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von Ulrich Siebgeber

 Manchmal genügt es nicht zu schreiben – man muss zitieren. Als einen solchen Fall sehe ich die nachfolgende Passage aus dem jüngsten Blogeintrag Herbert Ammons an. Der Grund dafür erschließt sich dem Lesenden rasch: Wer von der schreibenden Zunft dieses Landes seit Wochen so diffamiert, verhöhnt und beleidigt wird wie die Unterzeichner der Gemeinsamen Erklärung 2018, der hat auch das Recht, dort das Wort erteilt zu bekommen, wo die Verhältnisse selbst zu erklären beginnen, ›wie es ist‹, oder, wie es im Jargon einer mittlerweile auf dem Altenteil angekommenen Generation hieß, sich zur Kenntlichkeit herablassen...

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Ich lehne ab, du lehnst ab, wir ihr sie lehnen ab – das sagt sich leicht. Da der Akt des Aussprechens sie bereits enthält, macht sich nichts leichter als Ablehnung. Eine Tür, gerade noch angelehnt, hat sich geschlossen, vergebens drückt, wer’s nicht glauben möchte, die Klinke: Kein Durchgang. Es ist vorbei. Ablehnung entspricht einem menschlichen Grundbedürfnis. Nur welchem? Nicht unbedingt dem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden – darum geht’s nicht, allenfalls in den seltensten Fällen. Worum es dann geht? Wer ablehnt, baut Kompetenz auf: das klingt kurios, kommt aber der Wahrheit so nahe wie irgend möglich, bevor sie auffliegt und der Vogel im Unerreichbaren schwebt.

Fac ten Chek war bekannt, dass im Westen eine Lehre kursierte, der zufolge jeder Lebende am Elend seiner Mitlebenden, aber auch der Toten Schuld trug, eine Schuld, die sich nicht auf Verwandte und Genossen begrenzen ließ, nicht auf die Stadt und nicht auf das Land, in dem man geboren war oder in dem man lebte, nicht auf den Kontinent, der einen trug oder auf die Vorgängergeneration, von deren Leistungen man zehrte und deren Schandtaten man auszulöffeln hatte, nicht auf die Generation davor und nicht auf die Jahrhunderte davor, soweit sie der eigenen Geschichte zugerechnet wurden, nicht auf die Zivilisation, der man angehörte, und nicht auf die Menschheit, als deren Teil man sich verstand, eine schlechterdings unbegrenzte, bis an die Grenzen des Universums vorstürmende, vor keiner Lebensform Halt findende Schuld –: ihm war bewusst, dass es sich dabei keineswegs um eine Geheimlehre handelte, eine Verschwörungstheorie oder dergleichen, sondern um das unverrückbare Fundament ihrer Lebensform, das ›eigenste Eigene‹, die Schwäche, die zur Stärke geworden war und sich die Erde untertan gemacht hatte, die jetzt unter der eigenen Stärke litt und die längst dahingeschmolzene oder langsam schwindende Herrschaft über den Rest der Welt – beide Deutungen existierten berührungsfrei neben- und durcheinander – in die Auszeichnung dieser Schuld investierte, in einen Kultus, bei dem, wie zur Zeit der Hexenprozesse, der geringsten Handlung eines Einzelnen, dem Kosmetikkauf eines Schulmädchens, dem Autobahnspurt eines Sportwagennarren, dem Tagebucheintrag eines Bloggers magische Fernwirkungen zugeschrieben wurden mit der Macht, den Gang der Menschheit zu verändern und über das Schicksal der Erde zu entscheiden.

– Wohin geht die Türkei?
– Ins Gefängnis.
Manchmal liegt der Schmäh in der Situation, ihn herauszukitzeln bedarf es nur des einfachen Worts. Allenfalls ließe sich eine Beobachtung anschließen, die für alle Vereinfacher gilt, gleich welcher Couleur und welcher Ausstattung:
– Was tut sie da?
– Sie besucht die Verwandtschaft.
Die neue Verwandtschaft ist bereits da, ein sentimentales Wiedersehen wird da gefeiert, Champagner fließt in Strömen und alle guten Freunde sind, wie gerufen, zur Stelle.
Was möchte man hören? Bestenfalls nichts, allenfalls die halbe Wahrheit, die ganze ist konfisziert, sie gehört den Machthabern, die sie nach Gutdünken einschenken oder zurückhalten.

Wer die moderne Narrenschrift an der Wand zu entziffern versucht, stößt früher oder später auf den ›Narzisst‹. Ein Groteskwort, kein Zweifel, von bildungsfreien Psychologieprofessoren in den Rang einer Krankheits­bezeichnung erhoben, die seither unerbittlich nach Patienten Ausschau hält, als gäbe es nicht genug davon in der von ihnen betreuten Welt. In diesem Fall ist das Wort die Krankheit und sein öffentlicher Gebrauch eine Epidemie. Der amerikanische Wahlkampf hat das Wort boomen lassen: Narzisst ist, wer nach einem erfolgreichen Unternehmerdasein den vermutlich raffiniertesten Wahlkampf des Jahrhunderts hinlegt und es wider alle Wahrscheinlichkeit schafft, damit Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Das ist doch einmal eine handfeste Auskunft, auf die sich bauen lässt.

»Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden.« Nun prangt sie wieder, die Rosa Luxemburg-Parole, an Berlins Litfasssäulen, mit Genehmigung der Behörden, wie man annehmen kann, und ein paar Zuschüsse mögen auch geflossen sein. Aber stimmt, was da prangt, als sei es direkt aus dem deutschen Hausschatz der gefühlten Zitate geflossen? Jedenfalls klingt es gut, es klingt tolerant, es klingt sogar, als enthalte es eine Einladung, darüber nachzudenken, wie nahe dem Bankrott eine freie Gesellschaft siedelt, die solche Sätze im öffentlichen Raum präsentiert, als müsse der Bürger von morgens bis abends damit berieselt werden. Warum? Steht er in permanenter Gefahr, den Mitmenschen neben ihm, der eine andere Meinung vertritt, der Freiheit zu berauben, etwa, indem er ihn an der nächsten Polizeidienststelle abliefert? Was würde dort wohl mit ihm geschehen? Kerker? Folter? Schlimmeres?

Wer auch immer der SPD den Ratschlag gegeben hat, sie möge, wann und wo es geht, die Geschäfte der Union besorgen, sie befolgt ihn gründlich und mit jenem erhabenen Ernst, der wahre Klasse verheißt. Was nicht heißt, dass all ihre Motive erhaben genannt werden sollten. Wie man im vergangenen Wahlkampf erfahren durfte, suchen selbst ihre Ministerpräsidentinnen den Schulterschluss mit der Kanzlerin, wenn es gilt, deren eigene Kandidaten auszustechen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.