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von Ralf Willms

Die Demonstration für Grundrechte am 3. 1. 2022, gegen Corona-Maßnahmen in diesen Formen, fand nicht statt.

Test, Maske und 2G-Regel seien nun Voraussetzung. Heißt: Eine Demonstration gegen die ›Impfpflicht‹ nur noch für Geimpfte.

Das alles selbstverständlich zum Schutze der Gesundheit der Bevölkerung. Die Wahrheit ist: Die Teilnehmeranzahl des Widerstands in allen Städten, so auch in Münster, war signifikant angewachsen. Also musste ein ›Trick‹ her, um das zu unterbinden. Schließlich wird der Bevölkerung einschließlich Polizei ja eingeredet, es handele sich um ›Volksverhetzung‹. In einer Lügengesellschaft darf das freilich nicht thematisiert werden.

Demonstration, Versammlung quasi untersagt.
Spaziergänge nicht.
Was würde uns erwarten?
Wie un/gefährlich würde es werden?

Das Polizeiaufgebot auf dem Domplatz in Münster war wieder beeindruckend. Neben Polizeiwagen ein Motorrad neben dem anderen, Polizisten, die an Ritter in Rüstungen erinnerten, zum vielfältigen Einsatz bereit.

Wir spazierten zum Schloss. Das war offiziell nicht rundgeschrieben worden, allenfalls privat. Polizei war trotzdem da. Denn es gibt ja Handys, die nicht nur für staatliche Zwecke durchsichtig sind wie Glas.

Wir spazierten, andere spazierten. Schon wenn 3 ›Impfpflicht-Skeptiker‹ zusammenstanden, war es verdächtig. Abstand halten hieß es, in anderen Städten hatte die Polizei mit dem Zollstock die Abstände zwischen den Menschen gemessen. Der Mittelweg zum Schloss wurde ein bisschen voll, ein bisschen, viel Abstand. Die Polizei forderte die Spaziergänger per Mikrophon auf, den Mittelweg zu räumen wegen Radfahrern. Zwei Räder fuhren hindurch. So viel offiziell verkehrsorientierte Sorge um 2 Radfahrer, die gegebenenfalls etwas hätten bremsen müssen, gibt es sonst nirgendwo.

In Bewegung bleiben, dies der Leitsatz. Eine Frage, die an Polizisten gerichtet wurde, hatte gezeigt, dass aggressive Aufgeladenheit spürbar war.

Durchsage der Polizei: Eine Versammlung könne angemeldet werden, wenn es eine Person gäbe, die die Anmeldung vollzöge. Andernfalls würde geräumt.

Es fand sich eine Person. Und Menschen spazierten nun in Abständen nebeneinander und hintereinander, weit mehr zusammen.

Es ging Richtung Kanonengraben, das passte ja. Die Polizei sperrte die Straße dorthin. Vermutlich, weil es dort eine parkähnliche Anlage um ein Schwimmbad herum und eine Promenade gibt, die für Polizeiwagen schwer zugänglich. So ging es weiter zum Domplatz. Die Polizei eilte voraus und sperrte die Hauptstraße dorthin. Warum? Gab es dafür eine Rechtsgrundlage?

Die Wege zum Dom sind vielfältig. So standen wir und andere schließlich bald am Rand. Polizeiwagen thronten allein auf dem Domplatz.

Nach einer Zeit konnte der Platz doch betreten werden. Ich war bislang nie um den beleuchteten Dom im Dunkel ganz herumgegangen. Die Anspannung saß tief. Aber auch eine große Erleichterung weitete sich aus – mit Menschen in einer großen Gruppe zu spazieren. Seit Corona, was nun eindreiviertel Jahre geht, hatten wir das nicht mehr erlebt.

Hier und da ereignete sich Kontakt. Menschen, die wir zum Teil kannten. Beruflich gesprochen: Yoga-Lehrer, Heilkundler, Therapeuten, und was weiß ich. Für die sog. ›ANTIFA‹, die erneut eine Gegendemonstration vollzog, sind das also nur ›Nazis‹. ›Keinen Meter den Nazis‹, unter diesem Leitsatz treten sie auf. So brüllten sie ihre Parolen auch diesmal in den Domplatz hinein.

Das ging. Denn sie sind geimpft, und diese Demonstration wurde erlaubt. Die friedlichen, weit überwiegend feinsinnigen Menschen blieben dagegen ›stumm‹, aber sie waren da. Ein Teil von ihnen. Meinung lautstark äußern besser nicht. So steht es um die Meinungs-Freiheit im Jahr 2022.

›Ist es eigentlich rechtens, sich als Nazi beschimpfen zu lassen?‹ fragte ein Teilnehmer einen der Polizisten. ›Wenn ich Sie als ›Nazi‹ bezeichne, erhalte ich eine Anzeige.‹ Wenn es von Gruppe zu Gruppe geschähe, sei es rechtmäßig. Komische Gesetze.

Bei den Demonstranten für Grundrechte findet sich ein großes humanitäres Potenzial und Gewissen. Es ist, bei aller Heterogenität, tief in der Nachkriegszeit verankert. Sie oder ihre Vorgänger waren es, auf Westdeutschland bezogen, die etwa gegen Vietnam demonstrierten oder die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit forderten. Und dürfen sich jetzt von diesen ›Rotzlöffeln‹ als ›Nazis‹ beschimpfen lassen. Ein stetig brüllender Haufen, der die Versammlung flankiert.

Junge PolizistInnen stehen schützend vor ihnen. Ich hatte mal eine Nachhilfeschülerin, die ich in Deutsch zum Abitur führte, sie ging dann zur Polizei. Ich erinnere, dass sie ein Talent dafür hatte, Gedichte zu interpretieren. Wie mag es ihnen hier gehen?

Und doch kamen die Demonstranten für Grundrechte noch zu ihrer hörbaren Stimme. Die Polizei löste die Versammlung nach einer Stunde auf und forderte die Teilnehmer auf, den Domplatz zu verlassen. Andernfalls . . . Warum musste der Domplatz verlassen werden, sie waren doch jetzt wieder Spaziergänger. Und nun wurde ein gewaltiger Chor laut, der keine Aggression enthielt, aber viel Energie: ›Wir kommen wieder.‹

Zeitungen schrieben dann, dass die Polizei die ›Impfgegner‹ begleitete. Nein, sie eilte ihnen voraus und sperrte Straßen ab. Es wurde erneut eine friedliche kleine Menge mit einem unverhältnismäßigen Aufgebot, das im Übrigen von Steuergeldern bezahlt wird – aber was wird nicht alles von Steuergeldern bezahlt –, in Schach gehalten. Geschrieben wurde auch, dass die Polizei ein Gespräch mit den ›Impfgegnern‹ führte. Nein. Bei allem, was geschrieben wurde, fiel auf, die Teilnehmer der Versammlung wurden nicht als Menschen betrachtet, entsubjektiviert. Wenn ein ›Gespräch‹, das die Bezeichnung verdient, stattgefunden hätte, müsste die Formulierung lauten: Demonstranten und Polizisten sprachen miteinander. Und nicht: Eine Partei führte mit der andern ein Gespräch. Zu einem echten Gespräch gehören zwei Gleichwertige.

In den Nachrichten am nächsten Morgen wurde die ›Versammlung‹ auf dem Domplatz in Münster erwähnt, dazu die Information, dass die Polizei zahlreiche Strafanzeigen erstellt habe. (Deswegen, weil einige den Domplatz nach der Auflösung der Versammlung nicht verließen.) Der nächste Satz in den Nachrichten war, dass auf den ›Montagsspaziergängen‹ in Magdeburg Flaschen geflogen seien. Wie wäre es mit dieser Berichterstattung: In weit über tausend Städten in Deutschland fanden Versammlungen für Grundrechte statt, die weit, weit überwiegend friedlich verliefen.

Am Ende waren wir etwas geschafft, so viele gegenläufige Energien waren zu verarbeiten, aber freudig. Soziologisch nüchtern ausgedrückt: Es war ein soziales Ereignis. Trotz der Reduktion. Einander unbekannte Menschen sprachen in einer Gewissenssache miteinander, etwas, was in Deutschland und anderswo öffentlich kaum vorkommt. – Beim Überschreiten des Platzes ereignete sich ein sehr tiefer, vielsagender Blick mit einer Frau, die einfach stehen geblieben war. Auch das ein Beispiel. Auch die Partnerin verabschiedete sich von jemand mit einer tanzenden Freude in den Augen. Ja, Personen und Situation wirkten vielfach komplex. Viele wirkten ausgehungert, nach den andauernden und sich weiter noch zuspitzenden Kontaktbeschränkungen.

In der Nacht
so tiefer stiller Traum.
Spielte Gitarre wie im Himmel.
Ich weinte so sehr.
Fühlte mich dabei von dir ganz, ganz umarmt.
Es waren Blätter verteilt worden im Seminar der Universität
nun im Traum.
Glaubte so sehr an das Gedicht – als einen heiligen Ort, an dem gültige Aussagen getroffen wurden.