Ein satirischer Bericht zum Festakt der Universität Tübingen (2. Juli 2026) anlässlich der Verleihung des Preises "Rede des Jahres 2025" an Christian Drosten

von Heinrich Brian Mann

Es gibt am Neckar ein kleines Universitätsstädtchen. Wie so viele Orte mit einer Universität besitzt es die Fähigkeit, sich zugleich für den Mittelpunkt der Welt und für ihre letzte Bastion zu halten. An manchen Abenden liegt über den Gassen eine eigentümliche Feierlichkeit. Die Neckarwellen flüstern leise gegen das Mauerwerk, die Fassaden tragen ihr ehrwürdiges Grau wie einen alten akademischen Talar, und in den Sälen sammeln sich Menschen, deren größte Sorge darin besteht, rechtzeitig von den richtigen Menschen gesehen zu werden.

Man kommt nicht zu früh. Man erscheint. Ich war aus purer Neugier hineingeraten. Schon nach wenigen Minuten fragte ich mich, ob ich fehl am Platze sei. Dann sah ich mich um und war erleichtert: Ich war es tatsächlich.

Die Herren tragen jene Mienen, mit denen sie gewöhnlich historische Verantwortung übernehmen, ohne dabei ihr Weinglas wegzustellen. Die Damen begrüßen sich mit einer Herzlichkeit, die so dosiert ist, dass sie niemals in Wärme ausartet. Man nickt einander zu. Man erkennt sich. Wer niemanden erkennt, erkennt wenigstens die Bedeutung des Augenblicks. Es ist eine Welt, deren Grenzen weniger aus Mauern als aus Übereinstimmung bestehen. Man könnte sie „Blase“ nennen.

Heute wird ein Redner geehrt.

Nicht etwa eine Entdeckung. Kein Experiment. Keine überraschende Idee. Ein Redner.

Während draußen Unternehmen um ihre Existenz ringen, Krankenhäuser ihre Türen schließen, Milliarden in Panzer, Raketen und Munition fließen, man sich wieder darauf vorbereitet, Verwundete statt Patienten zu versorgen, und selbst ein würdiger Abschied vom Leben für manche zum Luxus geworden ist, versammelt sich drinnen jene Spezies, die überzeugt ist, Geschichte bestehe aus Festakten.

Der Redner tritt auf.

Er ist nicht einfach ein Mensch. Er ist das gelungene Endprodukt eines Milieus, das sich über Jahre hinweg selbst modelliert hat wie eine Muschel ihre Perle. Jede Aussage wurde begutachtet, jede Formulierung so lange poliert, bis sie nicht mehr anecken konnte. Nun glänzt sie.

Die Blase erhebt sich.

Die Blase applaudiert.

Die Blase zeichnet ihre gelungenste Hervorbringung aus.

Es ist ein bewegender Augenblick. Man erlebt ihn nicht alle Tage. Zwar feiert fast jede Gemeinschaft irgendwann sich selbst. Aber selten tut sie es mit einer solchen Ernsthaftigkeit, dass sie den eigenen Spiegel für ein Fenster hält.

Dann folgt die Rede.

Sie beginnt dort, wo große Reden immer beginnen: bei den großen Wörtern.

Da ist vom »eiskalten Händchen der Wissenschaft« die Rede, von der »Demut vor der Wirklichkeit«, vom »Verlust der Faktenorientierung«. Begriffe ziehen durch den Saal wie Weihrauchschwaden. Fast gewinnt man den Eindruck, Erkenntnis sei soeben zur Liturgie erhoben worden.

Und langsam kristallisiert sich der eigentliche Gedanke heraus.

Die Wissenschaft müsse sich stärker einmischen.

Wissenschaftsfreiheit bedeute künftig nicht nur Freiheit, sondern Verpflichtung.

Und zwischen den Zeilen – fein wie Blattgold auf einem Heiligenschein – schimmert noch etwas Drittes: Wer den wissenschaftlichen Konsens verwaltet, verwaltet am Ende auch die Grenzen des Sagbaren.

Er sagt es nicht. Er muss es nicht sagen. Doch im Schatten seiner Worte nimmt bereits  ein Richter Platz. Man hört, wie der Pranger gezimmert wird. Das Fallbeil glänzt im frischen Öl.

Das Publikum nickt.

Es nickt nicht deshalb, weil jeder Satz verstanden wurde.

Es nickt, weil jeder weiß, wann man nickt.

In einer Ecke hebt vorsichtig jemand die Hand.

»Entschuldigung«, fragt er, »dürfte Wissenschaft nicht gerade davon leben, dass sie auch ihren eigenen Irrtum für möglich hält?«

Betretenes Schweigen.

Schließlich erhebt sich der Zeremonienmeister.

»Welchen Irrtum meinen Sie?«

»Nun ... den eigenen.«

Langes Schweigen.

Dann wird beschlossen, dass die Frage zwar interessant sei, aber leider außerhalb des Programms liege.

Alle sind erleichtert.

Ein zweiter Gast meldet sich.

»Wenn Wissenschaft verpflichtet ist – wem eigentlich?«

Nach kurzer Beratung erklärt der Saaldiener:

»Dem wissenschaftlichen Geist.«

»Und wer vertritt den?«

»Wir.«

»Ach so.«

»Ja.«

Die Angelegenheit gilt damit als geklärt.

Es ist ein Verfahren, das schon die Schildbürger bewundert hätten. Man sperrt das Sonnenlicht in Säcke und wundert sich über die Dunkelheit. Dunkelheit wird zum methodischen Standard erklärt, Sonnenlicht zur optischen Täuschung. Man schließt die Tür von innen und nennt dies Offenheit. Verantwortung heißt Zustimmung, Zweifel heißt Desinformation, Krieg heißt Frieden. Wissenschaft heißt Wahrheit.

Wahrheit spricht vom Rednerpult.

Und wer Fragen stellt, gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Begriffe drehen sich im Kreis und reichen einander lächelnd die Hände.

Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Fragesteller niemals aufgetreten sind. Sie entsprangen meiner Phantasie. Die kleine Universitätsstadt war längst weiter. Hier hatte man längst gelernt zu schweigen.

Fast möchte man meinen, man befinde sich in Jerusalem.

Nicht dem historischen.

Dem aus einem gewissen englischen Film.

»Er ist der Messias!«

»Nein, nein«, ruft der Geehrte bescheiden.

»Seht ihr? Genau das würde der Messias sagen!«, jubelt die Menge.

»Ich habe jemanden beschuldigt, er habe schwere Schuld auf sich geladen. Heute würde ich das Wort ›schwere‹ weglassen“.

»Seht ihr? Welch Demut! Welch Größe der Selbstkritik! Ein großer Mann!«

»Ich habe schlecht geschlafen.«

»Er leidet für uns!«

»Ich nehme kein Geld.«

»Ein Heiliger!«

Nun fehlt nur noch einer, der feierlich verkündet, die Seligpreisungen seien bereits peer-reviewt worden.

Der Redner spricht eindrucksvoll über die Irrtumsfähigkeit der Wissenschaft.

Nur ein Gedanke bleibt merkwürdig ausgespart.

Die Möglichkeit, dass dieser Irrtum auch einmal bei ihm selbst gelegen haben könnte.

Der erhobene Zeigefinger kennt viele Richtungen. Nur auf die eigene Brust zeigt er nie.

Der Saal erhebt sich.

Standing Ovations.

Langanhaltend.

Minutenlang.

Nur ich bleibe sitzen.

Es ist erstaunlich, wie laut das Nichtklatschen sein kann.

Die Blase feiert den Redner.

Der Redner bestätigt die Blase.

Man nennt dies Diskurs.

Draußen fließt der Neckar unbeirrt weiter. Er hat schon Herzöge vorbeiziehen sehen, braune Aufmärsche, Studentenrevolten.

Die Gelehrten aber feierten sich unbeirrt weiter.

Und irgendwo, vielleicht auf dem Heimweg, geht der Geehrte allein durch die nächtlichen Straßen.

Man erzählt, er werde angefeindet.

Fast empfindet man Mitleid.

Es heißt, seine Großeltern hätten ihn gern als Pfarrer gesehen.

Nietzsche hätte gelächelt. Er kannte diesen Menschenschlag:

»Sie fürchten ihre Sklavenseele und werfen ihr einen Königsmantel um.«

Heinrich Mann hätte den Saal schweigend verlassen. Er wusste, dass Untertanen keine Hörner tragen. Sie tragen Festanzug. Sie applaudieren. Sie stehen auf, wenn alle aufstehen. Sie klatschen, wenn alle klatschen. Sie halten den Applaus für ein Argument.

Vor mehr als hundert Jahren hat er sie beschrieben:

»Diederich Heßling war ein weiches Kind.«

Der arme Tropf vielleicht auch.

Die Blase applaudiert noch.

Der Neckar fließt weiter.

Ich biege um die Ecke und trinke zwei schwarze Bier.

Auf die Wirklichkeit.

 

 

Globkult Magazin

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herausgegeben von
RENATE SOLBACH †

JOBST LANDGREBE 
ULRICH SCHÖDLBAUER


Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Front: ©2024 Lucius Garganelli, Serie G

 

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