Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

von Ulrich Schödlbauer

»In diesem Moment machte ich zwei Fotos. Das erste Foto war Abasse, wie er mich als ein blutig geschlagener Clown verwirrt ansah. Das zweite Foto war Abasse, wie ihn eine Faust im Gesicht traf.« Eine Personverdoppelung in zwei Sätzen, die wie ein missing link die Person dazwischen erraten lässt, ein Schemen, ergänzt aus Eigenem, ergänzt durch Material aus einer anderen Welt, einer Welt, in der es gewalttätig zugeht, auch wenn kein Blut fließt und gerade keine Fresse poliert wird, weil die Interessen ein scheinbar gesitteteres Verhalten nahelegen. Dagegen setzt der Erzähler den grünen Raum von Saint Leu, eine Strecke inmitten der Brandung, nur dem Surfer zugänglich, der am Strand von La Réunion seine Künste spielen lässt.

von Lutz Götze

Wer über die Bundestagswahl 2017 enttäuscht oder gar entsetzt war – zumal wegen des Abschneidens der ›Alternative für Deutschland‹ -, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden, die seit längerem deutlich erkennbar waren. Deutschland ist nach rechts gerückt, ist mithin, zynisch gesprochen, seinen europäischen Nachbarn ähnlicher geworden.

Depressive Dominanz

Ich werfe der zwischen 1950 und 1960 geborenen (westdeutschen) Generation vor, dass sie die deutsche Stimme in der Welt rigoros abgeschaltet hat. In diese Stille hinein ertönen seit Jahren die Worte der Kanzlerin und die zynischen Kommentare ihres gerade entlassenen ›Kassenwarts‹ – mit den bekannten Folgen ... Schriftsteller? Unerheblich. Philosophen? Fehlanzeige. Wissenschaftler? Beschränkt aufs Fachpublikum, mit gelegentlichen Ausreißern in die Medien: anämisch. Politische Köpfe? Statur sieht anders aus.

von Gerhard Engel

Den Titel für ihren von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Sammelband liehen sich die Herausgeber bei Eric Hobsbawm, der den Ersten Weltkrieg mit diesem Begriff gekennzeichnet hatte. Doch in den achtzehn durchweg lesenswerten Beiträgen des Bandes, zumeist hervorgegangen aus wissenschaftlichen Veranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wird weit mehr abgehandelt als der Brutalisierungseffekt dieses bis dahin unbekannten industrialisierten Massenmordens. Denn sie ziehen eine Zwischenbilanz der seit 2014 geführten Debatten über Kriegsschuld und Verantwortung, verfolgen Fortwirkungen des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit des Zweiten und bereichern unsere Kenntnisse über das Geschehen auf Kriegsschauplätzen, die seit 2014 in den Debatten über den ›Großen Krieg‹ weniger Beachtung fanden als die Fronten in Ost- und Westeuropa.

von Holger Czitrich-Stahl

Heft III von Arbeit – Bewegung – Geschichte erschien Ende September 2017 und widmet sich dem Schwerpunkt »An den Rändern der Revolution: Marginalisierung und Emanzipation im europäischen Revolutionszyklus ab 1917«. Wie auch in anderen Zeitschriften, die sich hundert Jahre nach den beiden russischen Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 mit dem Revolutionszyklus von 1917-1923 beschäftigen, bemüht sich auch das hier betrachtete Periodikum um einen erweiterten Blickwinkel auf die Ursachen, Triebkräfte, Ereignisse und sozialen Träger der Umwälzungen jener Jahre nach dem herannahenden Ende des Ersten Weltkrieges und dem Abflauen der revolutionären Kämpfe 1922/23.

von Ulrich Siebgeber

1
Das Land hat gewählt.
Das Land hat keine Regierung.
Die Regierung wurde abgewählt.
Die Regierung regiert weiter.
Die Regierung regiert.

2
Ein Land hat gewählt.
Es hat keine neue Regierung gewählt
sondern den Ausdruck des Missfallens
über alle
die es schon länger regieren.

3
Die Regierenden fragen sich
wie sie nicht weiterregieren sollen
wo doch die Wähler
den Stimmzettel in der Hand, es nicht über sich brachten
sie am Weiterregieren zu hindern.

Die Journalisten

Irgendwann nach 1989 muss es den Journalisten aufgefallen sein, wie leicht es war, die klassische Figur des Nachkriegsintellektuellen vom Sockel zu stoßen. Das geschah selbstredend in der DDR, deren Lebenszeit nur noch kurz bemessen war, aber lang genug, damit sich die gewohnten Wortführer mit Westkontakt noch schnell durch öffentliche Treuebekundungen zu einem geläuterten Sozialismus desavouieren konnten, bevor die Öffnung der Stasi-Akten ihnen für längere Zeit den Mund verschloss. Aber ein Hauptakteur im Westen war sicherlich der frühere Feuilletonchef und spätere Miteigner der FAZ, Frank Schirrmacher, ein Journalist mit der geistigen Physiognomie des verhinderten Intellektuellen, der in seinen Sachbüchern das Gefühl zu verbreiten wusste, das lebenswerte Leben sei just mit ihrem Erscheinen zu Ende gegangen.

Interview mit Richard Schröder

Globkult: Die von Ihnen zusammen mit Eva Quistorp und Gunter Weißgerber verfassten Zehn Thesen für ein weltoffenes Deutschland enthalten eine Reihe handfester Vorschläge zur Flüchtlings- und Einwanderungspolitik der Bundesrepublik. Zielen Sie damit auf die Arbeit der kommenden Regierung oder der künftigen Opposition?

Richard Schröder: Wir zielen auf die öffentliche Meinungsbildung.

von Richard Schröder, Eva Quistorp und Gunter Weißgerber

1. Da der Migrationsdruck auf Europa vor allem durch den Geburtenüberschuss in Nahost, Mittelost und Afrika bedingt ist, wird er auf absehbare Zeit nicht abnehmen. Wenn wir Erfolge in der Bekämpfung des Hungers in Afrika erlangen, wird er sogar zunehmen, weil dann mehr Menschen sich die Reise nach Europa leisten können. Hochrechnungen aufgrund von Befragungen haben ergeben, dass ca. 500 Millionen aus diesen Gegenden nach Europa kommen möchten, wenn sie könnten. Daraus ergibt sich zwingend, dass Europa die Immigration regulieren muss. Wir können nicht alle aufnehmen, die zu uns kommen wollen. Zudem verbreiten Schlepper illusionäre Erwartungen, die Enttäuschungen und Aggressionen vorprogrammieren.

von Richard Schröder, Eva Quistorp und Gunter Weißgerber

1. Da der Migrationsdruck auf Europa vor allem durch den Geburtenüberschuss in Nahost, Mittelost und Afrika bedingt ist, wird er auf absehbare Zeit nicht abnehmen. Wenn wir Erfolge in der Bekämpfung des Hungers in Afrika erlangen, wird er sogar zunehmen, weil dann mehr Menschen sich die Reise nach Europa leisten können. Hochrechnungen aufgrund von Befragungen haben ergeben, dass ca. 500 Millionen aus diesen Gegenden nach Europa kommen möchten, wenn sie könnten. Daraus ergibt sich zwingend, dass Europa die Immigration regulieren muss. Wir können nicht alle aufnehmen, die zu uns kommen wollen. Zudem verbreiten Schlepper illusionäre Erwartungen, die Enttäuschungen und Aggressionen vorprogrammieren.

Brief an den Herausgeber

von Walther Grunwald

60 Prozent der AfD-Wähler gaben laut Infratest an, dass sie die AfD nicht wegen der nazistischen, rechtsradikalen, antisemitischen Äußerungen verschiedener hoher AfD Funktionäre gewählt hätten. Sie hätten AfD gewählt aus ›Enttäuschung‹ über das Verhalten ›der Anderen.‹ Sie haben nicht der Wahl den Rücken gekehrt. Das kann nur heißen, dass sie andere Parteien wählen würden, wenn die ihre Probleme durch konkrete Schritte und Angebote verbesserten, statt seit mindestens drei Jahren hohle Phrasen zu servieren. Darüber hinaus bedürfte es einer genaueren Analyse, um zu erfahren wie viele von den 40 Prozent, die nicht von der CDU, SPD, den Grünen enttäuscht waren, aber trotzdem die AfD wählten, dies aus völkischer, nationalistischer, fremdenfeindlicher Überzeugung taten. Die nach mehrheitlichem gesellschaftlichem Konsens widerwärtigen Äußerungen von AfD-Funktionsträgern darf niemand als bloß Dahergeredetes abtun. Das geschah schon einmal. Als es geschah, haben es zu wenige ernst genommen.

von Christoph Jünke

Im Jahre 2006 erinnerte Arno Klönne in einem kleinen Zeitungsartikel an den hundertsten Geburtstag von Wolfgang Abendroth und pries dabei dessen politisch-intellektuellen Charakter. Abendroth sei ein linker Politikanalytiker in der Tradition der klassischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung gewesen, der die Entschiedenheit in der antikapitalistisch-sozialistischen Sache mit einem freundlichen Umgang ebenso mischte wie die Schärfe des politischen Geistes mit der Ablehnung jeder Effekthascherei. Abendroth habe Theorie und Praxis nicht auseinander gerissen und politische Wirksamkeit in Gewerkschaften, Parteien und sozialen Bewegungen mit der Mitarbeit in publizistischen Projekten und linken Kleingruppen verbunden. Er habe dabei beschränkte Sichtweisen ebenso kritisiert wie Scheinradikalität, und wollte die Bürokratisierung linker Organisationsformen ebenso überwinden wie die rechthaberische Isolation im gesellschaftlichen Gegen-Ghetto. Ein solcher Politikanalytiker, so Klönne vor nun einem Jahrzehnt, sei der deutschen Linken zu wünschen, doch leider gebe es ihn nicht.

von Katharina Kellmann

Nun ist es passiert: Die Sozialdemokratie erreichte bei den Bundestagswahlen etwas mehr als 20 Prozent der abgegebenen Stimmen. In meinen Augen wirft dieses Ergebnis die Frage auf, wie es mit der Partei weitergehen soll. Zwar lag die Union in den Bundestagswahlen seit 1949 meistens vor der Sozialdemokratie, aber seit 2005 verfestigt sich im Bund der Rückstand auf die Union. Läuft die SPD Gefahr, zum ständigen Juniorpartner der Union zu werden? Oder als ewige Oppositionspartei wie bei den Landtagswahlen wie in Bayern eine Teilnahmebestätigung zu erhalten?

US - Wahlgesichter

Allmählich sollten die Sittenwächter der Republik begreifen: So lässt sich dieser Staat nicht regieren. Sie haben sich, sehenden Auges blind, in den Bürgerkrieg der Worte und Gesten gestürzt, als die Flüchtlingskrise schonungslos die Handlungsschwäche der EU offenlegte, sie haben mit dem unerleuchteten Gerede von Hell- und Dunkeldeutschland eine Saat gelegt, deren Aufgang direkt in die Sitzverteilung des kommenden Bundestages führt, sie haben, mit einem Wort, das Land gespalten, sie haben Europa gespalten und wenn es nach ihnen ginge...

...

von Holger Czitrich-Stahl

Mit dem Buch Moderne Wahlen hat Hedwig Richter ihre Habilitationsschrift vorgelegt. Es handelt sich hierbei um eine vergleichende Analyse und Bewertung der Geschichte der Wahlen und des Wahlrechts in den USA und in Preußen im 19. Jahrhundert im Rahmen einer Demokratiegeschichte der Neuzeit. Die Verfasserin forscht seit 2016 am Hamburger Institut für Sozialforschung und ist Privatdozentin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, wo sie sich auch habilitierte.

von Gunter Weißgerber

Am 8. Oktober 1992 starb mit Willy Brandt ein wahrhaft großer Deutscher, Europäer und Sozialdemokrat. Diese Aufzählungsabfolge ist mir wichtig, verantwortungsvollen Politikern muss immer das Wohlergehen des gesamten Landes wichtiger sein, denn das Wohlergehen der eigenen Partei. Je näher beides zusammenkommt, desto besser ist es auch für die eigene Partei. Eingedenk des Wissens, vier Jahre sind die Parteien am Zuge, am Wahlabend ist es die Wahlbevölkerung – wie eine unauflösbare Schicksalsgemeinschaft halt so funktioniert.

von Gunter Weißgerber

Für die 25-Jahrfeier des Heimat- und Geschichtsvereins Kirchhain/Hessen wurde ich um eine Rede zur jüngeren Geschichte gebeten. Gern kam ich dem nach. Manches hat die Zuhörer sicher überrascht, vielleicht auch erfreut, einigen Aussagen mochten sie vielleicht nicht folgen. Vor allem haben sie mit mir eines nicht erlebt: die Rede eines Sozialdemokraten, der nur Gutes über die eigene Truppe zu berichten und der demokratischen Konkurrenz nur Schlechtes hinterherzuwerfen weiß.

Jugend unter Hitler. Ein Romanversuch

von Herbert Ammon

I.

Während die Epoche des Faschismus, in concreto die Ära des Dritten Reiches, unaufhaltsam in historische Distanz rückt, werden in politisch-pädagogischer Absicht nachwachsenden Generationen kontinuierlich die Schreckensbilder der NS-Verbrechen vor Augen geführt. Auf der Ebene tieferen Geschichtsverständnisses, etwa bei der komplexen Frage nach der Motivation und den Verhaltensweisen junger Menschen unter der NS-Diktatur, fehlt es – ungeachtet der ins Uferlose reichenden Bücherflut – weithin an real erhellender Literatur.

Zu den überragenden Verdiensten Willy Brandts wird man einmal seine drei Söhne zählen müssen, von denen einer als Schauspieler die Nation allabendlich mit den Schrecken ungesetzlicher Handlungen versöhnt, während der andere, als Historiker, die Schrecken der Geschichte, ohne ihnen ein Jota abzunehmen, als lebbare Mitgift der Menschheit behandelt. Denn tatsächlich blieb es dieser Generation vorbehalten, die Lebbarbeit der Geschichte neu zu erproben, insbesondere desjenigen Teils, den ihr die Vorgänger (und Vor-Vorgänger) hinzugefügt hatten.

Haben Sie niemals einen Gegner wie diesen gesehen? Nein? Dann haben Sie niemals Geschäfte gemacht, wirkliche Geschäfte, wir verstehen uns, mit hohem Einsatz und hohem Risiko. Aber vielleicht ist so eine Erscheinung auch in diesen Breiten ein eher seltenes Gegenüber... Du wähnst es in einem der unteren Stockwerke, in denen man sich gegenseitig die Fresse poliert, um nach oben zu kommen, und es steht bereits in der Tür, du schimpfst es hässlich und es weicht aus, du verpasst ihm all diese schlimmen Bezeichnungen, die jeden Gentleman stolpern lassen, und es schlägt einen Haken, du vernichtest es und es finassiert, du schiltst es barbarisch und es spielt mit dir, du nennst es böse und es lullt dich in Sicherheit, du giftest und es gibt dir dieses törichte Überlegenheitsgefühl, um es im nächsten Moment zu zertrümmern, es weiß nichts, dessen bist du sicher, und...

...

– er könnte noch einmal wertvoll werden. Nein, ich werde keine Vergleiche tätigen (›Literaturnobelpreis für Bob Dylan, das ist ja wie...‹) … keine Vergleiche! Er bekommt ihn und Udo Lindenberg nicht, darin liegt der Skandal. Wer ist Udo Lindenberg? Ah, diese heiß- und kaltgeliebte hundertjährige Nuschelmaschine, an deren grenzdebilen Texten sich die Pickelträger und Staatsratsvorsitzenden eines verflossenen Jahrhunderts labten – did you ever know him? Oh yes, I know him. Udo Lindenberg for president! Ach, er hat keine amerikanische Geburtsurkunde? Sorry, das wusste ich nicht. Muss man das verstehen?

Niemand bestreitet (im Prinzip), dass im syrischen Bürgerkrieg Verbrechen schrecklichen Ausmaßes begangen werden. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass alle Seiten an diesem Verbrechensaufkommen beteiligt sind. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass der fortgesetzte Bürgerkrieg, wie immer man seine Ursachen und Anfänge beurteilt, ein Verbrechen darstellt, begangen am syrischen Volk, also an den Bewohnern dieses unglücklichen Landes, denen das Leben (und Lebenlassen) wichtiger ist als die Durchsetzung einer abstrakten und bluttriefenden Doktrin. Niemand bestreitet (im Prinzip) die Namen der direkt und indirekt beteiligten Parteien. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass dieser Krieg seine Terror-Ableger in die Zentren der westlichen (und östlichen) Welt trägt.

… ein paar Tage weg gewesen, keine deutschen Zeitungen gelesen. Auf Youtube war ich auch nicht. Das hole ich jetzt nach. Das Video mit den Flüchtlingen, die nach Spielfeld eindringen (tausend, Hunderte? Die genannte Zahl habe ich mir nicht gemerkt, aber es waren sehr viele) ist ebenso beängstigend wie die Meinungen derer, die von der »Flut«, »Welle« und »Masse«, von kriminellen Arabern und einem geschlachteten und verspeisten Pferd erzählen. Ich höre, dass ein reiches Telekom-Unternehmen die Flüchtlinge steuert, Araber vor der Haustür oder im Schrebergarten deutscher Bürger pinkeln, sehe hier Horrorszenarien, da eine euphorische Willkommenskultur. Ob ich eine Meinung dazu habe?

Vortrag bei der Veranstaltung zum Theodor Kramer-Preis im Adalbert-Stifter-Haus, Linz, 17. September 2015

»Unjüdische Juden« ist, oder war zumindest erst einmal, ein Schimpfwort. Es wurde von den Hütern der jüdischen Gesetze benutzt, um Menschen zu bezeichnen, die ihnen nicht jüdisch genug waren. Im 19. Jahrhundert waren Mitglieder der Reformgemeinden für die Orthodoxen unjüdische Juden, in der Weimarer Republik sprach man von Juden ohne Judentum. »Unjüdisch« waren all jene Juden, die sich an die Kultur ihrer Umgebung, sei sie deutsch, österreichisch oder russisch-sozialistisch, angepasst hatten, Juden die gar nicht oder nur die berühmten drei Tage in die Synagoge gingen (es gibt dafür den Ausdruck Drei-Tages-Juden), die sich als Rechtsanwälte, Bankangestellte oder Akademiker solange der deutschen Kultur zugehörig fühlten, bis sie von ihren Nachbarn, Vorgesetzten, Untergebenen und Kollegen rausgeschmissen und bespuckt wurden.

von Ulrich Siebgeber

Als die hohe Frau
von ihrem Stuhl herabstieg,
begegnete sie
dem Zeichen des Halbmonds.
Auf ihre erstaunte Frage,
worum es sich dabei handle,
ergriff ein kleiner Dicker das Wort
und belehrte sie feixend,
es bedeute ›Der Weg‹.

von Christoph Jünke

Die Geschichte der (west-)deutschen Linken ist, wie Frank Deppe vor einigen Jahren nochmals betont hat, kein geradliniger Prozess von Aufstieg und Niedergang. Sie verläuft vielmehr »ganz offensichtlich diskontinuierlich« (Frank Deppe, Die Linke in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 2000) und weist, im Großen wie im Kleinen, einen gleichsam zyklischen Wellen-Charakter auf.

von Christoph Jünke

Noch vor einem Jahr veröffentlichte er sein jüngstes Werk, die beeindruckenden Geschichten von Marx und dem Marxismus im englischen Original (die deutsche Übersetzung ist erst vor wenigen Wochen bei Hanser erschienen), und fast bis zum Schluss vertrieb sich der britische Universalhistoriker Eric Hobsbawm seine Zeit mit kleinen, aber feinen Beiträgen für die London Review of Books. Nun (am 1. Oktober) ist er, im stolzen Alter von 95 Jahren, aus dem Leben und Arbeiten herausgerissen worden und von uns gegangen. Und es fällt schwer, nicht auch bei Hobsbawm an die Zeilen des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko zu denken:

Raymond Verdaguer

 

– Unsere Maßstäbe sind unverändert hoch.
– Deshalb sitzen wir auch fest.
– Genau. Wir lassen uns nicht zum Affen machen.
– Oder zum Gespött.
– Das sehe ich auch so.
— Gemeinsam haben wir alles im Blick.

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (5)]

 

Über verdrängte Zusammenhänge, ungestellte Fragen und unausgewertete Archivbestände

von Gregor Kritidis

In der alten Bundesrepublik wurde die zeitgeschichtliche Forschung von dem historisch-moralischen Imperativ mitbestimmt, dass nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen sollte, dass es nie wieder ungebremsten Terror gegen die innere Opposition und Andersdenkende geben und sich der industriell organisierte Massenmord nie wiederholen solle.

von Hans Erler

1923 schreibt der deutsche Rabbiner und Religionsphilosoph Leo Baeck in einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Tat über die »Bedeutung der jüdischen Mystik für unsere Zeit« und unterscheidet dabei eine jüdische »Mystik des Lebens« von allen anderen Mystiken, die er als »Mystiken des Sterbens« kennzeichnet:

von Ulrike Heitmüller

Zu Beginn der Weimarer Republik legte die verfassungsgebende Nationalversammlung das Ende des Staatskirchentums in der Reichsverfassung fest. Die bisherigen Staatskirchen gerieten dadurch in eine Krise, die Freikirchen dagegen

von Felicitas Söhner

Die umfangreiche Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen in Kürze zusammenzufassen, ist kein leichtes Unterfangen angesichts der Vielfalt des Themas. Denn war doch gerade das Verhältnis von Deutschen und Polen von gegenseitiger Bereicherung und fruchtbarem Austausch geprägt und gleichzeitig kein Verhältnis zweier europäischer Nachbarstaaten so voller Schrecken und dann voller Hoffnung. Dies ist trotz allem eine einzigartige Geschichte der Gemeinsamkeiten.

von Ulrich Siebgeber

Es ist schon ein seltsames Gewese um dieses Ding, Bevölkerungspyramide genannt, das die Statistiker in die Köpfe der Leute praktiziert haben und das nun, koste es, was es wolle, dort seinen Schabernack treibt. Diese Pyramide ›spiegelt‹ nicht den hierarchischen Aufbau der Gesellschaft – die gibt es auch –, sondern den sogenannten Altersaufbau: was unten nachwächst, wächst, wie man annimmt oder annehmen sollte, dem Tode entgegen, nimmt also stetig, was immer das heißen soll, ab.

»Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.« Friedrich Nietzsche 1886: Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 156

von Milutin Michael Nickl

Werden die Europäer die Meinungsäußerungsfreiheit, Medienfreiheit und Pluralität mit Blick auf Artikel 11 der EU-Grundrechte-Charta (2007/C 303/05) »ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen« bewahren? Mit der Written Declaration 29, im Politsprech smile 29 genannt, hat das EU-Parlament etwas deklariert, das die bestehende EU-Richtlinie 2006/24/EG zur Vorratsdaten-Speicherung unverhältnismäßig verschärfen und die verdachtsunabhängige Überwachung aller EU-Bürger etablieren würde. Seit Mitte 2010 ist diese zweischneidige Willensbekundung des Europäischen Parlaments, die Written Declaration 29 – (aktuell siehe http://smile29.eu/index.html, deutschsprachige Version http://smile29.eu/doc/DS29_DE.pdf) − zur Browser-Kontrolle und verdachtsunabhängigen (!) Vorratsdatenspeicherung konkreter Inhalte von Suchmaschinen-Abfragen aktuell.

von Helmut Dahmer

 Im Oktober 1905 wurde ein 24jähriger Feuerkopf in die Exekutive des Petersburger Arbeiter-Delegiertenrats gewählt, der unter dem Pseudonym »N. Trotzki« in drei Zeitungen schrieb und als einer der besten Redner der revolutionären Bewegung galt. Der junge Mann war der Sohn eines wohlhabenden, jüdischen Bauern im südrussischen Gouvernement Cherson. Bücher gingen ihm schon in seiner Kindheit über alles.

von Herbert Ammon

I.

In den Wochen vor dem 3.Oktober 2010, da es die historisch wundersame deutsche Wieder- oder Neuvereinigung zu feiern gilt – wir verdanken sie dem Wettrüsten, der Perestrojka, den DDR-Bürgerrechtlern sowie dem noch real existierendem Nationalbewußtsein (»Deutschland einig Vaterland«) der Deutschen in der ehemaligen DDR –, sorgt der ›Fall Sarrazin‹ für Aufregung

Peter Brandt

(Vortrag bei der Eröffnung des Regionalzentrums Berlin der FernUniversität am 18. September 2009)

Den meisten der Anwesenden wird in Erinnerung sein, wie heftig und teilweise erbittert 1991 die Debatte um die künftige Hauptstadt des neu vereinigten Deutschland geführt wurde: zuerst in der Publizistik, dann im Parlament. Streng genommen ging es gar nicht um die Frage der Hauptstadt; als solche war Berlin nämlich schon im Einigungsvertrag benannt worden. Hauptstadt und Regierungssitz sind in der Regel, aber nicht zwingend identisch. So ist Den Haag seit rund 200 Jahren Sitz der zentralen politischen Institutionen der Niederlande, wird aber nicht als Hauptstadt angesehen. Diesen Titel hat man der alten Wirtschafts- und Kulturmetropole Amsterdam vorbehalten, die in politischer Hinsicht ohne jede konkrete Funktion ist.

von Gerd-Rainer Horn

1989 schrieben die Weltsystemtheoretiker Giovanni Arrighi, Terence K. Hopkins und Immanuel Wallerstein die vier kurzen Sätze: »Es gab nur zwei Welt-Revolutionen. Die eine fand 1848 statt, die zweite 1968. Beides waren historische Misserfolge. Und beide veränderten die Welt.«1 Selbst wenn man die These der Singularität dieser beiden transnationalen Revolten nicht ganz teilt, und selbst wenn die ganze historische Bedeutung von 1968 nur im Nachhinein offenbar werden wird, vielleicht in fünfzig oder hundert Jahren, so ist die in dieser Passage zum Ausdruck kommende Stimmung absolut angemessen. 1968 bedeutet eine herausragende Zäsur in der Geschichte des modernen Europas – so wie die Jahre 1905, 1917, 1934, 1945 oder 1989.

by Dietrich Harth

Specifity is not just there. India is not just there.
Immanuel Wallerstein

Introductory note

›Imperialism‹ in English usually means the dominion or autocratic rule of a sovereign, be it an individual (a king or emperor) or a collective actor (a constitutional government). Looking at the history of India covering a time-span of roughly 100 years, i.e. from about 1750 until about 1860, the dominant ›imperial cultures‹ to be put into focus will mainly be those which historians usually identify with the Moghul-empires.

von Peter Brandt

Der badische Staatsminister von Bodman sprach 1910 in der Ersten Kammer des Großherzogtums von der Sozialdemokratie als einer »großartigen Arbeiterbewegung zur Befreiung des vierten Standes«, ein im wilhelminischen Deutschland vermutlich einmaliger Vorgang. Die SPD war damals zusammen mit den badischen Nationalliberalen in eine feste, semi-parlamentarische Regierungszusammenarbeit eingebunden (ohne selbst an der Regierung beteiligt zu sein), den sog. ›Großblock‹, der die Phantasie so mancher Zeitgenossen beflügelte: War es nicht möglich, so fragten sich Etliche, auf diesem Weg die innen- und verfassungspolitischen Blockaden des autoritär-konstitutionellen Systems im Deutschen Kaiserreich aufzuweichen? Ein Reformbündnis von Bassermann bis Bebel? Doch nicht diesen Gedanken will ich hier weiterspinnen.

von Ralf Willms

I. Axel Sanjosé: Gelegentlich Krähen

In den Gedichten Axel Sanjosés kommen immer wieder Spuren extremer Gewalt zum Vorschein, nicht selten recht unverhüllt, so wie in diesem titellosen Gedicht (S. 51): »Es war in den letzten Ritzen der Sprache, / ein Unzeichen [...] / Man fand Worte, es nicht mehr zu nennen, / Satzfetzen, man fand Zitate, Zwang und Zärtlichkeit, / sagte Unsagbares, lallte Unlallbares, / riss die Eingeweide mit bloßer Hand aus dem Rücken [...] gab Kindern Draht, sich Nabel zu bohren, / teilte Spinnen aus und Splitter / zu gurgeln, zu gurgeln.« Die Gewalt, die einerseits bis in die »letzten Ritzen der Sprache« dringt, und andererseits nicht mehr genannt wird, erscheint, wie man weiß, stets in immer neuen und alten Gewändern:

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.