von Suitbert Oberreiter

Es ist schon ein wenig schauderhaft, meine ich, was man da mit der schillernden Bischöfin Kässmann aufführte, bis sie sich durch ihren Rücktritt der allgemeinen Hatz entzog. Die Argumente zu ihrer Entfernung, die dabei vorgebracht worden sind, können nichts weniger als scheinheilig gelten; stichhaltig oder überzeugend sind sie für mich jedenfalls nicht. Der Aufruhr war ja gerade so stark, als wäre die Frau mit der Kirchenkasse unterm Arm davongegangen. Und man hat sich dabei der Kleinbürgerlichkeit der Massen aufs Schamloseste bedient und die Dorfmentalität aus Wilhelm Buschs Max und Moritz für ein paar Tage wieder aufleben lassen. »Kein Kavaliersdelikt!« stand da zu lesen. Offensichtlich haben das irgendwelche Polit-Marionetten und Tintenknechte einer deutschen Abart des Berlusconi-artigen ›Denkgenies‹ inszeniert, was dort abgegangen ist. Und da wir in Deutschland eine jahrhundertealte Erfahrung mit der Leibeigenschaft haben, nimmt sich das so aus, als müsse man kleine Bauernopfer bringen, damit die Syphilis der Neuen Grafen und Degenerationsfürsten sich ungestört ausbreiten könne. Der Fall spielt wohl in die – zugegebenermaßen etwas brisantere Fälle enthaltende, aber doch – Schublade von kleinen Denkwürdigkeiten unseres Zeitalters, wie »Entlasse eine Mitarbeiterin der Firma, die sich ein Lachsbrötchen selbst verabreicht hat, aber lasse den ungeschoren, der sich mit 5 Milliarden Euro aus dem Staub macht – und finde das noch in Ordnung.«

Eine gestandene Rivalin dürfte wohl auch die Grüne Politikerin Goering-Eckhardt sein, die hofft, jetzt zum Zug zu kommen, soviel ich mitbekommen habe. Was die dann über den lieben Heiland den geistig und anders ohnehin schon Ausgehungerten erzählen wird, ist mir freilich verborgen. Die Heuchelei, die aus all dem ruft, was da vor allem in der Druckpresse erschien, ist mir fürchterlich zuwider. Man müsste das Beispiel oft und oft erwähnen, weil diese Masse an Ignoranten, mit der wir es zu tun haben, keinerlei Perspektive mehr besitzt, sondern nur versteht: Auto – Saufen – Führerscheinentzug. So primitiv, wie etwa Ö3-Trottel (bezogen auf das »vorbildliche« österreichische Radioprogramm dieser Bezeichnung – für Grenzdebile und solche, die es noch werden möchten) die Welt verstehen mögen. Wenn man sich in Österreich vor zwei Tagen die Postings zu einem das Thema betreffenden Artikel – blind herausgegriffen – im Standard zu Gemüte geführt hat ( – man muß sich das einfach »zu Gemüte führen«, sonst verpufft das ganze Schauspiel wirklungslos –), dann fragt man sich, wie weit wir eigentlich gekommen sind in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren. Einfach degoutant, wie hier plötzlich ausgepacktes Pseudo-Rechtsempfinden, Polizeihörigkeit und Klugscheißerei durcheinandergehauen und zu einem Sonntagskuchen gebacken wurden. Alles natürlich im Fahrwasser einer politischen Sprachregelung, die den emotionalen Hundezwinger für die sonst ohnehin schon durch die Finanzkrise und massenweise Verarmung illusionslos gewordenen Leute bedeutet.

Der ehemalige Präsident der Harvard University, Laurence H. Summers, selbst durch Fanatiker der Sprachregelung bekämpft und in Mitleidenschaft gezogen, bemerkte einmal zu einem etwas exzentrischen schwarzen Uni-Professor (der nichtsdestoweniger populär, ihm jedoch zu kontroversiell schien ): »Life is not a streight line, Brother...!« Und damit war der Mann aus Harvard verabschiedet. Man könnte nun genauso sagen – in Abwandlung dessen : »Die Entwicklung geht auch nicht stetig voran, zur Zeit aber besonders bei uns nicht.« Ja, es geht um wie ein Gespenst, das uns zu unterdrücken versucht – wie in Berlusconischen Verleumdungskabinetten. Wir haben zwar noch keinen Hohenasperg als Gefängnis, aber die Voraussetzungen dafür schafft man schon. Die Gegenaufklärung ist im Gang, und die großflächige Verdummung (bei uns überall Unterdrückung der Geisteswissenschaften zum Zweck der Stillegung des kritischen Gedankenapparats) hat bekanntlich schon weite Kreise gezogen. Ich halte mich für gewöhnlich nicht zu Fraternisierungs- und Ökumenezwecken in den Kirchen auf. Mir sind die alle natürlich suspekt – auch wenn ich die Glockenspiele und den Orgelton so gern wie nichts anderes höre. Aber wenn die Dame, deren ausgebreitete Arme ich ihr nicht unbedingt abzunehmen vermag, so viel in kurzer Zeit geleistet hat, wie es einer von den immer wieder vorgezeigten Osterhasen nicht könnte, dann frage ich mich schon, WER da ein Interesse an der Weitergabe einer Strafanzeigenmeldung an die Presse hatte, während man die MAFIA, die EHRENWERTE GESELLSCHAFT nur gelegentlich mit einem Wort oder Artikel erwähnt, die aber das Gemeinwohl innerhalb Europas (nicht etwa auf Italien beschränkt!) um das Millionenfache mehr belasten muss als eine Flasche Wein zuviel – da dürfte ich nicht fehlgehen. Der Heilige Geist, dessen Ausfluss man in den Reden und Taten einer Kirchenpersönlichkeit erwartet, versteht sich natürlich nicht mit dem »Geist aus der Flasche«. Doch diese Inkommensurabilität sollte man nicht einfach hinwegschaffen, um den Volkszorn über eine Frau zu mobilisieren und hereinbrechen zu lassen.

 

 

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