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Auf Faschingsdienstag folgt Aschermittwoch, auf die Inflation mehr oder weniger unqualifizierter Büttenreden die Fastenpredigt, zu der in Bayern der politische Aschermittwoch gehört: Wer das eine aus tiefstem Herzen bejaht, weil ihm ohnehin das Leben eine Art Karneval dünkt, der gelegentlich – durch was wohl? – durch Arbeit unterbrochen wird, dem schlägt das andere schwer aufs Gemüt oder auf den Senkel. Dabei ist die Gaudi, die beides erregt, durchaus miteinander vergleichbar. Ablesen lässt sich das, nicht erst seit heute, an der Zahl der Strafanzeigen, die das eine wie das andere nach sich zieht. Auf die Anzeigen wegen sexueller Belästigung, entferntes Nachspiel zu den Vaterschaftsklagen früherer Jahrhunderte, folgen rituell die Anzeigen wegen Volksverhetzung und ähnlicher hochkrimineller Delikte, hinter denen noch immer die gute alte Majestätsbeleidigung spukt.

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Der lange Abgang einiger bedeutender Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Politikszene, zum Teil bereits vollzogen, zum Teil mittelbar oder unmittelbar bevorstehend, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf Grammatik und Lexik der deutschen Sprache, was zum Beispiel daran zu erkennen ist, dass der hiesige Genitiv, also die persönliche Zuschreibung, seit einiger Zeit dem Akkusativ zu weichen beginnt: Schuldig, aber nicht verantwortlich!

Tanz auf dem Guglhupf

Der neunzehnte Deutsche Bundestag verfügt über 709 gewählte Abgeordnete. Bei einer Schwankungsbreite von drei bis sechzehn (und einem Durchschnitt von acht) Familienmitgliedern ergibt das, die damit anstehenden Familienzusammenführungen hochgerechnet, für die nächsten drei bis dreieinhalb Jahre einen Parlamentsaufwuchs von 5672 Personen. Da es sich dabei um eine faktenbereinigte Schätzung, sprich Ansichtssache handelt, steht es jeder Partei frei, diese Zahl ihrem Eigenbedarf entsprechend beliebig zu verringern oder zu erhöhen.

»Bedienen Sie die Illusionen der Menschen und Sie werden –«
»Reich?«
»Ja vielleicht.«
»Berühmt?«
»Mag sein.«
»Bedeutend?«
»Warum das?«
»Was dann?«
»Unterbrechen Sie mich nicht, dann erfahren Sie alles der Reihe nach. Sie werden...«
»Lassen Sie mich raten! Gebraucht?«
»… der Missverständnisse nicht mehr Herr, die Sie damit auslösen.«
»Das hört sich vernünftig an. Aber das weiß doch jeder.«
»Sie vielleicht. Sind Sie jeder?«
»Ich? Wie kommen Sie darauf? An wen denken Sie?«
»An allerlei. Zum Beispiel hat die Bundesregierung…«

Medientheoretikern sollte die Bemerkung, die dem amerikanischen Präsidenten über das Einwanderungsland Schweden entschlüpfte, ein gefundenes Fressen sein – nicht, weil der dahinterstehende Sachverhalt ihnen zu denken gäbe, sondern weil sie so plastisch den Satz illustriert, den man in dieser Sparte so gern als theoretischen Urknall zelebriert: Das Medium ist die Botschaft. Leicht formalisiert und wenig wahlkaumpftauglich aufbereitet, sagte der Präsident: ›Es gibt, als Folge unkontrollierter Masseneinwanderung, mehr Kriminalität auf Europas Straßen, mehr Vergewaltigungen, Diebstahl und Aufruhr, eine Häufung terroristischer Ereignisse und die gestrige Sendung über Schweden, die uns die Augen über das Musterland der nördlichen Hemisphäre öffnete, über das wir uns bisher nur hehre Vorstellungen machen durften.‹

Was ich über Analogie schrieb, bedeutet nicht, dass es dumm sei, in Analogien zu denken oder dass am Ende die Analogie selbst dumm sei – zweifellos gibt es genügend dumme Analogien und richtig ist, dass, wer ihnen aufsitzt, am Ende der Dumme ist. Vielleicht sollte man strikter, als das in der Regel geschieht, zwischen strategischen und taktischen Analogien unterscheiden. Die meisten Analogien, die dem Leser aufgetischt werden, sind taktischer Natur: schnell hingeschrieben, meist zu denunziatorischen Zwecken, und ebenso schnell vergessen: Das ist ja wie ––…

»Es war ein spezifisches Problem der DDR, dass es über die politisch-ideologische Sphäre hinaus keine weiteren Bindungskräfte gegeben hat, die in Zeiten politisch-sozialer Krisen doch Stabilität und Zusammenhalt zwischen den Menschen hätten gewährleisten können. ln den anderen sowjetisch dominierten neuen Staaten nach 1945 gab es die immer vorgeordnete nationale Basislegitimität: man war erst Pole, Ungar oder Albaner und dann erst Sozialist.

›Inkompetenz­kompensations­kompetenz‹ ist nach einem bekannten Wort des Philosophen Odo Marquard die Kompetenz des Philosophen. Daran gemessen müsste Donald Trump als der Philosoph unter den neueren amerikanischen Präsidenten durchgehen – sofern man davon absieht, dass die meisten von denen, die ihn der laufenden Inkompetenz bezichtigen, gewillt sind, ihm nichts durchgehen zu lassen, was auch nur entfernt den Anschein von Kompetenz erwecken könnte. The medium is the message. Dass, vermutlich aus gutem Grund, ein Vertreter der frisch ins Amt gewählten Regierung einem Gericht vorhält, die Kompetenz des Präsidenten anzuzweifeln, fügt dem Stand der Dinge bloß eine weitere Pointe hinzu. Auch Juristen sind erst einmal Zeitgenossen, deren Urteile, wie immer begründet, auf medial gefütterten Vor-Urteilen aufruhen.

Im Himmel der Gutgläubigen sind noch Plätze frei. Das ist keine Aufforderung, sie unzeitig einzunehmen, aber ins Grübeln darf man schon kommen. Ein Land, in dem einundachtzig Prozent der zur Bevölkerung hochgerechneten ›Befragten‹ meinen, die Regierung habe die Situation nicht mehr unter Kontrolle, während ganze vierzig Prozent einen Wechsel an der Spitze wünschen, hätte man gern näher kennengelernt, schon um zu verstehen, was in ihm vorgeht. Einundachtzig Prozent sind, unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie, keineswegs ›Ausdruck einer gespaltenen Volksmeinung‹, sie sind auch keine ›Anomalie‹, deren Verschwinden man abwarten könnte wie das Ende eines unzeitigen Frosteinbruchs – ehrlich gesagt, sie lassen sich kaum noch politisch verstehen. Gerade das lässt sie eminent politisch erscheinen: einer pointiert unironischen Deutung des ›gemeinen Wesens‹ wären sie Ausdruck eines existenziell zu nennenden Aufbegehrens, auf den es in der Demokratie, gemäß dem ihr eigenen Ethos, nur eine Antwort geben dürfte – den, wie auch immer, parlamentarisch eingefädelten Rücktritt.

Einfach mal die Fresse halten. Man liest die Aufforderung verschiedentlich in den sozialen Netzen, es mag sein, dass immer derselbe Kopf – oder dieselbe ungehaltene Fresse – dahintersteckt, auszuschließen ist das nicht, genauso wenig, dass viele, durch Anonymität geschützt, wie sie meinen, sich des Ausdrucks als Redefigur bedienen, um ihrer Weltsicht eine Gasse zu bahnen: wichtig wäre weder das eine noch das andere, denn es zählt der Effekt. Und im Effekt – auch wenn das Getuschel in den hinteren Reihen kein Ende nimmt und manches Drohwort aus der Deckung fliegt –, im Effekt wirkt die Aufforderung, gleichgültig, ob gezischt, gezischelt oder hinausposaunt, je nachdem, ob sich ihr Urheber im Konzertsaal, in der Küche oder im Kindergarten wähnt, obwohl er doch in der schriftkulturellen Öffentlichkeit und damit im Archiv agiert, das uns alle überdauert, es sei denn, die atomare Hölle oder ein Asteroid … etc. Sie wirkt – doch damit ist nicht gesagt, wie sie wirkt, schon gar nicht, dass die Wirkung einheitlich und ›stringent‹, also ›schlüssig‹ ausfallen muss. Wie bei jeder Art von sozialer Wirkung kann sie unterschiedliche Formen annehmen, auch aus- oder abfällige, keine Frage, aber der lähmende Biss der Schlange hinterlässt überall seine Signatur.

Die Sache mit dem Erstgeburtsrecht bedarf insofern einer Erklärung, als es mittlerweile öfter in Anspruch genommen wird als in all den Jahren, in denen extremistische Brandstiftung, falls sie nicht von linken Chaoten zu Aufklärungszwecken geübt wurde, praktisch automatisch den  Kreis der notorisch Verdächtigen ins Zentrum der Ermittlungen rückte: Zukurzgekommene vom rechten Rand, die anstelle der Linsensuppe den Topf in ihre Gewalt bringen wollten. Das hat sich geändert. Heute wird es, gelegentlich durch Gebrüll unterbrochen, in öffentlicher Rede unter Berufung auf jenes fast vergessene Buch und die aus ihm hervorgegangene jüdisch-christliche Tradition reklamiert – was nachdenklich stimmen sollte, da letztere in den Jahren nach der Wiedergewinnung der Einheit als ›unverrückbares Fundament unserer Werteordnung‹ in der Sprüche-Sammlung noch des hintersten Provinzpolitikers einen festen Platz beanspruchen durfte.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.