Herr Gauland hat ein gebrochenes Verhältnis zur deutschen Geschichte. Nicht nur, dass er sie – wie Herr Höcke zuvor – um 1000 Jahre zurückdatiert, sondern weil er sie wohl als durchgängig glanzvoll und uneingeschränkt positiv bewertet, so dass ihm die NS-Zeit, der »Vogelschiss«, dadurch mehr als aufgewogen erscheint.

Ohne gleich in den Verdacht zu geraten, zur »Nie wieder Deutschland« – Fraktion zu gehören oder zu jenen, die die ganze deutsche Geschichte auf Hitler zuzulaufen sehen, sollte man Herrn Gauland doch mal fragen, was er von den negativen Erscheinungen hält. Z.B. von der blutigen Niedermetzelung der Bauern in den Bauernkriegen, von den Karlsbader Beschlüssen, von der Niederschlagung der Revolution von 1848/49. vom Völkermord an den Hereros, von Bismarcks Sozialisten-Gesetz und Kulturkampf usw. usw. Gewiss, Ähnliches haben sich auch andere Völker geleistet, aber das nimmt den Makel nicht von uns. Gaulands einseitiges Geschichtsbild ist nicht konservativ, sondern schlichtweg reaktionär, er ist ein Opfer mythologisierender Geschichtsdeutung.

Gaulands Sicht kann nur teilen, wer die große Begeisterung der meisten Deutschen für Hitler nicht wahrhaben will, vor allem aber, wer nicht die Vorgeschichte der Hitlerei ausblendet.

Hitler kam nicht von ungefähr über uns. Die ideologische Vorgeschichte, die ihm den Boden bereitete, reicht weit zurück: Sie prägte zu weiten Teilen die deutsche Mentalität, gegen die liberale oder gar sozialistische Anschauungen nicht ankamen. Die ›verspätete Nation‹ suchte im 19. Jahrhundert ihre Verspätung nicht nur aufzuholen, sondern sie im Übermaß zu kompensieren. Dazu gehörte die Glorifizierung des Mittelalters, vor allem aber die verfluchte politische Seite der deutschen Romantik. Herbert Ihering schrieb darüber: Die deutsche Romantik war eine Herrlichkeit ohnegleichen, aber sie war auch eine Gefahr ohnegleichen. Sie bestärkte den Deutschen in der Verachtung der Außenwelt. Gerade indem sie ihm seine engeren Seelenbezirke eröffnete, schloss sie ihn auch in diesen ein. Der Deutsche sah sich nur noch in poetischer Verklärung. Seine Innerlichkeit wurde selbstgerecht.

Dann ging es weiter mit der Verachtung der Politik – »Politisch Lied ein garstig Lied« (heute immer noch en vogue, wie sich nicht nur bei Pegida zeigt, sondern auch bei der vorgeblichen Satire in der Heute-Show). Die Ablehnung des ›Parteienstreits‹ führte zu einer Abwertung des Parlamentarismus. Das Nationalgefühl entartete zu einem immer wüsteren Nationalismus und steigerte sich zum Herrenmenschentum: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen«. Familie, Schule, Gesellschaft und Staat waren autoritär geprägt, gipfelnd in der Ablehnung der Demokratie und der Verehrung von Alleinherrschern. Natürlich gehörte auch die Ablehnung von ausländischen Einflüssen dazu.

Die Figur von Wilhelm II verkörperte in ihrer Theatralik die ganze Epoche.

Nach 1918 erfolgte in weiten Kreisen keine Katharsis, die alten Eliten und das alte Denken herrschten weiter. Hinzu kam der stärker werdende, zuvor rassistisch aufgeladene Antisemitismus. Nicht nur die Demütigung durch Versailles oder die Weltwirtschaftskrise ließen die Weimarer Republik scheitern, sondern vor allem der Fortbestand der alten Mentalität, der zur »Republik ohne Republikaner« führte. Die Republik wurde von Links- und Rechtsaußen als ›System‹, das es zu überwinden gelte, attackiert. Dazu zählten auch die Ideologen einer ›konservativen Revolution‹. Durch Carl Schmitt kam das Freund-Feind-Denken hinzu, das keine Zwischentöne und Kompromisse zulässt.

Dieses deutsche Erbe gilt es zu bedenken, wenn man die Vergangenheit aufarbeiten will, zumal einiges davon auch heute wieder in die Rhetorik von Links- und Rechtsaußen mit einfließt.

Herrn Gauland ist zugute zu halten, dass er sich positiv zur Leistung deutscher Juden äußert, auch, dass er nicht das rechtsradikale Mantra »Nicht alles war schlecht unter Hitler« bemüht. Doch er springt zu kurz, zumal wenn er u.a. seinen Stolz auf die Leistungen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg artikuliert.

Der Skandal im Skandal: Als Gauland vor den Jungen Alternativen von der Verantwortung für die NS-Zeit sprach, gab es keine Reaktion im Publikum, als er aber seine »Vogelschiss«-Sentenz brachte, brandete der Beifall auf.

Eichengrün Ernst

Ehemaliger SPD-Politiker, geb. 1934, 1967-69 Bundessekretär der Jusos. Von 1972 bis 1991 war er Leiter der Abteilung Politische Bildung im Gesamtdeutschen Institut, von 1982 bis 1991 dessen Vizepräsident.

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