Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

 Eine exemplarische Polemik

von Peter Brandt

Die letzten judenfeindlichen Vorfälle bei Anti-Israel- und Anti-USA-Demonstrationen vorwiegend arabischer und türkischer Muslime und etliche Vorfälle an Schulen haben in der Politik und in den Medien eine breite, sorgenvolle Resonanz gefunden – zu Recht. Wie bei solchen Anlässen üblich, wird dann legitime Kritik an der jahrzehntelangen Unterdrückung der arabischen Palästinenser durch den Staat Israel oder auch nur an einzelnen Aktionen der israelischen Staatsführung als ›eigentlich‹ oder ›versteckt‹ antisemitisch charakterisiert. Aus der zutreffenden Feststellung, dass sich Antisemitismus heutzutage nicht selten als Antizionismus tarne, wird dann schnell der abwegige Umkehrschluss, dass es sich bei jeder mehr als kosmetischen Kritik an Israel – wobei das Existenzrecht Israels selbstverständlich von jeder Kritik ausgenommen bleibt – um Antisemitismus handeln müsse. Ein solches Etikett wird inzwischen gern auch einer ablehnenden Haltung gegenüber dem internationalen Finanzkapital, wenn nicht dem Antikapitalismus überhaupt angeheftet. Da kann man sich manchmal schon fragen, welche Stereotypen in den Köpfen vieler ›Freunde Israels‹ schlummern…

von Ulrich Schödlbauer

1929 schrieb Walter Benjamin, der zur Pythia des Gedankenbetriebs in den Siebziger Jahren aufstieg, den wenig belastbaren Satz: »Links hatte noch alles sich zu enträtseln«. Er wurde, vermutlich des Rätselcharakters wegen, vom Buchtitel rasch zum geflügelten Motto. Links, hieß das, standen die Deutungswege noch offen, anders als auf der politischen Rechten, die, zu Recht oder Unrecht, niemals zögerte, die jahrtausendealten Herkunftslinien des Christentums und des griechisch-römischen Denkens auf sich zu beziehen und somit zu wissen. So betrachtet, entsprach der Satz einer Welt vor dem Faschismus und seinem deutschen Ableger, dem Nationalsozialismus, die offenkundig den Bogen Europas überspannten: Als ihre sinistren Reiche zerbarsten, zerbrach, ein wenig zeitversetzt, auch das Gehäuse des ›abendländisch‹ genannten Geistes und es begann, erst zögernd und voller Hoffnung, im Westen des Erdteils die Reihe der Versuche, ›im europäischen Geist‹ zu einem neuen, ökonomisch motivierten Miteinander und schließlich zu einem politischen Körper zu gelangen, ohne dem Geist im Detail weiter nachzufragen.

By The Photographer - Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37806971

Aus den Köpfen, das ist der entscheidende Punkt. Dieser unerträgliche Zwang, konform zu denken, wie kam er auf, wo kam er auf, in wem kam er auf? Viele empfinden ihn gar nicht, sie halten ihn für einen bösen Trick, eine Strategie des Bösen, die darauf zielt, sie aus dem Paradies zu vertreiben: »Ihr werdet sein wie Gott.« Wieso Gott? Welches Paradies? Wichtigste aller Fragen: Welche Schlange? Um sie zu beantworten...

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Marabou stork (Leptoptilos crumenifer) head

Gehörte ich zu dem einen Prozent – dem berühmten einen Prozent der Menschheit – und pochte mein Herz für den Fortschritt (so etwas soll vorkommen, es kommt vor, da in diesen Regionen die Angst nistet, von den Fortschritten der anderen überholt und abgehängt zu werden), so fühlte ich zweifellos links: nicht in jenem altbackenen Sinn, in dem Gewerkschaften den Ton angeben und Menschen die Tricks der Mächtigen fürchten. Wie dann? Nun, so einfach ist das nicht… Ich würde all diejenigen fördern, die sich benachteiligt fühlen

Familienbild – die vier Kinder des Kurfürsten Maximilian von Pfalz-Bayern. Biermann, Georg (1914): Silhouettes

Wir leben im Grokoko. Wussten Sie das? GroKo ist groß, aber von gestern. GroKo kann nicht gehen, doch zum Bleiben schwindet die Kraft. Die Lösung heißt: Grokoko. Im Grokoko lösen sich die strengen Parteilinien des GroKo auf und werden spielerisch. Die Losung heißt: Unbeschwert. Stirb, aber beschwere dich nicht. Vor allem nicht über das, was danach kommt. Vielleicht kommt nichts danach, dann wäre ohnehin jede Beschwerde umsonst. Umsonst ist auch das Regieren, man betreibt es mit Schattenkabinetten, die nur per Wandzeitung existieren. An welcher Wand? Gegenfrage: an welcher nicht? In der Republik ist jede Wand gut genug, um eine Regierung anzuzeigen, natürlich als Projektion. Im Grokoko ist das Volk nicht länger gefragt. Das war im GroKo nicht anders, aber man behandelte es pompös, als sei einem damit ernst. Jetzt geht es ans Schäfchenbekränzen und alle Welt guckt dumm aus der Wolle.

von Holger Czitrich-Stahl

Clara Zetkin (1857-1933) war mit ihrer Freundin Rosa Luxemburg zusammen eine entschiedene Kämpferin für Frieden, Frauenrechte und soziale Emanzipation in der deutschen Sozialdemokratie, zugleich die wohl bedeutendste Vertreterin der sozialistischen Frauenbewegung ihrer Zeit. Trotz ihrer historisch durchaus hochrangigen Bedeutung für die Arbeiter- und die Frauenbewegung der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik ist seit dem Ende der DDR weder eine vollständige Werkausgabe noch eine ergänzte Biographie oder eine Edition ihrer schriftlichen Zeugnisse aufgelegt worden. Marga Voigt ist es daher ein dringendes Anliegen gewesen, rund 100 Jahre nach der europäischen Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges eine Edition der »Kriegsbriefe« Clara Zetkins zusammen zu stellen und herauszugeben.

von Michael Strebel

Bei der feierlichen Konstituierung des 18. Deutschen Bundestages am 22. Oktober 2013 führte Bundestagspräsident Norbert Lammert aus: »Die Kultur einer parlamentarischen Demokratie kommt weniger darin zum Ausdruck, dass am Ende Mehrheiten entscheiden, sondern darin, dass Minderheiten eigene Rechtsansprüche haben, die weder der Billigung noch der Genehmigung durch die jeweilige Mehrheit unterliegen. Die Minderheit muss wissen, dass am Ende die Mehrheit entscheidet, was gilt, und die Mehrheit muss akzeptieren, dass bis dahin – und darüber hinaus – die Minderheit jede Möglichkeit haben muss, ihre Einwände, ihre Vorschläge, wenn eben möglich auch ihre Alternativen zur Geltung zu bringen.«

Leipzig 9. bis 16. Oktober 1989

von Gunter Weißgerber

Die Vorgeschichte der Friedlichen Revolution ist vielfach und umfangreich beschrieben worden. Einem Leipziger Auslöser derselben wurde bisher zu wenig Beachtung geschenkt. Mit den Worten »Das sind keine Leute von uns!« wies Christian Führer die aufmüpfigen Oppositionellen am 29. August 1988 aus der Nikolaikirche – nicht ahnend, damit den endgültigen Treibsatz an die Erosion des SED-Staates, vor dem er seine Kirche schützen wollte, zu legen. Schon eine Woche vorher entzog Superintendent Magirius den oppositionellen Basisgruppen per Brief die eigenständige Gestaltung der Friedensgebete.

In »LTI – Notizbuch eines Philologen« erwähnt der Dresdner Romanist Victor Klemperer, der 1945 nur knapp der Deportation ins Todeslager entrann, eine Bemerkung des Germanisten Wilhelm Scherer (1841-1886), die ihn während der Nazijahre »frappierte und in gewissem Sinn erlöste«. Klemperer zitiert: »Maßlosigkeit scheint der Fluch unserer geistigen Entwicklung. Wir fliegen hoch und sinken um so tiefer. Wir gleichen jenem Germanen, der im Würfelspiel all sein Besitztum verloren hat und auf den letzten Wurf seine eigene Freiheit setzt und auch die verliert und sich willig als Sklave verkaufen lässt. So groß – fügt Tacitus, der es erzählt, hinzu, ist selbst in schlechter Sache die germanische Hartnäckigkeit; sie selbst nennen es Treue.«

von Peter Brandt

Wenn von den Protagonisten der sozialdemokratischen Deutschlandpolitik seit den 60er Jahren die Rede ist, wird Horst Ehmke meist nicht in der ersten Linie verortet. Hier soll auch nicht von seinem Beitrag zur operativen Ost- und Deutschlandpolitik gehandelt werden (der seinerseits durchaus der Würdigung wert wäre), sondern ich will Ehmkes Anteil an der konzeptionellen Begründung desjenigen entspannungspolitischen Ansatzes, der untrennbar insbesondere mit der ersten sozialliberalen Regierung verknüpft ist, und seine spezifischen grundsätzlichen Reflexionen zur »deutschen Frage« vor 1990 in den Blick nehmen.

Es fällt schwer, gut zu sein, wenn die anderen böse sind. Andererseits fällt es leicht, böse zu sein, wenn die anderen böse sind. Fällt es leicht, gut zu sein, wenn die anderen gut sind? Man sollte meinen, es sei das Leichteste, aber kompliziert, wie der Mensch nun einmal ist, gerät er just an dieser Stelle ins Grübeln. Wäre es nicht möglich, denkt er, dass wir uns alle täuschen? Dass unser Gutsein nichts weiter ist als ein Handtuch, das wir uns vorhalten, um nicht zu sehen, was ist? Wir alle waschen gern unsere Hände in Unschuld.

von Gunter Weißgerber

1989 war das erste Jahr der SED-Herrschaft, in dem diese sehnlichst auf das christliche Weihnachtsfest der Ruhe und Besinnung wartete. Endlich Ruhe vor den Demonstranten und deren unablässigem Druck auf den Partei- und Staatsapparat. Endlich eine Verschnaufpause, die zum Aufholen wie ein Geschenk des Himmels daher kam. Endlich Lufthoheit für den medialen Gegenschlag! Der mittels der Gespenster des westdeutschen Faschismus, Militarismus und Revanchismus mit dem vorläufigen Einschlafen der DDR-weiten Demonstrationen aus der Stasi-Trickkiste gezaubert wurde.


von Ulrich Schödlbauer

Think globally, act locally – durchaus möglich, dass keine andere Parole das Denken so vieler Menschen in so kurzer Zeit verändert hat wie diese. Mit ihr kann sich sehen lassen, wer will. Das fasziniert die Menschen und erzeugt jene Überzeugungs- und Handlungsdichte, die kulturelle Steuerung auszeichnet. Was hierzulande als ›grün‹ gilt, vertraut vornehmlich auf die Durchsetzungskraft dieses Deutungsschemas. Dabei ist die Parole weit von aller Eindeutigkeit entfernt. Je nachdem, wer sich ihrer bedient, nimmt sie ganz unterschiedliche Färbungen und Bedeutungen an: Grundlage jeden Erfolgs, der von Dauer sein soll. Nicht ohne Grund lautet das nachgeschobene Zauberwort, das allen Widerstand bricht, ›Nachhaltigkeit‹, also Dauer...

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von Andreas Kalckhoff

Spiel als Muster und Abbild des Soziallebens

Sport und Spiel nehmen einen erheblichen Platz in unserem sozialen und kulturellen Leben ein, sie sind darüber hinaus ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Die Beschäftigung mit diesem Phänomen ist also für die Sozialwissenschaften ein Muss, möchte man meinen. Tatsächlich wird es aber, da den Bereichen Freizeit und Vergnügen zugeordnet, nicht wirklich ernst genommen. Dabei liegt doch nahe, dass die Art der Kommunikation und Interaktion in den bevorzugten Sportarten und Spielen etwas über das Sozialverhalten der Spieler wie der Zuschauer aussagt. Ein Buch, das diesen Zusammenhang thematisiert, ist also von großem Interesse.

von Heinz Theisen

Der Westen braucht eine neue Strategie

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und den gescheiterten Versuchen zum Aufbau einer von den USA geführten liberalen Weltordnung steht die Welt ohne erkennbare Ordnungsstrukturen da. Henry Kissinger sieht uns zwischen drohendem Chaos und einer noch nie dagewesenen Interdependenz lavieren (Henry Kissinger, Weltordnung, München 2014, S.10).

Die Staaten stehen nicht mehr nur anderen staatlichen Mächten, sondern einer Vielzahl von transnationalen Prozessen, global agierendem Kapital, asymmetrisch kämpfenden Terroristen, Schleppern, Drogen- und Menschenhändlern gegenüber, die sich der staatlichen Autorität zu entziehen trachten. Im 21. Jahrhundert ist nicht mehr ihre Stärke, sondern ihre Schwäche das Problem. Umso mehr wird eine Neuordnung der Staatenwelt gebraucht.

von Nathan Warszawski

In Deutschland ist nicht das Volk, sondern die Regierung als Inhaberin der Staatsgewalt der Souverän. Der Gesetzgeber (kein Witz: Er nennt sich wirklich so!) betrachtet sich als Gott, der für die Folgen seines Tuns nicht verantwortlich ist.
Niemand kann heute nachvollziehen, warum die deutsche Bundesregierung einst den eingewanderten Deutschtürken die Doppelstaatsbürgerschaft aufgedrängt hat. Die wahrscheinlichen Gründe sind, dass den Deutschtürken die Integrationsfähigkeit abgesprochen worden ist oder die Integration erschwert werden sollte.

Heute gibt es etwa 4.000.000 bis 5.000.000 Deutschtürken, wovon die Hälfte über die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft verfügen. Die Doppelstaatsbürgerschaft bedeutet, dass der Deutschtürke in Deutschland Deutscher und in der Türkei Türke ist. Derzeit kann dieser Umstand für doppelstaatsbürgerliche Deutschtürken, die sich in der Türkei aufhalten, zum Nachteil gereichen. Der Journalist und doppelstaatsbürgerliche Deutschtürke Deniz Yücel hält sich derzeit in der Türkei auf, genauer: 13 Tage in einem Polizeigefängnis in Polizeigewahrsam, anschließend für bis zu fünf Jahren in einem Untersuchungsgefängnis.
Es wird ihm vorgeworfen, seiner bezahlten Arbeit als Journalist nachzugehen. Als Türke kann er nicht gegen seinen Willen aus der Türkei entfernt werden, als Türke kann ihm die deutsche Botschaft in der Türkei nicht helfen. Bald wird er die Türkei auf eigenen Wunsch verlassen wollen.

Weltweit wird in den nächsten Wochen das türkische Volk befragt werden, ob es zugunsten des Despoten Erdogan auf bürgerliche Freiheiten in der Türkei verzichten will, also mit einer auf Erdogan maßgeschneiderte Diktatur einverstanden ist. Nach der Türkei leben die meisten stimmberechtigten Türken in Deutschland. Aus bisherigen Erfahrungen ist damit zu rechnen, dass über 60% der stimmberechtigten Deutschtürken für die Abschaffung der Demokratie in ihrer Heimat Türkei stimmen werden. Würde man dieselben Deutschtürken fragen, ob in ihrer Heimat Deutschland eine islamistische Diktatur eingeführt werden sollte, wäre erwartungsgemäß mit einem ähnlichen Ergebnis zu rechnen. Glücklicherweise darf in Deutschland als ein demokratisches Land über eine solche Frage im Gegensatz zur Türkei nicht abgestimmt werden.
Es ist für vernünftige Menschen, wozu auch die Deutschtürken zählen, schier unmöglich, sich gleichzeitig für eine Demokratie und für eine Diktatur einzusetzen. Die Deutschtürken, die für die Abschaffung der Demokratie in ihrer Heimat Türkei stimmen werden, sind in ihrer Heimat Deutschland demnach eine Fünfte Kolonne, deren Ziel der Umsturz der bestehenden Ordnung in Deutschland im Interesse einer fremden und aggressiven türkisch-erdoganischen Macht ist. Die deutschen Behörden werden nichts gegen den Umsturz der bestehenden Ordnung unternehmen, denn sie sind nicht einmal imstande, antidemokratische, ausländische, politische Veranstaltungen auf deutschem Boden zu unterbinden.

Daraus ist ersichtlich, dass eine Doppelstaatsbürgerschaft nur zuträglich ist, wenn beide Staaten demokratisch sind. Das Extrem wäre ein Krieg zwischen Deutschland und der Türkei, der sofort dazu führen würde, Deutschtürken zu inhaftieren. Es gibt nur eine Sicherheit, dass sich zwei Staaten nicht bekriegen: Beide Staaten müssen Demokratien sein. Kriege zwischen Demokratien sind (bisher) nicht vorstellbar.

Derzeit plagen Deutschland und die EU schlimmere Sorgen als die Abschaffung der Demokratie in der Türkei. Die bürgerlichen Parteien fürchten zu Recht um den Verlust ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht. Sie sind deshalb bereit, auf die Wünsche und Vorstellungen in ihrer Mehrheit kleinbürgerlichen Wähler einzugehen, die bis vor kurzem als inakzeptabel, unmenschlich, faschistisch und unmoralisch gegolten haben. Um die Zahl der Flüchtlinge, die in die EU gelangen, zu drücken, paktieren die demokratischen Regierungen Europas mit bestialischen Despoten rund um das Mittelmeer, die jeden unterdrücken und töten lassen, der ihnen gefährlich werden kann. Die Europäer locken diese Despoten mit Geld und anderen Privilegien. Leider kennen die Despoten die Vorgehensweise der Europäer zu Genüge, sie bei erstbester Gelegenheit zu opfern, auch wenn dies den Europäern gravierende Nachteile beschert. Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass der Strom der Flüchtenden von Pakistan bis Zentralafrika in die EU versiegen wird. Umgekehrt. Es werden noch mehr verarmte, hungernde und leidende Flüchtende in die Staaten der EU aufgenommen werden wollen. In Deutschland werden jährlich nur 4% der abgelehnten Asylanten erfolgreich deportiert. Die Zahl der Bedürftigen wird in der EU somit steil ansteigen.

Seit die Herrschenden der EU auf die inakzeptablen, unmenschlichen, faschistischen und unmoralischen Wünsche und Vorstellungen ihrer kleinbürgerlichen Wähler eingehen, ist nicht mehr davon auszugehen, dass freie Wahlen zu einer Änderung der Politik der Staaten der EU führen werden. Aufgrund der bekannten Bevölkerungszusammensetzungen in Deutschland und anderen Staaten der EU werden die Populisten nicht ausreichend Stimmen erhalten, um die bürgerlichen Regierungen zu stürzen. Der Visionär Houellebecq hat die wahrscheinliche Zukunft Frankreichs aufgezeichnet. Doch es kann noch schlimmer kommen.

Ab einem bestimmten Moment können die materiellen Bedürfnisse der Zuwanderer und der Einheimischen nicht mehr befriedigt werden, da die notwendigen Ressourcen hierfür nicht vorhanden sind. Die Sozialsysteme des Staates brechen zusammen und in der Folge der Staat selbst. Die bisher staatstragenden Streitkräfte lösen sich auf. Es kommt zu Aufständen und Kämpfen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Wer wird siegen? Wird uns Trump retten oder wird uns Putin befreien?

von Ernst Eichengrün

Der sozialdemokratische Politiker Dr. Peter Corterier aus Karlsruhe ist am 22. Februar im Alter von 80 Jahren gestorben. Er gehörte von 1969 bis 1987 mit einer kurzen Unterbrechung dem Bundestag an.

Er war in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufgewachsen. Sein Vater war schon vor 1933 aktiv gewesen und wurde danach deshalb politisch verfolgt. Peter Corterier war also von Anfang an von der Gegnerschaft zu Diktaturen ebenso geprägt wie von der freiheitlichen Tradition seines Heimatlandes Baden.

Früh ging er in die Politik. 1965 wurde er stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos, danach bis 1969 deren Vorsitzender. 1968 wurde er als erster Jungsozialist Mitglied des Parteivorstandes der SPD – ein lange fälliger Verjüngungsschritt in diesem Gremium. 1969 gewann er bei der Bundestagswahl den Wahlkreis Karlsruhe direkt. Er blieb – mit einer kurzen Unterbrechung – bis 1987 im Bundestag.

Er hat es getan. Und er wird es wieder tun – darauf ist Verlass. Von Erdogan und seinen Ministern mit Nazi-Vergleichen belegt zu werden, verwundert die Deutschen mehr als dass es sie kränkte: »Wie? Das kommt von dem? Selber Fascho!« Mehr fällt ihnen dazu nicht ein und das ist der Grund, aus dem er es wieder tun wird. Immerhin ist es ihr liebstes Spiel und Erdogan will, was er immer schon wollte – mitspielen. »Platz dem Spieler! Keine Exklusion! Null Toleranz! Weg mit den Faschisten!« Selbst Franco hätte das verstanden. Auf dem Weg an die Macht stören die Schreier, aber sie stören nicht allzu sehr, vorausgesetzt, man versteht ihr eigenes Geschrei gegen sie einzusetzen.

von Ulrich Schödlbauer und Gunter Weißgerber

Auch das Verhängnis macht Fortschritte. Jedem geläufig ist das Bild der tickenden Zeitbombe, die rechtzeitig entschärft werden muss, damit ›wir alle‹ noch einmal davonkommen dürfen, sei es als Kinobesucher, sei es als Börsenanleger oder Rentenbezieher. Die Öffentlichkeit ist an dieses Bild so gewöhnt, dass eine bürgernahe, verantwortungsbewusste Politik in der Regel daran gemessen wird, inwieweit es ihr gelingt, tickende Zeitbomben zu entschärfen oder zumindest den Zeitpunkt der Detonation in die nächste Legislaturperiode oder in die nächste Generation zu verschieben.

von Gunter Weißgerber

Über Jahrzehnte waren Wahlergebnisse nahe und über 40 Prozent der SPD-Normalfall. Zum Nutzen der Bundesrepublik in Europa, zum Nutzen der NATO und zum Nutzen dieser Welt. Martin Schulz ist aufgebrochen, diesen Normalfall wieder herzustellen. Ich wünsche ihm das Glück des Tüchtigen und viel Erfolg. Diese Republik braucht Stabilität innen, in der EU, in der NATO, in der Welt.

Von Stephan Hilsberg

›Jackie‹, ist ein hochklassiger US-amerikanischer Film, in dessen Mittelpunkt Jackie Kennedy in den wenigen Tagen, die mit der Ermordung ihres Mannes beginnen, und mit der Beisetzung ihrer beiden toten Kinder neben ihrem Mann in Arlington enden, steht. Es hat schon viele Versuche gegeben die Geschichte der First Lady, deren Mann neben ihr erschossen wird, in einen Film zu übertragen. Diesen hier kann man getrost als gelungen betrachten.

von Antje Vollmer

Bei der berechtigten Kritik an der Austeritätspolitik werden oft die Vorgeschichte und die Schlüsselereignisse vergessen, die entscheidend dafür waren, warum sich diese Denkschule später so nahezu widerstandslos im europäischen Rahmen durchsetzen konnte.

von Lutz Götze

Des Polonius Wort aus Hamlet bleibt dem kritischen Betrachter einzig, wenn er einen Blick auf die zeitgenössische Bildungslandschaft wirft: Schule und Universität sind gleichermaßen von einer nie zuvor erlebten Erosion betroffen. Genauer: Der Verfall jahrhundertealter Sitten und Normen geht einher mit einer Rechtfertigung der Niveaulosigkeit und der hymnisch-kultischen Apologie vermeintlich neuer revolutionärer Erkenntnisse des Lernens, Lehrens und Forschens, die alles Dagewesene obsolet machten.

Der Gedanke, einen Großteil der sogenannten Meinungsäußerungen in den sozialen Netzen Geheimdiensten und ihren Subunternehmen zu verdanken, die einander die Bälle respektive Beleidigungen zuschleudern, an denen der brave Bürger sich labt, während er sie von Herzen verabscheut, besitzt, neben allem Ärgerlichen, auch etwas Erheiterndes: Man hätte in den Anfängen der Technik nicht erwartet, den Bereich zwischenstaatlicher Fürsorge so bald über Bereiche ausgedehnt zu sehen, in denen neben Katzenliebhabern und Morgenlicht-Fotografierern vor allem jener Typus von Zeitgenossen unterwegs ist, der in vergangenen Zeiten mit dem Ruf »Extrablatt! Extrablatt!« den innerstädtischen Bummel in den Rang eines Informationserlebnisses erhob.

von Ulrich Siebgeber

Ich wünsche mir einen Kandidaten, der mit der Parole »It’s the Demography, Stupid!« in die nächste Bundestagswahl zu ziehen den Mumm aufbrächte – das wäre mein Kandidat. Denn einmal muss das Elend der Landtags-Durchgurkereien doch ein Ende nehmen und es muss gewählt werden. Ein sonderbarer Gedanke zu einer Zeit, zu der die regierenden, mitregierenden und als informelle Helfer der Regierung assistierenden Parteien dem Einheitsglauben anhängen, keine Wahl zu haben, und sich stattdessen dem Angstbeißertum gegen den Aufsteiger verschreiben, der seit Anti-Euro-Zeiten die Alternative im Parteinamen trägt.

»Ehrlich gesagt, ich möchte nicht von Rauschgiftsüchtigen regiert werden...« – man hat den Unbekannten am Nollendorfplatz nicht ausreden lassen, Vokabeln wie »Nazi«, »Denunziant«, »Schweinehund« prasselten auf ihn nieder und als die Polizei ihn anschließend wieder auf die Beine stellte, um, vermutlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, seine Personalien festzustellen, nützte eine junge Dame die Gelegenheit und spuckte ihm kräftig ins Gesicht.

Die Neigung meines Onkels zur Geschichtsklitterei hatte verschiedene Gründe, darunter historische: Im Sommer ʼ45, als es galt, dem Heimwärts­drang der Füße zu folgen, erlaubte sie ihm, falls man seinen Reden Glauben schenken darf, mehreren alliierten Militärposten ein Schnippchen zu schlagen und so zu verhindern, dass er im nächstgelegenen Kriegs­gefangenen­lager landete. Ja, man sagte ›landen‹, um anzudeuten, dass der Irrflug des aufgescheuchten Subjekts doch einmal zu Ende gehen musste. Das Radebrechen ging meinem Onkel noch zu meiner Zeit glatt von der Zunge, er konnte Identitäten nach Belieben auffahren, sobald ihm danach war oder die Umstände es verlangten. Milieu-Angst lag ihm fern, er stürzte sich auf fremde Milieus, etwa das meiner studentischen Freunde, und achtete der Peinlichkeit nicht: ein Zug, den ich gelegentlich an unseren Medien bewundere, gerade jetzt z.B. aus Anlass des amerikanischen Wahlkampfs, doch der Gelegenheiten sind viele. Vielleicht war – und bin – ich durch ihn gewarnt: sobald ich eine Zeitung aufschlage, halte ich unwillkürlich nach dem nächsten Kontrollposten Ausschau – es könnte sein…

von Michael Milutin Nickl

Wilfried Scharnagl: Am Abgrund: Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland. Mit einem Vorwort von Michail Gorbatschow. München/Berlin (Keyser-Verlag) 2015, 183 Seiten.

Christian Wipperfürth: Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld. Die Krise, der Krieg und die Aussichten. [WIFIS aktuell Bd.51], Leverkusen (Verlag Barbara Budrich) 2015, 73 Seiten.

All meine Tanten und Onkel sind tot, gefallen in jenem ungeheuren Bürgerkrieg, der Altern heißt. Zeit also, hinter ihnen herzuspionieren. Was sie getan haben, es sei ihnen geschenkt. Was sie mir angetan haben, ich weiß es nicht. Natürlich weiß ich es, aber ich weiß es nicht wirklich, so, wie es sich für ein ordentliches Wissen gehört, beidseitig, mit einer soliden Portion Verständnis für ihre Denkweise und, wichtiger vielleicht noch, für die Gründe, aus denen sie dies oder jenes getan haben, aus denen sie mir dies oder jenes angetan haben. Denn, unter uns, es waren schlimme Finger darunter, die keine Gelegenheit passieren ließen, mir eins auszuwischen. Was habe ich gelitten! Nun ja, es wird sich in Grenzen gehalten haben, Kindertränen trocknen schnell.

 von Wolf Wagner

Siegfried Heimann hat eine umfassende, vielgelobte Geschichte des Preußischen Landtags 1899-1947 geschrieben. Dabei ging es um eine Institution und was in ihr politisch geschehen ist. Das nachfolgende Buch „Der ehemalige Preußische Landtag.“ ist ganz anders. Hier geht es nicht um eine Institution, sondern um ein Haus. Die Institution war aufgelöst. Es blieb nur das Haus.

Künstler: Michael Sowa

– Noch zwanzig Runden und sie wäre übern Berg.

von Michael Sowa / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (12)]

 

von Eckard Holler

Der »Erste Freideutsche Jugendtag«, der am 11. und 12. Oktober 1913 auf dem »Hohen Meißner« bei Kassel als Gegenveranstaltung zur hurrapatriotischen Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig von Anhängern des Wandervogels und der Reformbewegungen gefeiert wurde, jährte sich 2013 zum 100. Mal.

von Herbert Ammon

I.

Wir sind entrüstet: So unterschiedliche Persönlichkeiten wie Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der weitgereiste Jubilar Peter Scholl-Latour, selbst der als geistig eigenständig bislang wenig bekannte CDU-Politiker Armin Lascheth, last but not least Alice Schwarzer, äußern Verständnis für Putin und dessen Vorgehen auf der Krim.

von Katharina Kellmann

Karl Marx starb 1883 und kam in die Hölle. Nicht, dass er groß über das Leben nach dem Tode nachgedacht hätte, aber er glaubte nicht, dass er im Himmel aufgenommen worden wäre. Allerdings sah es in der Hölle anders aus als in seiner Vorstellung.

von Christoph Jünke

Es hatte etwas von einem »Medien-Tsunami« (so einer der Beobachter), als im letzten Viertel des vergangenen Jahres ausgiebigst dem hundertsten Geburtstag des einstigen Reform-Kanzlers Willy Brandt gedacht wurde.

von Ralf Stegner

Als langjähriger Landtagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender  begleite ich die Entwicklung der Debatte über unseren Parlamentarismus mit großer Sorge. Das öffentlich gezeichnete Bild unserer Volksvertretungen und ihrer Mitglieder wurde im Laufe der Zeit zunehmend negativ, die inhaltlichen Bewertungskriterien parlamentarischer Arbeit sind immer mehr bloßen Zahlenspielen gewichen. Für mich Grund genug, meine Gedanken zu ordnen und einen Denkanstoß zu geben in der Hoffnung, einen konstruktiven Beitrag zu dieser Debatte zu leisten.

von Lutz Götze

Die Diskussion hält unvermindert an und gewinnt obendrein an Intensität: Was eigentlich ist die ›Zeit‹? Lassen sich Wesen und Inhalt des Begriffs definieren? Was verbirgt sich hinter dem Begriff der ›Beschleunigten Gesellschaft‹? Wie schaffe ich es, dem Stress des Alltags zu entfliehen und mehr Zeit für mich, meine Familie und meine (eigentlichen) Interessen zu gewinnen? Der alte Kindersatz Am Samstag gehört Papi mir findet neuen Zuspruch. Ratlosigkeit ist allenthalben zu konstatieren. In diese Freizone stoßen vermeintliche Ratgeber, die in Büchern, Seminaren und Fernseh-Gesprächsrunden ihre Empfehlungen ausbreiten.

von Horst Heimann

Die Kapitalismuskritik von Wolfgang Streeck und Jürgen Habermas

Das kapitalismuskritische Buch von Wolfgang Streeck (2013a) und die kapitalismuskritischen Aufsätze von Streeck (2013b) und Jürgen Habermas (2013) erregten in den Medien mehr Aufmerksamkeit als es für anspruchsvolle wissenschaftliche Bücher und Zeitschriftenaufsätze üblich ist. Wo liegt die Ursache für dieses starke Interesse? Legten die Autoren völlig neue, weltumwälzende Erkenntnisse vor, die noch nie jemand zu veröffentlichen gewagt hatte? Nein, im Gegenteil: Die lebhafte Resonanz folgt sogar aus der Tatsache, dass sich beide Autoren mit ihrer dezidiert kapitalismuskritischen Interpretation unserer Gesellschaft vollkommen im wissenschaftlich-publizistischen Mainstream unserer Zeit, also des Zeitgeistes bewegen, auch in Übereinstimmung mit der großen Mehrheit der Gesamtbevölkerung.

von Peter Brandt

Bernd Faulenbach, Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969-1982, (Die deutsche Sozialdemokratie nach 1945, Bd. 3.) Bonn (J. H. W. Dietz Verlag) 2011, 824 Seiten.

 Bernd Faulenbachs opus magnum (mit über 800 Seiten groß auch in der Quantität) ist Teil der im Bonner Dietz-Verlag im Anschluss an die ebenfalls höchst beachtliche vielbändige und noch nicht abgeschlossene Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert erscheinenden Reihe Die deutsche Sozialdemokratie nach 1945; zuletzt (vor Faulenbach) kam 2004 dort Klaus Schönhovens Buch über die Jahre der ersten Großen Koalition, also den Zeitraum unmittelbar vor der sozial-liberalen Regierung heraus.

von Katharina Kellmann

1839 malte William Turner das berühmte Bild eines britischen Linienschiffes, das von einem Dampfer zum Abwracken geschleppt wird. Es ist die HMS Temeraire, die 1805 an der Seeschlacht von Trafalgar teilnahm. Der hölzerne Riese wurde von einem kleineren Dampfschiff gezogen. Die Zeit der Segelschiffe neigte sich dem Ende zu, dem Maschinenantrieb gehörte die Zukunft. England, das Mutterland der Industrialisierung, befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht.

von Herbert Ammon

Erleichterung ist spürbar in der Welt der Politik und der Finanzen. Die Zaubermittel der Troika, die Bereitstellung von exorbitanten, elektronisch erzeugten Geldsummen als ›Rettungsschirme‹ für gefährdete Banken und vom Bankrott bedrohte Staaten, zuletzt die umfassende Kaufgarantie des EZB-Chefs Mario Draghi für Staatsanleihen der Krisenländer, zeigen Wirkung.

von Katharina Kellmann

»Leutnant Chlopow von der Leibgarde Ihrer Majestät.« Der junge Mann stellt sich vor.

So fängt es immer an. Offiziell sind die jungen Offiziere en suite zu meinem Schutz abkommandiert, hier im Petersburger Schloss. Aber wer sollte mich überfallen? Die Türken sind weit weg, die Preußen nicht mehr das, was sie einmal waren und die Habsburger führen keine Kriege, die heiraten lieber.

von Friedrich Schorlemmer

Der nächste Präsident wird es nicht leicht haben, nach allem, was nun an Bürde auf dem Amt liegt. Die jetzige Debatte wirkt überhöht, die Diskussion ist nervös. Wir brauchen keine Majestät, keinen Übervater und keinen unbefragbaren Heiligen Stuhl - wir brauchen einfach jemanden, der Dinge auf den Punkt bringen kann, der mitzureißen versteht, der weltkundig ist und dabei eine persönliche Glaubwürdigkeit besitzt.

von Raimund Rotzagel

Am Rostocker Joachim Gauck sollte man sich nicht aufranken. Wieso soll ein g`standner Uropa und passionierter Polit-Theologe seine neue Flamme nicht mit ins Schloss Bellevue mitnehmen? Passt scho. Ob sich einst Petronius so eine schöne Polit-Burlesque hätte selber ausdenken können?

Die 15. Bundesvertreterversammlung vom 18. März 2012 ist am Zug, selbstverständlich wieder »ohne Aussprache«, d.h. mit striktem, politischem Redeverbot. Entspricht und entsprach wie vorher schon der bundesdeutschen Üblichkeit gemäß Grundgesetzartikel 54.

von Felicitas Söhner

Im zwanzigsten Jahr nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages und vier Jahrzehnte nach Willy Brandts Versöhnungsgeste vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos veröffentlicht der polnische Historiker Tomasz Szarota erstmals eine Auswahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten in deutscher Sprache.

Raymond Verdaguer: No more

von Raymond Verdaguer /Ulrich Siebgeber

— Wenigstens hat sie uns erspart, dem Hurensohn die Hammelbeine abschießen zu müssen, ohne einen Treffer zu landen.

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (1)]

 

von Herbert Ammon

Vor ein paar Wochen brachte  ich meine Liebe zu Yahoo.com in die Diskurse zur globalen Kultur ein. Es ging um den in diesem unseren Lande unerlässlichen Nachweis politischer oder, was auf dasselbe hinausläuft, politisch korrekter Bildung. Ich unterließ den Hinweis, dass ich per Mausklick zuweilen auf welt-online.de als weiteres Informationsmedium zurückgreife. Der Grund: Dort im Hause Springer – mit taz-Genossenschafter und Guttenberg-Promotor Kai Dieckmann an der Spitze - sprudelt die reinste Quelle demokratischen Denkens in der Berliner Republik.

von Herbert Ammon

»Wer sagt uns eigentlich, dass alle weltlichen Probleme gelöst werden sollen und können?« (D.B.)

Auf den Kontrast  der aus Bonhoeffers Biographie sowie den aus der Gefängniszeit (1943-1945) überlieferten Dokumenten zur vorherrschenden Deutung als ›progressiver‹ Theologe habe ich in dem GlobKult-Beitrag Dietrich Bonhoeffer: christlicher Abendländer und deutscher Patriot (Globkult, 26. April 2010) hingewiesen. Bonhoeffers Denken bewegte sich im Kontext deutscher kulturkritischer Geschichtsdeutung und – in Auseinandersetzung mit seinem verehrten Lehrer Adolf von Harnack - antiliberaler Theologie. Im folgenden geht es um die Konkretisierung dieses Befundes anhand einer Analyse der Ethik.

von Peter Brandt / Dimitris Th. Tsatsos

Der Gedanke eines engeren Zusammenschlusses Europas, damals als eine Art Fürs­tenbund und in scharfer Abgrenzung gegen das islamische Osmanische Reich, we­niger deutlich auch gegen Russland und die orthodoxe Ostkirche, fand bereits seit dem 15. Jahrhundert seinen Niederschlag in Konföderationsplänen, die teilweise von Herrscherpersönlichkeiten wie Heinrich IV. von Frankreich stammten. Daneben for­mulierten, meist weniger konkret, herausragende Denker wie Johann Amos Co­menius, Jean Jacques Rousseau und Immanuel Kant die Idee der Einigung Europas. Henri de Saint-Simon, zugleich einer der frühen utopischen Sozialisten, fasste ganz Europa bereits als konstitutionelle Monarchie mit einem Zwei-Kammer-Parlament ins Auge. Konservative wie François René de Chateaubriand entwickelten ebenso eigene Vorstellungen wie Vertreter der liberal-demokratischen Nationalbewegun­gen, so Giuseppe Mazzini – in der Tat ist die Differenzierung des großen Kultur- und Sozialraums westlich des Urals in die modernen Nationen ein typisch europäi­sches Phänomen –, der bürgerlichen Friedensbewegung und natürlich des Sozialis­mus in allen seinen Strömungen. Die SPD formulierte etwa in ihrem Heidelberger Programm von 1925 die Parole der »Vereinigten Staaten von Europa«.

von Peter Brandt

Für eine ganze Generation, vor allem, aber nicht allein von Intellektuellen, war die Revolution 1848/49 das große politische Erlebnis schlechthin gewesen, das sie über alle Fährnisse des individuellen Schicksals hinweg für das ganze Leben tief geprägt hat. Sie hießen in den Folgejahrzehnten die ›Achtundvierziger‹ (so wie man heute – mehr oder weniger plausibel – von den ›Achtundsechzigern‹ spricht).

von Herbert Ammon

Wie real ist die ›braune Gefahr‹, wie verbreitet sind rechtsextremistische Tendenzen unter Jugendlichen, was fasziniert an der Subkultur der Skinheads, an Nazi-Rock und martialischem ›Outfit‹? Wann immer von ›rechten‹ Gewalttaten zu berichten ist – da wird ein Obdachloser totgeprügelt, da wird ein Jugendlicher wegen seines ›linken‹ Aussehens zusammengeschlagen und in der Jauchegrube versenkt – sind die Medien mit Erklärungen schnell zur Hand: Schuld sei der nie überwundene Rechtsextremismus, der im Gefolge der Wiedervereinigung aufgelebt sei und vor allem im östlichen Deutschland seinen Nährboden gefunden habe. Werden ›Experten‹ zu Rate gezogen, so dient bezüglich der Ex-DDR als theoretisches Grundmodell vielfach noch der ›autoritäre Charakter‹ und die Faschismus-Skala, welche die westdeutschen 68er einst bei Th. W. Adorno u.a. erlernten und auf ihre Vätergeneration anwandten.

von Herbert Ammon

 ›Wende‹ oder Revolution? Zu den Vorzügen des vorliegenden Buches gehört, dass sein Autor sich nicht der Tendenz unterwirft, die alles umstürzenden Ereignisse im Herbst 1989 im Sprachduktus der zu demokratischen Sozialisten gewendeten Kommunisten zur bloßen ›Wende‹ zu verflachen, sondern als das zu benennen, was zum Erstaunen der Welt wirklich stattfand: eine Revolution. 

139 plus minus eins

von Christoph Jünke

 Es gibt nur wenige Fragen, die die menschliche Vorstellungskraft in solche Höhen und Tiefen zu treiben vermögen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und doch stellt sie sich als ewige, als zutiefst menschliche Frage realiter nicht jeden Tag. Im Alltagstrott nicht sehr beliebt, drängt sie sich in den Zeiten individueller wie kollektiver Krisen, in Zeiten des individuellen wie kollektiven Bruchs und Überganges geradezu auf. Ob individuell oder kollektiv, ob in der Pubertät, der Midlife-Krise, vor dem Lebensabschluss oder in Zeiten passiver wie aktiver revolutionärer Gesellschaftstransformationen: »Die große Sinnfrage taucht meist in Zeiten auf, in denen bislang als gesichert geltende Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.«

Paul Mersmann Zirkus.jpg
Von Paul Mersmann der Jüngere - Grabbeau. Museum im Netz http://www.grabbeau.de, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11186370

Als wir vor Jahr und Tag die Arbeiten des Paul Mersmann zu entdecken begannen (es waren nicht zwölf an der Zahl und etliche waren nichts weniger als herkulisch, andere dagegen unbedingt), da wussten wir nicht, auf welche Schätze wir stoßen sollten, wir ahnten es nicht einmal. Sie ruhten gut verwahrt in privaten Sammlungen, in Villen, aber auch an öffentlichen Orten, darunter so belebten wie dem Wiesbadener Bahnhofsvorplatz oder einer Marburger Mensa. Nein, sie erweckten nicht den Eindruck, als habe sie niemand bemerkt. Eher wirkten sie, als habe es niemand für nötig befunden, eigens auf sie hinzuweisen, da sie so vollständig für sich selbst sprechen, dass sich die Aufgabe eigentlich von selbst erledigt. Andererseits hatten wir nicht den Eindruck, zu früh zu kommen: schon haben sich erste Spuren der Ignoranz auf sie gelegt, Vorboten der Zerstörung durch Achtlosigkeit, möglich gemacht durch eine unfassbare Gleichgültigkeit der Kunstwelt und – inzwischen muss man auch das sagen – der Kunstwissenschaft, die lieber den Rosenkranz stattgehabter Erfolge herunterbetet, als dass sie sich zu Urteilen über die zeitgenössische Kunst herausfordern ließe.

von Ulrich Siebgeber

Wenn, woran die Direktorin des Kölner Stadtarchivs aus gegebenem Anlass erinnerte, jede Epoche unmittelbar zu Gott ist, und wenn daraus folgt – wie die Bemerkung anzudeuten scheint –, dass ihre Dokumente per se als sakrosankt anzusehen sind, dann hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gerade ein paar heilige Textchen mehr unters Volk gebracht, ohne dass es der hochverehrten Leserschaft sonderlich aufgefallen sein dürfte.

von Ulrich Schödlbauer

Meine erste Begegnung mit der Kunst Walter Rüths – nicht mit seinen ersten Bildern, sondern mit dem, was er bald darauf grab_art nannte – verdanke ich, so unglaublich es klingen mag, einem Fahrradsattel. Dieser Sattel, wenn man ihn noch so nennen darf, hat sich aus seiner Halterung gelöst, er ist emporgestiegen, fast wie ein Tier, ein Marder oder ein Eichhörnchen, das sich kurzfristig auf seine Hinterbeine stellt, um zu schnuppern, vielleicht eine Gefahr, vielleicht die Freiheit oder einen Hauch davon. Gerade so, mit dieser charakteristischen Biegung der Hinterbeine, in der sich die Spannung und das Ungewohnte der Situation mitteilen, steigt der Sattel vor dem erstaunten Auge des Betrachters auf, das schon ahnt, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein kann, dass er heraustritt aus der Zeit der Begebenheiten und dadurch natürlich eine eigene Dauer gewinnt, die ihm niemand mehr nehmen kann, eine im Bild gewonnene Dauer.

von Herbert Ammon

Erstens haben alle politischen Begriffe, Vorstellungen und Worte einen polemischen Sinn...
Carl Schmitt

Diskurse bezeichneten einst gelehrte Gespräche und Abhandlungen in den Räumen der Wissenschaft auf der Suche nach Erkenntnis. Heute besteht die Praxis des herrschenden Diskurses in Vorgabe, Einübung und Gebrauch der für ein vermeintlich unzweifelhaftes Weltverständnis ›richtigen‹ Begriffe. Die Diskurse reflektieren das Curriculum politischer Pädagogik in der ideellen Gesamtschule.

 Gedanken zu Eric Voegelins Ordnung und Geschichte*

von Ulrich Schödlbauer

1.

Am Ende einer langen Reformperiode, wenn der Begriff der Reform selbst brüchig geworden ist und sich zum xten Mal gegen seine ›ursprüngliche Intention‹ zu kehren beginnt – eine Volte, die nur rhetorisch zu verstehen ist und doch die Konstanz offenlegt, mit der die Verschiebung der gesellschaftlichen Dinge ins Neue betrieben wird –, an einem solchen Ende, das vielleicht weniger durch den unübersehbaren Wechsel

Zu Doro Bregers Projekt Mein ist die Erde. Profanationen 1 – 5

von Ulrich Schödlbauer

1.

Die Trennung des Heiligen vom Profanen schafft Übergänge – Schwellen, Öffnungen, Durchblicke. Durch sie entsteht ein Zwischenbereich der verstohlenen Blicke, der Viertel- und Halbwahrnehmung, der flüchtig und beiläufig konnotierten Referenzen. Das Auge ruht bedeutungsvoll auf entrückten, halb verborgenen und künstlich abgedunkelten Gegenständen, die der Betrachter als ›geheimnisvoll‹ notiert, aber nicht in ihrer eigenen Bedeutungsdimension erschließt. Der ästhetische Symbolismus der Kunst bewegt sich, wie bekannt, in diesem Zwischenbereich. Die Surrealisten haben ihn auszuloten versucht, die Werbung und das Kino haben ihn geplündert und kommerzialisiert. So betrachtet, besteht das, was man die Ikonographie der Warenwelt nennt, zu großen Teilen aus ästhetischen Anleihen. Zweckmäßigerweise gedeihen sie dort am besten, wo den Rezipienten die Bezugnahme nicht deutlich wird. Das kann viele Gründe haben. Zwei davon sind eher struktureller Natur: die Trivialität der Bezüge und die aufgeklärte Modifikation des religiösen Bewusstseins, durch die beim durchschnittlichen Europäer das Heilige mitsamt seinen Bildern, seinen symbolischen Formen und Gesten in den Hintergrund tritt. So wird es erneut zu dem, was es schon in den Anfängen war: verbotener Bezirk.

von Peter Brandt

Die europäische Geschichte der ›deutschen Frage‹

Die ›deutsche Frage‹ ist seit jeher auch eine ›europäische Frage‹ gewesen: Für die Deutschen selbst beinhaltete sie seit rund 200 Jahren in erster Linie das Problem der nationalstaatlichen Einheit und selbstbestimmten inneren Gestaltung, für die Europäer hauptsächlich das Problem der Einfügung der »kritischen Größe« (K. G. Kiesinger) Deutschlands in die internationale Staatenordnung. Ich will in meinem Vortrag dafür keine Rezepte liefern, sondern aus der Perspektive des Historikers den Vorgang der Vereinigung Deutschlands 1989/90 einordnen. Dabei stimmt meine gemäßigt optimistische Einschätzung nur unter der Voraussetzung, dass es trotz anhaltenden Schwierigkeiten mittelfristig gelingen wird, die innere Einheit Deutschlands in ihrem materiellen Kern – als wirtschaftlich-soziale Einheit – zu verwirklichen, anstatt dass sich in Teilen der östlichen Bundesländer doch so etwas wie ein deutscher Mezzogiorno etabliert.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.