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von Ulrich Schödlbauer

Es wäre schon schön, sprach der Strauß zum Emu, wenn in diesem Land nicht alle immerfort den Kopf in den Sand stecken würden, in der irren Hoffnung, die Kavalkade der Schnapsfiguren wäre vorüber, wenn sie ihn wieder herausziehen. Wie irre ist das denn? Trunkenheit am Steuer muss geahndet werden, solange es Steuer gibt. Wird Fahren autonom, kann man sich seinen Mitfahrenden zudrehen und abwarten, wohin das führt. Wohin wird es schon führen?

Das kann ich dir sagen, sprach der Emu, es führt nicht zu mehr Kontrolle, wie die Leute meinen, sondern dazu, dass Bewegung und Kontrolle miteinander verschmelzen und eins werden. Was das bedeutet, weiß heute keiner. Nachher werden es alle wissen. Daher geht es uns im strikten Sinne nichts an. Was uns angeht...

Hör mal, sprach der Strauß zum Emu, willst du sagen, dass uns nichts angeht, was alle angeht? Das finde ich jetzt ... gewöhnungsbedürftig.

Dann musst du dich eben dran gewöhnen, sprach der Emu zum Strauß, die Regierenden beschließen, was getan werden muss, denn sonst müsste es ja nicht getan werden. Das Ganze funktioniert völlig selbstbezüglich. Der Haken dabei ist, dass die Regierenden in der Regel nicht wissen, was getan werden muss, deshalb sagt ihnen das der Herr Habeck, um ein Beispiel zu wählen, damit sie es ausführen können. Natürlich hat auch das einen Haken, denn um ausführen zu können, was Herr Habeck sagt, müssen sie ihm zuerst widersprechen, sonst wären sie weg vom Fenster. Die Regierenden führen also täglich vor, was in der Theorie performativer Widerspruch heißt: ich behaupte A auszuführen und führe B aus.

Da haben sie aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, sprach der Strauß, da sie sich die ganze Zeit von Herrn Habeck anhören müssen, sie würden nichts von alledem ausführen.

Da hast du recht, sprach der Emu, schließlich besitzt keine Regierung ein Monopol auf den performativen Widerspruch und Herr Habeck beißt sich eine kräftige Kante von ihm ab. Wenn Herr Habeck zum Beispiel...

Du immer mit deinem Habeck, sprach der Strauß, können wir nicht mal von etwas Vernünftigem reden?

Au ja, sprach der Emu, der Habeck hat gerade gesagt...

Genau das meinte ich, als ich vorschlug, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Aber es scheint ja keinen Zweck zu haben, sprach der Strauß pikiert und stolzierte ein wenig zur Seite. Eigentlich wollte ich dir einen Vorschlag machen, der uns beide ins Weiße Haus gebracht hätte.

‒Wieso gerade ins Weiße Haus?

‒Weil sie dort einmal wieder Deutsche sehen wollen, nach all den Merkel-Jahren. Ist das so schwer zu verstehen?

‒Und wie kommt man als Deutscher dahin?

‒Also: Woran leidet das Land?

‒An seinen Köpfen. Eigentlich am Mangel an Köpfen, aber das kommt ja auf dasselbe heraus.

‒Fehlschuss! Das Land leidet an seinen Parteien. Die einen gibt es nicht mehr, die anderen noch nicht.

‒Und Habeck!

‒Richtig. Das ist die Partei Das-gibt-es-doch-nicht und alle Kindergärtnerinnen singen mit ihr zusammen das Lied von der Erde.

‒Schönberg.

‒Nein, Mahler. Aber darum geht’s nicht.

‒Worum dann?

‒Ich will, dass wir eine Partei gründen.

‒Wir beide? Du und ich?

‒Wer sonst, wenn nicht wir? Schließlich geht es darum, dem Meuthen endlich die Schau zu stehlen.

Links schlägt das Herz, rechts klappern die Patronen.
Weg mit den Boni, Arbeit muss sich wieder lohnen!

‒Und damit willst du ins Weiße Haus?

‒Vielleicht durch den Hintereingang. Der Trump ist doch heimlich auch einer von uns.

‒Also gut: Die Amerikaner verschleiern ihre Gewinne und die Deutschen ihre Boni. Oder umgekehrt. Oder beides. Das wäre doch ein Deal. Jedenfalls für den Anfang. Ich frage mich allerdings ‒

‒Ja?

‒Was der Lauterbach dazu sagt.

‒Wer?

‒Keine Ahnung. Aber du hast recht: Einer spricht von Altparteien und gleich sehen alle alten Parteien alt aus. Das ist schon erstaunlich. Und nicht nur das: Es fällt ihnen auch nichts mehr ein. Also sagen sie weiter das, was sie immer gesagt haben...

‒und was Habeck sagt...

‒oder dieser Blauschopf...

‒oder dieses Schulmädchen...

‒Also haben wir rechts eine Neupartei, die so altneu ist, dass der Verfassungsschutz ihr erst noch die Prüfplakette verpassen muss, und links davon ein riesiges Loch, in das mit Leichtigkeit sechs oder sieben Altparteien hineinpassen würden, ohne es auszufüllen, denn dieses Loch ist ein Fass ohne Boden, das unbarmherzig jeden verschlingt, der dort gegenwärtig Reden schwingt oder das Zepter führen will.

‒Welches Zepter?

‒Sei nicht albern. Das Land mag zwar eine Demokratie sein, aber seine Parteien sind Duodezfürstentümer, denen gerade der Stoff ausgeht, der Regieren leicht macht.

‒Redestoff?

‒Nein, Kohlenstoff. Seit sie vor jeder Flasche Mineralwasser in Schrecken erstarren, sind sie schwer auf Droge. Man merkt das auf Twitter, wo die erste Frage, meldet sich einer zu Wort, meist lautet: Was hat er geraucht? Beim Amt gelten sie, da Nur-Politiker mit oft dubiosen Abschlüssen, als schwer vermittelbar und das Volk, der große Lümmel, lehnt es ab, sich mit ihnen zu beschäftigen.

‒Welches Volk?

‒Gute Frage: das Wahlvolk. Schon gehört?

‒Du meinst: diese Idioten, die behaupten, sie dürften ihre Meinung nicht mehr öffentlich sagen, und deshalb ihren Kenia-Urlaub vorverlegen, um nicht in Verlegenheit zu kommen, zu Hause Farbe zu bekennen? Oder die andern, denen die Farbe unten zur Hose herausläuft, weil sie zu den Mega-Überzeugten gehören?

‒Mir schwebt eine Partei linker Realisten vor, die sich kein X für ein U vormachen lassen und weder die DDR- noch die 68er Altlasten mit sich herumschleppen. Leute, die hellhörig werden, wenn man ihnen auf Kirchentagen den Weltuntergang predigt, und eine gewisse Ahnung davon besitzen, dass die ewig uneinige Wissenschaft keine Politik ersetzen oder auch nur formulieren kann. Leute, die Verstand genug haben, um zu wissen, dass Alternativlosigkeit ein anderes Wort für die Herrschaft der Propaganda und die Propaganda der Herrschenden ist, Leute, denen das ewige Teile und herrsche! einen Stich in die Herzgrube gibt, Leute, die sich nicht wie Kälber in Ossis und Wessis auseinanderdividieren lassen, Leute, die irgendwann begriffen haben, dass Missbrauch nicht zwingend eine Geschlechtskrankheit ist, sondern der Modus operandi all derer, die sich auf Kosten anderer aus öffentlichen Töpfen bedienen, ohne sich den Risiken der Erwerbsgesellschaft auszusetzen, Leute, die nicht Europa plakatieren, bloß um Pfründen abzusichern, Leute, die Gesellschaft meinen, wenn sie Gesellschaft sagen, nicht irgendeinen Automaten, den man mittels grenzwertiger Vorschriften und Sondersteuern vor sich her treibt, weil man eben mal beschließt, koste es, was es wolle, das System Erde nachzuregulieren, um einer Community von Hysterikern zu Diensten zu sein, die vor lauter Wichtigkeit bald zu platzen droht, Leute, die sauber zwischen Bedarf, Bedürfnissen und Bedürftigkeiten zu unterscheiden wissen und nicht alles zusammenrühren, um vor ihrer Klientel eine gute Figur zu machen, Leute, die sich nicht bornierte Ungleichbehandlung als eine besonders ausgefuchste Form der Gerechtigkeit und hinter Sprechblasen versteckte Zensur als elegante Form der gemeinsamen Wahrheitsfindung verkaufen lassen, Leute, die sich, ganz unter uns, ziemlich sicher sind, dass die von ihnen gewählten und zu wählenden Repräsentanten seinerzeit das Rad nicht erfunden hätten und daher abwinken, wenn sie ihnen weismachen wollen, sie hätten vor, es in ein oder zwei Legislaturperioden neu zu erfinden, Leute, die ihre Mitmenschen nicht unter moralischen Strom setzen, um ihnen die Taschen zu leeren und die Verbrechensstatistik in die Höhe zu treiben...

‒Aufhören! Das kann sich doch sowieso keiner merken. Was den letzten Punkt angeht ‒

‒Ja?

‒Den sollten wir streichen. Zu polemisch.

‒Du meinst, er ist nicht vermittelbar?

‒Rechtes Narrativ. Willst du denen eigentlich alles wegnehmen?

‒Alles nicht. Nur was recht und nicht link ist.

‒Das leuchtet ein. Womit fangen wir an?

‒Aber das weißt du doch, lieber Emu: mit dem Anfang. Nein, du sollst jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken, so war das nicht gemeint. Oder doch? Oder nicht? Oder doch? Schon warm, dieser Sand, morgen ist auch ein Tag. Habe ich das nicht gesagt? Nein? Hab ich’s vergessen? Habeck...!

 

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Ulrich Schödlbauer lehrte bis 2015 als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.