Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

Von Ulrich Siebgeber

Sehr geehrter Herr ***,

wir sind nun bereits so lange Facebook-Freunde ( hin und wieder lese ich Ihre teils traurigen, teils spöttischen Einträge), dass ich Sie gerne ein paar Dinge fragen möchte. Haben Sie einmal in einem anderen europäischen oder nichteuropäischen Land gelebt? Können Sie Vergleiche zu anderen Ländern ziehen, wenn Sie sich über Ihre deutsche Lebensumgebung mokieren?

von Ulrich Siebgeber

Manchmal wundert sich eine gut trainierte Gesundheit ... dann doch über den Verstand des Publikums, dem zur Rechthaberei seiner schreibenden Lieblinge, außer dem üblichen Geschimpfe, selten etwas einfällt, das sich über den Abgrund zwischen Landes- und Menschheitsverrat hinwegschwingt: drunter machen es die guten Deutschen nun einmal nicht, sie haben es einstudiert, als sie noch zwischen Mauer und Stacheldraht ihrer Klein- und Möchtegernstaaten dahinschmorten, und wollen es auch im respektablen Miteinander ihres gegenwärtigen Staatswesens nicht missen.

Schreibverfahren in Medizin und Literatur– ein interdisziplinärer Blick

von Felicitas Söhner

Ärztliches Alltagshandeln ist geprägt von Schreibverfahren: medizinische Akteure protokollieren, beschreiben, empfehlen und halten in Akten fest. Technischer, diagnostischer und therapeutischer Fortschritt, administrative Anforderungen wie mechanische Aufzeichnungsformen nehmen und nahmen Einfluss auf medizinisch-epistemische Genres. Der vorliegende Sammelband geht zurück auf eine Ringvorlesung internationaler Wissenschaftler der Mercator-Forschergruppe Räume anthropologischen Wissens an der Ruhr-Universität Bochum in den Jahren 2011 und 2012. Darin konzentrieren sich die Herausgeber Yvonne Wübben, Medizinerin und Literaturwissenschaftlerin, und Carsten Zelle, Germanist, auf das Verhältnis von Literatur und Medizin.

von Ulrich Siebgeber

Die affektierten Nutznießer des Nationalstaats erkennt man daran, dass sie ihn ›irgendwie‹ hinter sich haben – nicht etwa, weil sie sich zu eingefleischten Individualisten erzogen hätten, die zu allem ›Gemeinen‹ ein ironisches Verhältnis pflegen, sondern aus – man darf es so sagen – purem Gemeinsinn: sie sind eingefleischte Europäer. Genau gesagt, handelt es sich um Neu-Europäer, die jenen Europäern, die als Schweden, Griechen, Spanier, Kroaten, Polen, Ungarn, Franzosen oder Engländer diesen Kontinent geformt haben...

...

von Christian Wipperfürth

Der Autor beabsichtigt, »die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts frei(zu)legen« (9). Dieses Thema ist wichtiger, als es einem mitteleuropäischen Beobachter vielleicht zunächst erscheinen mag. Die russisch-georgischen Beziehungen haben sich in den Jahren nach 2004 dramatisch verschärft, was zu dem zunehmenden Misstrauen zwischen dem Westen und Russland – und somit zu der Sackgasse, in der sich die wechselseitigen Beziehungen seit Jahren befinden – wesentlich beitrug.

Zunächst: Nichts ist passiert. Keinem Regierungschef der G20 wurde ein Haar gekrümmt, keines der zahllosen mit angereisten Delegationsmitglieder musste irgendein durch Fremd- oder Selbsteinwirkung entstandenes Ungemach erleiden, das kritikwürdig oder auch nur -fähig genannt werden könnte, kleinere Unpässlichkeiten, entstanden durch Alkoholgenuss oder falsche Kost oder nächtliche Eskapaden, tangierten nicht das allgemeine Bewusstsein.

von Christoph Jünke

Erst seit wenigen Jahren wird in Österreich der Erinnerung an das sogenannte ›Rote Wien‹ staatspolitisch-museale Bedeutung zugesprochen. Trotz der Tatsache, dass seine sozialdemokratischen Erben nach dem Zusammenbruch des großdeutschen Dritten Reiches eine mitregierende Partei im nun dauerhaft eigenständigen Staate Österreich geworden waren, wurde des in der Zwischenkriegszeit von der alten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (heute: Sozialdemokratische Partei Österreichs – SPÖ) betriebenen Wiener ›Sozialismus in einer Stadt‹ kaum gedacht. Zum schulischen Lehrplan der Fünfziger- und Sechzigerjahre gehörte diese Zeit jedenfalls nicht.

von Holger Czitrich-Stahl

Das zweite Heft des Jahres 2017 dieser Zeitschrift besitzt das Schwerpunktthema Judentum und Revolution: Der Weltverband Poale Zion zwischen Zionismus und Kommunismus. Einschließlich des einleitenden Beitrages von Ralf Hoffrogge nehmen sich fünf Aufsätze dieses Themenkomplexes an, der in der Historiographie der Arbeiterbewegung bestenfalls subkutan präsent war – höchstens durch hervorragende Persönlichkeiten wie Ferdinand Lassalle, Karl Marx, Moses Heß oder Leo Trotzki –, aber einer historischen Längsschnittbetrachtung dringend bedarf. Geschichtlicher Ausgangspunkt der im aktuellen Heft vorgenommenen Auseinandersetzung ist das Jahr 1917, in dem sich nicht nur die russische Doppelrevolution des Februar und Oktober ereignete und die folgenden Zeitläufte entscheidend beeinflusste, sondern der britische Außenminister Lord Balfour am 2. November die Errichtung einer ›nationalen Heimstätte‹ des jüdischen Volkes in Palästina versprach.

von Ulrich Siebgeber

Flüstert leise leise leise
summt das Flüster-Fliegenlied,
von der Stasi lernt die Weise,
die so cool die Strippen zieht.

Blickt man auf die Gesellschaft der Nationen, dann fällt auf, dass sich auch unter ihnen Moralisten der gehobenen und der gesenkten Braue finden, Moralisten von Geburt und solche, die ihre Lektion gelernt zu haben beteuern. Kein Zweifel, sie ergänzen einander, sie kommen voneinander nicht los, sie haben einander unendlich viel zu sagen – ins Gesicht, aber auch sonst, hintenherum, wenn einer Partei etwas stinkt oder der Einzelne besser schweigt. In solchen Fällen tritt das Kollektiv in Aktion, die üblichen Sender senden, die fleißigen Finger der Nation tasten das Feld der gängigen Überheblichkeiten ab, die kritischen Federn federn ins intellektuelle Abseits, die Helden des Geistes… Parlamente, getragen von historisch-geläutertem Hochgefühl, beschließen Resolutionen, die aus der Empörung der anderen Seite bereits Kapital schlagen, bevor sie Gelegenheit hatte, sich erkenntlich zu zeigen, Leitfiguren der Unterhaltungsbranche bekommen plötzlich Meinungen wie andere Leute Brechdurchfall und der eine oder andere zur Hälfte abgehalfterte Volksheld erhebt seine Stimme, als kehre er in den Kreis der Gemeinten zurück.

Kassandra darf schweigen. Ihre Voraussagen haben sich rascher erfüllt, als sie selbst es für wahrscheinlich gehalten hätte.
Wovor sie warnen könnte, es ist Realität.
Ein Krieg, der keiner sein darf? – Alltag.
Dschihad auf europäischem Boden? – Alltag.
Ethnokulturell fundierte Gewalt auf europäischem Boden? – Alltag.
Gewaltbereiter Fremdenhass beiderseits der Demarkationslinie, die ›Fremde‹ und ›Einheimische‹ voneinander trennt? – Alltag.
Gespaltene Gesellschaften, zwischen deren Fraktionen das Denunziationsgebot herrscht? – Alltag.
Gesinnungs-Konformismus, der jedem freien Gedanken ins Gesicht schlägt? – Alltag.
Ein ›verantwortlicher‹ Journalismus, dessen oberste Mitteilungsregel lautet: Nichts gegen den Augenschein, alles gegen den Augenschein? – Alltag.
Ein mürrischer Staat, der Wohlverhalten anmahnt und für den Notfall rüstet? – Alltag.
Eine zerfallende Union, die nach dem Motto handelt: »Rette sich, wer kann!«  – Alltag.
Ein Karussell der Schuldzuweisungen, das sich von Anschlag zu Anschlag verheerender weiterdreht? – Alltag.

von Henning Eichberg

Die Einteilung des politischen Felds in eine Rechte und eine Linke hat sich im Zuge der Moderne – seit zweihundert Jahren – als ein stabiles Muster herausgebildet. Es hat bislang allen Einwänden, die gegen den Dualismus erhoben wurden, und allen Differenzierungen und Versuchen eines ›dritten Wegs‹ getrotzt.

von Ulrich Siebgeber

Die Gefahr

Nach dem ersten Attentat besteht die Aufgabe darin, keine voreiligen Schlüsse
                                                                                                             zu ziehen.
Nach dem zweiten Attentat geht es darum, die voreiligen Schlüsse
                                                                                                        zu revidieren.
Nach dem zehnten Attentat geht es darum, die Zahl der möglichen Täter
                                                                                                     einzuschränken.
Nach dem hundertsten Attentat geht es darum, keine weiteren Attentate
                                                                                                       zu dulden.
Nach dem hundertersten Attentat geht es darum, keine voreiligen Schlüsse
                                                                                                           zu ziehen.

Woher kamen die Täter?
Wer hat sie hergebracht?
Vor wem sind sie weggerannt?
Wer hat sie losgeschickt?
Wer bezahlt ihre Waffen?
Wer gibt ihnen Anweisungen?
Wer betreut die Hinterbliebenen?
Wer ist dieser Niemand und
wo schlägt sein Herz?
Für wen arbeitet sein Verstand?

Vor dem ersten Attentat bestand die Aufgabe darin, Kämpfer auszubilden.
Vor dem zweiten Attentat bestand die Aufgabe darin, Länder zu erobern.
Vor dem zehnten Attentat bestand die Aufgabe darin, den Kampf auszuweiten.
Vor dem hundertsten Attentat bestand die Aufgabe darin, den Bevölkerungen
                                                                                    die Flucht zu ermöglichen.
Vor dem hundertersten Attentat bestand die Aufgabe darin, die Geflohenen
                                                        in ihre zerbombten Länder zurückzuschicken.

Vor dem hundertzehnten Attentat erweist sich die Gefahr, die Aufgabe
                                                                                   zu verfehlen, als groß.


Das Mandat

Die Abgeordnete findet kein Wort für die Schlachtopfer.
Die Abgeordnete will keine Schlüsse ziehen.
Die Abgeordnete findet Schlüsse gefährlich.
Die Abgeordnete findet, die Tätergruppe sei in Gefahr.
Die Abgeordnete ist für das Leben zuständig, nicht für den Tod.
Die Abgeordnete ist grün, weil sie will, dass das Meer blau ist.
Das Meer färbt sich rot.


 

Die Türkei geht uns nahe. Wer diesen Satz angemessen erläutern könnte, mit allen Vorder- und Nachsätzen, er würde Erhellendes zur Deutschen Pathologie beisteuern, die, effektiver als die Regierenden, das Land im Griff hat. Nicht das Schicksal der Türkei geht ›uns‹ nahe, auch nicht die Leute, nicht das Land an sich– was dann? Man könnte meinen, es seien die Millionen Türken und Deutsche türkischer Herkunft (mit türkischem Pass), die unübersehbar in die Mitte der Gesellschaft und – noch vereinzelt – in ihre höheren Ränge vorrücken. Aber gerade sie haben die Türkei verlassen, aus Gründen, über die niemand zu rechten hat. Und diejenigen unter ihnen, die im ›Aufnahmeland‹ nicht recht Fuß fassen konnten, ›identifizieren‹ sich vielleicht mit den Verhältnissen in der Türkei, weil im Hintergrund der türkische Sender läuft und die Familienbande nach wie vor intakt sind – nahegeht den Deutschen, Migrationshintergrund hin oder her, das alles nicht.

Zu den Narrenwörtern des Westens gehört das Wort ›selbsternannt‹. Ein Attentäter, dessen Umfeld als ›clean‹ gilt – gleichgültig, ob er oder seine Komplizen oder seine Hintermänner etwaige Spuren sorgfältig getilgt haben, ob die Ermittlungsbehörden es aus Gründen der Staatsräson unterließen, die Öffentlichkeit über die wahren Zusammenhänge ins Bild zu setzen oder ob es sich in der Tat um einen jener legendären einsamen Wölfe handelt, deren Wolfseigenschaft sich abseits vom Rudel Bahn bricht –, ein solcher Einzeltäter muss über kurz oder lang damit rechnen, als selbsternannter Terrorist durch die Medien zu geistern, vermutlich, damit irgendeine Form der Ernennung greift, bevor über die Sache Gras wächst, und die Erwartung kommender Anschläge nicht das allgemeine Lebensgefühl eintrübt.

Karlheinz Deschner, der sich herausnahm, Religionsgeschichte als Kriminalgeschichte zu schreiben, brachte es doch kaum weiter als zur Geschichte der – allerdings monströsen – Verfehlungen einer welthistorischen Institution: der katholischen Kirche. Nicht im Traum wäre es ihm eingefallen, den einfachen Kirchgänger für die Machenschaften verblichener Kirchenfürsten und ihrer Helfershelfer haftbar zu machen. Allenfalls wollte er ihm die Augen öffnen, Aufklärung betreiben in jenem ältesten und unverfänglichsten Sinn, der sich aus dem Wort allem Missbrauch zum Trotz nicht ganz vertreiben lässt.

von Katharina Kellmann

Nun rollte der Ball wieder; Deutschland war eine Turniermannschaft und der Schiedsrichter war auch gegen uns. Ich bin kein großer Fußballfan, aber einer EM kann man sich nicht so ganz entziehen – immer nur Arte schauen überfordert mich zudem.

von Ulrich Siebgeber

Wann immer eine irreguläre Gewalttat oder eine Ballung endemischer Gewalt Zutritt zum öffentlichen Bewusstsein erlangt, prallen die Sprache der politischen Korrektheit und ihr Gegenbild, die öffentliche und private Hass- oder Wutrede, aufeinander. Zweifellos handelt es sich um ein Ritual, dessen wenig geheime Bedeutung darin besteht, ›das Schlimmste‹ zu verhüten: das Überspringen der Gewalt in die allgemeine Praxis oder in eine ›neue Dimension‹, wie es euphemisierend bei den Verantwortlichen heißt.

Vergessen schmerzt nicht, es schadet nur – tröstliche Botschaft für alle, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Welt zu verbessern, ohne sich gründlich mit ihr auseinandergesetzt zu haben. Auseinandergesetzt? Wer hätte sich nicht –? Nichts, wenn man sich umhört, geht den Mitmenschen leichter von der Hand als sich ›auseinanderzusetzen‹. Fast jeder hat es irgendwann getan, die meisten sind gerade, soweit ihre begrenzte Zeit es zulässt, im Begriff, es zu tun oder wünschen es sich um ihr Leben gern. ›Ich setze mich gerade auseinander‹ – ein erstaunliches Bekenntnis, lieber wünschte man der betreffenden Person, sie säße gerade gemütlich beieinander. Und tut sie es nicht? Warum klaffen Selbstaussage und Fremdwahrnehmung gerade hier so hemmungslos auseinander?

Wer auf Dummenfang geht, ist in der Regel um ein Wort nicht verlegen. Die Hälfte davon sind Schuldzuweisungen, der Rest Abwehr – Abwehr von Menschen, Analysen, Auffassungen, die nicht gefragt sind, denen zu folgen zu einfach wäre oder zu riskant oder beschämend oder nicht förderlich.

von Frauke Geyken

«Ich selbst war auch in die Vorbereitungen zum 20. Juli verwickelt», so formulierte es Annedore Leber in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1947. In ihren Augen war sie eine Widerstandskämpferin aus eigenem Recht und nicht nur die Witwe des hingerichteten Sozialdemokraten Julius Leber.

TTIP

— 20% Handelsvolumen + 10% Rechtssicherheit x 90% Investititionsschutz - 30% Verbraucherschutz : 12,33% Souveränität + 49% Zustimmung : 99% Gleichgültigkeit x 0.99% Produkthaftung - 77% Transparenz : 0,3% Demokratie gleich..."

— Was Sie nicht sagen.

von Michael Sowa / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (9)]

 

von Detlef Lehnert

Mit den Spitzenkandidaturen aus den größeren Fraktionen des Europäischen Parlaments für den Kommissionsvorsitz ist vor und nach dem Wahltermin 25. Mai 2014 eine überraschende Dynamik in den EU-Debatten entstanden. Galt weiteres Absinken der Wahlbeteiligung zuvor als fast unvermeidliches Schicksal einer durch Mitgliederzuwachs und krisenbelastete Expertokratien zunehmend entrückten Staatengemeinschaft, fand diese politische Resignation dann so nicht statt.

von Katharina Kellmann

Der 20. Juli 1944 schien in den Büros der Wehrkreiskommandos wie üblich zu verlaufen. Am späten Nachmittag trafen auf einmal Meldungen ein, die überraschten. Aus dem Allgemeinen Heeresamt in Berlin kam die Mitteilung, dass Hitler tot sei und Generalfeldmarschall von Witzleben, der seit 1942 kein Kommando mehr innehatte, den Oberbefehl über die Wehrmacht übernommen hätte: »Walküre« wurde in Kraft gesetzt.

von Ulrich Siebgeber

Für die Nüchternen kam die Botschaft von der totalen Überwachung der digitalen Datenflüsse durch staatliche Informationsbeschaffer der westlichen Hemisphäre nicht überraschend. Diese Nüchternheit, die sich mit ein wenig Herablassung gegenüber den in ihren Überzeugungen weniger solventen Zeitgenossen paart, ist vielleicht bereits ein Teil des Problems und nicht einmal das geringste, da sie ebenso wenig auf Wissen beruht wie das schlichte Vertrauen auf die rechtliche Sinnesart der staatlichen Organe, also vorgreifend nur die Empörung abschöpft, die sich an solchen – notwendig vage bleibenden – Einsichten der Öffentlichkeit bildet.

von Lutz Götze

Was die Zeit sei, wisse er wohl, so Kirchenvater Augustinus vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden, doch wenn ihn jemand danach frage, könne er dem keine Antwort geben. Im Grunde hat sich daran bis heute nicht allzu viel geändert. Zwar haben sich so gut wie alle Dichter, Künstler, Philosophen, Astronomen oder Mathematiker von einigermaßen Rang zu dem Thema geäußert, doch es zu definieren im Wortsinne, also letztendlich zu erklären und einzugrenzen, ist noch niemandem gelungen.

von Herbert Ammon

I.

Kein Begriff als der Marxsche ›Überbau‹ scheint besser geeignet, um zu kennzeichnen, was man in der Bundesrepublik als ›Erinnerungskultur‹ bezeichnet. Von einigen unscharfen Impressionen der DDR, der ›zweiten Diktatur in Deutschland‹, abgesehen, handelt es sich – ungeachtet der faktisch fortschreitenden Entfernung von der NS-Ära – um die Vergegenwärtigung der Nazi-Verbrechen sowie der jubelnden Massen im ›Dritten Reich‹.

von Katharina Kellmann

 Der Erste Weltkrieg hätte beinahe im Jahr 1911 begonnen. Am 1. Juli 1911 tauchte ein deutsches Kanonenboot, die SMS Panther, vor dem marokkanischen Hafen Agadir auf. Die Entsendung des Kriegsschiffes löste eine internationale Krise aus, deren Verlauf deutlich machte, wie isoliert das Kaiserreich in Europa war. Was als diplomatischer Befreiungsschlag geplant war, endete in außenpolitischem Katzenjammer.

Raymond Verdaguer

– Wenn ich meine Lesart hier vorne reinstecke, kommt dann da unten Geld raus?
– Ich glaube nicht. Besser käme es, wenn das Vorgestreckte durch das Reingesteckte neutralisiert würde und mit dem richtigen Dreh wieder dort herauskäme, wo man es hineingesteckt hat.
– Das wäre schön.

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (4)]

 

von Ulrich Siebgeber

Geben Sie’s zu, geben Sie’s doch einfach zu, es wäre ja schon schön, wenn Sie zuhören könnten, einfach zuhören, vielleicht auch doppelt und dreifach, denn einfach kommt in solchen Zeiten keine Botschaft in ein einzelnes Ohrenpaar hinein, sie quetschen sich alle zusammen ins Ziel, das nicht ohne Grund Trommelfell genannt wird – ein dickes Fell sollte es schon sein und trommeln sollte man auch darauf, um sich bemerkbar zu machen. Wer wollte das nicht? Wer, frage ich, wollte das nicht? Er trete vor... sie trete vor, und mache den Zugetrommelten klar, worum es geht. Die Lage ist ernst.

von Sigmar Gabriel

Ich freue mich sehr, hier an dieser Universität vor Ihnen sprechen zu können. Dass Ihre Hochschule den Namen eines hoch angesehenen Sozialdemokraten trägt, freut mich als Vorsitzender der SPD natürlich außerordentlich.

Aber Helmut Schmidt war und ist auch ein über alle Parteigrenzen hinweg hochgeschätzter Staatsmann, Europäer und Weltbürger. Vor allem aber ist er ein echter Hamburger. Als ehemaliger Verteidigungsminister war er darüber hinaus Mitgestalter einer Tradition sozialdemokratischer Verteidigungspolitik, die stets eine verantwortungsvolle und auf gesellschaftliche Verankerung bedachte Führung der Streitkräfte in den Mittelpunkt des Handelns setzte.

Karikatur Hitler-Horthy

von Patrick Pritscha

Politischer Wandel
Seit den Parlamentswahlen im April 2010 befindet sich Ungarn in einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch. Das ›national-konservative‹ Wahlbündnis Fidesz-KDNP gewann mit insgesamt 67,88% eine Zweidrittelmehrheit und damit die Möglichkeit zur Verfassungsänderung (www.valasztas.hu/en/parval2010/298/298_0_index.html, 9.5.2011). Zusammen mit der ›rechtsradikalen‹ (zur Begriffsproblematik vgl. Wippermann 2009:284) Jobbik-Partei, welche 12,18% erreichte, sind 80% der Parlamentarier einer politischen Richtung zuzuordnen, die im deutschen Sprachgebrauch vorsichtig als ›rechts‹ oder ›rechtspopulistisch‹ eingestuft wird.

(unter Mitberücksichtigung der deutsch-russischen Beziehungen)

von Peter Brandt

Wir sind gewohnt, auch für weit zurückliegende Zeiten von ›deutsch-polnischen‹ Beziehungen zu sprechen, obwohl wir es im Mittelalter und der frühen Neuzeit beiderseits nicht mit Nationalstaaten oder ihren unmittelbaren Vorformen zu tun haben, auch nicht mit Nationen im modernen Sinn, seien sie ethnisch-kulturell oder staatsbürgerlich definiert. Für das Heilige Römische Reich, das im 15. Jahrhundert, nach dem Ausscheiden Italiens und Burgunds aus dem Reichsverband, den Zusatz »Deutscher Nation« erhielt, ist dieser Tatbestand im Hinblick auf seinen bis zu seinem Ende 1806 nicht überwundenen lehnsrechtlich-genossenschaftlichen Charakter offenkundig. In ähnlicher Weise wie das Römisch-Deutsche Reich, wenn auch ganz anders gestaltet in seiner inneren Struktur und Regierungsform einer Adelsrepublik, war Polen vor den Teilungen des späten 18. Jahrhunderts ein trans- bzw. vornationaler und transkonfessioneller Staat.

Sperrige Fakten zur Geschichte des 20. Juli 1944

von Herbert Ammon

Historische Wirklichkeit erweist sich stets als komplexer denn die von spezifischem Erkenntnisinteresse oder geschichtspädagogischen ›Lernzielen‹ geprägten Deutungen. Dies gilt gerade auch für die missglückte Rettungstat des 20. Juli, eines jener Daten, auf die sich im vereinten Deutschland ein national verbindendes Geschichtsethos gründen könnte. Während man in den Jahren vor 1989 in der DDR den 20. Juli ziemlich spät für das ›Geschichtserbe‹ reklamierte und dabei die in letzter Minute aufgenommenen Kontakte zum kommunistischen Untergrund überbetonte sowie eine direkte Linie zum Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) konstruierte, ging es im Westen vor allem um den Nachweis der lupenreinen ›Westorientierung‹ der Verschwörer.

von Christoph Jünke

Die russische Revolution von 1917 und die durch sie zum Teil ausgelösten, zum Teil nur beförderten weltrevolutionären Prozesse bis mindestens zur Mitte der 1920er Jahre führten nicht zuletzt auch zu einer Umwälzung der Theorie-Debatten, zu dem Versuch verschiedener Denker, ihre revolutionäre Zeit in Gedanken zu fassen. Man findet solche Reflexionen in den Arbeiten von Lenin und Trotzki, Luxemburg und Liebknecht, Bucharin und Preobrashenski, oder, mehr philosophisch, bei Gramsci, Korsch, Bloch und Lukács. So unterschiedlich diese Denker in einzelnen Fragen auch waren, es einte sie, dass sie sich gegen den vermeintlichen Determinismus und Fatalismus der klassischen Sozialdemokratie, gegen Kautsky, Plechanow u.a. wandten und versuchten, den ›subjektiven Faktor‹ in der marxistischen Theorie, den Einbruch der Massen in die Geschicke ihres eigenen Schicksals und das Verhältnis von Theorie und Praxis also, neu zu durchdenken. 

von Christoph Jünke

 Im Frühling 1966 besuchte eine kleine Gruppe von SDS-Aktivisten, allen voran der spätere ›Rädelsführer‹ der APO-Revolte, Rudi Dutschke, die ungarische Hauptstadt Budapest, um sich mit dem in die Jahre gekommenen marxistischen Philosophen Georg Lukács politisch-intellektuell auszutauschen. Der radikale Berliner Student Dutschke hatte sich schon seit längerem mit dem schillernden Ungarn auseinandergesetzt und plante, ihn zum Thema seiner Doktorarbeit zu machen. Besonders interessiert zeigten sich Dutschke und GenossInnen an jenem jungen Lukács, der zu Beginn der 1920er Jahre, in Zeiten der Aktualität der Weltrevolution, die so genannte Offensivtheorie der internationalen Linken, den sofortigen und bündnispolitisch kompromisslosen Übergang zur revolutionären Aktion, theoretisch zu verallgemeinern suchte. Das Gespräch zwischen den Generationen verlief jedoch nicht ganz so, wie es sich mindestens die jungen SDSler erhofften. Lukács scheint sich von ihrem revolutionären Elan reichlich unbeeindruckt gezeigt zu haben.

von Felicitas Söhner

In einer Zeit, in der wieder auf allen Straßen die deutsche Flagge zu sehen ist, lebt er wieder auf, der deutsche Fußballnationalismus. Die Symbolfarben schwarz-rot-gold drängen sich einem derzeit nahezu auf. Ob Mützen, Kaffeetassen, T-Shirts oder Luftballons, im Moment sind die Nationalfarben wieder in und fungieren nicht selten auch als effektvoller Werbeträger. Jedoch wie steht es mit anderen Symbolen der Deutschen? Spielt die deutsche Nationalhymne eine ähnlich populäre Rolle? Schon zur letzten Fußballweltmeisterschaft wurden ähnliche Fragen diskutiert (Banchón 2006, Kruse 2006, Mahlzahn 2006).

von Christoph Jünke

 Von türkischen Turbulenzen sprechen politische Kommentatoren und Analysten, von einem sich zuspitzenden Kulturkampf am Bosporus, und was wir gelegentlich über die Nachrichtenticker wahrzunehmen vermögen, klingt schon recht kurios. So erklärte das türkische Verfassungsgericht 2007 die türkische Regierungspartei AKP für verfassungswidrig und scheiterte nur knapp damit, sie deswegen verbieten zu lassen. Die gemäßigt islamische AKP wiederum setzte auf parlamentarischem Wege einen Verfassungszusatz in Kraft, der es türkischen Frauen ›ermöglicht‹, mit Kopftuch zu studieren, was daraufhin von den kemalistischen Verfassungswächtern wiederum für null und nichtig erklärt wurde.

von Herbert Ammon

Mit Geopolitik, den geographischen und historisch-kulturellen Bedingungen politischen Handelns, hat sich die ›kritische Linke‹ im 20. Jahrhundert kaum je befasst. Als ideologisch aufgeladenes Synonym für den Imperialismus, dereinst im Weltkriegsjahr 1916 (veröffentlicht 1917) von Lenin »gemeinverständlich« definiert »als höchstes Stadium des Kapitalismus«, war der Begriff verpönt. Selbst nach dem Mauerfall im Epochenjahr 1989, der viele alte Gewissheiten zum Einsturz brachte und die geopolitischen Realitäten erneut vor Augen rückte, machten die meisten ›Linken‹ einen Bogen um ›Geopolitik‹.

von Peter Brandt

›Globalisierung‹ ist inzwischen ein Allerweltswort, ein schillerndes außerdem. Seine Popularität weist aber darauf hin, dass mit diesem Terminus versucht wird, den weit verbreiteten Eindruck sprachlich einzufangen, die Menschheit sei in ein ganz neues Zeitalter der Herausbildung einer planetarischen Gesellschaft, einer ›Weltgesellschaft‹, eingetreten. Die Floskel, es gelte die ›Globalisierung zu gestalten‹, legt nahe, es handele sich um einen quasi selbstläufigen, gesellschaftspolitisch grundsätzlich neutralen und in mancher Hinsicht sogar progressiven Prozess, der eben nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden müsse. Ich werde am Ende dieses Essays darauf zurückkommen.

von Peter Brandt

 Wenn man die fast schon penetrante Fülle und Intensität von Veröffentlichungen zur 40. Wiederkehr von 1968 in den Medien auf sich wirken lässt, könnte man meinen, hier würde eines der wichtigsten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte überhaupt gedacht, kurz hinter denen des ›Dritten Reiches‹. Doch weder die Demokratie noch die politische Linke und auch nicht die gesamtgesellschaftliche Modernisierung im nachfaschistischen Westdeutschland hatten um 1968 ihren Ausgang. Übrigens ebenso wenig, wie von konservativen Kritikern beklagt, Individualisierung und Wertewandel (oder wie man dort sagt: Werteverfall), Massenzuwanderung, Internationalisierung und Multikulturalität. Und doch sind sich Beteiligte und zeitgenössische Gegner, Publizisten und Fachwissenschaftler einig, dass ›1968 ‹ mental einen tiefen Traditionsbruch markiert, für den – nebenbei bemerkt – zehn Jahre danach, in den späten 70ern, noch das Jahr 1967 als Bezugspunkt diente.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.