von Lutz Götze

China verstand sich über Jahrhunderte hinweg als ›Reich der Mitte‹: im Zentrum des Universums gelegen, von Feinden in allen Himmelsrichtungen umgeben und bedroht. Also ließen die Kaiser, zumal der Ming-Dynastie, eine gigantische Mauer errichten, um gegnerische Heere abzuschrecken.

Im Innern herrschte die eherne Ordnung des Meisters Kung – latinisiert Konfuzius –, vor 2500 Jahren begründet: Der gottgleiche Kaiser steht unberührbar ganz oben auf der Pyramide der Gesellschaft und verbindet in seiner Person Himmel und Erde; ihm unterworfen sind zivile und militärische Mandarine, also Beamte, die die Aufrechterhaltung der göttlichen Ordnung garantieren.

Die Bevölkerung steht ganz unten. Unterwerfung und Disziplin sind die Grundwerte der Ordnung des Konfuzius schlechthin; ihr folgen die Normen: Alt vor Jung, Mann vor Frau, Han-Chinesen vor Minderheiten und Ausländern. Als normgerecht gilt, den Mittelweg zu suchen, Kritik zu unterlassen und sich bei der Obrigkeit beliebt zu machen, um die eigene Karriere zu befördern. Bestechung und Bestechlichkeit wurden so zum Regelfall. Vom Taoismus des Lao Tzu übernahm Meister Kung, was ihm ins Konzept passte, zumal die Komplementarität des Yin und Yang, also des Weiblichen und des Männlichen, des Inneren und des Äußeren, des Religiösen und des Politischen. Komplementarität ist das Gegenteil eines unauflöslichen Antagonismus: Alles ergänzt sich und überwindet den Streit, so das Tao, wenn es gelingt, die Begierden zu überwinden. Diese zutiefst geistige und individuelle Anstrengung nun verwandelte Kung in öffentlich-staatsrechtliche Norm: Anpassung und Unterwerfung. Das Ergebnis war eine zutiefst hierarchische, starre und auf Machterhalt zielende Gesellschaft.

Allen anderen Gedanken und philosophischen Überlegungen des Taoismus oder anderer Philosophien – vor allem Hinduismus und Buddhismus – stand der Staatsrechtler misstrauisch und ablehnend gegenüber. Philosophien und Religionen, so Kung, gefährdeten die göttliche Ordnung und den hierarchischen Staat, also bekämpfte er sie, wo immer er auf sie stieß oder vermutete. Sein Rat war bei den Mächtigen des Ostens gefragt, wie sich leicht vermuten lässt. Konfuzius wurde reich an Einfluss und materiellen Gütern.

China wurde dergestalt über Jahrhunderte hinweg zum Land der ehernen Ordnung: Neue Ideen und Gedanken, revolutionäre Utopien oder umstürzlerische Religionen hatten hier keinen Platz und mussten von außen hereingetragen werden: Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum sind in China importiert worden, also nicht eigenständig. Selbst der im Grunde einzige Beitrag zu Weltkultur und Philosophie, der Taoismus Lao Tzus, fand keine Verbreitung und wurde vehement vom herrschenden Machtapparat bekämpft, vor allem deshalb, weil Lao Tzu alle Herrschaftsstrukturen in Frage stellte und dem Individuum die Verantwortung für sein Handeln zuwies. Am Ende trieben die Herrschenden Lao Tzu in die Emigration. Bertolt Brecht hat es in einem großartigen Gedicht beschrieben.

Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Alten doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
und er gürtete den Schuh........


Das Tao kennt weder geistliche Führer noch Gemeinde oder Anhängerschaft oder gar Massenwahn. Er ist damit das vollkommene Gegenteil aller großen monotheistischen und polytheistischen Weltreliegionen: Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Folglich lehnen sie alle mehr oder weniger den Taoismus ab, ebenso wie die Mächtigen im alten China und in neuen Diktaturen.

Eine Legende um Konfuzius

Meister Kung, so erzählt eine Legende, soll einstmals eine Begegnung mit Lao Tzu-wörtlich: »Der alte Mann« – gesucht haben, weil er – der Ratgeber – Rat brauchte für die Gestaltung seines eigenen Lebens. Seine Untergebenen fanden schließlich den Greis fernab in einer Hütte. Konfuzius, die moralische Instanz der Kaiserzeit schlechthin, wollte von ihm wissen, was Moral sei. Lao Tzu lachte laut auf und erklärte dem Staatsrechtler, nur ein unmoralischer Mensch könne eine solche Frage stellen. Gleiches geschah mit des Konfuzius Frage, auf welche Weise man einen guten Charakter entwickeln könne: Nur der Charakterlose äußere diese Frage!
Als Konfuzius zu seinen Schülern zurückkehrte, soll er sehr nervös gewesen sein und gezittert haben wie nie zuvor. »Der Mann ist gefährlich«, seien seine Worte gewesen.

Zen-Buddhismus

Osho (1931-1990), einer der führenden Mystiker des 20. Jahrhunderts und Deuter östlicher Philosophien und Religionen, erläutert in einem seiner zahlreichen Werke (The Spiritual Path: Buddha-Zen-Tao-Tantra. 2007) das Entstehen des Zen-Buddhismus.

»Zen was born in India, grew in China and blossomed in Japan. Why did it happen, that it was born in India, but could not grow there and had to seek a different soil? It became a great tree in China, but it could not blossom there; again it had to seek a new climate, a different climate. And in Japan it blossomed like a cherry tree in thousands of flowers. It is not coincidental; it is not accidental; it is a deep inner history......
India is an introverted country. Japan is extroverted. And China is just in the middle of these extremes. India and Japan are absolute opposites..... India is an introverted consciousness. India says the outer doesn´t exist, and even if it seems to exist, it is made of the same stuff that dreams are made of.... The whole genius of India has been in trying to discover how to escape from the outer, how to move to the inner cave of the heart, how to be centered of oneself......
Zen means the same as dhyan and is a Japanese change of the word. Dhyan is the whole effort of consciousness and means to be so alone, so into your own being, that not even a single thought exists...
China is a balanced country, not like India, not like Japan. The golden mean is the path there. Confucian ideology is to remain always in the middle: neither be an introvert nor an extrovert; neither think too much of this world nor too much of that world - just remain in the middle. China has not given birth to a religion, just to morality. No religion has been born there; the Chinese consciousness cannot give birth to a religion. All the religions that exist in China have been imported: Buddhism, Hinduism, Mohammedanism and Christianity have all come from outside. China was a good soil but it cannot originate a religion, because to originate a religion one has to move into the inner world.....
Japan is an extroverted country... With the Japanese consciusness it is as if the inner doesn´t exist; only the outer is meaningful... The whole Japanese culture is concerned with how to create a beautiful society, how to create beautiful relationships, how to give them significance....
And the whole tree of Zen was transplanted in Japan and there it blossomed in thousands of colors. It flowered.« (Osho 2007: 148ff.).

Dieses Bild von der Saat (Indien) über den Baum (China) hin zu Frucht und Blüte (Japan) mag nicht nur die Entwicklung des Zen-Buddhismus erklären; es ist von höchster Bedeutung und Aktualität für die Deutung jener Erfahrungen, die Zeitgenossen heute im Kontakt mit Indern, Chinesen und Japanern machen. Indische Hindus oder Buddhisten suchen die Explikation der Rätsel des Lebens in der Innensicht, auf dem Weg über Meditation oder Gebet. Japaner - als das komplette Gegenteil - sind hingegen extrovertiert: Ihr Ziel ist der äußere Erfolg, die Karriere, das schöne Haus und der Garten, die öffentliche Darstellung. Den Fremden werden sie nur in Ausnahmefällen ihr Inneres erfahren lassen; Gesichtswahrung ist oberstes Gebot, Gesichtsverlust eine Katastrophe. Im Leiden findet die Gesellschaft zusammen: wie in Fukushima. Nicht im Erfolgsstreben!

Der Grundgedanke des Zen – der Weg ist das Ziel, das du freilich nie erreichst – wird in Japan profanisiert als ein Kodex von Anweisungen, wie dieser Weg vollkommen ausgestaltet werden kann: Blumenarrangements, Tee-Zeremonie, Kirschblütenfeste, Kleidervorschriften, Regeln des vollkommenen Auftretens und Benehmens in der Gesellschaft.

China: ein neuer Begriff von Mitte

China liegt genau in der Mitte beider anderen Länder und findet seine Erfüllung in der Mittlerfunktion, im Weiterleiten von Ideen, negativ: im Kopieren. China hat über Jahrhunderte hinweg auch nie eigenständig grundlegende Gedanken hervorgebracht, weder Philosophien noch Religionen. Lediglich Ordnungen, Anwendungsregeln und Moralkodexe sind Chinas Beitrag zur Weltkultur; Konfuzius ist der Beweis dessen und er ist wirkungsmächtig bis heute in Asien, zumal im postkommunistischen China, wo die Machthaber – anders als während der Kulturrevolution – den stabilisierenden und machterhaltenden Wert der Lehre Kungs erkannt haben.

Nicht einmal die Lehren Mao Tse Tungs haben je diese Wirkung auf Chinas Bevölkerung erreicht. Der Alltag Chinas im Jahre 2011 ist konfuzianisch geprägt: vom hierarchisch-starren Gesellschaftsmodell bis hin zum hemmungslosen Gewinn- und Konsumstreben heutiger Chinesinnen und Chinesen. Dies ist die vollkommene Diktatur des Materialismus, bar jeder Camouflage oder Ästhetisierung.

Diese Mittlerfunktion hat bis heute verhindert, dass Nobelpreise an Chinesen in China vergeben wurden, allenfalls an Auslandschinesen in westlichen Ländern. Die Mittlerfunktion gebiert Mittelmaß, verhindert im Gegenzug individuelles Denken und Kreativität. Der Zwang der Ein- und Unterordnung, ursprünglich von Konfuzius ersonnen und später maoistisch verstärkt, tut ein Übriges und bringt seinerseits nichts grundlegend Neues hervor. Eine Kultur, die stets nur fremdes Gedankengut importiert, ist unfähig zu inaugurativer Grundlagenforschung. Anwendung tritt an deren Stelle.

Wer freilich stets Fremdes übernimmt, hält es irgendwann für Eigenes. Der Gedanke, es sei hingegen Plagiat, hat in China keinen Platz. Plagiat in Wissenschaft und Technik ist der Regelfall in China. Die Rede vom Plagiat aber ist im Kern abendländisches Denken; Nachahmung und wortgetreue Wiedergabe fremder Gedanken oder der Aussagen des jeweiligen Meisters hingegen sind in China Ausdruck höchster Wertschätzung. Dass geistiges Eigentum vor Missbrauch geschützt werden muss, ist heute in China – und in den meisten, von China beeinflussten, asiatischen Ländern – eine nahezu vollkommen unbekannte, zumindest aber neuartige Überlegung. Das Reich der Mitte wird lange brauchen, um das zu verstehen.

Bildquelle: Wikimedia Commons

Götze Lutz

Prof. Dr. Lutz Götze, geb. 1943, von 1992 bis 2008 Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes, seit 2008 Professor im Ruhestand. Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ehrenvorsitzender des Sprachenrates Saar. Mitglied des P.E.N. International.

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