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von Daniel Bensaïd*

Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort? O, trefflicher Minierer!
William Shakespeare: Hamlet

 

Unser alter Freund ist kurzsichtig. Er ist auch hämophil. Doppelt geschwächt und doppelt zerbrechlich. Und doch setzt er frohen Mutes, geduldig und hartnäckig, von Tunnel zu Stollen, seinen Weg bis zum nächsten Ausbruch fort.

Das 19. Jahrhundert erlebte Geschichte als einen Pfeil, der in Richtung Fortschritt zeigte. Das Schicksal der Antike sowie die göttliche Vorsehung verloren an Bedeutung angesichts der nüchternen Aktivität einer modernen menschlichen Art, die die Bedingungen ihrer eigenen unwahrscheinlichen Existenz produzierte und reproduzierte.

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von Wolf Biermann

Das Lied Melancholie widmete ich vor gut 20 Jahren dem Philosophen Emile Cioran, den ich durch Manés Sperber in Paris kennen lernte. Wir stritten uns rum über den Begriff Hoffnung. Er hasste die Hoffnung. Ich verteidigte tapfer als deutscher Linker und Blochverehrer die Theorie meines verehrten Freundes in Tübingen, das ›Prinzip Hoffnung‹. Kam aber nicht gegen diesen Cioran an. Der hielt das Geschwafel über Hoffnung für einen intellektuellen Selbstbetrug, für eine Illusion, mit der sich die ›Tellektuelinns‹ selber in die Tasche lügen. Ich meine die systemimmanenten Intellektuellen, die gekauften Zuarbeiter der Mächtigen, die affirmativen ›TUIs‹, wie der TUI Brecht sie in seinem Buch der Wendungen schimpfte. Dieser zynische Skeptiker Cioran hielt die ›Hoffnung‹ für eine Tranquilizer-Tablette, frei nach Heine: » ... womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.«

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Paul Mersmann Zirkus.jpg
Von Paul Mersmann der Jüngere - Grabbeau. Museum im Netz http://www.grabbeau.de, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11186370

Als wir vor Jahr und Tag die Arbeiten des Paul Mersmann zu entdecken begannen (es waren nicht zwölf an der Zahl und etliche waren nichts weniger als herkulisch, andere dagegen unbedingt), da wussten wir nicht, auf welche Schätze wir stoßen sollten, wir ahnten es nicht einmal. Sie ruhten gut verwahrt in privaten Sammlungen, in Villen, aber auch an öffentlichen Orten, darunter so belebten wie dem Wiesbadener Bahnhofsvorplatz oder einer Marburger Mensa. Nein, sie erweckten nicht den Eindruck, als habe sie niemand bemerkt. Eher wirkten sie, als habe es niemand für nötig befunden, eigens auf sie hinzuweisen, da sie so vollständig für sich selbst sprechen, dass sich die Aufgabe eigentlich von selbst erledigt. Andererseits hatten wir nicht den Eindruck, zu früh zu kommen: schon haben sich erste Spuren der Ignoranz auf sie gelegt, Vorboten der Zerstörung durch Achtlosigkeit, möglich gemacht durch eine unfassbare Gleichgültigkeit der Kunstwelt und – inzwischen muss man auch das sagen – der Kunstwissenschaft, die lieber den Rosenkranz stattgehabter Erfolge herunterbetet, als dass sie sich zu Urteilen über die zeitgenössische Kunst herausfordern ließe.

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