von Günter Grass
In jeder Epoche hat es Künstler gegeben, die als Antwort auf die jeweils vorherrschenden Krisen und Hoffnungen ein emblematisches Bild geschaffen haben. So Albrecht Dürer mit seinem Kupferstich Melencolia I zur Zeit des Humanismus. So Francisco Goya mit einem Blatt innerhalb der Capricio-Radierungen mit der Unterschrift Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer zur Zeit der Aufklärung.
In kleinem Format sitzt die personifizierte Vernunft als schlafender Mann an einem Tisch. Über ihm bildet fabelhaftes Nachtgetier in dämonischer Ballung den düsteren Traum ab. Ein vieldeutiges Bild, das bis heute Fragen aufwirft: Ist es die Vernunft, in deren Kopf die Ungeheuer ursprünglich sind? Oder bedrohen Ungeheuer die Vernunft, weil sie schläft?
So ist auch die von dem Künstler Carl Frederik Reuterswärd geschaffene und unseren gegenwärtigen Krisen und Hoffnungen gemäße Skulptur vieldeutig, wenngleich man meint, ihren Sinn mit einem Blick erfassen zu können.
von Wolf Biermann
Das Lied Melancholie widmete ich vor gut 20 Jahren dem Philosophen Emile Cioran, den ich durch Manés Sperber in Paris kennen lernte. Wir stritten uns rum über den Begriff Hoffnung. Er hasste die Hoffnung. Ich verteidigte tapfer als deutscher Linker und Blochverehrer die Theorie meines verehrten Freundes in Tübingen, das ›Prinzip Hoffnung‹. Kam aber nicht gegen diesen Cioran an. Der hielt das Geschwafel über Hoffnung für einen intellektuellen Selbstbetrug, für eine Illusion, mit der sich die ›Tellektuelinns‹ selber in die Tasche lügen. Ich meine die systemimmanenten Intellektuellen, die gekauften Zuarbeiter der Mächtigen, die affirmativen ›TUIs‹, wie der TUI Brecht sie in seinem Buch der Wendungen schimpfte. Dieser zynische Skeptiker Cioran hielt die ›Hoffnung‹ für eine Tranquilizer-Tablette, frei nach Heine: » ... womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.«
von Ulrich Siebgeber
Wenn, woran die Direktorin des Kölner Stadtarchivs aus gegebenem Anlass erinnerte, jede Epoche unmittelbar zu Gott ist, und wenn daraus folgt – wie die Bemerkung anzudeuten scheint –, dass ihre Dokumente per se als sakrosankt anzusehen sind, dann hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gerade ein paar heilige Textchen mehr unters Volk gebracht, ohne dass es der hochverehrten Leserschaft sonderlich aufgefallen sein dürfte.
Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Front: ©2024 Lucius Garganelli, Serie G