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Von Ulrich Siebgeber

Sehr geehrter Herr ***,

wir sind nun bereits so lange Facebook-Freunde ( hin und wieder lese ich Ihre teils traurigen, teils spöttischen Einträge), dass ich Sie gerne ein paar Dinge fragen möchte. Haben Sie einmal in einem anderen europäischen oder nichteuropäischen Land gelebt? Können Sie Vergleiche zu anderen Ländern ziehen, wenn Sie sich über Ihre deutsche Lebensumgebung mokieren?

von Ulrich Siebgeber

Manchmal wundert sich eine gut trainierte Gesundheit ... dann doch über den Verstand des Publikums, dem zur Rechthaberei seiner schreibenden Lieblinge, außer dem üblichen Geschimpfe, selten etwas einfällt, das sich über den Abgrund zwischen Landes- und Menschheitsverrat hinwegschwingt: drunter machen es die guten Deutschen nun einmal nicht, sie haben es einstudiert, als sie noch zwischen Mauer und Stacheldraht ihrer Klein- und Möchtegernstaaten dahinschmorten, und wollen es auch im respektablen Miteinander ihres gegenwärtigen Staatswesens nicht missen.

von Ulrich Siebgeber

Die affektierten Nutznießer des Nationalstaats erkennt man daran, dass sie ihn ›irgendwie‹ hinter sich haben – nicht etwa, weil sie sich zu eingefleischten Individualisten erzogen hätten, die zu allem ›Gemeinen‹ ein ironisches Verhältnis pflegen, sondern aus – man darf es so sagen – purem Gemeinsinn: sie sind eingefleischte Europäer. Genau gesagt, handelt es sich um Neu-Europäer, die jenen Europäern, die als Schweden, Griechen, Spanier, Kroaten, Polen, Ungarn, Franzosen oder Engländer diesen Kontinent geformt haben...

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Zunächst: Nichts ist passiert. Keinem Regierungschef der G20 wurde ein Haar gekrümmt, keines der zahllosen mit angereisten Delegationsmitglieder musste irgendein durch Fremd- oder Selbsteinwirkung entstandenes Ungemach erleiden, das kritikwürdig oder auch nur -fähig genannt werden könnte, kleinere Unpässlichkeiten, entstanden durch Alkoholgenuss oder falsche Kost oder nächtliche Eskapaden, tangierten nicht das allgemeine Bewusstsein.

Blickt man auf die Gesellschaft der Nationen, dann fällt auf, dass sich auch unter ihnen Moralisten der gehobenen und der gesenkten Braue finden, Moralisten von Geburt und solche, die ihre Lektion gelernt zu haben beteuern. Kein Zweifel, sie ergänzen einander, sie kommen voneinander nicht los, sie haben einander unendlich viel zu sagen – ins Gesicht, aber auch sonst, hintenherum, wenn einer Partei etwas stinkt oder der Einzelne besser schweigt. In solchen Fällen tritt das Kollektiv in Aktion, die üblichen Sender senden, die fleißigen Finger der Nation tasten das Feld der gängigen Überheblichkeiten ab, die kritischen Federn federn ins intellektuelle Abseits, die Helden des Geistes… Parlamente, getragen von historisch-geläutertem Hochgefühl, beschließen Resolutionen, die aus der Empörung der anderen Seite bereits Kapital schlagen, bevor sie Gelegenheit hatte, sich erkenntlich zu zeigen, Leitfiguren der Unterhaltungsbranche bekommen plötzlich Meinungen wie andere Leute Brechdurchfall und der eine oder andere zur Hälfte abgehalfterte Volksheld erhebt seine Stimme, als kehre er in den Kreis der Gemeinten zurück.

Kassandra darf schweigen. Ihre Voraussagen haben sich rascher erfüllt, als sie selbst es für wahrscheinlich gehalten hätte.
Wovor sie warnen könnte, es ist Realität.
Ein Krieg, der keiner sein darf? – Alltag.
Dschihad auf europäischem Boden? – Alltag.
Ethnokulturell fundierte Gewalt auf europäischem Boden? – Alltag.
Gewaltbereiter Fremdenhass beiderseits der Demarkationslinie, die ›Fremde‹ und ›Einheimische‹ voneinander trennt? – Alltag.
Gespaltene Gesellschaften, zwischen deren Fraktionen das Denunziationsgebot herrscht? – Alltag.
Gesinnungs-Konformismus, der jedem freien Gedanken ins Gesicht schlägt? – Alltag.
Ein ›verantwortlicher‹ Journalismus, dessen oberste Mitteilungsregel lautet: Nichts gegen den Augenschein, alles gegen den Augenschein? – Alltag.
Ein mürrischer Staat, der Wohlverhalten anmahnt und für den Notfall rüstet? – Alltag.
Eine zerfallende Union, die nach dem Motto handelt: »Rette sich, wer kann!«  – Alltag.
Ein Karussell der Schuldzuweisungen, das sich von Anschlag zu Anschlag verheerender weiterdreht? – Alltag.

Die Türkei geht uns nahe. Wer diesen Satz angemessen erläutern könnte, mit allen Vorder- und Nachsätzen, er würde Erhellendes zur Deutschen Pathologie beisteuern, die, effektiver als die Regierenden, das Land im Griff hat. Nicht das Schicksal der Türkei geht ›uns‹ nahe, auch nicht die Leute, nicht das Land an sich– was dann? Man könnte meinen, es seien die Millionen Türken und Deutsche türkischer Herkunft (mit türkischem Pass), die unübersehbar in die Mitte der Gesellschaft und – noch vereinzelt – in ihre höheren Ränge vorrücken. Aber gerade sie haben die Türkei verlassen, aus Gründen, über die niemand zu rechten hat. Und diejenigen unter ihnen, die im ›Aufnahmeland‹ nicht recht Fuß fassen konnten, ›identifizieren‹ sich vielleicht mit den Verhältnissen in der Türkei, weil im Hintergrund der türkische Sender läuft und die Familienbande nach wie vor intakt sind – nahegeht den Deutschen, Migrationshintergrund hin oder her, das alles nicht.

Zu den Narrenwörtern des Westens gehört das Wort ›selbsternannt‹. Ein Attentäter, dessen Umfeld als ›clean‹ gilt – gleichgültig, ob er oder seine Komplizen oder seine Hintermänner etwaige Spuren sorgfältig getilgt haben, ob die Ermittlungsbehörden es aus Gründen der Staatsräson unterließen, die Öffentlichkeit über die wahren Zusammenhänge ins Bild zu setzen oder ob es sich in der Tat um einen jener legendären einsamen Wölfe handelt, deren Wolfseigenschaft sich abseits vom Rudel Bahn bricht –, ein solcher Einzeltäter muss über kurz oder lang damit rechnen, als selbsternannter Terrorist durch die Medien zu geistern, vermutlich, damit irgendeine Form der Ernennung greift, bevor über die Sache Gras wächst, und die Erwartung kommender Anschläge nicht das allgemeine Lebensgefühl eintrübt.

Karlheinz Deschner, der sich herausnahm, Religionsgeschichte als Kriminalgeschichte zu schreiben, brachte es doch kaum weiter als zur Geschichte der – allerdings monströsen – Verfehlungen einer welthistorischen Institution: der katholischen Kirche. Nicht im Traum wäre es ihm eingefallen, den einfachen Kirchgänger für die Machenschaften verblichener Kirchenfürsten und ihrer Helfershelfer haftbar zu machen. Allenfalls wollte er ihm die Augen öffnen, Aufklärung betreiben in jenem ältesten und unverfänglichsten Sinn, der sich aus dem Wort allem Missbrauch zum Trotz nicht ganz vertreiben lässt.

Vergessen schmerzt nicht, es schadet nur – tröstliche Botschaft für alle, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Welt zu verbessern, ohne sich gründlich mit ihr auseinandergesetzt zu haben. Auseinandergesetzt? Wer hätte sich nicht –? Nichts, wenn man sich umhört, geht den Mitmenschen leichter von der Hand als sich ›auseinanderzusetzen‹. Fast jeder hat es irgendwann getan, die meisten sind gerade, soweit ihre begrenzte Zeit es zulässt, im Begriff, es zu tun oder wünschen es sich um ihr Leben gern. ›Ich setze mich gerade auseinander‹ – ein erstaunliches Bekenntnis, lieber wünschte man der betreffenden Person, sie säße gerade gemütlich beieinander. Und tut sie es nicht? Warum klaffen Selbstaussage und Fremdwahrnehmung gerade hier so hemmungslos auseinander?

Wer auf Dummenfang geht, ist in der Regel um ein Wort nicht verlegen. Die Hälfte davon sind Schuldzuweisungen, der Rest Abwehr – Abwehr von Menschen, Analysen, Auffassungen, die nicht gefragt sind, denen zu folgen zu einfach wäre oder zu riskant oder beschämend oder nicht förderlich.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.