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von Ulrich Schödlbauer

1

Wie jedes andere
hat auch dieses Haus einen Eingang. Still tritt man
hinein und hinaus. Was dazwischen geschieht,
bleibt ein Geheimnis. In den Gesichtern
steht es. In jedem anders, jedoch
wer die Adresse kennt, weiß schon Bescheid.

2

Gerecht will mir scheinen,
dass keiner hineinkommt, es sei denn, seine Habe
wurde zuvor durchleuchtet. Auch die Bitte,
die Uhr abzulegen, kann nicht verwundern: eher hätte
man gedacht, die Zeit stünde ohnehin still
oder der Zugang sei ihr verwehrt.

3

Jeder, der es betritt,
erhält einen Ausweis. Er weist ihn hinaus
aus seinem bisherigen Leben. Nicht, als wäre es anders
nicht auch weiter gegangen, aber
so wie die Dinge hier liegen, ist es für ihn das beste.
Nur das Gas wird verweigert.

4

Man hat Vorsorge getroffen,
dass sich niemand verläuft. Viele verirren sich
zwischen den Zeiten. Mancher sagt sein »Nie wieder!«  
und lässt sich treiben. Im Innern ist er beruhigt, die
Selektion bleibt ihm erspart. So bitter Erspartes
greift man nicht an.

5

Nicht nur die Toten, auch die Lebenden
sprechen zu dir. Aber die Toten verfügen
über andere Mittel. Das Ungelebte, das dich berührt,
wo beginnt, wo endet es? Nirgends, vermutlich.
Dies aber, dass es dich ansieht aus brennenden Augen,
stirbt nicht mit dir. Im Sterben sperrt es dich aus.

 

Aus: Organum Mortis 
https://organummortis.iablis.de/#raoulwallenbergplace 

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Ulrich Schödlbauer lehrte bis 2015 als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.