Von kosmopolitischen Eliten und der Heimatlosigkeit des Kleinbürgers

von Andreas Kalckhoff

Der Streit um die Einwanderung wächst sich scheinbar zu einem Kulturkampf aus. Nicht staatstreue Protestanten und romgläubige Katholiken wie zu Bismarcks Zeiten sind diesmal die Protagonisten, sondern eine kosmopolitische Elite und heimatlos gewordene Kleinbürger. So sieht es jedenfalls die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch im SPIEGEL 16/ 2018. Sie verwendet den Begriff Kulturkampf nicht, aber was sie beschreibt, hört sich genau so an. Dabei wirft sie den Eliten – ›Professoren, Journalisten und Pädagogen‹ – ein starres Weltbild vor, das ›im Namen einer höheren Moral‹ alles verachtet, was nicht hineinpasst. Das muss diskutiert werden.

Professor Koppetsch ist eine renommierte Wissenschaftlerin, die bisher vor allem in der Geschlechterforschung und über bürgerliche Identität gearbeitet hat. Der SPIEGEL hat sie gefragt, warum sich viele Deutsche nicht mehr im eigenen Land zu Hause zu fühlen. Ihre Antwort war zunächst, dass sich für viele Menschen die Spielregeln in der Gesellschaft verändert hätten. Weil ihre Ansichten und Verhaltensmuster nicht mehr zu den neuen Umständen passten, verlören sie das Vertrauen zu sich selbst und in ihre Umgebung. Sie erlebten, dass Gemeinsinn, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und Prinzipientreue zugunsten von Weltgewandtheit, Unternehmergeist und Flexibilität zurückgingen. Dies erwecke bei ihnen den Eindruck, dass heute Selbstbehauptung und Eigensucht mehr gefragt seien, als alte deutsche Tugenden. Aufgrund des Eindrucks, dass Flüchtlinge mehr Aufmerksamkeit erführen als sie in ihren eigenen sozialen Nöten und Ängsten, würden ›vor allem Angehörige der traditionellen Mittelschicht um ihren Platz im System‹ fürchten, ›und zwar nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell. Aus diesem Gefühl der Heimatlosigkeit erwachsen dann all die Kampfansagen an die etablierte Gesellschaft.‹

Diese Beschreibung deckt sich mit vielem, was die Soziologie über die sogenannten Abgehängten und Verlierer der Modernisierung herausgefunden hat. Typisch ist dabei, dass nicht nur soziale Ressentiments im Spiel sind, sondern auch kulturelle. Was Frau Koppetsch als kulturell anspricht, ist jedoch nicht der Clash of Civilizations, den Samuel Huntington beschworen hat, sondern ein Kulturkampf unter Deutschen. Sie beschreibt an dieser Stelle nicht die Unverträglichkeit des Islam – und eines damit verbundenen vormodernen Gesellschaftsmodells – mit westlichen Werten. Vielmehr spricht sie über das Fremdheitsgefühl eines Teils der Deutschen in einer mental verwandelten Gesellschaft. In deren wertkonservatives Weltbild würden ›Homo-Ehe oder das dritte Geschlecht‹ nicht passen.

Man kann darüber streiten, ob für diese ›vielen Menschen‹ die Bezeichnung Mittelschicht nicht überdehnt ist. Wer zählt sich heute nicht alles zur Mittelschicht! Sicher auch die ›kosmopolitische Elite‹ und Teile des Großbürgertums. Da aber Koppetsch an anderer Stelle von Menschen spricht, die in ›kleinbürgerlichem Denken‹ verharren, denkt sie bei den kulturell heimatlos Gewordenen offensichtlich an Kleinbürger. Der Duden versteht darunter ›Angehörige des unteren Mittelstandes‹ oder kulturell abwertend ›Spießbürger‹. Viele der Menschen, die laut Koppetsch aus einem Gefühl von Heimatlosigkeit Kampfansagen an die etablierte Gesellschaft machen, gehören aber zweifellos auch der bürgerlichen Geld- und Bildungselite an.

Sieht man von dieser Inkonsistenz ab, ist ihr Befund nicht ganz falsch. Zweifellos gibt es Menschen, wo immer sie auch sozial verortet sein mögen, die mit der offenen Gesellschaft und der kulturliberalen Veränderung des Menschenbilds nicht zurecht kommen. Aber Koppetsch hat auch noch in einem anderen Punkt recht. Sie spricht diesen Menschen eine ›eigene Wahrnehmung‹ zu, die sie zur Wahrheit erklärten. Das täten aber auch Politiker. Mit der unsinnigen Behauptung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, bedienten sie ›genau dieses Muster‹. Es ginge ihnen nicht um die Sachebene, sondern darum, Gefühle zu mobilisieren. – Diesen Gedanken gilt es festzuhalten.

Danach wird ihre Argumentation aber schwierig. Auch die Behauptung, der Islam gehöre zu Deutschland, sei gefährlich, sagt sie. Wieso das? Weil auch dies nicht die Wahrheit sei. Vielmehr müsse man ›erst noch herausfinden, welche Anteile islamischen Glaubens und Denkens sich auf Dauer mit unserer Gesellschaft vertragen. Wir wissen ja noch nicht, welche Aspekte der Islam in all seinen Facetten mit sich bringt.‹ Das ist natürlich auch nicht ganz falsch, man weiß ja nie, was die Zukunft noch so bringt. Doch was hat das mit den Muslimen zu tun, die mittlerweile nach den Christen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland bilden? Vielleicht würde Koppetsch auf Nachfrage mit dem ›christlich-jüdischen Abendland‹ kommen. Aber dessen Tradition ist angesichts der historischen Aufklärung höchst zweifelhaft. In Wirklichkeit ist nämlich die Geschichte der Aufklärung heute das Alleinstellungsmerkmal des Abendlandes, und diese musste gegen die christliche Tradition hart erkämpft werden. Nicht zuletzt durch Dichter und Denker jüdischer Herkunft.

Heimatlose Spießbürger, kosmopolitische Elite

Ich gebe dieses relativ kurze Interview so ausführlich wieder, um Koppetsch gerecht werden. Sie ist wohl keine AfD-Anhängerin. Aber sie gerät im Verlauf des Interviews in schwere Wasser. Zunächst kritisiert sie – mit Blick auf die Einwanderung – die Uneinigkeit der Regierenden darüber, ›wie das Land aussehen soll‹. Diese Uneinigkeit aber, so ihr Urteil, ‹befördert das grassierende Gefühl der Heimatlosigkeit‹. Was sie anschließend äußert, ist indes so merkwürdig, dass ich es hier im vollen Wortlaut wiedergeben möchte (dieser wird im Original nur durch die Fragen der Interviewerin unterbrochen):

Das Verhalten der Intellektuellen – der Professoren, Journalisten und Pädagogen – befeuert diesen Trend dann auch noch. Diese kosmopolitische Elite verhält sich doppelbödig und wirkt dadurch verlogen. Sie propagiert Weltoffenheit und fordert eine durchlässige Gesellschaft, in der jeder dieselben Chancen hat, sie spricht von Gleichheit und Gleichberechtigung. Aber wenn jemand ihr Weltbild nicht teilt, wendet sie sich verständnislos ab und erhebt sich im Namen einer höheren Moral. Das lässt sich nach jeder Wahl in den Talkshows beobachten. Wenn dort von Protestwählern der AfD die Rede ist, klingt es oft, als handelte es sich dabei um schwer erziehbare Kinder oder Psychopathen.

Dabei drängt sich zunächst einmal die Frage auf, was Koppetsch unter ›kosmopolitischer Elite‹ versteht. Sie erklärt es am Ende des Interviews: es handle sich um Bessergestellte in schönen Stadtvierteln, die ihre Kinder auf gute Schulen schicken können und unter sich bleiben: ›Und mit alldem sendet man jenen, die um ihren Platz in der Gesellschaft fürchten, ein Signal: Hier bei uns, bei den weltoffenen Weltbürgern, finden Leute wie ihr auch keinen Platz. Verloren, Pech gehabt!‹

Man könnte diese handfeste Polemik als Temperamentsausbruch durchgehen lassen. Aber wo führt sie hin? Was bringt es, kleinbürgerliches und kosmopolitisches Denken jeweils mit Spott zu überziehen und dann miteinander zu konfrontieren? Die soziologische Einordnung dieser Subkulturen bleibt vage, die Reichweite ihrer Wirkungen ebenfalls unbestimmt. Wer sind die ›vermeintlich weltoffenen Kosmopoliten‹ wirklich? Professoren, Journalisten und Pädagogen gibt es nicht so viele wie weltoffene Menschen, also muss deren soziologischer Radius größer sein. Sind alle weltoffenen Menschen Kosmopoliten oder nur die vermeintlichen? Auch Polemik sollte präzise sein, sonst trifft sie nicht.

Wenn Koppetsch von Heimatlosigkeit spricht, muss man sich ansehen, was sie unter Heimat versteht. Der Kleinbürger habe seine Heimat verloren, weil ihm daheim niemand mehr zuhöre, während die Kosmopoliten ihre ›kulturelle Heimat‹ in einem Lebensstil hätten, ›der zumindest in den Großstädten fast überall auf der Welt zu finden‹ sei. Diese Aussage bedeutet, dass man sich dort zuhause fühlt, wo einem zugehört und wohl auch zugestimmt wird. Demnach wären aber gerade die Verteidiger von Weltoffenheit und ›durchlässiger Gesellschaft‹ in Deutschland daheim, denn sie finden dort mehr Gehör als die kleinbürgerlich Denkenden, worüber sich diese wiederum beklagen. Wozu brauchen die Kosmopoliten also noch eine ›kulturelle Heimat‹ in den Großstädten der Welt? Was will uns Koppetsch wirklich sagen? Indem sie Weltoffenheit mit Kosmopolitismus gleichsetzt und deren Protagonisten die Verwurzelung in der deutschen Heimat abspricht, erklärt sie Kosmopoliten zu vaterlandslosen Gesellen. Ein solcher Kosmopolit kann jene, die Deutschland vor Überfremdung schützen wollen, natürlich nicht verstehen.

Wahrheit und Weltbilder

Nach Heimat ist hier noch einmal über Wahrnehmung und Wahrheit zu sprechen. Koppetsch hält beide zunächst auseinander: ›Man (d. i. Pegida, AfD, CSU. Anm. d. Verf.) erklärt die eigene Wahrnehmung möglichst öffentlichkeitswirksam zur Wahrheit — grenzt sich also ab, um sich seiner selbst zu vergewissern und auf diesem Weg die alte Geborgenheit zurückzuerobern.‹ In der Tat: etwas ›für wahr nehmen‹ ist nicht die Wahrheit selbst. Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen, aber nur eine Wahrheit im philosophischen Sinne. Damit Wahrnehmungen zur Wahrheit werden, muss man ihre Validität vernünftig begründen. Irreale Wahrnehmungen werden nicht dadurch zur Wahrheit, dass ein großer Bevölkerungsteil sie teilt.

Es wäre schön gewesen, wenn Koppetsch bei diesem Gedanken geblieben wäre. Stattdessen wechselt sie zum schwammigen Begriff ›Weltbild‹. Weltbilder können vieles enthalten, Wahrheiten und Unwahrheiten, Wissen und Vorstellungen. Weltbilder kann man annehmen und wieder ablegen, für wahr halten und verwerfen. Sie sind a priori relativ. Im Unterschied zur Wahrheit kann man sie im Plural haben. Koppetsch stattet nun beide, Kosmopoliten wie Kleinbürger, mit einem eigenen Weltbild aus, noch dazu mit einem ›starren‹. Von Wahrheit oder Wirklichkeit spricht sie dabei nicht.

Starre Weltbilder machen Verständigung schwer, wenn nicht unmöglich. Die Verantwortung dafür lädt Koppetsch einseitig den ›vermeintlich weltoffenen Kosmopoliten‹ auf. Ob das berechtigt ist, soll hier das Problem nicht sein. Das größere Problem ist nämlich, dass sie nicht die Wahrheitsfrage stellt. Sind das Weltbild der ›Professoren, Journalisten und Pädagogen‹, zu denen sie auch gehört, und das jener Kleinbürger, die ihre Wahrnehmung willkürlich zur Wahrheit erklären, wirklich gleichwertig? Und darf man diejenigen in die elitäre Ecke stellen, die in Talkshows die Wähler einer rechtsextremen und rassistischen Partei kritisieren?

Aufgabe der Soziologen ist unter anderem, unterschiedliche Wahrnehmungen in der Gesellschaft zu beschreiben. Wertneutralität ist dabei operational sinnvoll. Soweit erfüllt Koppetsch ihre Pflicht. Das entbindet sie jedoch nicht von der Verantwortung, Wahrnehmungen danach in Relation zu Wirklichkeit und Wahrheit zu stellen. Wirklichkeit ist, was Wissenschaft unter optimalem Einsatz ihrer Mittel herausfindet. Natürlich kann man über das jeweilige Ergebnis streiten, aber mit Vernunft und nicht, um Geborgenheit in einer Scheinwahrheit zu finden. Das weiß Koppetsch natürlich und sagt es auch an einer Stelle. Nur macht sie im Verlauf des Interviews von ihrem Wissen keinen Gebrauch mehr.

Wahrheit und Aufklärung

Das Interview mit Cornelia Koppetsch gehört zur Titelgeschichte von SPIEGEL 16/ 2018. Diese heißt doppeldeutig Neue Heimat und handelt von der steigenden Einwandererzahl sowie jenen Deutschen, die fürchten, dass sich dadurch ihre Heimat verändern könnte oder schon verändert hätte. Aus dem Feature mit vielen Statistiken und Grafiken geht wieder einmal hervor, dass diese Furcht sachlich weitgehend unbegründet ist. Natürlich hängt diese Aussage von der Schwelle der jeweiligen Furcht ab. Wer grundsätzlich keine Ausländer im Land haben will, weil er fremde Hautfarbe, Sprachlaute, Trachten und Essensgerüche nicht ausstehen kann, wer sich von Arabern und Nordafrikanern durch ihre bloße Existenz bedroht fühlt, auch wenn es in seinem Ort gar keine gibt, wer den Islam für eine grundsätzlich gewalttätige Religion hält: den wird man nur schwer mit Fakten beruhigen können. Wer so seine Gefühle lebt, ist an der von Koppetsch apostrophierten Sachebene nicht interessiert.

Trotzdem bleibt es der Bildungselite, den Professoren, Journalisten und Pädagogen, nicht erspart, dies immer wieder mit vernünftigen, fundierten Argumenten zu versuchen. Das nennt man Aufklärung. Wer dies als Überheblichkeit von Leuten bezeichnet, die ein starres Weltbild haben und es sich ansonsten auf ihrem New-York-Trip gut gehen lassen, versteht den Auftrag der Bildungselite nicht. Es geht nicht um kosmopolitische Lebensstile und kulturelle Heimaten. Es geht um Wahrheit. Wer etwas dank seiner Ausbildung und Profession besser weiß, hat die Pflicht, sein Wissen weiter zu geben – auch in Talkshows und an die Protestwähler der AfD. Wer dagegen Aufklärung als Teil eines beliebigen Weltbildes betrachtet, rückt sich in die Nähe derer, die alternative Fakten für möglich halten. Koppetsch spielt gesundes Volksempfinden, das muss man leider so sagen, gegen einen elitären Kosmopolitismus von Besserverdienenden aus. Den mag es geben, charakterisiert aber keineswegs all jene, die für eine offene, demokratische Gesellschaft, für Toleranz und humanitäre Politik eintreten. Sie diskreditiert diese ohne Begründung, indem sie ihre Motive anfrage stellt (›vermeintlich‹ weltoffene Elite, ›erhebt sich im Namen einer höheren Moral‹). Stattdessen fordert sie ›Gleichheit und Gleichberechtigung‹ für jene, deren irriges, inhumanes und antidemokratisches Weltbild notorisch ist. Das ist traurig und unverständlich.

Leider ist Koppetsch kein Einzelfall. Viele Linksintellektuelle und Demokraten erliegen zunehmend den Versuchungen eines ethischen Relativismus, den sie auf die eigene Gesellschaft ausdehnen. Bisher war solches nur radikalen Kulturrelativisten vorzuwerfen, wenn sie die sozialen oder ethischen Standards der Weltkulturen als gleichwertig hinstellten. Das sind sie von unserem Standpunkt aus sicher nicht, und deshalb wollen wir unsere rechtlich verankerten Standards offensiv verteidigen. Das gilt aber nicht nur gegenüber Einwanderern, sondern auch gegenüber deutschen Hasspredigern und rechtsradikalen Gesetzesbrechern. Gewiss, man muss sich um die Ängstlichen und Irregeführten durch Aufklärung kümmern. Aber es gibt keine Gleichberechtigung für Fremdenhass und Rassismus, auch nicht für falsche Nachrichten, paranoide Weltbilder und Verschwörungstheorien.

(Bild: By Antoine Lamielle - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63958584)

Kalckhoff Andreas

Andreas Kalckhoff, geb.1944, Historiker und Publizist, lebt seit 1980 als freier Publizist, Genealoge und Heraldiker in Stuttgart.

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