Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

von Ulrich Siebgeber

 Manchmal genügt es nicht zu schreiben – man muss zitieren. Als einen solchen Fall sehe ich die nachfolgende Passage aus dem jüngsten Blogeintrag Herbert Ammons an. Der Grund dafür erschließt sich dem Lesenden rasch: Wer von der schreibenden Zunft dieses Landes seit Wochen so diffamiert, verhöhnt und beleidigt wird wie die Unterzeichner der Gemeinsamen Erklärung 2018, der hat auch das Recht, dort das Wort erteilt zu bekommen, wo die Verhältnisse selbst zu erklären beginnen, ›wie es ist‹, oder, wie es im Jargon einer mittlerweile auf dem Altenteil angekommenen Generation hieß, sich zur Kenntlichkeit herablassen...

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Ich lehne ab, du lehnst ab, wir ihr sie lehnen ab – das sagt sich leicht. Da der Akt des Aussprechens sie bereits enthält, macht sich nichts leichter als Ablehnung. Eine Tür, gerade noch angelehnt, hat sich geschlossen, vergebens drückt, wer’s nicht glauben möchte, die Klinke: Kein Durchgang. Es ist vorbei. Ablehnung entspricht einem menschlichen Grundbedürfnis. Nur welchem? Nicht unbedingt dem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden – darum geht’s nicht, allenfalls in den seltensten Fällen. Worum es dann geht? Wer ablehnt, baut Kompetenz auf: das klingt kurios, kommt aber der Wahrheit so nahe wie irgend möglich, bevor sie auffliegt und der Vogel im Unerreichbaren schwebt.

von Ulrich Schödlbauer

Kardinal ist wohl, wer hin und wieder einen kardinalen Satz auszusprechen wagt. Ein solcher Satz des Münchner Kardinals und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, wird – wenn er ihn denn gesagt hat – im kulturellen Gedächtnis haften bleiben: Da könnte man auch fragen, ob der Atheismus zu Deutschland gehört. In diesen Tagen, in denen sich die Deutschen alles Mögliche anhören müssen, kommt der Satz wie gerufen, weil er einen Wendepunkt in der Geschichte der Konfessionen in Deutschland (und im ›christlichen Abendland‹ insgesamt) in Erinnerung bringt…

Ansprache auf der Interreligiösen Feier der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen am 7. April 2017

von Ahmet Arslan

Das letzte Abendmahl verdeutlicht unter anderem, dass die buntesten und zugleich ehrlichsten Gespräche meistens am Tisch geführt werden. Im weitesten Sinne verstehe ich den Tisch als Heimat und die Teilnehmer des Abendmahls als die Bürger dieser Heimat. Jesu und seine Jünger zeigen uns, dass die Haltung am gleichen Tisch bzw. in der gleichen Heimat sehr unterschiedlich sein kann. Wichtig ist, dass man sogar am gleichen Tisch über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Der urteilsfreie Blick auf die Welt ist gottgewollt, zumal der ›noch‹ blaue Planet der gesamten Menschheit als »gemeinsames Erbe« (Koran 3:180) anvertraut wurde.

Erster Stolperstein: Der Dialog über den Dritten Weg

von Gunter Weißgerber

Der Leipziger ›Aufruf der Sechs‹ sagte es klar und deutlich. Es ging nicht um die Abschaffung des Sozialismus. Der Weiterführung galt die Sorge,

(Wötzel, Pommert, Mayer, Lange, Masur, Zimmermann)

Fac ten Chek war bekannt, dass im Westen eine Lehre kursierte, der zufolge jeder Lebende am Elend seiner Mitlebenden, aber auch der Toten Schuld trug, eine Schuld, die sich nicht auf Verwandte und Genossen begrenzen ließ, nicht auf die Stadt und nicht auf das Land, in dem man geboren war oder in dem man lebte, nicht auf den Kontinent, der einen trug oder auf die Vorgängergeneration, von deren Leistungen man zehrte und deren Schandtaten man auszulöffeln hatte, nicht auf die Generation davor und nicht auf die Jahrhunderte davor, soweit sie der eigenen Geschichte zugerechnet wurden, nicht auf die Zivilisation, der man angehörte, und nicht auf die Menschheit, als deren Teil man sich verstand, eine schlechterdings unbegrenzte, bis an die Grenzen des Universums vorstürmende, vor keiner Lebensform Halt findende Schuld –: ihm war bewusst, dass es sich dabei keineswegs um eine Geheimlehre handelte, eine Verschwörungstheorie oder dergleichen, sondern um das unverrückbare Fundament ihrer Lebensform, das ›eigenste Eigene‹, die Schwäche, die zur Stärke geworden war und sich die Erde untertan gemacht hatte, die jetzt unter der eigenen Stärke litt und die längst dahingeschmolzene oder langsam schwindende Herrschaft über den Rest der Welt – beide Deutungen existierten berührungsfrei neben- und durcheinander – in die Auszeichnung dieser Schuld investierte, in einen Kultus, bei dem, wie zur Zeit der Hexenprozesse, der geringsten Handlung eines Einzelnen, dem Kosmetikkauf eines Schulmädchens, dem Autobahnspurt eines Sportwagennarren, dem Tagebucheintrag eines Bloggers magische Fernwirkungen zugeschrieben wurden mit der Macht, den Gang der Menschheit zu verändern und über das Schicksal der Erde zu entscheiden.

– Wohin geht die Türkei?
– Ins Gefängnis.
Manchmal liegt der Schmäh in der Situation, ihn herauszukitzeln bedarf es nur des einfachen Worts. Allenfalls ließe sich eine Beobachtung anschließen, die für alle Vereinfacher gilt, gleich welcher Couleur und welcher Ausstattung:
– Was tut sie da?
– Sie besucht die Verwandtschaft.
Die neue Verwandtschaft ist bereits da, ein sentimentales Wiedersehen wird da gefeiert, Champagner fließt in Strömen und alle guten Freunde sind, wie gerufen, zur Stelle.
Was möchte man hören? Bestenfalls nichts, allenfalls die halbe Wahrheit, die ganze ist konfisziert, sie gehört den Machthabern, die sie nach Gutdünken einschenken oder zurückhalten.

Von Lutz Götze

1502 ankerte die Karavelle des Christoph Kolumbus vor der karibischen Küste. Der Entdecker gab dem Land den Namen: Costa Rica, ›Reiche Küste‹ also. Fortan beuteten die Spanier das Land, wie anderswo, nach Belieben aus. 1821 wurde der Zwergstaat unabhängig. Blutige Fehden aber blieben an der Tagesordnung, zumal unter den ›cafetaleros‹, den reichen Kaffeebaronen. Der letzte Bürgerkrieg endete erst 1948.

von Henning Eichberg

Soziale Bewegungen singen. Im Gesang – insbesondere im Gemeinschaftsgesang – zeigt sich, dass sie mehr sind als ideologische Konstruktionen oder Fraktionen. Zugleich zeigt sich in den Liedern aber auch mehr als nur Inhalt. Singen hat etwas mit Stimmung zu tun, mit Untertönen, mit kollektiver Praxis. Gesang sagt etwas aus über politische Kultur. Einige Lieder der Linken aus Dänemark können dazu Denkanstöße geben.

Wer die moderne Narrenschrift an der Wand zu entziffern versucht, stößt früher oder später auf den ›Narzisst‹. Ein Groteskwort, kein Zweifel, von bildungsfreien Psychologieprofessoren in den Rang einer Krankheits­bezeichnung erhoben, die seither unerbittlich nach Patienten Ausschau hält, als gäbe es nicht genug davon in der von ihnen betreuten Welt. In diesem Fall ist das Wort die Krankheit und sein öffentlicher Gebrauch eine Epidemie. Der amerikanische Wahlkampf hat das Wort boomen lassen: Narzisst ist, wer nach einem erfolgreichen Unternehmerdasein den vermutlich raffiniertesten Wahlkampf des Jahrhunderts hinlegt und es wider alle Wahrscheinlichkeit schafft, damit Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Das ist doch einmal eine handfeste Auskunft, auf die sich bauen lässt.

»Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden.« Nun prangt sie wieder, die Rosa Luxemburg-Parole, an Berlins Litfasssäulen, mit Genehmigung der Behörden, wie man annehmen kann, und ein paar Zuschüsse mögen auch geflossen sein. Aber stimmt, was da prangt, als sei es direkt aus dem deutschen Hausschatz der gefühlten Zitate geflossen? Jedenfalls klingt es gut, es klingt tolerant, es klingt sogar, als enthalte es eine Einladung, darüber nachzudenken, wie nahe dem Bankrott eine freie Gesellschaft siedelt, die solche Sätze im öffentlichen Raum präsentiert, als müsse der Bürger von morgens bis abends damit berieselt werden. Warum? Steht er in permanenter Gefahr, den Mitmenschen neben ihm, der eine andere Meinung vertritt, der Freiheit zu berauben, etwa, indem er ihn an der nächsten Polizeidienststelle abliefert? Was würde dort wohl mit ihm geschehen? Kerker? Folter? Schlimmeres?

von Gunter Weißgerber

Am 13. April 2016 beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages unter Leitung der verdienten Genossin Lötzsch, das Bauvorhaben ›Freiheits- und Einheitsdenkmal‹ zu beerdigen. Einfach so, ohne Parlament und Öffentlichkeit einzubeziehen. Wobei die Klage weniger an die Leninistin Lötzsch gehen muss, die tat nur in ehrlicher Mördergrube, was sie kann, sondern an den Haushaltsausschuss des Bundestages, der scheinbar willfährig der Linksaußenpartei zur Hand ging. Als ehemaligem MdB bleibt mir vor Scham ob der Ruchlosigkeit und Naivität meiner früheren Kollegen die Spucke weg. Oh, wie tief sind wir gesunken, heißt ein vorzüglich passendes Wortspiel.

von Lutz Götze

In der Geschichtswissenschaft wird der Übergang vom Mittelalter zur ›frühen‹, das 16. bis 18. Jahrhundert umfassenden, Neuzeit seit jeher an unterschiedlichen Daten festgemacht. Genannt worden sind hauptsächlich der Fall Konstantinopels unter dem Ansturm der Osmanen 1453 und die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg kurz danach in Mainz, die (tatsächlich mindestens zweite und eigentlich dem Seeweg nach Indien geltende) ›Entdeckung Amerikas‹ 1492 durch Christoph Kolumbus und Martin Luthers Thesenanschlag 1517. Im Hintergrund aller dieser Ereignisse standen die gewaltsame europäische Expansion, die Herausbildung eines früh kapitalistischen Weltmarkts, unter Verlagerung der Haupthandelswege in den Atlantik, die Ausdehnung und Verdichtung von protoindustriellen gewerblichen Zonen, die zunehmende Kommerzialisierung der feudalen Agrarwirtschaft einschließlich der Rentenform sowie die Entstehung des modernen souveränen Staates und die militärischen Umwälzungen mit der Durchsetzung der Söldner- statt der früheren Ritterheere, nicht zuletzt auch die geistig-künstlerische Bewegung der Renaissance.

von Kay Schweigmann-Greve

Eine Momentaufnahme fortgeschrittener Integration

Über den Konflikt mit dem fundamentalistischen Islam gerät aus dem Blick, dass es im Nahen Osten neben den dominierenden islamischen Glaubensgemeinschaften und der verfolgten christlichen Minderheit eine ganze Reihe sehr alter kleiner Religionsgemeinschaften gibt, die ihre Wurzeln teilweise auf die vorislamischen Religionen des Nahen Ostens zurückführen:

von Eckhard Stratmann-Mertens

Vorbemerkung

Der folgende Beitrag Flüchtlinge schützen – Einwanderung begrenzen von Eckhard Stratmann-Mertens, Mitglied von Attac, war ursprünglich Anfang Februar 2016 für den Attac Theorieblog (www.theorieblog.attac.de) geschrieben worden. Nachdem die zuständige Redaktion die Veröffentlichung des Beitrags als ›rassistisch und fremdenfeindlich und mit dem Grundkonsens von Attac nicht vereinbar‹ abgelehnt hatte, reagierte der Autor mit einem umfassenden ›Widerspruch gegen den Rassismusvorwurf und die undemokratische Streitkultur bei Attac‹ und der Aufforderung an die Redaktion, diese Vorwürfe zurück zu nehmen und den Beitrag zu veröffentlichen. Es entspann sich daraufhin eine mehrwöchige intensive und kontroverse Debatte zu diesem Konflikt auf einer Mailingliste von Attac (Gruppen-Diskussionsliste).

Wer auch immer der SPD den Ratschlag gegeben hat, sie möge, wann und wo es geht, die Geschäfte der Union besorgen, sie befolgt ihn gründlich und mit jenem erhabenen Ernst, der wahre Klasse verheißt. Was nicht heißt, dass all ihre Motive erhaben genannt werden sollten. Wie man im vergangenen Wahlkampf erfahren durfte, suchen selbst ihre Ministerpräsidentinnen den Schulterschluss mit der Kanzlerin, wenn es gilt, deren eigene Kandidaten auszustechen.

von Herbert Ammon

Die 1787 geschaffene Verfassung der USA beginnt mit der Formel ›We, the people‹ – eine Affirmation, die empirisch im Hinblick auf die in Philadephia versammelten 55 ›Gründerväter‹ schwerlich zu belegen ist. ›Alle Macht geht vom Volk aus.

von Eckhard Stratmann-Mertens

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, die nicht nur in Deutschland, sondern auch im Europa der EU und auf dem Balkan zu erheblichen politischen Spaltungstendenzen geführt hat und weiterhin führt, erschien (Februar 2016) eine Publikation, die die Moralbegründungen der miteinander in Konflikt liegenden Positionen gegenüberstellt und jeweils kritisch hinterfragt.

von Detlef Lehnert

Der Ausgangspunkt: Wird ›rechts‹ nun in der ›bürgerlichen Mitte‹ salonfähig?

Vom Recht, rechts zu sein, so lautet der Titel über den »Gedanken eines heimatlosen Konservativen«, als der sich Ulrich Greiner, langjähriger Feuilleton-Chef der als ›liberal‹ geltenden Wochenschrift Die Zeit, nunmehr zu erkennen gibt (10.3.2016, S. 44 ).

von Lutz Götze

Günter Grass ist tot. Er war ein Glücksfall für die Deutschen, die deutsche Literatur und die Welt. Grass zeigte, dass in der Sprache, die die Unmenschen vergewaltigt hatten, wieder gedichtet werden konnte: Gedichte waren, trotz Auschwitz, wieder möglich; Romane und Stücke ebenso.

von Moshe Zuckermann

Oft ist bereits eingehend dargelegt worden, warum Judentum, Zionismus und der Staat Israel als Kategorien auseinanderzuhalten seien. Weil nicht alle Juden Zionisten, nicht alle Zionisten Israelis und nicht alle Israelis Juden sind, geht die pauschal identifizierende Gleichsetzung dieser Kategorien miteinander grundsätzlich fehl, was zwangsläufig mit sich bringt, dass auch die sich von ihnen ableitende Gleichsetzung von Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik irrig sein muss. Das besagt nicht, dass Juden keine Affinität zu Israel empfinden, selbst dann, wenn sie nicht in Israel leben.

Künstler: Raymond Verdaguer

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

— Pegida, was? Putin-Versteher, was? Euro-Hasser, wie?

— Nee, Klimafreund. Ich bin Lokführer.

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (13)]

 

von Ulrich Siebgeber

Sie legten zusammen, um einen hervorzubringen, der durchkommen sollte, und siehe da: dieser erstand aus ihrer Mitte, nicht sehr verschieden von Günter Mustermann, nicht wirklich verschieden, und bot sich an. Und sie warfen auf ihn, was gerade zur Hand war: Zorn, Ärger, Selbsthass, Selbstmitleid, Selbstsucht, die Bezichtigung und den Zweifel, die Erinnerung an Verlorenes, die beschmutzte Kindheit, den Betrug, die Scham, die Peinlichkeit, den Verdruss, das Bekennertum, die Rechthaberei, die Besserwisserei und den Drang, wieder etwas vorzustellen in einer Welt, die eine Zeitlang offenbar beschlossen hatte, ohne das Volk der Richter und Henker weiterzukommen und allenfalls seine ökonomischen Handlangerdienste sowie die liebedienerische Bereitschaft in Anspruch zu nehmen, im kommenden totalen Krieg als Schlachtfeld zu dienen.

von Dirk Tänzler

Der Mordanschlag auf die Redaktionsmitglieder des Satiremagazins CHARLIE HEBDO und zwei Polizisten, die zum Schutz abgestellt waren bzw. den Tätern nachzustellen versuchten, hat weltweit zu einer Solidarisierung mit den Opfern geführt. Zum Motto dieser Kampagne - ­ getragen als Transparent auf Demonstrationen oder als Button an der Festgarderobe von Hollywoodsternchen ­ - wurde ein bekennerhafter Satz, der auf dem Titelblatt der Satirezeitschrift am Tag nach der Tat zu sehen war. Nach allgemeiner Meinung sei der Satz, den ein muslimisch aussehender Mann auf einem Schild vor seiner Brust hochhalte, als Identifikation der Muslime mit den Opfern des islamistischen Anschlages zu verstehen, woraufhin diesem ­ – angeblich Mohammed selbst ­ – stellvertretend für die Mehrheit der wahren Glaubensbrüder die Absolution und Vergebung aller Schuld erteil worden sei.

von Katharina Kellmann

Peter Glotz (1939-2005) wurde zu seinen Lebzeiten oft als Vordenker der SPD bezeichnet. Diese Bezeichnung lehnte er ab; in seinen lesenswerten Erinnerungen spricht er davon, »Funktionär« gewesen zu sein. Glotz gehörte zu den Politikern, die sich oft in den Medien über den Zustand der SPD äußerten.

von Milutin Michael Nickl

Transnistrien, in der amtlichen Eigenbezeichnung Pridnjestrovie, könnte das Überleben als De-facto-Staatsgebilde gelingen. Im grausamen Gegensatz zur ehemaligen serbischen Krajina-Republik. In beiden Fällen spielten interethnisch missachtete Autonomierechte, unterdrückte Volksgruppen-Identitäten und teils auch sprachpolitisch beschnittene Volksgruppenrechte eine sezessionsmotivierende Rolle. Kraft Garantie- und Vermittler-»Format 5+2« sind die Ukraine und die Russische Föderation gemeinsam in die Transnistrienfrage involviert. Das seit 2006 ventilierende Anschlussbegehren Transnistriens an Russland dürfte jedoch trotz der seinerzeitigen 97-prozentigen transnistrischen Zustimmung als eher unrealistisch einzustufen sein.

von Michael Brie

Private Elektroautos oder unentgeltlicher Öffentlicher Personennahverkehr

Krisen sind Chancen für Weichenstellungen, die weit in die Zukunft reichen. Eine der zentralen Fragen ist die der städtischen Mobilität in einer Welt, in der die große Mehrheit der Weltbevölkerung bald in Millionenstädten und in metropolitanen Ballungsräumen leben wird. Zwei grundsätzliche Alternativen sind möglich: Zum einen kann das US-amerikanische System von Mobilität, in dessen Zentrum das private, Benzin getriebene Auto steht, durch eine Umstellung auf den Elektroantrieb ökologisch modernisiert und global ausgeweitet werden. Zum anderen kann das System des öffentlichen Personennahverkehrs ökologisiert und flexibilisiert werden.

von Herbert Ammon

Wunschbilder trügen, nicht allein, aber immer wieder in Nahost. Während die westliche Begeisterung über die ›Arabellion‹ längst allgemeiner Ernüchterung gewichen ist, okkupiert derzeit der Bürgerkrieg in Syrien alles Interesse der Außenwelt. Politische Rezepte zur Befriedung des Landes sind wohlfeil. Während sich die USA unter Obama derzeit – anders als noch vor einem Jahr mit Hillary Clinton als Außenministerin – rhetorisch zurückhalten, will der französische Präsident François Hollande, womöglich in Erinnerung an die Rolle Frankreichs als einstige Mandatsmacht, den zu potentiellen Demokraten deklarierten Rebellen mal Waffen liefern, dann aber auch wieder lieber nicht. Ohne Widerruf – wie vorerst Sozialist Hollande – rufen auch der britische Konservative David Cameron und dessen Außenminister William Hague zur Waffenhilfe für die Feinde Assads. Allgemeiner Tenor in den Medien: Waffen für die gute islamische Mehrheit, sonst setzen sich die Bösen, die von überall herbeigeströmten Islamisten, durch.

von Katharina Kellmann

Die Unterschiede zwischen rechts und links scheinen heute gering zu sein. Wechselt in einem europäischen Land die Regierung, so ändern sich die Namen, aber nicht unbedingt der Kurs der Politik. Als in Frankreich im Mai 1981 der Sozialist François Mitterrand als Kandidat der Sozialisten, Kommunisten und bürgerlichen Radikalen im zweiten Wahlgang zum Staatspräsidenten gewählt wurde, sah mancher Konservative in Europa und den USA die Sicherheit Westeuropas in Gefahr. Kommunisten in der Regierung eines wichtigen westeuropäischen Landes, das schien angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Nato und Warschauer Pakt undenkbar.

von Ulrich Schödlbauer

Wieviel Vergnügen bietet eine Skulptur? An einem Ausstellungsort mag die Frage befremdlich klingen, mit einem leisen Beigeschmack des Ungehörigen, andererseits lautet sie doch grundsätzlich genug, um einmal gestellt zu werden. Gelegenheit macht Diebe und ich gestehe, es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, sie nicht ungenützt verstreichen zu lassen, nachdem die Frage nun einmal unverpackt, wenn Sie so wollen, im Raum steht. Warum unverpackt, wird sich der eine oder andere fragen, und warum gerade hier, in diesem Raum? Ist das ein Spiel mit Worten? Und wenn... ist es nicht nur ein Spiel mit Worten? Vielleicht. Aber aus solchen Spielen entsteht die Welt, wir sollten sie daher nicht achtlos beiseite tun.

von Herbert Ammon

Ich bitte den geneigten Leser von Globkult (sc. die geneigten Leser_innen, neuerdings gendergerecht auf PC-Tastatur subsumierbar vermittels Unterstrich statt Erektions-I und/oder Schrägstrich) um Nachsicht: Der vom Herausgeber erteilte Redaktionsauftrag, im Hinblick auf den derzeit eher betrüblichen Zustand der EU einen historischen Nachruf auf das von heiterem Eros beflügelte Verhältnis des im Vorjahr abgewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy zu unserer Kanzlerin Angela Merkel zu verfassen, bleibt vorerst unerledigt.

von Herbert Ammon

I.
Das Gewissen des citoyen hatte in der Karwoche (abgel. von ahdt. karâ = Kummer, Sorge, Trauer, nicht verwandt mit lat. cura) 2012 Grund zur Sorge: Wie hält er´s mit der zu Lyrik formatierten Kurzprosa eines spätbekennenden Endsiegers, des aus Danzig exmittierten, in Gdánsk geehrten Nobelpreisträgers (und Globkult-Autors!) G.G.?

Der Willy-Brandt-Kreis erklärt sich solidarisch mit Günter Grass und tritt der Tendenz entgegen, die persönliche Integrität derjenigen in Frage zu stellen, die es wagen, ihre warnende Stimme zu erheben. Wir verwahren uns mit Entschiedenheit gegen den von vielen Seiten unternommenen Versuch, Günter Grass eines politischen Textes wegen, der von der Besorgnis um die Bewahrung des Weltfriedens diktiert ist, als Feind Israels oder gar als Antisemiten zu diskreditieren.

von Laura Solbach

Zugegeben, aus formaler Sicht kommt das Gedicht »Was gesagt werden muss« von Günter Grass banal daher. Die Worte wirken wirklich wie mit letzter Tinte geschrieben. Ein spröder Realismus, der seine Aussage moralisierend in die Welt trompetet. Vielleicht wirkte der Text gelungener, hätte Grass eine essayistische Form gewählt. Mit seiner Gedichtform, so Grass im Gespräch mit Tom Buhrow am 05.04.2012, bediene er sich einer deutschen Tradition von Heine bis Brecht. Die provokative Rhetorik Grass’ scheint die Allgemeinheit der Leser zu verschrecken.

von Patrick Pritscha

»Meine Großmutter starb im Jahre 1999 an den Folgen eines Selbstmordversuches. Nach allem was ich weiß, konnte sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen und auch nicht die Gedanken an Auschwitz, die sie in dieser Einsamkeit wieder stärker überkamen.« (Zimmermann 2005)

von Hans Erler

Vor 10 Jahren, noch in der Konrad-Adenauer-Stiftung tätig, gab ich zusammen mit Ansgar Koschel, damals Generalsekretär des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (er starb leider im März 2007), die Publikation Der Dialog zwischen Juden und Christen ‒ Versuche des Gesprächs nach Auschwitz als Bilanz von 50 Jahren CJZ heraus. Ich verfasste das Nachwort Philosophischer Antijudaismus – Hegel. Danach trat ich aus der evangelischen Kirche aus.

von Ulrich Siebgeber

Als der alte Clown
sich ein vielleicht letztes Mal schminkte, sich
die rote Knollennase übers Gesicht
stülpte, die längst zu groß war,
da geschah’s, dass ihm etwas einfiel,
was er beinahe vergessen hatte, etwas, an dem er klebte,
so wie andere daran kleben, die
wie er das Sprechen vergessen hatten
oder vom Sprechen vergessen
wurden, denn auch das Sprechen
kennt seine Leute und nimmt nicht jeden.

von Ulrich Schödlbauer

Joschka Fischers gespieltes Entsetzen über die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat hat die Koordinaten der deutschen Politik nicht verschoben – oder, in seinem Sinn: zurechtgerückt –, es hat ihr auch nicht die Debatte beschert, die ohnehin kommen musste und zum Zeitpunkt seiner Intervention schon im Gange war. Eher hat es der von ihm beklagten Prinzipienlosigkeit eine Nuance hinzugefügt. In einer Idealsituation für seine Partei – die Regierung fast gleichzeitig durch eine banale Plagiatsaffäre und durch eine gewaltige Naturkatastrophe mit heiklen Folgen für die Atomindustrie in den Augen der Öffentlichkeit vorgeführt, die eigenen Werte durch diesen Informations-Tsunami in unvorstellbarem Maße nach oben gedrückt –, in einer solchen Situation mit ansehen zu müssen, wie ihre Wortführer den publizistischen Wind der Libyen-Krise verschenken, das war das eigentlich Unfassbare für ein Darstellungstalent, das, vom unseligen Guttenberg einmal abgesehen, in der deutschen Politik keinen Nachfolger gefunden hat und deshalb von vielen noch immer schmerzlich vermisst wird. Nicht als Gestalter, als Vertreter des politischen Showbusiness hat der Ex-Außenminister das Wort ergriffen. Jenes gemurmelte »Und die Regierung hat doch recht« der grünen Amtsinhaber, vorneweg Frau Künast, mag Folgen haben oder auch nicht, es hat ihn wieder ins Gespräch gebracht und manchem scheint das Folge genug zu sein.

von Lutz Götze

Die Bundesregierung hat mit ihrer verheerenden Entscheidung, sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bei der Abstimmung über eine gemeinsame militärische Aktion gegen Libyens Diktator Muammar al Gadhafi, der die libysche Bevölkerung massakrieren lässt, der Stimme zu enthalten, Deutschland schweren Schaden zugefügt. Sie hat damit gegen das Grundgesetz verstoßen und ihren Eid gebrochen, der ihr auferlegt, »Schaden vom deutschen Volk abzuwenden und seinen Nutzen zu mehren«.

Ursula Mausbach: LinolschnittLinolschnitt von Ursula Mausbach, Peking 1976.

Autogramm von Ai Weiwei.

 

von Herbert Ammon

Politische Bildung gilt unserer res publica als teures Gut. Ein Bekannter, der über GlobKult von meiner Liebe zu Yahoo erfuhr, korrigierte meine irrige Vorstellung bezüglich der Einkünfte des in der Bundesstadt Bonn residierenden Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung.

von Milutin Michael Nickl

Worin könnte das Akzeptanzfähige der Rollenunion und Risikokommunikation Catos des Älteren bestehen? Fast 2200 Jahre danach? An philologischen, philosophischen und pädagogischen Deutungsversuchen mangelt es nicht. Das wird nicht ignoriert, aber auch nicht näher berücksichtigt. Das kommunikationspragmatisch, publizistisch und politisch Interessante an Catos Orator-Konzeption, Repäsentanz- und Risikokommunikation steht hier zur Debatte.

von Günter Grass

In jeder Epoche hat es Künstler gegeben, die als Antwort auf die jeweils vorherrschenden Krisen und Hoffnungen ein emblematisches Bild geschaffen haben. So Albrecht Dürer mit seinem Kupferstich Melencolia I zur Zeit des Humanismus. So Francisco Goya mit einem Blatt innerhalb der Capricio-Radierungen mit der Unterschrift Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer zur Zeit der Aufklärung.
In kleinem Format sitzt die personifizierte Vernunft als schlafender Mann an einem Tisch. Über ihm bildet fabelhaftes Nachtgetier in dämonischer Ballung den düsteren Traum ab. Ein vieldeutiges Bild, das bis heute Fragen aufwirft: Ist es die Vernunft, in deren Kopf die Ungeheuer ursprünglich sind? Oder bedrohen Ungeheuer die Vernunft, weil sie schläft?
So ist auch die von dem Künstler Carl Frederik Reuterswärd geschaffene und unseren gegenwärtigen Krisen und Hoffnungen gemäße Skulptur vieldeutig, wenngleich man meint, ihren Sinn mit einem Blick erfassen zu können.

von Milutin Michael Nickl

Dem Andenken des amerikanischen Pluralisten und Rhetorikers Richard McKeon (26.4.1900 - 31.3.1985) gewidmet. Er hat viel zur architektonisch-konstruktiven, systemgestaltenden Erneuerung der Rhetorik beigetragen. Intention, Selbstverständnis und Leistungen der Rhetorik stellen sich grundsätzlich als sprechtätig-vermittelte Wissensformen mit partikularisiertem und partikularisierendem Charakter dar, z.B. als »productive architectonic art« (McKeon 1971). Weder die populärwissenschaftlich-utilitaristische, noch die in mitteleuropäischen Szenarien dominierenden literarischen, philologischen oder ›kritischen‹ Rhetoriken werden diesem Grundcharakter der Rhetorik zureichend gerecht. ›Eklektisch‹ gilt wohl meist als Schimpfwort. ›Eklektisch‹ lässt sich jedoch ebenso gut konstruktivistisch-produktiv und systembildend auffassen und anwenden. In diesem Kontext werden zwei strittige Exempla generiert und kommentiert: »Journalistik als Medienrhetorik« und »hard science oder traditionelle Rhetorik?«

von Herbert Ammon

Im Kontext der bundesrepublikanischen Zivilreligion spielt die Erinnerung an den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg von einem SS-Standgericht verurteilt und qualvoll hingerichtet, keine herausragende Rolle. Zu erklären ist dieses Faktum mit dem Charakter der – entgegen der These von der ›Wiederkehr der Religion‹ – säkularen, postchristlichen

von Peter Brandt

Edelbert Richter ist ein bemerkenswerter Mann. Ich kenne ihn seit den späten 80er Jahren (schon davor war er mir ein Begriff) und stehe seit den mittleren 90er Jahren mit ihm in regelmäßigem Diskussionskontakt. Promovierter Theologe aus Thüringen, entsprechend geisteswissenschaftlich gebildet und geübt in der Textinterpretation, in der Honecker-Ära Oppositioneller demokratisch-sozialistischer Ausrichtung mit besonderem Gespür für die potentielle Brisanz der offenen ›deutschen Frage‹, Mitbegründer des »Demokratischen Aufbruchs«, bei deren Schwenk zu Helmut Kohls »Allianz für Deutschland« mit Schorlemmer und anderen Übertritt zur Sozialdemokratie, dort Europa-, dann Bundestagsabgeordneter, 2007 Wechsel zur Linkspartei. Dabei ist Edelbert Richters politische Position im Wesentlichen unverändert geblieben.

von Steffen Dietzsch

Eine Ausstellung im Königsberg Museum der Stadt Duisburg:
Anlass der Ausstellung ist die Auszeichnung des Ruhrgebiets als Europäische Kulturhauptstadt 2010.

Die weltgrößte Binnenhafenstadt Duisburg ist seit Anfang der Fünfziger Jahre Patenstadt der untergegangenen Ostseehafenstadt Königsberg. Im Königsberg Museum Duisburg wird an ihre europaweite geistig-kulturelle Bedeutung erinnert – mit Ausstellungen, Periodika und Büchern zu großen Ereignissen und Personen. Diesmal an den großen europäischen Freiheitsdenker Kant. Denn: »Nicht blos nicht als Lehrer hat Kant gewirkt, nicht blos die grosse Anzahl seiner Zuhörer verdanken ihm die wichtigsten ihrer Erkenntnisse; nicht blos der Staat ist ihm für eine grosse Menge treuer Staatsdiener verbunden; sondern ganz Europa verehrt in ihm den Mann, welcher der Philosophie wieder den ihr würdigen Platz angewiesen hat.« So wurde Kant schon zeitgenössisch – im Deutschen Ehren-Tempel [1823] – gewürdigt. Das ist zugleich das Motto der Ausstellung. Sie wurde organisiert unter Mitarbeit des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Hagen).

von Ingo Schmidt

 Dank staatlicher Beihilfen hat das große Geld die Wirtschaftskrise gut überstanden. Im Vertrauen auf weitere Hilfen steigen Börsenkurse und Renditeerwartungen auch ohne einen Wirtschaftsaufschwung, der diese Anstiege rechtfertigen könnte, wieder an. Gleichzeitig werden einer Reihe von EU-Ländern, insbesondere Griechenland, eine drohende Staatspleite angedichtet und Sparprogramme aufgezwungen. Die Botschaft ist klar: Wer nichts – oder nicht viel – hat, dem wird auch nichts gegeben. Dies gilt zwischen reichen und ärmeren Ländern ebenso wie zwischen den Reichen und Armen in einzelnen Ländern. Wer sich von einer ›harten Linie‹ gegenüber Griechenland allerdings die Sicherung von Arbeitsplätzen und Sozialsystemen in Deutschland verspricht, dürfte enttäuscht werden. Beschäftigungs- und Sozialabbau haben in der Vergangenheit jene Wettbewerbsfähigkeit geschaffen, vor der die griechische Wirtschaft nun in die Knie gegangen ist. Trotzdem konnte auch der Exportweltmeister Deutschland der Krise nicht entgehen. Beschäftigte, die hierzulande noch um Arbeitsplatz und Sozialversicherung bangen, sind vom organisierten Vermögensbesitz bereits als die Griechen von morgen ausersehen.

von Hanna Behrend

 Am 19. Dezember 2005 teilte der Historiker Manfred Behrend einem Freund mit, dass ihm bei der Operation am 29. November der von einem weit entwickelten Krebstumor befallene linke Lungenoberlappen entfernt worden sei: »Alles in allen bin ich angeknackst, aber noch vorhanden und streitbar. Letzteres erwies sich, wie ich hoffe, beim Fertigstellen der letzten Teile des PDS-Buchs für den Neuen ISP Verlag«. In diesem Brief legte er auch seine Pläne für das nächste Jahr vor: »Nach dem Buchprojekt habe ich für 2006 Kleineres vor. Wesentlich sind mir a) die Vorgänge an der Humboldt-Universität vor 50 Jahren, nach dem XX. Parteitag der KPdSU; vorstellbar wäre wie zum 17. Juni 1953 ein Erlebnisbericht, diesmal etwas länger, da sowohl die historische Konstellation gravierender war, als auch der Autor aktiver, b) die Vorgänge in Spanien ab 1936. Hier schwebt mir einesteils eine Darstellung der Hauptaktionen an der Bürgerkriegsfront (bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit stalinistischen Versionen), andernteils die Würdigung der antistalinistischen Opposition und ihrer Niederschlagung vor. An einem bestimmten Punkt dürften beide Hauptthemen ineinander übergehen.«

von Lutz Götze

Mythen im klassischen Sinne sind Göttergeschichten: erzählt in grauer Vorzeit und weitergegeben von Generation zu Generation. Irgendwann wurden sie aufgeschrieben; zumeist verändert gegenüber dem Ursprung. Nachfolgende Erzähler deuteten sie auf ihre je eigene Weise: So haben sich Mythen über Jahrhunderte hinweg bewahrt und geändert: Ödipus, Prometheus und gerade der Medea-Mythos erfuhren gewaltige Umdeutungen, wenn wir beispielhaft etwa die Medea-Lesart des Euripides mit jener Christa Wolfs vergleichen.

von Florian Mausbach

 1972. Ein China-Restaurant in Bad Godesberg. Journalisten aus Maos China erläutern den Zweijahresvertrag – ein Lektorat im Fremdsprachen-Verlag Peking. Der Ältere von beiden, später langjähriger Botschafter in Deutschland, besorgt: »Und was ist mit Schwierigkeiten bei Ihrer Rückkehr?« »Ich will doch kein Beamter werden!«

2002. Flughafen Peking. Im Pass fehlt das Visum. Eine Einladung des deutschen Botschafters liegt vor. An den Präsidenten des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung zur Einweihung der Deutschen Schule in Peking. Und ein Foto liegt bei von Deng Xiaoping mit dessen persönlicher Widmung und Danksagung. Aus dem Jahr 1977. Es wird als Visum akzeptiert.

von Christoph Jünke

Biografien waren einst den großen Männern der Geschichte vorbehalten und galten – je nachdem, welcher Weltanschauung man anhing – mal als die Krönung der geschichtswissenschaftlichen Kunst und mal als deren zu vernachlässigendes Hinterteil. Mit dem nachhaltigen Einbruch einer die strukturellen Klassengrenzen in Frage stellenden und auf allgemein menschliche Emanzipation zielenden Geschichtsschreibung ›von unten‹, und mit dem parallelen, sich damit gelegentlich überschneidenden, Aufstieg einer sich auf Strukturen konzentrierenden Geschichtsschreibung, kamen sie dann weitestgehend aus der Mode. Doch Moden ändern sich bekanntlich – und die Biografie ist mächtig en vogue Bei dem seit vielen Jahren vor sich gehenden Boom einer Rückkehr zur Biografie dürfte es sich aber weniger um einen schlichten Pendelschlag rückwärts handeln, als vielmehr um eine mindestens partielle Überwindung der beiden alten Dichotomien. Denn was eine Vielzahl dieser unterschiedlichsten Arbeiten auszeichnet, ist gerade ihre Verbindung von Sozial- und Individualgeschichte. Unverkennbar schlägt sich in ihnen die Tendenz nieder, Geschichte von der Strukturebene auf die Ebene realer Menschen und ihrer Rolle in der Geschichte herunter zu brechen – ein Ansinnen, das nachvollziehbar auch damit zusammenhängen dürfte, dass Menschen von einem solchen Blick Rückschlüsse erwarten über den eigenen Ort ›in der Geschichte‹ und die eigenen Möglichkeiten, ›Geschichte zu machen‹.

von Ralf  Willms

Als »poetischer ›Zwischenbericht‹ (Klappentext) nach dem ›Ortswechsel‹« gilt der Gedichtband Wo es war von Kurt Drawert. Die Bezeichnung ›Zwischenbericht‹ mag sich dem Erscheinungsjahr verdanken, der Gedichtband erschien im vierzigsten Jahr des 1956 geborenen Autors, nachdem der Debütband Privateigentum sieben Jahre zuvor (und vier Jahre vor dem Ortswechsel von Ost nach West) veröffentlicht wurde. Ein Generalthema, das beide Gedichtbände durchzieht, ließe sich so formulieren: Wie behandelt ein politisches System – als gesellschaftliche Wirklichkeit – die Menschen, die in ihm leben?

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.