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von Ulrich Schödlbauer

Am zwölften August des Jahres 2022 christlicher Zeitrechnung wurde der Schriftsteller Salman Rushdie, Verfasser opulenter englischsprachiger Romane, während eines Vortrags an einem Institut für Erwachsenenbildung im Staate New York mit mehreren Messerstichen an Hals, Gesicht, Arm und Leber verletzt. Er überlebte den Anschlag dank einer Notoperation. Der Täter, Sohn libanesischer Migranten und offenbar der phantastischen Welt des politischen Islam zugetan, konnte überwältigt und der US-Justiz zugeführt werden. In islamischen Ländern, liest man, kam es zu öffentlichen Freudenfeiern. Repräsentanten des iranischen Staates brachten ihre kaum klammheimlich zu nennende Genugtuung zum Ausdruck.

Die Welt – oder der Teil, der sich dafür hält – erinnerte sich mühsam oder ging in die Archive: Rushdie, nicht gerade ein Unbekannter wie so viele andere Mitmenschen, die, ohne größere Anteilnahme zu erregen, unter den Messerstichen fanatisierter Jugendlicher rund um den Globus zu Tode kommen, hatte Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts die muslimische Welt – oder den Teil, der sich dafür hielt – in seinem weitschweifigen Romanepos The Satanic Verses mit einer Mohammed-Darstellung herausgefordert, die, vorsichtig ausgedrückt, weniger den Spielregeln der islamischen Überlieferung als denen der europäischen Aufklärung folgte.

Das schiitische Ayatollah-Regime des Iran, damals noch unter Revolutionsführer Chomeini, reagierte umgehend mit jener berühmten Fatwa, die den Kopf des Abtrünnigen forderte: eine völkerrechtliche Provokation, die selbst unter konkurrierenden muslimischen Autoritäten mildes, in der Folge eher abflauendes Kopfschütteln hervorrief. Die Zeiten waren bereits gefährlich und der Aufmarsch der Glaubenskrieger gegen den Westen und die durch seine Dollars korrumpierten Herrscher am Persischen Golf trat gerade erst in sein kritisches Stadium. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass eine halbstaatliche iranische Stiftung ein üppiges, nach Chomeinis Tod weiter aufgestocktes Kopfgeld aussetzte.

Rushdie, naturalisierter Brite indischer Herkunft, durchlebte stürmische Tage, denen viele stille folgen sollten, während derer er inkognito unter striktem Polizeischutz dahinlebte – verdammt, bewundert und geehrt, unter anderem von der britischen Königin, die ihn 2007 in den Ritterstand erhob. Ein Übersetzer des Romans wurde ermordet, ein Verleger überlebte schwerverletzt. So geht Weltruhm. Irgendwann schienen dem Erfolgsautor die Tage des Wahns vorbei und ein normales Schriftstellerleben erneut möglich zu sein. Er nahm sich das Recht, es in Anspruch zu nehmen und siehe da, es ging. Es ging bis zu jenem Tag im August, an dem er, Fatwa hin oder her, ein spätes Opfer jener brodelnden Szene wurde, die der Westen, zumindest in seinen Chefetagen, so gern vergisst und noch lieber auf Dauer vergessen würde, weil ihm zu ihr partout nichts einfällt.

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Die Rushdie-Affäre (oder was so genannt wurde) ist ein Menschenalter her. Sie betraf Themen, die damals die liberalen Gesellschaften intensiver zu beschäftigen begannen und um die Frage kreisten, ob der praktische Liberalismus sich nicht selbst seinen Henkern ausliefert, wenn er die Propagandisten der Gegenseite gewähren lässt, solange sie sich nur an ein paar Grundregeln halten. Damals hielt mit dem Karl Popper entlehnten Slogan Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz die Verwechslung von gesetzlich garantierter Meinungsfreiheit und Toleranz in die Köpfe der Mehrheitsgesellschaft Einzug. Im Schutz der liberalen Empörung über den brutalen Angriff auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung in ihrem historischen Stammland verbreitete sich eine antiliberale Grundstimmung, die bis heute nicht abgeflaut ist und in den jüngsten Coronamaßnahmen ebenso ihr Auskommen findet wie in behördlichen Meldestellen für schnell als ›Hass‹ deklarierte unerwünschte Meinungsäußerungen.

Die Münze ›Toleranz‹ hat zwei Seiten: eine glänzende, die Gesinnungsfreiheit gewährt, und eine weniger glänzende, die der gegnerischen Gesinnung auf halbem Weg entgegenkommt. Nichts ist so reizbar wie Gesinnung und nichts ist so bereit, die eigenen ›Werte‹ mit Füßen zu treten, wie Toleranz, sobald sie sich und anderen einredet, es gehe darum, zur Beruhigung der Gemüter beizutragen. Auch im Fall Rushdie fanden sich, wie später aus Anlass der Jyllands-Posten-Karikaturen, dezidierte Christen, darunter ein amerikanischer Ex-Präsident und ein Randgänger des offiziellen Katholizismus, die der Ansicht waren, der Schriftsteller habe religiöse Gefühle verletzt und damit eine Grenze überschritten – welche Grenze das, rein ethisch-rechtlich, sein sollte, war, da gefühlt, naturgemäß nicht zu ermitteln. Es war, was sonst, die Grenze der Toleranz, über die heute mit großer Selbstverständlichkeit Polizei und Gerichte, bisweilen auch Geheimdienste befinden.

Weder Toleranz noch Intoleranz des Westens hat die Anschläge von Nine-Eleven, die Todesspur von Boko Haram, den Anschlag auf Charlie Hebdo, das Gemetzel im Bataclan, die ›Einzeltat‹ vom Breitscheidplatz verhindert oder ihre Grausamkeit abgemildert. Wohl aber hat der zwanzigjährige Totentanz im Nahen Osten, nicht zuletzt durch die von ihm ausgelösten Migrantenströme, die Gesellschaften des Westens von Grund auf verändert und innerhalb wie außerhalb des islamischen Bogens neue Machtkonstellationen geschaffen. Dabei hat er etwas bewirkt, worüber man tunlichst nur in verschleiernden Wendungen spricht: Der Terror der Unbedarften ist zur scharfen Waffe in der Hand einer weltumspannenden Gegen-Elite geworden, welche die alten Eliten des Westens teils offen bekämpft, teils unterwandert, um sie eigenen langfristigen Interessen gefügig zu machen. Auch darin gründet der Glaubwürdigkeitsverlust der alten Eliten: Niemand weiß heute, in welchem Ausmaß sie angstgetrieben agieren, wenn bei einer Vielzahl krimineller Vorkommnisse die Grenze zwischen verantwortungsvollem Schweigen und liebedienerischem Verschweigen verschwimmt.

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Falls es eine Aktualität des ›Falls‹ Rushdie gibt, dann die, dass hier ein Schriftsteller-Typus das Podium betrat, der seinen Ruf – und seine Autorität – kulturellen Analphabeten verdankt – Menschen, die niemals eine Zeile von ihm gelesen (oder verstanden) haben, aber durch die bloße Nennung des Namens jederzeit in ein Engel-Teufel-Spiel hineingerissen werden können, in dem sie als Fußvolk einer welt- und heilsgeschichtlichen Bewegung existenziell fassbare Bedeutung gewinnen. In säkularisierter und vergleichsweise harmloser Form widerfährt jedem ›Influencer‹, dem Youtube den Kanal sperrt, nachdem er von einer johlenden virtuellen Menge an Leib und Leben bedroht wurde, ein ähnliches Schicksal, wenngleich das daraus abgeleitete Prestige sich für gewöhnlich in engen Grenzen hält. Schon Chomeini dürfte bei seinem Mordaufruf nicht so sehr das Schicksal des Romanciers als die kostengünstige Herausforderung an die Wertvorstellungen und Rechtsnormen des Feindes im Westen im Auge gehabt haben.

Wenig ist von dem Schriftsteller übriggeblieben, der fand, der Roman sei ein guter Ort, um die Gründungsmythen der Religion seiner Herkunft einem ähnlichen Prozess säkularer Aufklärung zuzuführen, wie ihn das katholische Christentum zweihundert Jahre früher durchlaufen musste. Der Prozess radikaler Ernüchterung, der ihm da noch bevorstand, hat ihn und seine Botschaft verändert. Radikal verändert hat sich auch die Welt, der sie zugedacht ist. Identitätssüchtige diskutieren nicht. Identitätsgläubig ist auch die Fraktion, der er sich heute als zugehörig betrachtet. Für den jungen Amerikaner, der dem Mann Salman Rushdie ans Leben ging, vermutlich, weil auf seinen Kopf eine horrende Belohnung steht und der Revolutionsmythos eines verknöcherten Staates kein Abrücken von einem verjährten Mordbefehl erlaubt, dürfte er ein – fast – beliebiger Ungläubiger sein, dessen Existenz quasi im Vorbeigehen auszulöschen in seinem mit Millionen von Eiferern geteilten Universum offenbar keine besonderen ethischen Probleme bereitet.

Einer von vielen.