Nuur Moschee Frankfurt

Ansprache auf der Interreligiösen Feier der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen am 7. April 2017

von Ahmet Arslan

Das letzte Abendmahl verdeutlicht unter anderem, dass die buntesten und zugleich ehrlichsten Gespräche meistens am Tisch geführt werden. Im weitesten Sinne verstehe ich den Tisch als Heimat und die Teilnehmer des Abendmahls als die Bürger dieser Heimat. Jesu und seine Jünger zeigen uns, dass die Haltung am gleichen Tisch bzw. in der gleichen Heimat sehr unterschiedlich sein kann. Wichtig ist, dass man sogar am gleichen Tisch über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Der urteilsfreie Blick auf die Welt ist gottgewollt, zumal der ›noch‹ blaue Planet der gesamten Menschheit als »gemeinsames Erbe« (Koran 3:180) anvertraut wurde.

Entsprechend der göttlichen Aussage »Gottes ist der Osten und der Westen. Egal wohin sie sich wenden, dort werden sie Gottes Richtung finden« (Koran 2:115) lehnt der Koran mehrmals die Aufteilung der Welt in konkurrierende Fronten ab. Zugleich fordert er alle Muslime auf, sich an der Entwicklung und an der Sicherheit des jeweiligen Landes zu beteiligen, in dem sie wohnhaft sind. Der koranische Hinweis »Dieser Gott hat euch aus der Erde geschaffen und ließ euch dort leben« (Koran 11:61) legt in diesem Zusammenhang fest, dass die Welt an sich, egal wo man sich befindet, die Heimat aller Erdenbewohner ist und von allen so behandelt werden muss.

Das auf Cicero zurückzuführende Sprichwort ›Ubi bene, ibi patria‹ (Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland) impliziert insofern abrufbare Rechte und zu beachtenden Pflichten, die auch für Muslime in ihrem Heimatland Deutschland verbindlich sind. Mit den Rechten ist unter anderem die Religionsfreiheit gemeint, die in der BRD seit 1949 grundgesetzlich verbrieft ist. Und mit den Pflichten ist unter anderem die Loyalität zum Heimatland Deutschland gemeint, die mit der Akzeptanz der Amtssprache sowie mit der Akzeptanz der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung einhergeht. Vor dem Hintergrund dieser Rechte und Pflichten ist jede Muslima und jeder Muslim sowohl im verfassungsrechtlichen als auch im religiösen Sinne damit beauftragt, sich für die Aufrechterhaltung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung einzusetzen und in Kooperation mit den staatlichen Instanzen jegliche Art von Gewalt und Ungerechtigkeit abzulehnen bzw. zu verhindern.

Die unter Muslimen verbreitete Redensart ›Die Heimatliebe kommt vom religiösen Glauben‹ verdeutlicht deshalb den organischen Zusammenhang zwischen Glaube und Heimat. Da, wo ich glauben darf, was ich glauben will, bin ich beheimatet. Oder koranisch formuliert ist Heimat dort, wo das Prinzip »Dein Glaube dir und mein Glaube mir« (Koran 109:6) geglaubt und gelebt werden darf. Unabhängig vom Geburtsort und von der Staatsangehörigkeit muss demzufolge jede gute Muslima und jeder gute Muslim zugleich auch eine gute Bürgerin bzw. ein guter Bürger sein. Der hinterhältige Gedanke, ich profitiere von der gesetzlichen Glaubensfreiheit und bin zugleich insgeheim gegen das Grundgesetz, ist demzufolge nicht nur illegal und illoyal, sondern auch unislamisch und unethisch. Mit Blick auf die unterschiedlichen Haltungen während des letzten Abendmahls sollten wir uns klar machen, dass das friedliche Beisammensein am gleichen Tisch nur und in erster Linie durch die konsequente Einhaltung der kollektiven Tischmanieren gelingen kann. Dr. Benjamin Idriz, Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg e.V., bringt diese Tatsache folgendermaßen zum Ausdruck:

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.« Es ist keineswegs nur dieser erste Absatz unseres Deutschen Grundgesetzes, zu dem wir Muslime uns bekennen müssen. Satz für Satz und Wort für Wort ist das Grundgesetz die gemeinsame Grundlage für unser Selbstverständnis, für unsere Gegenwart und Zukunft, mit allen, die sich ebenso dazu bekennen. Gott selbst hat sein würdigstes Geschöpf, den Menschen, mit Verstand ausgekleidet und ihm die Aufgabe übertragen, selbst in eigener Verantwortung, in Seinem Sinne, Gesetze zu erlassen. Das Deutsche Grundgesetz gehört zu den großartigsten modernen Fundamenten, die ein Volk sich »im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen« geschaffen hat. Der Islam erlaubt uns nicht nur, uns treu und loyal zum Gesetz des Landes, in dem wir leben, zu verhalten, er fordert uns klar und deutlich dazu auf! Der Islam fordert eine auf Recht und Gerechtigkeit aufgebaute Gesellschaft. Was auch immer die Zeiten und Kulturen in ihrer Gott-gewollten Verschiedenheit hervorbringen: wo das politische System die Würde und Gleichheit des Menschen garantiert, die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, den Schutz von Eigentum und Nachkommenschaft

– dort sind Muslime zuhause. Genauso wie Jesu und seine Jünger am gleichen Tisch trotz unterschiedlicher Meinungen und Haltungen zuhause waren.

(Bildquelle: wikimedia commons)

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