Von Manfred Brückels - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10819238

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von Richard Schröder

Petra Köpping hat in diesem Buch ihre Forderung nach einer Wahrheitskommission für die Nachwendezeit untermauert, die das Unrecht und die Kränkungen zur Darstellung bringen soll, die Ostdeutschen namentlich durch die Politik der Treuhandanstalt widerfahren seien. Denn diese habe im Interesse der westlichen Konkurrenz überlebensfähige ostdeutsche Unternehmen ruiniert, dadurch Existenzen vernichtet und Lebensleistungen zerstört. Jene Demütigung transformiere sich nun in den Hass und die Wut ostdeutscher Demonstranten, etwa bei Pegida.

Köpping lässt sich von der Grundannahme leiten, der Treuhand habe ein strategisches Konzept zugrunde gelegen, das diese bewusst verfolgt habe mit der Absicht, ein alternatives, für den Osten viel besseres Konzept bewusst zu verhindern. »Der Osten wurde zum Versuchsfeld neoliberaler Politik in einer Art, die damals im Westen auf heftigsten Widerstand gestoßen wäre.« »Konservative Hardliner aus Bayern und Baden-Württemberg frohlockten…, endlich ohne Gewerkschaften, gesellschaftliche Beteiligung und ›Sozialklimbim‹ ihre nationalliberale Agenda politisch durchsetzen zu können.« (S.20).

Welche Konzepte die Treuehand verfolgt hat und wie die sich im Laufe der Zeit änderten, dazu fehlen bisher belastbare Forschungsergebnisse. Sie sind in Arbeit. Sicher ist aber bereits jetzt, dass die Treuhand für die Entwicklung gründlicher strategischer Konzepte gar keine Zeit hatte. Sie musste die volkseigenen Betriebe verwalten, ehe ihr die DM-Eröffnungsbilanzen vollständig vorlagen. Die Aufgabe, eine gesamte Volkswirtschaft von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft zu überführen bei gleichzeitigem Übergang vom geschützten Währungsgebiet einer reinen Binnenwährung (Ost-Mark) zu einer konvertiblen Währung und damit zu den Bedingungen und Preisen des Weltmarktes war so gewaltig, dass die Arbeit der Treuhand nur als learning by doing möglich war. Kurzarbeit Null, d.h. Gehaltsfortzahlung ohne Arbeit, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), d.h. staatlich finanzierte Arbeitsverhältnisse, die sich nicht rentieren, oder Vorruhestand mit Abfindung, das waren doch arbeitnehmerfreundliche SPD-nahe Konzepte und für jeden marktradikalen Neoliberalen ein Gräuel. Die Treuhand hat – soll man sagen: in ihrer Verzweiflung? – auch auf diese Instrumente zurückgegriffen, die nun wahrhaftig nicht »nationalliberal« waren.

Auch der Osten als rechtsfreier Raum, in dem die Treuhand nach Lust und Laune turbokapitalistisch und neoliberal wüten konnte, ist Unsinn. Zwar mussten die Institutionen nach dem Ende des SED-Staates neu aufgebaut werden und erst wieder Durchsetzungskraft gewinnen. Aber mit dem Beitritt traten im Osten sofort das Mitbestimmungsgesetz (Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat), das Betriebsverfassungsgesetz (Betriebsrat), das Sozialgesetzbuch in Geltung und auch die Arbeitslosenversicherung. Im Verwaltungsrat der Treuhand saßen Hermann Rappe (IG Chemie) und Heinz-Werner Meyer (DGB-Vorsitzender). Der zweite Chef der Treuhand, Karsten Detlev Rohwedder, den die RAF 1991 ermordet hat, war Mitglied der SPD und in der Regierung Helmut Schmidts Staatssekretär. Sie alle sind nicht als Marktradikale bekannt geworden.

Köpping behauptet, die Treuhand wurde »für die EU 2015 zum Vorbild für die Lösung der Griechenland-Krise.« (S.18) Ja stand denn 2015 in Griechenland der Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft und die Einführung einer konvertiblen Währung an?

Die Alternative, die die Treuhandpolitik bewusst vermieden habe und die viel ostfreundlicher und humaner gewesen wäre, sieht Köpping im Ausstieg aus der Ruhrkohleförderung. (vgl. S.33; S.66) Richtig ist, dass der Steinkohleabbau durch staatliche Subventionen weitergeführt wurde, als die Förderkosten über den Weltmarktpreis stiegen. Das waren, einschließlich Kohlepfennig, etwa 1000 DM Zuschuss pro Tonne Steinkohle. Produktionskosten über dem Weltmarktpreis, das war in der Tat ein Vergleichspunkt zur Situation der DDR-Wirtschaft vom 2. Juli 1990 an. Das wars dann aber schon. Es gab zudem für jene Steinkohlesubventionen ein politisch-strategisches Interesse: während des Kalten Krieges die eigene Energieversorgung nicht vollständig vom Export und namentlich vom nahöstlichen Ölpreis abhängig zu machen, da das Erpressungen ermöglichen konnte. Zudem kann man Kohle zur Zukunftssicherung mühelos auf Halde produzieren, nicht aber Autos oder Waschmaschinen, für die sich zum Herstellungspreis kein Abnehmer mehr findet. Und bei der Ruhrkohle handelte es sich um nur einen notleidenden von vielen blühenden Wirtschaftszweigen und um nur eine belastete Wirtschaftsregion neben vielen unbelasteten. Zudem waren die bundesdeutschen Staatsfinanzen stabil und die politischen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unverändert, es war eine Transformation ohne Systemwechsel. Die Währungsunion in der DDR war dagegen mit dem Systemwechsel von der zentralen Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft verbunden. In der Planwirtschaft waren Einkauf, Verkauf, Marketing, Preisbildung, Produktpalette aus den Betrieben in die Planungsbürokratie ausgelagert worden. Die Betriebe hatten lediglich detaillierte Vorgaben zu erfüllen. Die Leistung der Betriebe wurde nach der Planerfüllung gemäß den Plankennziffern (über 200) gemessen und nicht nach der Rentabilität, ausgewiesen in Geld. Folglich gab es für die ausgelagerten Fähigkeiten gar keine eingeübten Fachleute mehr in den Betrieben, wohl aber eine überdimensionierte Planbürokratie, die die Rentabilität der Betriebe beeinträchtigte. Bei der Wiedereinführung der betriebswirtschaftlichen Rechnungsführung nach Einnahmen und Ausgaben (statt, wie die Spötter sagten: nach Eingaben und Ausnahmen) und den anderen ausgelagerten Vollzügen haben viele Ostdeutsche eine ganz beachtliche Lernfähigkeit an den Tag gelegt. Aber oft wird übersehen, dass 1990 das ganze Organisationsgeflecht der DDR-Wirtschaft neu konstruiert werden musste. Zudem mussten die Betriebe aus dem Staatshaushalt ausgegliedert werden. Viele stellen sich heute die DDR-Unternehmen vor wie westdeutsche Unternehmen, bloß eben mit Ostgeld. Das ist Unsinn. Es gab viele Bücher zum Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, aber wohl keine für den Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus. Das war 1990 weltgeschichtliches Neuland und schon deshalb musste die Treuhand unvorbereitet antreten. Die meisten Verschwörungstheorien unterstellen ihren finsteren Akteuren weit mehr Absicht und die noch dazu dauerhaft, als die widerborstige Wirklichkeit mit ihren unerwarteten Wendungen überhaupt zulässt. Köpping verweist einmal auf einen ostdeutschen Hang zu Verschwörungstheorien hin, hat aber nicht bemerkt, dass auch sie dem Hang erlegen ist. Gorbatschows Programm von Glasnos und Perestroika, die Wahl eines polnischen Papstes, der Fall der Mauer, der Zerfall des RGW, Gorbatschows Ja zur deutschen Einheit, die schnelle Währungsunion, der Putsch gegen Gorbatschow, der Zusammenbruch der Sowjetunion, die Zahlungsunfähigkeit Russlands und der östlichen Nachbarn – nichts davon wurde erwartet und konnte also auch nicht in strategische Konzepte eingearbeitet werden. Vieles davon hat umgekehrt Planungen plötzlich über den Haufen geworfen und die Transformation der DDR-Wirtschaft zusätzlich erschwert.

Dass die Treuhandmitarbeiter, denen zunächst der Umgang mit einer black box übertragen worden war, von der persönlichen Haftung bei Fehlentscheidungen ohne grobes persönliches Verschulden freigestellt wurden, war nicht, wie Köpping suggeriert, die Erlaubnis zur Rücksichtslosigkeit, sondern notwendig, um überhaupt Mitarbeiter zu gewinnen. Wenn die Treuhandmitarbeiter mit dem Berufsrisiko Gefängnis behaftet gewesen wären, hätte doch jeder dankend abgewinkt.

Die Transformation des Ruhrgebiets hat die Bundesrepublik subventioniert. Und wer bitte sollte nun die gestreckte Transformation für die gesamte DDR-Volkswirtschaft bezahlen? Doch nicht die DDR, die ja 1990 fast pleite war und die Zeit bis zum Beitritt nur mit ziemlich viel Geld aus der Bundesrepublik überstehen konnte. Köppings Alternative lautet also, korrekt betrachtet, die Bundesrepublik hätte die Defizite der Volkswirtschaft der DDR auf noch längere Zeit finanzieren sollen, um so den Schock der schnellen Umstellung zu vermeiden, der durch die unvorbereitete Grenzöffnung bedingt war. Und weil die Bundesregierung die zusätzlichen Milliarden nicht rübergereicht hat, sei nun die Würde der Ostdeutschen verletzt und ihre Lebensleistung vernichtet. Und all dies scheint mit der Wirtschaftspolitik der SED rein gar nichts zu tun gehabt zu haben, eine tolle Generalamnestie.

Köpping ist sich offenbar nicht im Klaren darüber, um welche Beträge es hier geht. Nachdem die Treuhand einen ersten Überblick gewonnen hatte, wurde geschätzt, dass nach der Währungsunion 2 Prozent der DDR-Betriebe sofort in der Lage seien, rentabel zu arbeiten. 72 Prozent galten als sanierungsfähig. Bis zum Verkauf bzw. bis zur Sanierung musste aber die Treuhand überbrückend ihre Defizite finanzieren. 21 Prozent galten als unsanierbar. Am Ende wurden 30 Prozent der Unternehmen geschlossen. An vier Beispielen sei erläutert, was »unsanierbar« bedeutete. Interflug und Carl Zeiss Jena haben nach der Währungsunion täglich ein Defizit von einer Million DM eingefahren. Bei einer Veranstaltung in der Dresdner Frauenkirche am 18.10.2018 erzählte ein Arbeitnehmer des Dresdener Kamerawerkes Pentacon, bei der DM-Eröffnungs-Bilanz habe sich herausgestellt, dass 100 DM Ausgaben 17 DM Einnahmen gegenüberstanden. Jeder Produktionstag habe ein Defizit von einer halben Million DM erzeugt. Deshalb habe auch er als gewählter Arbeitnehmer in den Entscheidungsgremien für die sofortige Schließung gestimmt. Die Treuhand habe dann noch bis Jahresende das Defizit getragen. Der PKW »Wartburg« kostete (mit Polo-Motor) vor der Währungsunion 33.000 Ostmark. Nach der Währungsunion wurde er für 10.000 DM verkauft. Die Produktionskosten beliefen sich aber auf 17.000 DM. Die Treuhand hat auch hier für eine Übergangsfrist das Defizit getragen. Bei der Schließung (Ende des ersten Quartals 1991) waren das insgesamt 101 Millionen DM. Köpping also verlangt, diese exorbitanten Defizitfinanzierungen hätten weitergeführt werden müssen, um schnelle Betriebsschließungen zu vermeiden. Aber wie hätte denn späterhin aus dem »Wartburg« ein weltmarktfähiges Auto werden sollen? Die Geschichte ging so weiter, dass das Wartburgwerk geschlossen und abgerissen wurde. Opel kam und baute ein neues Werk in Eisenach. Von der Treuhand hat Opel gar nichts übernommen. Denn der Schatz vor Ort waren meistens nicht die Fabriken und die Maschinen, sondern die exzellenten Ingenieure und Facharbeiter. Ebenso ist VW bei Zwickau (Mosel) verfahren und Mercedes in Ludwigsfelde. Man musste doch nicht etwas von der Treuhand erwerben, um im Osten wirtschaftlich tätig zu werden.

Köppings Alternative wäre unbezahlbar gewesen. Auch ihre Option: »erst sanieren, dann privatisieren« (vgl. S.44) wäre mit erheblichen zusätzlichen Kosten und Risiken verbunden gewesen. Denn dann hätte der Staat die Sanierungskosten vollständig allein tragen müssen. Man hätte zudem branchenkundige Übergangsmanager in erheblicher Zahl gewinnen müssen. Die hätten aber nur bis zum Verkauf planen können und hoffentlich in eine Richtung, die dem zukünftigen Käufer, den man erst noch finden musste, in sein Konzept passt, sonst muss nachtransformiert werden. Rohwedder hatte schon recht: Privatisierung ist die beste Sanierung. Wo das nicht gelang, hat ja die Treuhand bzw. die Nachfolgeorganisation BvS tatsächlich selbst saniert, weil nichts anderes übrig blieb. Man war da pragmatisch eingestellt und kein Prinzipienreiter. Die Treuhand hat für die Neuordnung der Wirtschaft der DDR unter Weltmarktbedingungen die Privatisierungsgewinne (ca. 70 Mrd. DM) ausgegeben und zudem 250 Milliarden Schulden aufgenommen, die nun nach und nach abbezahlt werden. Manche sagen: man hätte noch mehr Schulden machen sollen, z.B. für jedes Bundesland einen Konzern wie Jenoptik in Thüringen. Ich kann nicht beurteilen, ob das die Stimmung im Osten spürbar aufgehellt hätte, bin aber eher skeptisch. Und hätten wir die nächste Generation noch höher verschulden sollen?

Köppings Darlegungen zur Treuhand sind mit einigen schwerwiegenden Mängeln behaftet. Als Egon Krenz Erich Honecker ablöste, hat er von führenden Wirtschaftsfunktionären der SED eine Stellungnahme zur Staatsverschuldung und zur wirtschaftlichen Lage erbeten, die als »Schürer-Gutachten« vom 30.10. 1989 im Internet zugänglich ist, benannt nach dem obersten Planungs-Chef der DDR, Gerhard Schürer. Dieses Gutachten erwähnt Köpping nicht ein einziges Mal, obwohl der Zustand der DDR-Wirtschaft vor der Maueröffnung entscheidend war für die Erfolgsaussichten unter Weltmarktbedingungen. Köpping beschränkt sich diesbezüglich auf den Satz: »Wir wussten natürlich um die damals katastrophale Lage der DDR-Wirtschaft.« (S.43) Bei Schürer erfahren wir Genaueres. Über Jahre seien Investitionen in die Produktionsanlagen und die Infrastruktur unterblieben zugunsten des Konsums. Über die Hälfte der Industrieanlagen sei verschlissen, Tendenz zunehmend. Neu entwickelte Produkte hätten nicht in die Produktion eingeführt werden können. Die sozialpolitischen Maßnahmen hätten nicht vollständig auf eigenen Leistungen der DDR beruht und hätten zu wachsender Westverschuldung geführt. Man darf das alles nicht so genau wissen wollen, wenn man behaupten will, die Treuhand hätte konkurrenzfähige Betriebe kaputt gemacht, um dem Westen gefährliche Konkurrenz vom Leibe zu halten. Aber weiter. Mit keinem Wort erwähnt Köpping, was für Folgen die unvorbereitete Grenzöffnung am 9. November für die DDR-Wirtschaft hatte. Die technologisch zurückgebliebenen ostdeutschen Konsumgüter prallten ungeschützt auf die heißbegehrte westliche Warenwelt, vor der sie nicht durch Zölle geschützt werden konnten. Die durch Umtauschverbot geschützte Ost-Mark wurde plötzlich gehandelt und verlor in rapidem Tempo an Wert gegenüber der Westmark. Sie wurde nicht nur zur Zweitwährung der DDR, sondern wohl eher zur Leitwährung, was auf Dauer nicht gut gehen konnte. Auch die Folgen der Währungsunion für die DDR-Wirtschaft werden mit keiner Silbe erwähnt. Sie erwähnt auch nicht die Auflösung des Handelssystems zwischen den »sozialistischen Ländern« (RGW) zum Jahresende 1990, die Abschaffung des Transferrubels und den Zusammenbruch des Ostexports der ostdeutschen Länder durch Zahlungsunfähigkeit der östlichen Handelspartner, allen voran Russlands, der vor allem ostdeutsche Unternehmen traf. 1991 hatte die Bundesrepublik mit der Sowjetunion ein Handelsabkommen über 21 Milliarden DM abgeschlossen, das kurz darauf nur noch Makulatur war. Keine Fabrik kann ohne Kunden produzieren. Für den Westexport bedeutete die Währungsunion das Ende, weil sich die Kosten für Lohn und Material vervierfachten. Also entweder die Preise der Produkte über Weltmarktniveau erhöhen oder defizitär produzieren, das heißt: Schulden machen. Die Treuhand zahlt ja, wie früher der Staat. Nicht wenige Unternehmen haben einfach weitergewirtschaftet wie bisher, Planwirtschaft ohne Plan. Ostdeutsche Produkte hatten nach der Währungsunion entweder ein Qualitätsproblem, wie die Kameras, oder, bei akzeptabler Qualität, ein Preisproblem. Dieses Preisproblem verschweigt Köpping vollständig.

Und was erwartet Köpping von einer »Wahrheits- und Versöhnungskommission«? Der Ausdruck »Wahrheitskommission« ist bekanntlich nach dem blutigen Apartheidsystem in Südafrika erfunden worden und versprach denjenigen, die Blut an den Händen hatten, aber aufrichtig Reue zeigten und zur Aufklärung der Verbrechen beitrugen, Straffreiheit. Köpping hebt ausdrücklich hervor, dass Wahrheitskommissionen die Reuigen belohnen. Sie vergleicht also die Privatisierung und Transformation der DDR-Wirtschaft tatsächlich mit den blutigen Verbrechen der südafrikanischen Rassentrennungspolitik.

Einerseits erwartet Köpping, dass wir Ostdeutschen endlich erfahren, wie es wirklich war. Diesen Wunsch kann ich nur unterstützen. Besonders würde ich Veranstaltungen vor Ort begrüßen, an denen gerade nicht nur betroffene Zeitzeugen teilnehmen, die immer dazu neigen, sich als Opfer böser Mächte zu sehen, sondern auch damalige Akteure und drittens Wissenschaftler, die die zugehörigen Akten genau kennen.

Allerdings bleibt Köpping nicht bei dieser Ergebnisoffenheit. Sie erwartet Geständnisse von denjenigen, die nach ihrer Auffassung den Ostdeutschen im Einigungsprozess übel mitgespielt haben, und zwar in amtlichen Funktionen, also abgesehen von schwarzen Schafen unter den Gebrauchtwarenhändlern und anderen Gaunern. »Ich wünsche mir das Geständnis der westdeutschen Politiker, die schnelle Währungsunion, die Ausrichtung der Treuhand und viele andere Instrumente der Nachwendezeit wurden … nicht zum Wohle Ostdeutschlands gemacht, sondern gehörten zu einer Politik, um westdeutsche Bürger vor den Konsequenzen der Wiedervereinigung zu schützen.« (S.28) Ihr Wunsch kann nicht erfüllt werden, weil ein solches Geständnis nicht der Wahrheit entspräche. Die schnelle Währungsunion war die Antwort auf die massenhafte Abwanderung Ostdeutscher in den Westen. Köpping zitiert doch selbst die Leipziger Montagsdemonstranten vom Februar 1990: »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr.« Von westlicher Seite hat zuerst Ingrid Matthäus-Meier (SPD) die schnelle Währungsunion gefordert. Der Kanzlerkandidat der SPD, Oskar Lafontaine, hat zwar massiv dagegen polemisiert und (zutreffend) erklärt, das werde alles ungeheuer teuer für die Westdeutschen. Er hat aber nicht erklärt, wie ein separates Währungsgebiet mit einer nicht konvertiblen, reinen Binnenwährung ohne Zollkontrollen an seiner Grenze soll Bestand haben können. Er hat etwas Undurchführbares als Alternative gefordert.

Auch der damalige Bundesbankpräsident Pöhl hatte erhebliche Bedenken gegen die schnelle Währungsunion, aber vor allem gegen den Umtauschkurs 1:1. Ich selbst habe damals im ZDF mit ihm darüber diskutiert. Das wichtigste Argument für die damals ökonomisch höchst problematische schnelle Währungsunion war der ungeheure Migrationsstrom von Ost nach West. Sämtliche Turnhallen waren bereits mit DDR-Flüchtlingen gefüllt. Der »Volkszorn« wuchs. Lafontaine befürchtete zu Recht einen erdrutschartigen Sieg der Republikaner im Saarland, der seine SPD-Kanzlerkandidatur gefährdet hätte. »Wir können uns nicht Masseneinwanderung in unsere Sozialsysteme leisten«, hat er sinngemäß damals gesagt. Das kommt uns heute irgendwie bekannt vor und war damals wie heute kein unanständiges Argument. Nach der Ankündigung der Währungsunion ging der Flüchtlingsstrom auf ein Siebtel oder um 85 Prozent zurück.

Jene Distinktion: »nicht zum Wohle Ostdeutschlands, sondern…« ist falsch. Eine vernünftige Einigungspolitik zum Wohle der Ostdeutschen musste gleichwohl darauf achten, dass die Solidarität der Westdeutschen nicht überstrapaziert wird. An der Stelle ist Köpping nicht besonders feinfühlig. »Eine Gefährdung westdeutscher Arbeitsplätze durch vielleicht sogar staatlich geförderte Unternehmen im Osten? Das Szenario hatte keine Chance.« (S.28) Zum Glück nicht, sage ich dazu. Denn das Konzept »Aufbau Ost als Abbau West« (so nenne ich das) wäre – wenn ich auch mal in Köppings überdramatisierenden Sprachstil wechsle – eine Vorlage für den Bürgerkrieg. Selbst der Heilige Martin hat dem Bettler nur den halben, nicht den ganzen Mantel gegeben. Wir sind in Ost und West keine Heiligen und sollten deshalb von einander nicht einmal den halben Mantel verlangen, sondern Hilfe, die etwas weniger weh tut. Und die ist ja nun tatsächlich reichlich von West nach Ost geflossen. Es gab aber auch Gegenleistungen von Ost nach West, wenn auch nicht geplant und nicht vom Osten erwünscht: viele tüchtige Ostdeutsche sind vor und nach 1989 in den Westen gegangen und haben dort den Aufbau Südwest befördert.

Köpping erwartet ein weiteres Geständnis, und zwar gleich zur Eröffnung – heißt das: vor der Untersuchung? »Ich glaube, am Beginn einer Aufarbeitung muss es ein Geständnis der westdeutschen Politik und der Wirtschaft geben: Ja, im Osten haben westdeutsche Unternehmen sich in hohem Maße eine potentielle Konkurrenz vom Halse gehalten. Die ostdeutsche Nachfrage war wichtig, das ostdeutsche Angebot wurde beiseite gedrängt.« (S.23). »Mancher Betrieb und Firmensitz würde heute im Osten noch bestehen. Die westdominierte Politik hat allerdings diese Marktbereinigung gedeckt.« (S.28) »Es muss … einfach mal gesagt werden dürfen: Der Osten hatte mehr Potential gehabt, doch viele Chancen wurden aktiv durch westdeutsche Unternehmen kaputt gemacht.« (S.28) Das sind Behauptungen, die allenfalls auf kriminelle Machenschaften zutreffen, die es allerdings auch gab. Für deren Aufdeckung war eine Abteilung der Treuhand zuständig, die solche Fälle der Staatsanwaltschaft übergeben hat.

Der Vorwurf, die Treuhand habe im Osten überlebensfähige Betriebe im Auftrag der westdeutschen Konkurrenz bewusst in den Ruin getrieben und die westdominierte Politik habe das unterstützt, ist im Osten weit verbreitet, aber er ist bei genauerem Hinsehen nicht sehr plausibel. Wenn ein profitgieriger Kapitalist eine Fabrik kauft, die mächtig Gewinn abwirft, weil sie billiger produzieren kann als die westdeutsche Konkurrenz, wird er sie doch nicht schließen, sondern auf Hochtouren laufen lassen, um maximal Profit einzustreichen. Es ist zwar tatsächlich vorgekommen, dass ein westdeutsches Unternehmen einen ostdeutschen Betrieb erworben, dann aber liquidiert hat. Wie oft das vorgekommen ist, weiß ich nicht. Der Grund war oft der: der Erwerber hoffte, die eingespielten Lieferbeziehungen ostdeutscher Unternehmer für die Erschließung östlicher Märkte nutzen zu können. Als dort aber die Wirtschaft zusammenbrach, hatte er plötzlich eine Fabrik ohne Kunden. Da konnte auch die Treuhand nicht helfen und musste in die Schließung notgedrungen einwilligen.

Und in einer Demokratie wollen Politiker wieder gewählt werden. Die CDU war damals an zusätzlichen Stimmen im Osten besonders interessiert, weil im Westen SPD und Grüne zugelegt hatten. Ohne die deutsche Einheit hätte Lafontaine durchaus Kanzler werden können. Aber steigende Arbeitslosigkeit bedeutet immer: steigende Unzufriedenheit mit der Regierung (obwohl der Einfluss nationaler Regierungen auf die Weltwirtschaft bescheiden ist). Das aber erstrebt kein regierender Politiker in einer Demokratie. Helmut Kohl hätte tatsächlich am liebsten blühende Landschaften präsentiert und nicht exorbitant steigende Arbeitslosenzahlen im Osten. Köpping trägt hier eine ziemlich giftige Verschwörungstheorie vor.

Schröder Richard

Richard Schröder, Professor emeritus für Philosophie und Systematische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, MdB a.D. Von April bis August 1990 war er Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei in der DDR-Volkskammer, von 1993 bis 2009 Verfassungsrichter des Landes Brandenburg.

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