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4. Das kulturelle Klima

Wo das Lebensgefühl des Einzelnen wie des Kollektivs schwer greifbar bleibt, da verfügt die Literatur über Möglichkeiten, das scheinbar Unaussprechliche, das darin besteht, dass es noch nichts bedeutet, in Redeformen zu fassen, die unverantwortlich scheinen – und in der Vielzahl von Fällen wohl auch wirklich sind –, aber durch Drastik, Witz, Hohn und Verunglimpfung hindurch Sachverhalte zur Sprache bringen, die zu komplex oder zu einfach oder auch beides sind, um im geregelten Gedankenaustausch behandelt zu werden. Ein Wort wie ›Diskriminierung‹, das eine Vielzahl möglicher Sachverhalte deckt, kann zur Definition eines Straftatbestandes deshalb herangezogen werden, weil es das Interesse des Staates am ruhigen Mit- und Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen und -teile unmittelbar zum Ausdruck bringt: Unruhestifter ist, wer dort unterscheidet, wo aus übergeordneten Gründen nicht unterschieden werden soll. Über eine halbwegs gesicherte Heimstatt verfügt die Sprache der Verletzung und Verunglimpfung an den Polen öffentlicher Kommunikation, im abgeschirmten Raum des vom Bevölkerungsgros ignorierten Theaters und im mediengestützten Gebrüll der Arenen – urbanen Institutionen, in denen es auch im Zeichen des Kommerzes gelingt, »politische Räume frei zu halten und zu fördern« (Giorgio Agamben). Legt sich der Mehltau einer undurchdringlichen Korrektheit auf die öffentlichen Debatten, in denen die Zukunft der Menschen und Kollektive weitgehend aufs individuelle Ein- und Auskommen zusammenschnurrt, so ergötzt sich am oberen und am unteren Ende der kulturellen Skala ein ausgewähltes Publikum an unverhofften Durchblicken. In dieser Welt geben kinderlose Zicken, faselnde Greise, pöbelnde Jugendliche, ›Ego Shooter‹-Geschädigte und ausgetrickste oder identitätsstarke Zugewanderte, an deren Aura keine dreifache Einbürgerung etwas ändert, einen befremdlichen Ton vor. Lächerlichste aller Figuren: der Reformer, der verachtete ›Gutmensch‹, der vom Bürger im Menschen schwadroniert und seine Abzockereien mit dem Projekt Moderne rechtfertigt. Zu seinen Visionen will man so wenig zurück wie zum rheinischen Kapitalismus: es wäre ›zu einfach‹.

Ein Klima: nicht mehr, nicht weniger. In ihm erscheint die ›Bevölkerungsfrage‹ wie eine Fata Morgana oder ein Feuerwerk am nächtlichen Himmel, dem sich die kulturell erregbaren Bevölkerungsteile, das Sektglas in der Hand, mit einem ›Ah‹ zuwenden, um es gleich wieder zu vergessen, während die Stillen im Lande ihre Barschaft zählen oder auf Ausreise sinnen. Man ›hat‹ jetzt die Bevölkerungsfrage, das ist bekannt. Es wird schon nicht so schwer sein, das Karussell der Geburten wieder in Gang zu bringen, ohne die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte aufs Spiel zu setzen, widmen wir uns den Errungenschaften! Es gibt aber keine Errungenschaften, die nicht angesichts ihres historischen Telos zu Makulatur würden. Absurd wäre es, wenn der für die Akteure so unerwartete Einsturz des sowjetischen Systems und seine Folgen für das überlebende Weltsystem einem Fatalismus die Türen geöffnet hätten, der Kontinuität für eine Frage ökonomischen Wachstums hält und Identität für eine der Blumen des Bösen. Es gibt nur den langsamen, leidenschaftslosen, Umstände machenden und keine Umwege scheuenden Weg der Analyse. Dass Kontinuität und Identität zusammengehören und in einer fundierten Theorie der Welt, in der wir leben (werden), angemessen artikuliert werden sollten, wäre selbst dann wahr, wenn es sich nur um einen soziologischen Gemeinplatz handelte. Die geläufige Rede vom kulturellen Gedächtnis, eine der wenigen neueren Erfindungen der Geisteswissenschaften, die von der Politik dankbar aufgegriffen wurden, bezieht sich aber auf mehr: die ästhetische, ethische und soziale Adressierbarkeit eines Menschen ist darin ebenso mitgedacht wie sein Herkommen und spezifischer Lebensernst, seine in kollektiven Wahrnehmungs-, Denk- und Glaubensformen präfabrizierte ›Weise zu sein‹. Auf mehr bezieht sich auch die lebendige Sorge um das ›Gemeinwesen‹, die das mündige und politikbereite Individuum jenseits der hedonistischen Ausprägung des Unglaubens an das Bestehende voraussetzt.

– wird fortgesetzt –

 

Abb.: Wassily Kandinsky: Ohne Titel (1923), Sotheby's, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44925749

Schödlbauer Ulrich Google Plus

Ulrich Schödlbauer lehrte bis 2015 als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

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