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Demokratischer Traum

von Ulrich Siebgeber

1
Das Land hat gewählt.
Das Land hat keine Regierung.
Die Regierung wurde abgewählt.
Die Regierung regiert weiter.
Die Regierung regiert.

2
Ein Land hat gewählt.
Es hat keine neue Regierung gewählt
sondern den Ausdruck des Missfallens
über alle
die es schon länger regieren.

3
Die Regierenden fragen sich
wie sie nicht weiterregieren sollen
wo doch die Wähler
den Stimmzettel in der Hand, es nicht über sich brachten
sie am Weiterregieren zu hindern.

4
Die Regierenden sind gespalten.
Die schlechtere Hälfte widmet sich der Niederlage
die schwächere Hälfte dem Sieg
der Niederlage über die Wähler
besser genannt: die Wählenden.

5
Wer die Niederlage wählt,
geht in die Opposition.
Wer den Sieg wählt, der keiner war
geht später, er geht
den schwereren Gang.

6
Die Macht bietet sich jedem dar
der ihr Angebot zu würdigen weiß.
Sie kennt keine roten Linien, sie weiß:
Geht Rot, kommt der Rest
mit links.

7
Im Land der Übergewichtigen
klingt das Wort Verantwortung magersüchtig.
Das bringt uns nicht weiter
tönen die Gewichtigen. Ein mächtiges Wort, maßgeschneidert
fürs Ohr der Geschichte.

8
Im Ohr der Geschichte
liegen die Tipps haufenweise
und lauern auf Einlass.
Die Geschichte wiederholt sich nicht.
Diese da kennt sie bereits.

9
Die Regierung hat das Volk abgewählt.
Sie hat, vor die Wahl gestellt
sich ein anderes zu wählen
oder dem Volk keine Wahl zu lassen
betont, sie werde auch in Zukunft die richtigen Maßnahmen ergreifen.

10
Der demokratische Traum
erliegt den Neunmalklugen.
Die Neunmalklugen glauben sich hellwach
und blitzgescheit. Der demokratische Traum
blinzelt: Träumt weiter! und bleibt.

 

Grafik: Demokratischer Traum © Lucius Garganelli