von Herbert Ammon

Vorweg eine Bitte um Nachsicht ans Publikum von Globkult: Ich gestehe, die Weihnachtspredigt unserer Bundeskanzlerin versäumt zu haben, und leider auch die Neujahrsansprache ihres Bundespräsidenten. Da mir indes der Gehalt ihrer beider Worte – dank meiner politischen Bildungsquelle Yahoo! - nicht gänzlich entgangen sind, nehme ich die düsteren Worte unserer Kanzlerin, nicht anders als die Warnungen ihres Präsidenten vor den Gefahren der Demokratie durch ihre Feinde, ernst.

In die Sorge mischt sich Bürgerstolz auf dieses unser Land, auf diesen unseren Staat. Wie das? Am 24. Januar 2012 gedenken wir des Geburtstags unseres Großen Königs. Doch schon vor dem eigentlichen Gedenktag eröffnen sich Aussichten auf Wiederbelebung preußischer Tugenden als eines aus Aufklärung und pränationalistischem Geist genährten Kraftquells der Demokratie. Sollten wir etwa in diesem unserem Land - in verächtlicher Hinnahme des AKR-Dekrets den Staat Preußen betreffend (25.2.1947) - preußische Tugenden unterdrückt, abgelegt, vergessen haben?
Absurder Gedanke, noch denkt man in Deutschland fritzisch! Warum wohl steht des Großen Königs Denkmal par ordre des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker wieder errichtet anno 1980 zu Berlin, Unter den Linden? Es gemahnt uns an preußische Tugenden: Pflicht, Sparsamkeit, Disziplin, Ehrgefühl, Zivilcourage, Tapferkeit. Richtig, Tapferkeit ist einer Grenadierin/eines Grenadiers Weg zum Ruhm. Und bis 2013, wenn die USA vom Hindukusch abziehen, ist noch ein langer Weg: »KerlInnens, wollt ihr ewig...?«

Was also ist bereits heute (7. Januar 2012), einen Tag nach dem Besuch der SternsingerInnen im Schloss Bellevue, meiner Pflichtlektüre bei Yahoo! zu entnehmen? Zitat: »Rund 450 Menschen haben in Berlin vor dem Schloss Bellevue gegen Bundespräsident Christian Wulff demonstriert, der wegen seiner Kredit- und Medienaffäre in der Kritik steht. Die Menschen schwenkten Plakate mit Aufschriften wie ›Wulff go home‹ oder ›Bundespräsidenten haben kurze Beine‹ und riefen: ›Wulff muss weg‹. Die Proteste liefen zunächst [?] friedlich ab.
Die Kundgebung war unter dem Motto ›Shoe for you, Mr. President‹ (Ein Schuh für Sie, Herr Präsident) bei der Polizei angemeldet worden. Die Demonstranten schwenkten von der gegenüberliegenden Straßenseite aus ihre Schuhe in Richtung Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Staatsoberhauptes...« Zitatende.

Urpreußischer Freimut vor Königsthronen! Dem Bürger, besorgt um den Euro und die Zukunft seiner Berliner Republik, erwärmt sich die Seele: Hier sind ›Menschen‹ am Werk, keine Untertanen. Sie erinnern den ersten Diener des Staates an dessen Pflichten. Und pflichtgemäß sind die Medien, die vierte Gewalt, zur Stelle, nachdem die Folter abgeschafft ist. Vraiment, eine Sternstunde der Zivilgesellschaft: Ihre [sc. der Wutbürger] Schuhe (vielleicht wegen des  miesen Wetters statt der eigenen ein paar aus DRK-Sammelcontainern herausgefischte) signalisieren die Lust interkulturellen Lernens, beflügelt durch den arabischen Frühling, der sich vor unser aller Augen in den Winter unseres Missvergnügens verwandelt.

Ich darf die geneigte Leserin/den geneigten Leser an meinen letzten GlobKult-Beitrag zum Sieg der DemokratInnen über den Wüsten-Diktator Gaddafi erinnern. Die Erinnerung an die glorreichen Tage nötigt zur Bitte um mehrfache Nachsicht: 1) Der Skepsis indizierende Unterton meiner Hoffnungen auf Die neue Werteordnung in Libyen war womöglich nicht vernehmlich genug. 2) Die Chronologie des freiheitlichen Wüstensturms war mir leicht durcheinandergeraten: Sarko trat bereits ein oder zwei Tage vor der UN-Resolution als Demokratiebringer auf den Plan. 3) Gaddafi wurde nicht mit seiner eigenen goldenen Pistole umgebracht, sondern gepfählt – eine ehedem von Fürst Vlad III. dem Pfähler (1431-1466/67), a.k.a. Graf Dracula, geübte osmanische Praxis. Über diesen kulturhistorisch interessanten Aspekt der Befreiungsaktion erhellte Peter Scholl-Latour das Talkshow-Publikum, leider erst zum Jahreswechsel. Zum Zeitpunkt der goldenen Pistole lag die Information noch nicht vor. Ich setze voraus, dass auch die Befreier Sarkozy und Cameron über derlei Petitessen der libyschen Revolution erst später ins Bild gesetzt wurden.

Heute hingegen, am 7. Januar, erlebe ich dank Yahoo! die Epiphanie von Preußens demokratischer Wiedergeburt: »450 Menschen protestierten...« Die Freude über derlei mit preußischer Präzision ermittelte Bekundung preußischer Tugend ist nur leicht getrübt: Diable, ein couragierter Preuße protestiert auf Französisch, nicht in dieser Kutschersprache!

 

Abb.: Reiterstandbild Friedrichs II., Unter den Linden, Berlin (Wikimedia Commons)

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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