Arno KlönneSozialwissenschaften als das Zurechtrücken der öffentlichen Lügen

von Kay Schweigmann-Greve

Arno Klönne war ein kritischer Intellektueller, der aus der Jugendbewegung kam und sich viele Jahrzehnte lang bis zuletzt politisch engagierte. Seine Arbeit als Sozial- und Politikwissenschaftler war nie losgelöst von den je aktuellen gesellschaftlichen Konflikten, ein wesentlicher Teil seiner Arbeit richtete sich gegen die restaurativen Tendenzen der alten Bundesrepublik und aktuell den Rechtsradikalismus.

Als Abendroth-Schüler und politischer Publizist war er bemüht, die scheinbar alternativlose Perspektive des gesellschaftlichen Mainstreams als Propaganda der Herrschenden zu entlarven. Als Wissenschaftler beschäftigte er sich lebenslang mit der Jugendbewegung, zuletzt mit dem Bändchen Es begann 1913. Jugendbewegung in der deutschen Geschichte

Geboren am 4. Mai 1931, wuchs er in einer Lehrerfamilie auf und führte eine Jungenschaftsgruppe in Paderborn. Ab 1951 studierte er in Köln und Marburg Geschichte, Soziologie und Politik. Dort promovierte er bei Wolfgang Abendroth über die Hitlerjugend. Nach dem Studium arbeitete er von 1957-61 als Landesjugendpfleger in Wiesbaden, bevor er wieder in den Hochschuldienst wechselte. 1957 war er zusammen mit dem Jungenschaftler, Bürgerrechtler und Professorenkollegen Jürgen Seifert, am ›Neustart‹ der profiliert linken Zeitschrift pläne beteiligt, welche an die gleichnamige bündische Zeitschrift tusks (Eberhard Koebel) nach dessen Wende zur KPD 1932 anschloss. In den Sechzigerjahren entwickelten sich hieraus auch ein Verlag und ein Schallplattenlabel, dass neben den Kabarettisten Dieter Süverkrüp und Hans Dieter Hüsch die Liedermacher und Sänger Gerd Semmer, Fasia Jansen und später Hannes Wader herausbrachte. Auch Schallplatten von Ernst Busch aus der DDR wurden dort gepresst. In den 1960er Jahren war Arno aktiv in der Ostermarschbewegung und wurde einer ihrer Sprecher; auch im Kampf gegen die Notstandsgesetze und später gegen die Berufsverbote engagierte er sich. Es gibt wohl keinen großen gesellschaftlichen Konflikt in der Geschichte der Bundesrepublik, zu dem er sich nicht publizistisch positionierte. Als demokratischer Marxist verweigerte er sich der in der antikommunistischen akademischen Szene der Fünfziger- und Sechzigerjahre üblichen Ausgrenzung von Kommunisten. Trotz eigner Kritik am Stalinismus ließ er den Gesprächsfaden nicht abreißen. 1969 gründete er gemeinsam mit anderen das Sozialistische Büro, das mit seiner Zeitschrift links zu den lebendigsten Teilen der damaligen undogmatischen Linken gehörte. 1978 wurde er Professor für Soziologie an der Gesamthochschule und Universität Paderborn. Der Wechsel aus Münster war eine politische Entscheidung für ein universitäres Reformprojekt: Nicht im finsteren katholischen Paderborn, sondern außerhalb der Stadt hatte das Land NRW unter Johannes Rau eine Reformuniversität gegründet, die in den Sozialwissenschaften dem konservativen Establishment etwas entgegensetzen wollte und eine Durchlässigkeit von der Handwerkerschaft in die Ingenieursberufe ermöglichte.

Er schrieb bereits 1965 mit Armin Tschoepe eine Sozialkunde Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik, die 1992 im 35. Tausend letztmalig erschien. Die deutsche Nationalbibliothek weist unter seinem Namen 132 Titel nach. Er schrieb auch ein Buch über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, immer wieder über die bürgerliche und die proletarische Jugendbewegung und Jugendgeschichte überhaupt. Sein letztes Buch, erschienen 2015, beschäftigte sich mit der jungen Generation in Deutschland 1945-1949.

1982 erschien sein bis heute mehrfach neu aufgelegtes Standardwerk Die Hitlerjungend und ihre Gegner. Dort analysierte er anhand von Quellen intensiv das faschistische Konzept der Erziehung und die Praktiken der Hitlerjugend. Daneben beleuchtete er aber auch widerständige Jugendkulturen und Widerstandsgruppen wie die Edelweißpiraten. Auch der SJD-Die Falken war er verbunden: Von 1982 bis 1988 war er Mitglied des Vorstandes des Förderkreises des Archivs der Arbeiterjugendbewegung. Arno war ein demokratischer, streitbarer Linker, der sich nicht nur im Zusammenhang mit der Wiederbewaffnung und den Ostermärschen scharf mit der SPD auseinandersetzte: In seiner Attacke auf Herbert Wehner unter dem Titel Macht Wehner die SPD kaputt? aus dem Jahr 1975 warf er dem SPD-Fraktionschef vor, er würde ›den traditionellen Charakter der SPD Zug um Zug‹ ausmerzen und ›politische und materielle Korruption‹ fördern. Danach durfte er zwei Jahre lang keine Funktionen in der Partei mehr innehaben. Nach seinem endgültigen Austritt aus der SPD im Jahr 2004 war er an der Gründung der Demokratischen Initiative Paderborn, in der er bis zum Schluss aktiv mitarbeitete, beteiligt.

Arno war seit 1997 Autor und Mitherausgeber der Zweiwochenschrift Ossietzky, einem kleinen aber regen Blatt in der Tradition der Weltbühne. Ich kannte Arno von verschiedenen Tagungen auf dem Ludwigstein – so 2013 zur Bedeutung der Treffen auf dem Hohen Meißner 1913 und 1963 – und gelegentlichen Telefonaten. Vor Jahren schon war er mit seiner Frau Irmgard bei den Falken in Hannover zu Gast. Irmgard, die bereits vor einigen Jahren verstarb, hatte zu Mädchen in der Jugendbewegung und den jüdischen Jugendbünden geforscht. Wir diskutierten über die Historiographie der Jugendbewegung und waren uns in dem Grundverständnis einig, dass es historisch eine Jugendbewegung in Deutschland gab, die einen bürgerlichen, einen proletarischen und einen jüdischen Flügel hatte, die auf die unterschiedlichen sozioökonomischen Lebenslagen der jeweiligen Jugendlichen antworteten. Unterschiedlicher Meinung waren wir darüber, ob man die aktuellen Jugendbewegungen als eine eigenständige Phase betrachten, oder als ›Restgeschichte‹, wie Arno und andere seiner Generation es formulierten, betrachten müsse. Auch hier blieb er aktiv: Noch nach der Nachricht von seinem Tode erreichte mich sein letzter Artikel in der Zeitung der deutschen Freischar Der Freideutsche Jugendtag 1913 – ein Nachtrag.

Sehr beeindruckt hat mich an anderer Stelle sein Eintreten für die Würdigung des gesamten deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und gegen die nachträgliche Teilung der Protagonisten in ›gut‹ und ›schlecht‹. Allen Widerständlern, von der Roten Kapelle bis zum Wehrmachtswiderstand, gebühre Respekt als Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen ein mörderisches System riskiert und oft verloren haben. Natürlich könne man im Nachhinein an den politischen Vorstellungen innerhalb des 20. Juli Kritik üben, man dürfe jedoch nicht vergessen, dass praktisch keiner der damaligen Widerstandskämpfer die Staatsform, wie sie heute in Deutschland existiert, im Kopf gehabt habe.

Mit Arno Klönne verlieren wir nicht nur einen klugen Wissenschaftler, sondern die politische Öffentlichkeit unseres Landes einen kritischen und eigenständigen linken Intellektuellen.

Bildquelle: Linkes Forum Paderborn / www.linkesforum-paderborn.de

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