von Steffen Dietzsch

Die gegenwärtig gewalttätige Hysterie, die einige muslimische Emeuten medial präsentieren und als deren Ursache – Monate später – von geistlichen Bonzen ein paar Karikaturen in einem dänischen Provinzblatt bestimmt wurden, kommt demjenigen, der sich noch des totalitären Alltags im Klassenkampf erinnert, nur allzu bekannt vor. Die Choreographie ist einfältig wie immer: Man ist auf einen Wink 'von oben' beleidigt und sucht nun Öffentlichkeit, Medien, um Tränen, Trauer und Wut der 'beleidigten Unschuld' kundzutun. Der Servilismus der gläubigen Menge entwickelt dann eine ganz eigene, fortschreitend eskalierende 'Trauerarbeit', die immer in einem Pogrom mündet.

Und wie damals im Bolschewismus sind die 'Gläubigen' auch von der anderen Fakultät bis heute empfindlich gegenüber Ironie, Witz, dem Lachen. Nicht, dass sie in gläubigem Ernst und Einfalt immer auch zur karikierenden Bildnerei unfähig wären - man vergleiche bloß einmal die antijüdische, anti'plutokratische' bzw. allgemein antiwestliche Sowjetkarikatur und dieselben Sujets in der heutigen islamistischen Kampfpresse.

Bei diesem Vergleich würde auch augenfällig eine grundlegende Differenz deutlich, die diese Art von parteilicher ('roter', 'schwarzer' oder 'grüner') 'Satire', die handlungsorientiert ist und 'den Anderen' totl(m)achen will, vom fröhlichen Spott und dem 'Wahr-Lachen' (Nietzsche) trennt. Das ist der Unterschied zwischen schmieriger (bluttriefender) Häme und zwerchfell-erschütternden Lachen.

Gerade dieses Lachen gegen den tumben Ernst (und die Heils-Vergeblichkeit) von Taten aus 'felsenfesten Überzeugungen' (Nietzsche) steht allerdings immer unter der Anklage aller Orthodoxie. Klassische Beispiele sind die Gotteslästerungs-Anklagen (in den zwanziger Jahren) gegen George Grosz und Max Ernst oder das Ausstellungsverbot in Warschau in den Neunzigern gegen die Plastik "Der Heilige Vater von einem Meteor getroffen". – Es ist immer wieder atemberaubend, wie leicht man die 'Partei Gottes' [ER selber schweigt - leider - immer zu allem] beleidigen kann...

Im jüngsten Fall der dänischen Karikaturen fragt man sich zuallererst, woher jene Protestierer so genau wissen, dass es sich um eine Karikatur 'des Propheten' handelt? Ein Bildverbot von alters her lässt uns (aus welchen Gründen auch immer) doch prinzipiell im Unklaren über dessen Aussehen. Eine Karikatur aber lebt bzw. bezieht ihren Witz doch gerade aus der Differenz von Urbild und Abbild. So könnte höchstens die Vermutung, die Phantasterei des Künstlers in die Kritik geraten (natürlich eigentlich bloß derer, die sie gesehen haben). Aber steht denn schon der subjektive, immer ungenügende Versuch, sich eine Vorstellung zu machen, unter Verbot und nicht vielmehr, ihn wirklich abzubilden? Oder ist am Ende - horribile dictu -, das, was man zunächst für eine Karikatur hielt, sein wirkliches Bild und also der Protest berechtigt?

Aber es geht ja nicht wirklich um den Propheten für sich, sondern die Karikaturen 'entsakralisieren' etwas sehr Irdisches, Gegenwärtiges, nämlich die schärfste 'islamische' Waffe im Kulturkampf gegen den Westen: das phantasievolle und himmlisch lohnende Töten mit gutem Gewissen. Die Karikaturen machen den islamistischen Bonzen Angst, weil sie unsereins die Angst nehmen, weil wir durch unser Lachen deren Erziehung zur Furcht entzaubern, weil wir überhaupt durch Lachen freier werden.

 

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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