Nikolaus Schneidervon Herbert Ammon

Die Befugnisse des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland sind aus der Sicht eines kirchenrechtlichen Laien und geduldigen Kirchensteuerzahlers schwer zu definieren. Während ihm nach landläufigem Verständnis nur die eines Koordinators, nicht die eines primus inter pares, zusteht, scheint der derzeitige Vorsitzende Nikolaus Schneider einen Rang zu beanspruchen, der eher an päpstliche Autorität denken lässt.

Der Eindruck drängte sich auf, als Schneider im Sommer 2013 Kritik an einem zum Thema ›Familie‹ – als federführend soll die Soziologin Uta Gerhardt gewirkt haben – produzierten Papier, das auf eine Fortschreibung der unter dem Signum ›Emanzipation‹ und/oder ›diversity‹ stattfindenden gesellschaftlichen Transformation hinausläuft, apodiktisch abwies. Es werde nichts mehr daran geändert, als handle es sich um eine protestantische Enzyklika. Erst nach Monaten, als die Entrüstung in Kirchenkreisen – keineswegs nur aus der pietistisch-evangelikalen Ecke – nicht abebben wollte, kündigte er »einen weiteren Text zum evangelischen Eheverständnis« an (vgl. dazu den Beitrag v. 10.11.2013 auf der Homepage der EKD).

I.
Am Vorabend des Weihnachtsfestes trat Schneider als Autor eines mit »Der prophetische Papst« übertitelten Textes in der FAZ (v. 23.12.2013, S.10) hervor. Nach Duktus und Inhalt des Artikels handelt es sich um eine Art Sendschreiben aus dem Lande Luthers an das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Eingangs lobt der Protestant Schneider den Nachfolger des im Februar 2013 vom Stuhle Petri zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI. dafür, »dass er eine ganz neue Gestik und einen ganz neuen Klang in seinem Auftreten und seinen Handlungen, in seinen Predigten und Lehrschreiben ankündigt. Der priesterlich liturgische Ton weicht einem prophetischen Klang, der die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen im Blick hat.« Sodann wird für Schneider im Auftreten des argentinischen Papstes »die radikale Zeitansage alttestamentarischer Propheten und der revolutionäre Schwung des ›Magnificat‹ hörbar«. Zur Illustration des »revolutionären Schwungs« folgen drei Verse aus dem Lobgesang Mariens (Lukas 1, 51-53).

Das Lob Schneiders gilt »Franziskus´ Kritik eines zügellosen Kapitalismus, der Menschen tötet.« Des Papstes Kritik stehe »in dieser prophetischen Tradition«. Er rühmt an Franziskus »seine Energie, sein Charisma und seine Mission.« Er »strahlt einen prophetischen Geist aus, ohne explizit eine Änderung des dogmatischen Gesamtgerüstes der römisch-katholischen Kirche zu thematisieren«.

Wer hier (etwa als Katholik) ein erstes Mahnwort heraushört, wird im Folgesatz bestätigt: Der vom neuen Papst gepflegte »eigene Ton des Aufbruchs« bleibe »dennoch ›typisch katholisch‹«. Etwas deutlicher wird der Protestant weiter unten, wo er – etwa in begrifflicher Anleihe an die am 2. August 1945 in Potsdam-Cecilienhof von den Großen Drei proklamierten 4 D ? – die »drei großen ›D‹ des bisherigen Pontifikats des Franziskus – Demut, Dialog, Dezentralität – ... als geeignete Leitbilder für strukturelle Kirchenreformen« empfiehlt. Derlei Reformen (»Eine solche ›Kirche im Aufbruch‹«) sei einer »Ökumene der Gaben« in allen christlichen Kirchen förderlich. Danach lobt der Protestant erneut die »prophetische Radikalität des neuen Papstes«, die er »im Blick auf die Armen in der Welt für einen notwendigen Impuls« hält. »Im Blick auf die Weltverantwortung aber darf sich die  parteiliche Kritik gegen einen lebensfeindlichen  Kapitalismus unserer Tage nicht in  großen Verlautbarungen und Gesten erschöpfen, wenn sie ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit bewirken will.«

II.
Der Text verdient nähere Betrachtung. Schneider geht es um eine »radikale Zeitansage« (ein für innerkirchlichen Gebrauch bestimmter Terminus). Er versteht sich als Prediger und Mahner zu »einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit«, in alttestamentarisch-prophetischer Tradition. Das Heil der Welt liegt in der Gerechtigkeit – keine neue Botschaft. Wenn indes zu deren Verkündigung in einem Text von 120  Zeilen à 5 Wörtern gleich sechsmal, zuzüglich eines Nomens (wo es darum geht, dass »unsere Kirchen Propheten und Priester« brauchen) gar siebenmal das Attribut »prophetisch« auftaucht, zückt jeder Deutschlehrer den Rotstift.

Stilistische Anstrengung steckt in dem Passus, der Papst versuche, »dem konkreten Leben der Menschen dienende Veränderungen anzuschieben«. Weiter heißt es, dass die Kirche, ob protestantisch oder katholisch, »auch fachlich qualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen« benötigt, »um große prophetische Visionen in viele kleine praktische Schritte umzusetzen«. Von den Visionen abgesehen, eine Selbstverständlichkeit. Sodann ermuntert der Ratsvorsitzende Papst Franziskus, »seine eigenen Leute mit(zu)nehmen und für bisher kaum denkbare Reformen zu gewinnen« – ein  Grundmuster protestantisch-pietistischer Pädagogik, die stets bestrebt ist, »die Menschen abzuholen und mitzunehmen«. Sie mündet sprachlich in Redundanz: »Er [Franziskus] wird Mitstreiter und Mitstreiterinnen begeistern müssen, die seine Kritik und seine Visionen in praktische ›Kirchenpolitik‹ umsetzen.«

III.
Mit seinem Lob auf den »prophetischen Papst« verbindet der Autor drei Themen: 1) die Kritik am »lebensfeindlichen Kapitalismus« 2) die Kritik an der bestehenden Ordnung der Papstkirche 3) die Aufforderung zur Beteiligung »unserer römisch-katholischen Geschwister« an dem anno 2017 bevorstehenden Reformationsjubiläum.

Ad 1)  Dass der Kapitalismus, nach Max Weber die »schicksalsvollste Macht unseres modernen Lebens«, Wesenszüge trägt, die nicht nur dem (romantischen) Idealbild eines »unentfremdeten Lebens« entgegenstehen, sondern aufgrund  marktkapitalistischer Dynamik immer neue Ungleichheiten erzeugt, die wiederum nach »mehr Gerechtigkeit« verlangen, ist historisch evident. Kapitalismuskritik ist – nicht erst vor dem Hintergrund der letzten Finanzkrise – mehr als eine linke Chimäre. Das von der liberalen, erst recht libertären Theorie vermittelte Idealbild eines sich  in  globalem Umfang selbst steuernden Systems abstrahiert von den ökonomischen Imbalancen und ignoriert die politischen Machtrealitäten. Der Begriff »Marktrationalität« verdeckt die weniger rationalen Aspekte kapitalistischer Wirtschaftspraxis. Andererseits weist die Suche nach  Alternativen zum vorherrschenden »Neoliberalismus« bis dato über keynesianische – im Hinblick auf (macht-)staatliche Konkurrenz im Äußeren sowie unkontrollierte Staatsverschuldung im Inneren –  ihrerseits konfliktbehaftete Konzepte kaum hinaus.

Was tun? In unserer – trotz allem – real existierenden Wohlstandszone geht es um wenig anderes als  um pragmatische Interventionen, um Interessenausgleich und um verantwortungsvolle Umverteilung. Zu beschönigen gibt es dabei nichts: Selbst in den »reichen« Staaten, in deutschen und europäischen Städten, sind  zunehmend Phänomene  menschlichen Elends unübersehbar. Sie erregen  Mitgefühl, erwecken Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Sozialstaats. Die Arbeitslosenzahlen in den europäischen Krisenstaaten sind Indikatoren eines Wirtschaftssystems,  das offensichtlich »ungleiche Entwicklung«  nicht mindert, sondern vielfach – nicht zuletzt auch  dank fehlgeleiteter Subventionen – verfestigt. Des Papstes Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa machte menschliche Not und globales Elend augenfällig: Die »Festung Europa« erscheint teils hartherzig, teils ratlos angesichts der Flüchtlingsströme aus aller Welt.

Nichtsdestotrotz: Schneiders »prophetische« Anklagen gegen den »lebensfeindlichen Kapitalismus« bieten keine Alternativen, sie entspringen mehr widerspruchsreicher Rhetorik als kritischer Analyse. Zum Beleg genügt der Verweis auf den unter kapitalistischen Bedingungen realisierten Aufstieg Chinas, auf den dort in wenigen Jahrzehnten für große Bevölkerungsteile erzeugten Wohlstand, allgemein auf die Verbesserung der Lebensbedingungen für viele in den ›Schwellenländern‹. Kurz: Der Kapitalismus erneuert sich durch seine Innovationskraft und eröffnet bessere materielle Lebenschancen, von den ökologischen Kosten abgesehen. (In Parenthese: Wie stellt sich die Ökumene die »Bewahrung der Schöpfung« vor?)

Schneider zufolge ist es der »zügellose Kapitalismus, der Menschen tötet«. Wo es im Inneren Afrikas, in Grenzraum zwischen Kongo, Ruanda und Uganda, um Bodenschätze, um ›seltene  Erden‹, um Koltan, wohl auch um Diamanten geht, ist die Aussage zutreffend, insofern die diversen Warlords samt Milizen die Ausbeutung der Mineralien teils in eigener Regie betreiben, teils sich mit den entsprechenden Konzernen arrangieren. Darüber hinausgehend ist die These schlicht falsch. Der Völkermord in Ruanda – von Christen an Christen – ist mit kapitalistischer Gier (oder mit kolonialistischer Vergangenheit) nicht zu erklären. Getötet wird seit Jahren von den islamistischen Bewegungen, in den fehlgeleiteten Erhebungen im Gefolge des »arabischen Frühlings«, derzeit in Kämpfen zwischen Muslimen und Christen in Zentralafrika. Getötet wird – womöglich noch nach dem soeben vereinbarten Waffenstillstand – in der unlängst unabhängig gewordenen Republik Südsudan, wo sich christliche (und animistische) Ethnien untereinander bekriegen. Getötet wird auch  in der chinesischen Provinz Xinjang (Sinkiang), wo das Volk der Uiguren seine politisch-kulturellen Identität gegen die Han-Chinesen zu behaupten versucht. Die mörderischen Balkankriege der 1990er Jahre hatten spezifische historische Ursachen. Nicht anders verweisen die beiden Tschetschenien-Kriege sowie in deren Folge das von blutigen Anschlägen akzentuierte Eindringen islamistischer Dschihadisten im nördlichen Kaukasus auf völlig andere Hintergründe als auf ökonomisch-soziale.

Im Streben nach »einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit« erläutert Schneider die Funktion der Kirche wie folgt: »So sehr dabei das Ideal einer armen Kirche unverzichtbares Korrektiv für eine Kirche der bürgerlichen Mitte ist, so wenig ist den Armen mit einer armen Kirche gedient.« Der vom Autor selbst etablierte Widerspruch lässt sich auflösen: Seine Suche nach mehr Gerechtigkeit gründet auf kirchlicher Besitzstandswahrung, auf materieller Fundierung der Institution Kirche durch zahlungswillige, spendenfreudige, bürgerliche Mitglieder. Es mag naheliegen, dem  Ratsvorsitzenden Schneider, zuvor Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, die dortige – unter seiner Ägide beschleunigte – kirchliche Finanzmisere vor Augen zu halten. Gravierender erscheint das tieferliegende, die Gesamtkirche betreffende Problem: Hinter der Finanznot der Kirche tritt ihre schwindende kulturell-ethische Relevanz hervor, manifestiert in der unvermindert anhaltenden Zahl der Kirchenaustritte sowie, damit einhergehend, in der bedenklichen Altersstruktur. (Zu spezifischen, peinlichen Details der Finanzkrise in der rheinischen Kirche siehe R. Bingener: »Kulturbruch in der Kirche«, in: FAZ v. 22.01.2014, S. 18.) Die für die  Kirche – und für den Sozialstaat – unerfreuliche demographische Entwicklung hat mit dem im erwähnten Familienpapier unterstützten ›Wertewandel‹ zu tun, nicht  mit fehlender ›Gerechtigkeit‹.

Ad 2) Zum zweiten Punkt schreibt Schneider, »wir« (die Protestanten) nähmen das Petrusamt »eher als ein priesterlich-königliches denn als ein prophetisches wahr.« Der Papst sei »ein ›Subjekt des Völkerrechts‹ [Anführungszeichen im Text], der Vatikan ein absolutistisch strukturierter Staat«.  Konservative Katholiken, Staats- und Völkerrechtler werden differenzierend einwenden, dass nach wie vor vornehmlich – nicht ausschließlich – Staaten als völkerrechtliche Subjekte fungieren. Wie auch immer: Schneiders Kritik an der Ordnung der römischen Kirche (der »real existierende Vatikan«) und seine – unausgesprochene – Sympathie für die katholische Bewegung »Kirche von unten« (KvU) dürften bei Papst Franziskus nicht ohne Vorbehalt  ankommen. Zum einen passt die Presbyterialverfassung der Rheinischen Kirche schlecht zur katholischen Hierarchie. Zum  anderen gibt der Ratsvorsitzende mit autoritärem Amtsgebaren (s.o.) selbst kein sehr überzeugendes Beispiel.

Ad 3) Schneiders Wunsch an den Papst nach »konkreten Initiativen« zugunsten der Ökumene »in unserem Land«, insbesondere die Aufforderung, das Refomationsjubiläum »mitzufeiern«, zielt auf das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche. Es scheint zweifelhaft, dass Franziskus I. bezüglich des römischen Universalanspruches eine andere – die theologisch-geistliche Gleichrangigkeit der aus der Glaubensspaltung hervorgegangenen Reformationskirchen anerkennende – Position vertreten könnte als seine Vorgänger.

Ähnlich wird man römischerseits der Aufforderung zur Teilhabe am Reformationsjubiläum mit distanziertem Interesse begegnen. Das »Mitfeiern« bedeutete für Katholiken, den alleinigen Heilsanspruch ihrer Kirche preiszugeben und das von Luther (anfangs unbeabsichtigt) ausgelöste Schisma nachträglich zu sanktionieren. Demgegenüber fielen etwaige andere katholische Einwände gegenüber dem unter der Ägide von Margot Käßmann – als »Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017« – betriebenem Festprogramm kaum ins Gewicht.

Immerhin wäre es begrüßenswert, wenn ein Katholik – oder ein an der historischen Realität orientierter Protestant – die Parole des Reformationsjubiläums zum Gegenstand der Kritik machte.  »Toleranz« – gar im angestrebten Sinne eines multireligiösen, multikulturellen Pluralismus – war anno 1517 nicht nur als Begriff gänzlich unbekannt, sondern dem um »einen gnädigen Gott« ringenden Theologieprofessor aus Wittenberg wesensfremd. Gegenüber erasmisch-humanistisch gemilderter Konzilianz hätte sich der Medici-Papst Leo X. – Luther titulierte ihn als »Antichrist« – ohne Frage nachsichtig (»tolerant«) gezeigt. Die westliche Kirchenspaltung hätte gar nicht erst stattgefunden.

IV.
Den Satz: »Aber unsere Kirchen brauchen Propheten und Priester – sowohl in ihrer Leitung wie auch an der Basis«, könnte man als (»prophetischen«) Klageruf verstehen, ginge es dem Verfasser  Schneider weniger um einen protestantischen Appell an den Papst als um den Zustand seiner eigenen Kirche. Schneider ist ein typischer Repräsentant jener Hauptströmung im deutschen Protestantismus, deren religiöse Botschaft sich in ›ökumenisch‹ überhöhten, global-ethisch ausgestatteten Appellen erschöpft. Seit der VI. Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1983 in Vancouver verkündet man  im deutschen Protestantismus kaum anderes – gleichsam als »moderne« Trinitätslehre – als  die Forderung nach »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«.

Welcher vernünftige Zeitgenosse, ob nun dem Selbstverständnis nach Christ, christlicher/nichtchristlicher Agnostiker oder auch ›bekennender‹ Atheist, hätte gegen derlei Maximen etwas einzuwenden? Nur ist damit nichts erklärt und niemandem geholfen. Das Problem liegt in der Definition und Explikation der Proklamation. Nicht zufällig bleiben Kirchenleute wie Nikolaus Schneider die Antwort, was mit »Gerechtigkeit« gemeint und wie sie zu verwirklichen sei, schuldig. Moralische Entrüstung über den »lebensfeindlichen Kapitalismus« verdeckt zum einen die fehlende Analyse  der ökonomisch-politischen Wirklichkeit, zum anderen die geistig-geistliche Ratlosigkeit zeitgenössischer Theologie. Nicht anders steht es mit Friedensfragen, an denen sich von Mal zu Mal das widerspruchsvolle Widerspiel von Macht und Moral entfaltet, von Realpolitik und Friedensbekenntnis, von Interessen der Großmächte, auch der EU, und dem Friedensauftrag der UNO, der Kirchen, von Friedensinitiativen sowie jener NGOs, in deren »Agenda« Machtanspruch, Ideologie und Moral zusammenfallen. Last but not least: Auf der Bewahrung der Schöpfung gründet der politische Monopolanspruch der Grünen, das säkulare Thema des Klimawandels bedarf  keiner ›spirituellen‹ Vertiefung, selbst wenn es metaphysischen Rang beansprucht.

Von der beide Kirchen im innersten Kern betreffenden Problematik, von den im ehedem christlichen Europa wirksamen radikalen Säkularisierungsschüben einerseits, den auf Europa in diversen Ausformungen des Islam vordringenden religiös-politischen Tendenzen andererseits, ist in dem protestantischen Sendschreiben an Franziskus I. keine Rede. Es wäre im Sinne christlicher Positionsbestimmung im 21. Jahrhundert notwendiger, wichtiger und überzeugender, wenn sich ein hoher Kirchenfunktionär wie der Ratsvorsitzende der EKD mit dem religiösen – eben nicht bloß numerischen – Substanzverlust seiner eigenen Kirche auseinandersetzte, statt dem katholischen Oberhaupt mit einer ›prophetischen‹ Version des Social Gospel – für dessen geistige Dürftigkeit einst Dietrich Bonhoeffer nur kaustische Ironie übrig hatte (siehe dazu meinen Aufsatz Die politische Theologie Dietrich Bonhoeffers in Globkult) – zum »ökumenischen Dialog« einzuladen.

Was Papst Franziskus I. von dem Protestanten Schneider unterscheidet, ist, dass er seine »Liebe zu den Armen« mit theologischen Aussagen begründet, die seiner traditionell christlich-katholischen, ›konservativen‹ Glaubensüberzeugung entspringen. Für die mit  der im ›Westen‹ fortschreitenden Säkularisierung – und der damit einhergehenden Banalisierung menschlicher Existenz – besitzt der amtierende  Franziskus I. allem Anschein nach ein feineres Gespür als der ›prophetisch‹ selbstgewisse Protestant. 


Beitrag v. 10.11.2013: »Familienpapier, Flüchtlinge, Finanzen: Nikolaus Schneider spricht aktuelle Themen an. EKD-Synode startet mit dem Bericht des Ratsvorsitzenden«, in: http://www.ekd.de/aktuell/edi_2013_11_10_synodenthemen.html

Abbildungsnachweis: Der amtierende Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider, hier beim Ökumenischen Kirchentag 2010 (Presse.Nordelbien; Abb. ohne Änderungen; CC by 2.0)

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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