Irrgarten

von Herbert Ammon

Politische Bildung gilt unserer res publica als teures Gut. Ein Bekannter, der über GlobKult von meiner Liebe zu Yahoo erfuhr, korrigierte meine irrige Vorstellung bezüglich der Einkünfte des in der Bundesstadt Bonn residierenden Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Der ehedem dissidierende Hilfsvikar, dank hervorragenden Gesäßes (»eine ehrliche Haut«) von Kanzler Schröder vor dessen Politikwechsel zu Gasprom  mit dem Amt des höchsten Bildungsbeamten betraut, sei in einer deutlich höheren Besoldungsgruppe angesiedelt als in der von mir als  Spitzenwert vermuteten Kategorie B 3.

Je nun, die Trauben sind mir zu sauer, sprach der Fuchs. Wie bitte? Zu den republikanischen Tugenden gehört die Verachtung des Neides, wissen wir seit Cato und Cicero. Es gilt, die Verdienste des Amtsinhabers, ethno-deutsch, evangelisch, Mann (male),  um die Bildung des demos zu würdigen. Fraglos liegt ihm die Vermittlung post-machiavellistscher Grundkenntnisse über die Notwendigkeit globalisiert gerechter Kriege – exemplarisch exerziert im Kreuzzug der Franken gegen Gaddafi, vgl. Wikipedia s.v. bellum iustum -  nicht minder am Herzen als die Durchsetzung elementarer Gender-Doktrinen in post-deutschen Migrantenköpfen: Dekonstruktion von Liebe und Libido, von Plexus und Sexus, von Eros und  Erektion - schwierige, aber zentrale, kognitiv-affektiv zu realisierende Lernziele. Wahrlich, wahrlich, heißt es in der Bibel, für derlei Mühen ist kein Lohn zu hoch...

Bestehe ich mit derlei Einsichten den Test als mündiger Bürger? Bin ich, dank Yahoo und welt-online, auf der Höhe demokratischen Bewusstseins? Seit meinem letzten Selbstversuch ist Schlimmes passiert, ohne dass ich ins Weltgeschehen eingreifen konnte, wiewohl dies meine Bürgerpflicht gewesen wäre. Alles begann mit dem Tsunami, der die Notstrom- Aggregate in Fukushima zerlegte. Er erzeugte Mitgefühl mit den Opfern, durchmengt mit  Genugtuung über die evidente Persistenz (»Nachhaltigkeit«) kultureller Prägungen im global begrünten Multikulti. Die Frage, wie lange die Japaner dem in vielfältigen Benennungen strahlenden, unsichtbar vordringenden Schrecken in kollektiver Solidarität widerstehen können, ist mit dieser Feststellung leider nicht zu beantworten. Man wird sehen, wie die Massen im Großraum Tokio reagieren, wenn die strahlende Apokalypse des womöglich nicht nur partiell bereits eingetretenen melt-down über den Frühling am Fujiyama hereinbricht.

In Deutschland, seit 1990 geographisch wieder einigermaßen lokalisierbar, herrscht der gewohnte geistige Ausnahmezustand. In der bunten Republik hat der GAU in Fukushima die  Strahlkraft der Grünen, des führenden Faktors in der naturgemäß  militärisch ausgestatteten Zivilgesellschaft, evident (und »nachhaltig«) gestärkt. Den Lohn der Angst ernten sie heute (27.03.2011), am strahlenden Wahlsonntag in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz. Endlich »Volkspartei«!

Insofern die Halbwertszeit  von Plutonium den Transzendenzverlust um 24 000 Jahre überdauert, profitieren auch die Kirchen, maßgeblich die evangelische mit der frohgemuten Sünderin Margot Käßmann, vom fall-out im Fernen Osten. Allein die Gewerkschaften, außer den Funktionären der krisenfrei öffentlich Bediensteten bei Verdi, müssen ihren Mitgliedern  noch erklären, wie der Ausstieg aus der Kernenergie ohne Minderung der ohnehin minimalen Lebensbedürfnisse zu bewältigen sei. Für die Grünen, für die vino verde sowie von der taz offerierte Flugreisen in die globale Zivilgesellschaft  zum Lebensstil gehören, war das noch nie ein Problem, ebensowenig die Frage, was die EU-Länder ringsum von der  Stillegung ihrer AKWs halten. Was sagt praeceptor BHL zu den AKWs im Rhonetal? Was immer er sagt, für uns gilt kein Anschlussverbot: felix Austria docet! Fragen an  Polen werden hierzulande lieber nicht gestellt.

Die Frage aller Fragen: Wie denke ich richtig? Zur Erinnerung: Dem Realsozialismus ging es um die allseits gebildete humanistische Persönlichkeit. Herausgekommen sind  die NPD-Wählerinnen und -Wähler in den neuen Ostgebieten sowie Planstellen für den »Kampf gegen rechts«. Leicht abgewandelt zielt politische Bildung in der »erweiterten Bundesrepublik« (dixit Sankt Jürgen)  auf den umfassend gebildeten Bundesbürger (homo civisque foederalis) – in Zeiten des Internet  spielend zu erreichen. Bei welt-online war zu erfahren, dass Gaddafi seine um Ex-Freund Sarkozy gescharten Interventen zu »neuen Nazis« erklärt hat. Unverschämt der Kerl! Drücken sich die Deutschen – Westerwelle, Merkel, die Grünen, die Linke sowieso – ob solcher Verdächtigungen vor ihren demokratischen Bündnispflichten?

Am 22. März – die Senussi-Demokraten  in der Bredouille – erklärt mir die Yahoo-Redaktion, was  von der Sache zu halten sei: »Jetzt übt sogar der frühere Außenminister Joschka Fischer scharfe Kritik an der Haltung von Schwarz-Gelb. Doch auch die Opposition bleibt nicht verschont: Zur Einstellung der Grünen in der Libyen-Frage erklärte Daniel Cohn-Bendit, Grünen-Fraktionschef im Europa-Parlament, er verstehe seine eigene Partei nicht mehr. Ganz anders als sein Kollege Guido Westerwelle (FDP), war Grünen-Politiker Joschka Fischer als Bundesaußenminister sehr beliebt. Zwar blieb auch Fischer während seiner Amtszeit nicht fehlerfrei. Doch durch seine oft dickköpfige Haltung, die er allerdings meist mit guten Argumenten untermauerte, konnte er die Menschen für sich gewinnen. Auf dem internationalen Parkett wusste er ebenso zu beeindrucken – auch damit, dass er in schwierigen Situationen nicht ohne Weiteres klein beigab, sondern seine Haltung überzeugend zu verteidigen wusste.« Ende des Zitats, fehlerfrei kopiert. 

Dass Dany seine Partei nicht mehr versteht, lässt er auch im grünen Zentralorgan verlauten. Richtig, taz -Lektüre (online & gratis) gehört zu den  Bildungspflichten des citoyen, Überschriften, Bildunterschriften genügen. In der Mitte rechts, gut plaziert, stoße ich auf zwei gelbe Werbespots, die Landeswappen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz: »Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für Politische Bildung – präsentiert von taz-de.« Die Kooperation leuchtet mir ein, aber wofür steht »Wahl-O-Mat«? Eine Einladung in die neben den  Sex-Kinos wundersam wachsenden Spielotheken, Casinos und Wettbüros?

Ein Klick, und ich bin  aufgeklärt. Wenngleich als steuerpflichtiger Berliner weder in Baden-Württemberg noch in Rheinland-Pfalz als Wahlbürger registriert,  darf ich beim Wahl-O-Mat der BpB virtuell mitwählen. Los geht’s! 38 politisch  positiv aufgeladene Thesen lösen eine  geistige Kettenreaktion aus: plus-minus-neutral, »Übergehen«,  gleichwertig mit »neutral« (=0).  Am Schluss darf ich  acht der zugelassenen Parteien (in Ba-Wü 19, in Rhl-Pf nur 12) als potentielle Favoriten auswählen, Gebrauchsanleitung anbei: »Wie kann es sein, dass ich mit rechts- oder linksextremistischen Parteien bei etlichen Thesen übereinstimme?« Teufel auch, es kann passieren! Schwacher Trost von BpB: Wenn SPD, Linke und NPD zu Hartz IV dasselbe sagen, ist es noch lange nicht das gleiche! Denken Sie nochmal kritisch nach, prüfen Sie die Programme auf Verführung und Fallgruben! Beispiel »Mindestlohn«: »Während jedoch Partei A einen Mindestlohn von 7,50 Euro fordert, möchte Partei B einen Mindestlohn von 10 Euro einführen. Und Partei C will, dass der Mindestlohn nur Deutschen gezahlt wird. Es lohnt sich also, die Argumente und Begründungen der Parteien zu den Thesen genau zu lesen!« Lohnt es sich wirklich? Die Sache scheint so trügerisch wie die Hoffnung des Hartz-IV-Empfängers auf den Sechser im Lotto!

Zu den erzielten  Wahlergebnissen äußere ich mich hier  bis zu den Hochrechnungen (sekundenschnell nach Schließung der Wahllokale um 18.00 h) nicht. Im übrigen ist für mich längst alles klar: Mappus muss weg, Beck muss bleiben. Zu meinen sonstigen politischen Präferenzen nur soviel: Weit mehr als die  Hälfte der Thesen überfordern meine Urteilsfähigkeit, also  →  Mausklick »neutral«. Summa: Bei beiden Spielen mit Wahl-O-Mat gewinne ich mit der Piraten-Partei. Wie das? Stehe ich im Verdacht, mit  migrationsunwilligen Seeräubern in Somalia zu sympathisieren? Jedenfalls scheint es ratsam, die von der Bundesbildungszentrale erbetenen Angaben zur Person zu verweigern, auch wenn  alles anonym bleiben soll. 

Nachtrag, Montag, 28. März 2011. Die FAZ bestätigt meine Prognose auf  S. 1: »Mappus stürzt – Beck bleibt – Grüne bereit«. Na also. Auf der Feuilleton-Frontseite (S. 27) belehrt uns Frank Schirrmacher über »Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds«. Neun, warum nicht zehn? Unter Walter Ulbricht lernte man zur Jugendweihe wenigstens noch  die »Zehn Gebote des Sozialismus«. Ein letzter Mausklick, zurück zu Yahoo: »Super-Gau für die CDU«. Das übertrifft begrifflich selbst die Sache in Fukushima, vorerst noch...

Bildquelle: Wikimedia Commons

 

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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