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von Gunter Weißgerber

Josef Kraus, 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und in dieser Funktion ein vor wenigen Jahren noch so beliebter wie kantiger und kompetenter Teilnehmer an TV-Diskussionen und Talk Shows wurde in der Öffentlichkeit rar. Obwohl er noch immer Wertvolles beizutragen hat. Die deutsche einseitige Medienwelt verarmt zusehends. Josef Kraus ist einer der vielen klugen Leuten, die aus dem Diskurs ›entschwunden wurden‹. Wo er zu sehen war, kam streitbare Kompetenz in Bildungs-, Erziehungs- und Sprachfragen auf den Bildschirm. Seine politische Heimat im Wählerumfeld einer ehemals klar aufgestellten CSU war für mich nie ein Hindernis, sich nicht an ihm, seinem Wissen, seiner Logik und seinen Positionen zu erfreuen. Inzwischen kam ihm seine politische Heimat so abhanden wie es seit 2015 vielen Millionen von Union- und SPD-Wählern erging. Deutschlands Statik ist stark verbogen. Daran sind nicht nur viele ›Regierige‹ schuld, der Autor sieht das Versäumnis auch bei vielen Regierten – bei deutschen Untertanen.

»Vor allem ein braves Volk hat die Obrigkeit, die es verdient, und eine solche Obrigkeit hat denn auch das Volk, das sie braucht.« (Josef Kraus S.16).
… »Die Tyrannei beruhe nicht auf Gewalt, sondern auf Unterwerfung:« (Etienne La Boetie 1530-1563, S.16).
… »Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche« (Napoleon 1769-1821 S.16).
… »Untertanentreue ist ein so schönes Gefühl! Und es ist ein wahrhaft deutsches Gefühl!« (Heinrich Heine ›Harzreise‹, S.17)
… »Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut: denn er gehorcht, wo er kann…« (Friedrich Nietzsche in Morgenröte, 207). (S.17).

Und so geht es in einem Parforceritt weiter über Thomas Mann, Winston Churchill, Gordon A. Craig, Carl Zuckmayer und seinem Hauptmann von Köpenick bis zu Lenin und dessen Satz »Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte.« (S.18). Josef Kraus weiß, wo die Einschätzungen des deutschen Untertans abzuholen sind.

Auf Seite 23 kommt er auf die einzige vom Volk ausgehende und erfolgreiche deutsche Revolution von 1989/90 zu sprechen, die in den Augen des von ihm zitierten Massenmörders Lenin sicherlich keine Revolution war. ›Friedlich‹ und vom Volk? Lenin war Jakobiner, Revolutionen ohne Blut und viele Tote waren für ihn keine Revolutionen. Möglicherweise wäre er über den Anspruch ›Friedliche Revolution‹ vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen und hätte gejohlt: ›Ach, diese Deutschen! Nennen so was Revolution? Aus denen wird nie was!‹

Josef Kraus ruft uns Immanuel Kant und dessen drei Kritiken der reinen Vernunft (1781), der praktischen Vernunft (1788) und der der Urteilskraft (1790) auf Seite 10 in Erinnerung, mit denen Kant sich gegen eine Metaphysik wendet, die sich als Wissenschaft ausgibt. Wobei wir dann wohl schon bei der Bundeskanzlerin wären, die von Berufs wegen Physikerin ist und seit sie ergrünte, eher metaphysisch daherkommt. Wo Angela Merkel in Leipzig zu DDR-Zeiten noch gelernt hat, dass quod erat demonstrandumgood old germany verarmt auch in wissenschaftlicher Sicht. Es war ein kurzer Schritt von der Wissenschaft zur Gefälligkeitswissenschaft. Kant müsste erneut Bücher schreiben. Auch zur Aufklärung, der er sich in seinem Essay Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 (S.10) widmet. Er kann das nicht mehr. Im Olymp der Geistesheroen gibt es kein Papier, nicht einmal ein iPhone oder Notebook. Dafür macht das beispielsweise Josef Kraus. Danke!

»Mut machen zum Widerspruch« (S.11) oder worum »geht es in diesem Buch« (S.12)? Josef Kraus wirft dem deutschen Michel vor, zu großen Teilen alles mitzumachen. Sei es die Preisgabe nationaler Souveränität, die schleichende Umwandlung der Demokratie in eine Demokratur, der Selbsthass gegen alles Deutsche, die EU-Schulden-Transferunion, der Schein-Heiligenschein der Parteien Grüne/Bündnis 90 und Die Linke, die Umwandlung der Parlamente in Akklamations-Volkskammern, die Abwertung der ›alten weißen Männer‹, die Pathologisierung Andersdenkender, die Anbiederung an pubertäres Gehabe, der fortschreitende Verlust des antitotalitären Konsens, die staatliche Alimentierung der Antifa Was mir preiswerter für den Staat scheint. Ein eigenes Ministerium für Staatssicherheit mit vielen tausenden Beamten, vielen und teuren Immobilien usw. hätte zwar den Vorteil streng reglementierter Maßnahmenpläne für den Umgang mit missliebigen Zeitgenossen, wäre aber unendlich viel teurer als ein Hundertmillionenprogramm für politisch einseitiges zivilgesellschaftliches Engagement auf dem Niveau bedingungsloses Grundeinkommen für Aktivisten. Außerdem macht sich der Staat in dem Fall nicht selbst die Finger schmutzig. – GW), das Beschweigen von Straftaten und vieles, sehr vieles mehr zählt der Autor auf. Ihm geht es »um kritisches Wahrnehmen versus Eingelulltsein, um Mündigkeit versus Unmündigkeit .. bewegt er zu neuen totalitären Fantasiereichen?« (S.12/13).

»Wer eigentlich ist der Souverän? Hat das Volk die Regierung und die Meinungsbildner, die es verdient? … Es geht um eine Abkehr des Souveräns von herrschenden politischen und medialen Autoritäten mithilfe eigenen Nachdenkens – des Nach-Denkens, nicht des vielfach geadelten, visionären Vordenkens!« (S.14).
 

Die Schwerpunkte als Zettel hinter den Spiegel des vom Denken entwöhnten deutschen Untertans

Teil I Der brave Deutsche
Teil II Alte und neue linke Autotarismen
Teil III Das Arsenal des Gefügigmachens
Teil IV Die Akteure des Untertanengesites
Teil V Immunisierung gegen Obrigkeitsgehabe
Nachwort: Vom Untertan zum Drachenbezwinger – Bürger holt Euch Eure Souveränität zurück!

Unter jeder dieser Kapitelüberschriften folgen viele weitere spannende Untertitel. Josef Kraus durchleuchtet ein Universum politisch zugelassener und beförderter Unappetitlichkeiten. Die Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2021 ist (noch?) nicht die DDR, schmeckt aber an vielen Stellen so. Der Souverän ist Objekt tiefen Misstrauens geworden. Wer nicht Merkels grünlinke Haltung besitzt, ist Abweichler. Zum Volksfeind ist es dann nicht mehr weit. Die Republik steht nach sechzehn Jahren Merkel in ihrer härtesten Bewährungsprobe. Die Aussichten sind nicht gut.

»Von der Nächsten- zur Fernstenliebe: Humanismus und Moralismus …« Das Adjektiv ›humanitär‹ klingt immer gut, es verbirgt sich dahinter allerdings eine ideologische Grundierung. Oder eine Lüge, wie Carl Schmitt 1932 meinte: »›Moral ist wie Humanität keine Rechtsquelle … In einem Staat, in dem eine Gesellschaft zusammenlebt, können nur das Gesetz und die Verfassung die maßgebende Linie sein. Keine sogenannte Moral darf sich darüber erheben. Andernfalls ist der Rechtsstaat am Ende.‹« (S.95). Angela Merkel und ihre Entourage in fast allen Parteien, Kirchen und Gewerkschaften haben nach Carl Schmitt (und Josef Kraus) den Rechtsstaat lädiert. Inzwischen kann sogar dem Bundesverfassungsgericht nicht mehr getraut werden. Frau Merkel hat es zu einem Parteigericht degradiert. Aus Karlsruhe wird sie anders als ihre Vorgänger keinen rechtsstaatlich begründeten Gegenwind erhalten. Auch das schmeckt nach DDR. Die jüngsten Urteile zur Klimapolitik und zur GEZ sind anders als merkeltreu nicht zu verstehen. Sollten Klagen gegen den UN-Migrationspakt in Karlsruhe landen, muss sie sich auch nicht sorgen. Der Durchpeitscher der Bundestagszustimmung auf Unionsseite ist inzwischen Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Er wird seine Arbeit nicht kassieren. Hier zu empfehlen: »Personalpolitik nach Gutsherrenart« (S.249).

Josef Kraus beleuchtet die lädierte Republik in jeder Hinsicht und aus jedem rechtsstaatlichen Winkel. Souverän, Freiheit, Eigenverantwortung, Sozialismus-Recycling, Liberalismus ade, Stärkung der Eigenverantwortung durch Stärkung der Familien, Nachdenken über die Grenzen des Staates uvm. »Wir brauchen gebildete Eliten!« (S.284). … der Autor lässt nichts aus.

Um mit Josef Kraus abzuschließen: »Bildung geht nicht ohne Anstrengung«. Dahingehend empfehle ich die Lektüre seines Buches Der deutsche Untertan. Das Vergnügen trägt zur eigenen Bildung bei.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.