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#metoo

Deutsche Medien, eifrig um Aufklärung bemüht – welch schöner, welch herzzerreißender Anblick! Es wurde auch wieder Zeit. Jetzt zerreißen sie einen Herrn namens Wedel, Regisseur seines Zeichens, die Fans werden sich erinnern. Ein Tipp für Kinogänger, ganz wie in alten Zeiten. Der Herr hat, hätte, soll, sollte, müsste … man könnte abwarten, was daraus wird, doch sein Krisenmanagement ist, wie es heißt, erbärmlich, da endet alle Nachsicht.

Zynismus ist die Kunst, anderen die eigenen Hintergedanken zur Last zu legen. – Wer hat das gesagt? Ich hab’s vergessen. Hätten Sie’s gewusst? Nein? Vergessen. Wichtig ist nur: die Kunst. Welche Kunst? Wenn Design die Kunst der Verpackung ist, dann haben die Mediendesigner den Medienschreibern das Hirn aus den Köpfen gezogen und führen es, als eine Art umgedrehten Skalp, auf ihren Portfolio-Seiten spazieren. Was sollen sie schreiben, die – mehr oder weniger – guten Schreiber, wenn alles, was sie schreiben, vorab so gut verpackt daherkommt, dass man es nur über die Zahl der generierten Klicks zu identifizieren vermag? Am besten nichts – und das geht nicht.

Was ist dran an dem Wort ›gescheitert‹? Warum fällt es so schwer, es auszusprechen oder gar hinzuschreiben angesichts der unerhörten Leichtigkeit des Aussprechens und Hinschreibens, deren medialer Zeuge zu sein man täglich gezwungen wird? Gehört es neuerdings zu den Unaussprechlichen? Der Rücktritt eines Parteivorsitzenden zum Beispiel ist keine geniale Tat, sondern das Eingeständnis eines Scheiterns. Was ist falsch daran, es schnörkellos zu konstatieren?

Ein Troll im Deutschen ist einer, der sich schleunigst zu trollen hat: »Troll dich!« Ein Reflexivtroll, sozusagen, das macht ihm draußen so schnell keiner nach. Überhaupt ist im Deutschen vieles reflexiv, was in anderen Sprachen geradeaus geht. Ob das nur auf die Sprache zutrifft, weiß keiner genau. Das bedeutet nicht, dass die Deutschen ein besonders geschmeidiges Volk wären, behüte: auch hier ist das Gegenteil der Fall. Warum das Gegenteil? Weil kein Teil ohne sein Gegenteil zum Aushalten wäre. Politiker z.B. wären unerträglich, würde ihnen nicht, etwa von Politikern aus der eigenen Partei, Paroli geboten – es geht aber auch, zumindest im Notfall, mit anderen oder, nun ja, mit den üblichen Aufgeregten.

Kunst, in ihren schlagenden Momenten, hat es mit Leuten zu tun, die niemand kennt, solange sie nicht in diesen blinden Spiegeln auftauchen, als stammten sie aus dem Nirgendwo und wünschten sogleich dorthin zurückzukehren. Wenn Künstler sich mit bekannten Zeitgenossen beschäftigen, dann stellen sie aus: Der da, gleich neben der da, den kenne ich doch? Ach, der Name, vergessen, wohin? Also die hier kenne ich wirklich, das sind ja...! Was machen die da? Was haben sie überhaupt da zu suchen? – Der Albtraum einer regierenden Kanzlerin ist, wie Vojnov richtig, wenngleich ohne Worte, bemerkt, mit Vorgängern bevölkert, die ihre Bewährungsproben absolviert haben, ohne abzustürzen. Was mag das bedeuten? Wer deutet diese Gesichter? Wohin führt das? –

Wenn erst alle übereinander herfallen, dann liegt der Zeitpunkt nicht fern, an dem alle über einen herfallen. Dies ist der Gang der Dinge oder der Lauf der Welt, gleichgültig, ob nach dem Peter-Prinzip oder nach dem Motto Haltet den Dieb verfahren wird. Das Peter-Prinzip genießt den Vorteil, dass es immer bereits in Kraft ist, bevor es sich, wie am Beispiel der Grünen gerade zu sehen, ein weiteres Opfer holt, das dann den angestauten Unmut von Amts- und Anmutsträger*innen auf sich ziehen darf. Der Satz Jeder ist seiner Unfähigkeit Schmied gilt ja nicht nur für diese Partei, er ist unerhört parteilos und liegt auch besagtem Motto zugrunde.

Das Angstbild des Fremden entsteht nicht auf Fernreisen. Es entsteht dort, wo Ferne unvermittelt in Nähe umschlägt. Genau gesagt, es entsteht an Stellen, an denen ein Kontakt misslingt. Das ist überall der Fall, wo keine passende Kulturtechnik bereitsteht, um eine Wahrnehmung oder einen Konflikt rechtzeitig zu entschärfen. So etwas kann zu Hause, in der gewohnten Umgebung, genausogut passieren wie in exotischen Ländern. Und da zeigt sich bereits das Problem: schließlich ist kein Land, keine Weltgegend per se ›exotisch‹. Erst das Empfinden, in der Fremde zu sein, erzeugt den touristischen Reiz – sonst könnte man auch gleich zu Hause bleiben und sich die Welt der Anderen auf dem Bildschirm betrachten.

Gegen die Menschenmeister vom Potomac und das von ihnen über die Menschheit verhängte grand design verspricht die Kandidatur des ›armen Reichen‹ (Trump) eine Atempause; viele durch Dauerkrieg und gesellschaftlichen Abstieg Gebeutelte verstehen diese Botschaft als frohe – nicht so der Weserkurier und mit ihm die Extra-Klasse der Weltmedien, die es vorzieht, im Kandidaten den Clown zu sehen und sich, standhaft oder nicht, weigert, dem Kandidaten im Clown Respekt zu erweisen.

Erpresste Versöhnung hieß der Titel eines Aufsatzes, den der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno 1958 veröffentlichte – eine brillante Polemik gegen den marxistischen Kulturphilosophen und Literaturkritiker Georg Lukàcs, in der das Recht der Kunst (und selbstredend der Literatur) als Aufgabe festgeschrieben wird, sich den systemfrommen Weltbeglückungs-Szenarien der Parteidenker zu entziehen und sowohl Brüche als auch Widersprüche in der zeitgenössischen Praxis als das stehenzulassen, was sie sind: als Hindernisse, an denen nicht nur das Glücksbegehren des Einzelnen, sondern auch die politisch-gesellschaftliche Formel vom richtigen Weg, den es um einer welthistorischen Aufgabe wegen konsequent fortzusetzen gelte, zuschanden wird.

Özdemirs ›Biodeutscher‹, das wissen seine Liebhaber – man findet sie in allen politischen Richtungen, was eine Menge aussagt –, gilt als eine aussterbende Spezies, der man den welthistorischen Abgang ein wenig erleichtern muss, schließlich erdröhnte der Boden Europas unter dem Marschtritt seiner Kolonnen zu Zeiten lauter, als es Anstand und gute Sitte, nicht zu reden von Moral und Menschenwürde, erlaubten. Günter Grass, einst selbst der Gestiefelten einer, hat den Peak German in einem frühen Buch mit dem Titel Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus festgehalten. Es handelt von einem Volk, das sich – anstelle des nächstliegenden – zu viele Gedanken macht. Dieses Volk muss wohl seit längerem ausgestorben sein. Aber vielleicht war die Hypothese auch schon im Ansatz falsch und gehörte bloß zu den müßigen Hervorbringungen einer Klasse, die sich solange die falschen Gedanken macht, bis sie von ihnen gemacht wird. Nein, damit muss nicht die vielgescholtene classe politica, es kann auch die klassenlose der Intellektuellen gemeint sein, die sich bekanntlich so lange mit der Politik gemein macht, bis sie unter der Last der übernommenen Aufträge zusammenbricht, denn alles ist Auftrag, wie schon der dezidierte Nichtintellektuelle Rilke wusste.

Man muss ein Volk schon mögen – auch in seinen närrischen Elementen –, um nicht von den Unter- und Zwischentönen der in seinem Magen und angrenzenden Organen geführten Reden irritiert oder sogar verstört zu werden. Die enge Kohabitation zwischen Volksverächtern und Volksvertretern führt gelegentlich zu Hassdelirien, welche die hier und da zu hörende Rede vom deutschen Selbsthass zwar verständlich, doch deshalb nicht wahrer werden lassen. Nein, sie hassen sich nicht, die guten Deutschen, sie hassen nur die Deutschen und fühlen sich selbst dabei irgendwie wahrer, auch hochherziger, als es die Sache zulässt. Der Unterschied mag klein wirken, aber er sollte deshalb nicht weniger beachtet werden. Im Grunde ist das einzig Beachtenswerte in all dieser Hasserei die doppelte Selbstverleugnung – hassenswert sind immer die anderen, wie tief man sich selbst auch ›schuldig‹ fühlt.

Europas Hingabe an den Gedanken grenzenloser Machbarkeit beherrscht die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und sie erzeugt jenen Ozean des Grauens und der Vernichtung, auf den alle, die ihr lebend entrinnen konnten, wenn überhaupt, dann  nur mit dem unverbrüchlichen Entschluss »Nie wieder!« zurückblicken konnten. Alle? Offenbar nicht, die Spur der alten Hybris hüpft und zuckt über den Kontinent, der sich selbst der alte nennt, man muss nur genau hinsehen, um die Rinnsale eines Wahns, der sich im Großen und Ganzen verlaufen zu haben schien, in den Denkschulen und Denkroutinen neuer Eliten glitzern zu sehen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.