https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Armed_Border_Guards_-_Flickr_-_The_Central_Intelligence_Agency.jpg

von Udo Kiesewetter

Der 2. Juni 1988, heute genau vor 30 Jahren, war einer der glücklichsten Tage in meinem Leben. Ich war endlich in Freiheit. Doch wie kam es dazu? Nach einer schönen und unbeschwerten Kindheit wuchs ich als Jugendlicher in der DDR langsam in ein System, oder besser gesagt eine Diktatur hinein, bei der man nur zu funktionieren hatte. Der Einzelne zählte im DDR System nichts, es ging immer nur um das große Ganze, den Sozialismus. Dass ich als Schulkind ein ›Junger Pionier‹ wurde registrierte ich, mehr interessierte es mich eigentlich (noch) nicht.

Als ich 3 Jahre später ›Thälmann Pionier‹ wurde, war mir das auch noch egal, es wurde ja jeder Mitschüler. Etwas befremdlich waren aber damals bereits die martialischen Aufzüge, Fackelmärsche und Maidemonstrationen, die meistens von der Schule organisiert wurden. Das hatten sich die SED Regierenden von den Nazis abgeschaut, übernommen und im DDR Sozialismus weiter perfektioniert.

Als Jugendlicher kam man dann in die FDJ und langsam wurde sichtbar, dass zwischen dem, was man uns in der Schule lehrte (wie gut und überlegen nämlich der Sozialismus angeblich war) und der Realität Welten lagen. Während Westdeutsche, die u.a. zur Messe nach Leipzig kamen, die ganze Welt bereisen durften, war für uns DDR Bürger die Welt am Brandenburger Tor zu Ende. Zudem war die Versorgung selbst mit teils banalsten Alltagsgegenständen eine Katastrophe. Für ›Westgeld‹, sprich Devisen, bekam man Alles, für unser Ostgeld bekam man ohne Beziehungen oft nicht das, was man gerade benötigte. Als Jugendlicher wusste man inzwischen auch, dass man zwar seine Meinung über den Staat und das System haben konnte, diese sollte man aber (falls sie negativ war), besser nicht öffentlich äußern.

Das Ganze verschärfte sich noch, als ich als 19 Jähriger 1979 zur Armee eingezogen wurde. Dort steckte man ausgerechnet mich zur Bewachung an die innerdeutsche Grenze nach Babelsberg ins Grenzregiment 44 der DDR. Jeden Tag befahlen uns die (SED Polit-) Offiziere, dass ›Flüchtlinge mit allen Mitteln‹ zu stellen seien. Wenn man einen potentiellen Flüchtling im Grenzabschnitt erkannte, sollte man ihn zuerst mit den Worten ›Halt stehenbleiben‹, dann ›Halt stehenbleiben oder ich schieße‹ anrufen, dann einen Warnschuss abgeben und wenn er dann immer noch nicht stehenblieb, dann sollte man gezielt auf den Flüchtling schießen. Dessen Tod wurde somit billigend in Kauf genommen. In meinen langen 546 Tagen bei der Armee musste ich Gott (oder wem auch immer) sei Dank nie zur Waffe greifen und war auch an keiner Verhaftung beteiligt. Das humanistische Weltbild, welches uns die roten Verbrecher jedoch von Kindheit an lehrten, hatte folglich mit der Realität absolut nichts gemeinsam.

1980 aus der Armee entlassen, versuchte ich dann für meine neu gegründete junge Familie eine Wohnung zu bekommen. Doch das war das nächste Riesenproblem in der DDR. Über 3 Jahre später bekamen wir dann endlich eine Wohnung zugewiesen, doch da war unsere Familie gerade zerbrochen. Nun wollte das staatliche Wohnungsamt die Wohnung zurück und ich sollte in ein besseres ›Rattenloch‹ einziehen. Das lehnte ich natürlich ab, da ich unheimlich viel Arbeit und Geld in die Sanierung der Wohnung investiert hatte. 2 Jahre dauerte der Kampf, dann im Jahr 1986 schmiss mich das Wohnungsamt per Wohnungstauschanordnung aus meiner Wohnung. Damit war für mich das Maß des Erträglichen in der DDR endgültig voll. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi), die mir der SED-Staat davor bereits wegen diverser ›staatsfeindlicher Äußerungen‹ auf den Hals hetzte, schrieb über mich in ihren Akten, dass ›Kiesewetter seit diesem Zeitpunkt nur noch durch politisch negative Äußerungen auffiel‹.

Doch wie konnte man die DDR verlassen? Über einen offiziellen Ausreiseantrag hätte man mich jahrelang schikaniert und die Erfolgsaussichten waren auch nicht allzu groß. Also entschied ich mich für den inoffiziellen Weg. Die innerdeutsche Grenze kannte ich, diese zu überwinden war fast unmöglich. Auch weitere Fluchtpläne spielte ich durch und verwarf sie wieder, bis ich während meines Urlaubes 1987 in Ungarn entschied, dieses Land zur Flucht zu nutzen. Nach einem Jahr Vorbereitung und der vorsichtigen Beschaffung von Informationen über die dortigen Grenzanlagen startete am 29. Mai 1988 mein Unternehmen ›illegales Verlassen der DDR‹. Gegen 23 Uhr fuhr ich mit dem Rad sowie einer Reisetasche auf den Leipziger Hauptbahnhof. Von dort aus ging es mit dem Zug über Dresden und Prag nach Bratislava. An der Grenze zur Tschechoslowakei in Bad Schandau wurde ich argwöhnisch kontrolliert, doch die Grenzer und Zöllner ließen mich zum Glück weiterfahren. Nun hatte ich zumindest schon mal die DDR hinter mir. Würde ich sie jemals wiedersehen oder würde man mich im schlimmsten Fall auf der Flucht erschießen? Und falls ich die DDR wiedersehen sollte, wie und in welcher Verfassung würde dies geschehen? Als Verletzter, Krüppel, Gefangener oder irgendwann als freier Bürger? Diese Gedanken schossen mir pausenlos durch den Kopf.

Am 30. Mai kam ich dann Mittags in Bratislava an. Dort holte ich mein Fahrrad aus dem Gepäckwagen und radelte ca. 30 Kilometer zur tschechoslowakisch/ungarischen Grenze. Diese passierte ich nach hier lapidarer Kontrolle. Dann ging es am Nachmittag weiter ca. 25 Kilometer nach Ungarn hinein. In Mosonmagyaróvár bog ich westwärts ab und erreichte am frühen Abend das Dorf Janossomorja. Dieses war nur knapp 10 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Ab jetzt musste ich massiv aufpassen, dass man mich nicht mehr sah. Da ich nach dem langen Tag erschöpft war, legte ich mich nachts im Wald auf eine kleine mitgenommene Decke und versuchte zu schlafen. Millionen Mücken hatten dabei ihre Freude an mir. Am Morgen des 31. Mai ging es dann los Richtung österreichische Grenze. Das wichtigste Utensil, welches ich mir im Vorfeld gekauft hatte, war ein gutes Fernglas aus dem Hause VEB Carl Zeiss Jena. Ich durchquerte, in ständiger Angst entdeckt zu werden, Felder, sumpfige Landschaften und Wälder. Am Nachmittag schaute ich in einem dichten Wald mal wieder durch mein Fernglas und sah nur ca. zwei- bis dreihundert Meter vor mir einen ungarischen Wachturm, auf dem sich zwei Soldaten befanden. Sie schienen mich (noch) nicht gesehen zu haben. Ich machte schleunigst kehrt und zog mich erst einmal 1 bis 2 Kilometer zurück, da ich nicht sicher war ob die Soldaten mich vielleicht doch gesehen und eine Meldung gemacht hatten. Dann versuchte ich an einer anderen Stelle an die Grenze zu kommen. In der Ferne sah ich einen Zaun, den ich für die Grenze hielt. Da ich müde war und natürlich nicht im Hellen über den Zaun klettern wollte, schlief ich erst einmal. Als es dann dunkel war schlich ich mich langsam zu diesem Zaun. Dort angekommen sah ich, dass dieser nichts mit der Grenze zu tun hatte. Erste Resignation machte sich breit, zumal ich auch kaum noch etwas zu essen und trinken hatte.

Sollte ich umkehren und mein Vorhaben aufgeben? Aber das wäre nicht Udo Kiesewetter, denn das Wort Aufgeben kennt er nicht! Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, zieht er durch, gnadenlos und ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste. Am Morgen des 01. Juni ging es wieder westwärts Richtung Grenze. Und tatsächlich sah ich plötzlich mitten im Wald mehrere Zäune, die mit einiger Sicherheit die ungarisch/österreichische Staatsgrenze waren. Allerdings waren diese doch deutlich höher als erwartet. Ich schlich mich an den ersten von insgesamt drei Zäunen heran und sah, dass vielleicht 400 bis 500 Meter links von mir ein Wachturm war. Zwischen dem ersten und dem letzten Stacheldrahtzaun lagen ca. 30 Meter, dazwischen ein Kolonnenweg und zu allem Überfluss in der Mitte ein Signalzaun. Diesen kannte ich aus meiner Zeit als DDR Grenzsoldat und wusste, dass man mit diesen sehr vorsichtig sein muss: Kommen zwei Drähte des Zauns zusammen gibt es optischen und akustischen Alarm und beim Durchtrennen der Drähte ebenfalls.

Nun war es aber noch früher Vormittag und am hellerlichtem Tag wollte ich auf keinen Fall über die Zäune klettern. So wartete ich endlos lange 14 Stunden bis es endlich dunkel war. Gegen 23 Uhr ging es endlich los. Mit extra mitgenommenen dunklen Sachen schlich ich mich zum ersten ca. 2,5 Meter hohen Stacheldrahtzaun, den ich anschließend überkletterte. Nun lag der ebenfalls ca. 2,5 Meter hohe Signalzaun vor mir. Mit viel Glück und List gelang es mir auch diesen zu überwinden, ohne dass dabei Alarm ausgelöst wurde, zumindest bemerkte ich keinen. Doch das hatte nichts zu sagen, vielleicht hatten die Grenzsoldaten mich ja doch entdeckt. Auf jeden Fall hatten diese nun freies Schussfeld auf mich. Sie schienen mich aber, zum Glück, nicht gesehen zu haben. Anschließend überquerte ich schnellstens den Weg zum letzten Zaun, den ich, wie den ersten, überstieg. Die Zäune hatte ich also hinter mir, doch wo war ich? Irgendwo mitten im Wald. Ich lief endlos, ohne dass etwas darauf hindeutete, dass ich in Österreich war. Nach einiger Zeit kam ich aus dem Wald und sah Licht am Horizont. Dort lief ich hin und es stellte sich heraus, dass der Ort in dem ich heraus kam, der österreichische Ort Andau war. Ich war überglücklich ob meiner gelungenen Flucht.

Da es in der DDR das Gerücht gab, dass die Österreicher geflüchtete DDR Bürger zurück in ihren Staat ausliefern, stand für mich fest, dass ich mich auf jeden Fall nicht in Österreich stelle, sondern mich nach Wien in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland durchschlage und mich dort melde. Zufällig gab es in Andau eine Haltestelle, von wo aus ein Bus der Österreichischen Bundesbahn nach Wien Mitte Bahnhof fuhr. Ich hatte von zu Hause 20 D-Mark mitgeschmuggelt, mit denen ich die Fahrkarte beim Busfahrer bezahlen konnte. Völlig übermüdet schlief ich sofort im Bus ein und erwachte erst in Wien. An der Endstation angekommen stieg ich aus und fragte mich zur Bundesdeutschen Botschaft durch. Dort kam ich dann am Vormittag des 02. Juni 1988 überglücklich an, denn ich hatte unbeschadet die DDR Diktatur hinter mir gelassen. Von Wien aus reiste ich als freier Bürger per Zug in die Bundesrepublik Deutschland, zuerst ins Notaufnahmelager nach Gießen und dann für die nächsten 5 Jahre nach Hamm/Westf. 18 Monate später fiel dann auch noch dank vieler mutiger Bürger in der DDR die Mauer und Deutschland wurde endlich wieder vereint.
Diesen 02. Juni 1988, heute vor genau 30 Jahren, sowie meine gesamte Flucht damals, werde ich auf jeden Fall nie vergessen!

 

(Bildquelle: wikimedia commons)

 

Udo Kiesewetter

Udo Kiesewetter, geboren 1960 in Leipzig, von Beruf Lokführer, arbeitet seit 1988 als Schlosser. Lebt in Leipzig.

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