein welthistorisches »Neu Beginnen«. Und er hatte sich ein feines Gespür behalten für das, was sich seit Mitte der 60er Jahre entfaltete. Als er zu Beginn des Jahres 1966 die letzten Korrekturen und Aktualisierungen an der Neuauflage seiner monumentalen Schrift Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft anbrachte, formulierte er in sie hinein: »Eine Opposition, die auf eine Demokratisierung drängt, zeichnet sich im Volke und in der Intelligenz ab. Die Schicksalsfrage Deutschlands ist die, ob sie sich durchsetzen wird.«

Vergleichbar einem Herbert Marcuse, war auch Leo Kofler mit Herz und Verstand ganz auf Seiten der jungen Generation. Anders als Marcuse jedoch war er zu sehr alter Linkssozialist, um sich zum schlichten Apologeten des Aufbruchs zu machen. In ätzend scharfem Ton, aber nicht selten treffsicherer Kritik nutzte er jede sich ihm bietende Möglichkeit zur innerlinken Auseinandersetzung, zum Kampf zweier Linien innerhalb dessen, was er seit einem Jahrzehnt die »progressive Elite« nannte. Eine Erneuerung der sozialistischen Linken – eine »Gesundung des revolutionären Humanismus«, wie er es nannte – könne nur gelingen, wenn sich die universitäre Linke – die »Welt hoch entwickelter Abstraktion« – mit der mächtigen Gewerkschaftsbewegung – jener »Welt des vulgären Praktizismus«, die sich »gegen den ›Stachel‹ des Klassenkampfes« stelle – auf neuer Grundlage vereine. Doch »[d]ie beiden, ihrem Ursprung nach kritischen und oppositionellen Welten berühren einander kaum, sie gehen ihre eigenen Wege«, schreibt er in der hier neu aufgelegten Schrift: »Die Konsequenz ist sturer Praktizismus hier und selbstgefälliger Intellektualismus dort, beide sich einander misstrauisch gleichsam durch Glaswände betrachtend, jedoch nicht beeinflussend.«

Das war nicht die einzige Zumutung für die zweite Generation Neuer Linker. Dass sich Kofler an den Theorien von Georg Lukács orientierte, vor allem an dessen ästhetischer Theorie, war den Neo-Avantgardisten schon schlimm genug. Dass er zudem der Psychologie Freuds kritisch gegenüberstand und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno als »Marxo-Nihilisten« geradezu beschimpfte, das machte ihn den Jüngeren ebenso suspekt wie sein geradezu penetrantes Insistieren auf jenem sozialistischen Humanismus, der die Hauptzielscheibe abgab für den damals um sich greifenden theoretischen Anti-Humanismus strukturalistischer Provenienz.

Vielleicht hat er ja der seit 1969 bereits wieder zerfallenden neuen Bewegung zu viel zugemutet. Doch das waren – und diese Originalität Koflers scheint weitgehend verkannt worden zu sein – die Zumutungen eines Weggenossen, nicht die eines bürgerlichen oder realsozialistischen Kritikers. Auch der mögliche Vorwurf, dass Kofler den neuen Phänomenen des sozialstaatlichen Kapitalismus hilflos gegenüberstünde, trifft sein Werk nicht. Als einer der ersten Marxisten nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Kofler seit Mitte der 1950er intensiv mit der Analyse der Widersprüche und Fallstricke des vermeintlichen Wohlstandskapitalismus auseinandergesetzt.

Diese in den Schriften Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Nihilismus und Humanismus (1960), Der proletarische Bürger. Marxistischer oder ethischer Sozialismus? (1964) und Der asketische Eros. Industriekultur und Ideologie (1967) durchgeführte und in den Perspektiven des revolutionären Humanismus zusammenfassend wieder aufgenommene Analyse richtet den Blick auf die neuartigen Integrationsprozesse spätbürgerlicher Klassengesellschaft. Zweifelsohne, so Kofler, habe diese Gesellschaftsform ihren Mitgliedern einiges zu bieten: politische Freiheit, mehr Einkommen und Freizeit, mehr Sicherheit und weniger Tabus (auch sexueller Art). Doch gleichzeitig fesseln diese neuen Freiheiten und Möglichkeiten das Individuum mehr denn je an eine dem Prinzip nach irrationalistische Gesellschaftsform. Verschwunden sei zwar der Hunger, nicht jedoch der Mangel. Möglich sei der Konsum, aber nur mittels vorhergehender und ihm wieder folgender Askese: »Verzichten, um sich etwas leisten zu können, und sich etwas leisten mit der Konsequenz des nachfolgenden Verzichts gehört zu den selbstverständlichsten Verhaltensformen unserer Zeit.« Die scheinbare Entideologisierung erweise sich, so Kofler, als totale Ideologisierung, der individuelle Rationalismus als Begleiterscheinung kollektiver Irrationalität, die Demokratie des Marktes als Verschleierung der Despotie von Fabrik und Büro. »Das wirklich Neuartige im modernen Stadium der Unterdrückung ist die scheinbare Freiwilligkeit, mit der sich das Individuum den repressiven Anforderungen unterwirft, eine Freiwilligkeit allerdings, die es nicht als ein Moment der allgemeinen Unterdrückung begreift, sondern umgekehrt als den notwendigen Ausfluss der gewonnenen Freiheit insbesondere in erotischen Dingen, wofür die Ordnung, die diese Freiheit gewährt, gleichsam mit Treue und Zuneigung belohnt wird.«

Kofler schreibt hier eine Kritik bürgerlicher Freiheit im spätkapitalistischen Konsumkapitalismus, die die damals vorherrschenden ideologischen Fallstricke einer vermeintlich »verwalteten Welt«, einer »eindimensionalen Gesellschaft« oder gar eines »integralen Etatismus« vermeidet, ohne die diesen Ideologemen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Erscheinungen zu ignorieren. Und er bietet mehr als nur originelle Gedanken und Argumentationen: Er fordert bestimmte Strömungen der Linken ebenso heraus wie bestimmte Lesarten der damaligen Marx-Renaissance – eine Herausforderung, die bisher ohne Auseinandersetzung geblieben ist. Das gilt beispielsweise für Koflers Blick auf die Fragen der Sozialpsychologie, seine kritisch-produktive Auseinandersetzung mit bestimmten Freudschen Theoremen oder für sein Plädoyer, die Theoriestränge eines Georg Lukács mit denen Herbert Marcuses zu einem neuen zeitgenössischen Marxismus zusammenzudenken, dargelegt in dem Kapitel mit dem unscheinbaren Titel Lukács und Marcuse.

Koflers Schrift bietet einen repräsentativen Einblick in das theoretische Werk eines der bedeutendsten deutschen Nachkriegsmarxisten. Er fasst in seinen Perspektiven des revolutionären Humanismus nicht nur seine Studien zu den neuen Integrationsprozessen im spätbürgerlichen »Wohlstands«-Kapitalismus zusammen, die sich von Marcuses Analysen originell unterscheiden. Er knüpft auch mit seiner Kritik an den frühbürgerlichen Idealen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität an und wendet diese gleichzeitig sowohl gegen die bürgerliche Realität seiner Zeit, gegen die bürgerlich beschränkte Form der Freiheit, wie auch gegen die »realsozialistische« Einschränkung der Freiheit, gegen den bloß materiell gefassten »Wurstzipfelsozialismus«. Und er betont die Notwendigkeit, den Sozialismus als (im philosophischen Sinne) Aufhebung politisch-rechtlicher und ökonomisch-sozialer Freiheit zu fassen, die weder die eine noch die andere einfach suspendiere, sondern beide auf einer höheren Stufe zusammenführe. Diesen umfassenden, praktisch-politischen Sinn des sozialistischen Emanzipationsprojektes nicht verstanden zu haben, sei die gemeinsame Schranke von bürgerlichem Humanismus und mechanistischem Marxismus. Und Grundlage eines solchen »Dritten Weges« ist ihm dabei die theoretisch entfaltete Überzeugung, dass Forderungen nach Freiheit, Fortschritt, humanistischer Demokratie, humanistischer Utopie, verwirklichter Individualität und klassenloser Gesellschaft nicht ausreichend zu begründen sind ohne eine grundlegende Hinwendung zum Menschen, ohne eine anthropologische Erkenntnistheorie in marxistischer Perspektive.

Welche praktische Bedeutung eine solche Diskussion um anthropologische Menschenbilder hat, wird vielleicht erste heute, im Angesicht jenes herrschenden Neoliberalismus wirklich deutlich, dessen immanenter Sozialdarwinismus nicht zu Unrecht ins Blickfeld der Kritiker geraten ist. Koflers oft missverstandene Anthropologie ist hierbei keine Anleitung zum Handeln, sie dient vielmehr der Abwehr falscher theoretischer wie praktischer Zugänge zum Handeln und lotet den Möglichkeitsrahmen emanzipativer Theorie und Praxis aus.

Heute stellen sich manche Fragen sicherlich anders. Die sozialstaatlichen Kompromisse und ihre Errungenschaften, deren Charakter und Widersprüche Kofler in dieser Schrift diskutiert, wurden von den Herrschenden und ihren Regierenden aufgekündigt und seit vielen, vielen Jahren Stück für Stück wieder zurückgenommen. Und dies war nicht zuletzt möglich, weil sich die auf Demokratisierung drängenden Kräfte der Opposition in den 1970er Jahren nicht durchgesetzt haben. Doch wie lange, andererseits, hat das Schreckgespenst der 68er Revolte mit allen ihren politischen, kulturellen, sozialen und psychologischen Folgen die Herrschenden geplagt.

Auch hierin hat Leo Kofler Recht behalten: Auch der sozialstaatlich gebändigte Nachkriegskapitalismus ist zuallererst eine Klassengesellschaft – eine antagonistische, von Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Herrschaft geprägte Gesellschaftsform, in der die einen haben, was den anderen fehlt. Noch immer gibt es auch hier Herr und Knecht, bürgerliche Elite und lohnarbeitende Klasse. Die alten Analysen sind nicht verkehrt, sie müssen nur ergänzt und überdacht werden. Schon immer war das Ideologische ein probates und unabdingbares Mittel gesellschaftlicher Integration, doch nirgendwo ist seine Rolle so umfassend geworden wie im »Spätkapitalismus«. Dass der Konsens den Zwang nicht aufgehoben hat, haben in den 60er und 70er Jahren nur wenige sehen wollen. Heute, in Zeiten des »Kriegs gegen den Terror«, in Zeiten, in denen sich die herrschende Globalisierung – eine Globalisierung der Herrschenden – bewaffnet hat, ist auch dies unmittelbar einsichtiger geworden.

Vielleicht ist ja auch dies das Aktuellste an der hier vorgelegten Schrift. Hier spricht einer, so altmodisch wie zukunftsweisend, von der Klassengesellschaft, in der wir alle leben. Und er reflektiert darüber, was dies für die Perspektiven der Emanzipation bedeutet.

 


*Bei dem Text handelt es sich um das Vorwort zur Neuherausgabe von Leo Kofler: Perspektiven des revolutionären Humanismus. Die Neuauflage ist im Frühjahr 2007 im Kölner Neuen ISP-Verlag erschienen. Parallel erschien im Hamburger VSA-Verlag Christoph Jünkes umfangreiche Biografie Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler – Leben und Werk (1907-1995).

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.