von Christoph Jünke

Vorbemerkung: Der britische Historiker Edward Palmer Thompson wird mittlerweile selbst in Deutschland zu den Klassikern der Geschichtswissenschaft gezählt. Und doch sind hier 2013 sein zwanzigster Todestag und das fünfzigjährige Jubiläum seines epochalen Werkes The Making of the English Working Class abermals weitgehend ignoriert worden. In seinem soeben im Hamburger Laika-Verlag erschienenen Buch Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert hat sich unser Autor Christoph Jünke ausführlich auch mit Leben und Werk E. P. Thompsons auseinandergesetzt. Aus diesem längeren Buchkapitel veröffentlichen wir im Folgenden einen exklusiven Auszug, in dem es um Thompsons theoriepolitische Auseinandersetzung mit dem französischen Marxisten Louis Althusser geht. Die Fußnoten und Literaturhinweise wurden hier weggelassen und können im Buch selbst nachgelesen werden.

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Beides, der Kampf gegen die autoritäre britische Gesellschaft wie der Kampf gegen jede Art des marxistischen oder antimarxistischen Dogmatismus, gehörte für E.P. Thompson untrennbar zusammen, denn wirklich demokratisieren könne eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform nur eine sozialistische Politik, die selbst in der Lage ist, radikal-demokratische Bedürfnisse immer wieder zu wecken und politisch sowohl vorzuleben wie auch umzusetzen. Mit feiner Sensibilität erkannte er deswegen nicht nur problematische Tendenzen innerhalb der neuen oppositionellen Gegenkultur, sondern auch die Versuche der Regierenden, diesen gesellschaftlichen Aufbruch nach 68 wieder in herrschaftskonforme Bahnen zurück zu zwängen. Und so wie er sich mit jenen jungen Linksradikalen anlegte, ging er auf Distanz auch zu jenen alten Genossen, die die Kritik der »Jungtürken« dazu benutzten, ihren Frieden mit dem herrschenden Status Quo zu machen. Dies ist der Hintergrund seiner Diskussion mit Leszek Kolakowski, dem einstmaligen polnischen Vordenker der Neuen Linken, der damals von einer ironischen Kritik der jungen Linken zu deren offener Beschimpfung übergegangen war. In seinem hundertseitigen Offenen Brief an Kolakowski setzt sich Thompson 1973 in konziliantem Ton, aber hart in der Sache mit dessen antimarxistischer konservativer Wende auseinander. Er entlarvt Kolakowskis konservativen Elitismus und verteidigt, trotz aller auch hier bemerkenswert scharfen Kritik, die jungen Barrikadenstürmer, denen es »nur« an biografischer und geistiger Verwurzelung in größeren Volksbewegungen fehle.

Durch diese politische Diskussion hindurch führt Thompson aber auch hier eine ausgesprochen interessante Auseinandersetzung mit Fragen der Theorie und Methodologie einer marxistischen Geschichtsbetrachtung, die auf eine zunehmende intellektuelle Rechenschaftslegung seines eigenen Marxismus-Verständnisses hinauslief und sich mit den allgemeinen politischen wie intellektuellen Suchbewegungen der siebziger Jahre auch bei ihm selbst intensivierte. Gipfeln sollte diese Rechenschaftslegung in seiner 1978 veröffentlichten Abrechnung mit dem französischen Marxisten Louis Althusser, dem Säulenheiligen einer ganzen Generation junger Intellektueller.

In seinem umfangreichen und furios polemischen Essay über Das Elend der Theorie (dt. Übersetzung 1980 im Campus-Verlag) setzt sich Thompson am Beispiel Althussers und seiner Schule mit Kerntheoremen des strukturalistischen Marx-Verständnisses ebenso kritisch wie scharf auseinander. In der intellektuellen Modetheorie der siebziger Jahre konnte er kaum mehr als eine intellektuelle Spinnerei erkennen, warnte aber gleichzeitig davor, diese nicht ernst zu nehmen, oder sich nicht mit ihr auseinanderzusetzen, denn auch ideengeschichtliche Spinnereien könnten, wenn man sie toleriere, hofiere und hege, eine erstaunliche Wirksamkeit und Langlebigkeit entfalten.

Der französische Philosoph und Parteikommunist Althusser hatte mit seiner strukturalistischen Marx-Interpretation sowohl humanistische wie hegelianische Marx-Interpretationen herausgefordert und von einem strikten »theoretischen Antihumanismus bei Marx« als der »absolute(n) Bedingung der (…) Möglichkeit der Erkenntnis der menschlichen Welt als solcher« gesprochen. Für Thompson bediente Althusser damit einen »ahistorischen Theoretizismus, der sich schon auf den ersten Blick als Idealismus entpuppt«. Und ausführlich lässt er sich in seiner umfangreichen Antwort auf eine erkenntnistheoretische Widerlegung der Althusserschen Epistemologie ein. Auch hier tritt er durchaus nicht als Theorieverächter auf, wie der zu Missverständnissen einladende Titel mit seiner Anspielung auf Karl Marx‘ einflussreiche Schrift über Das Elend der Philosophie zu suggerieren scheint. So wie Marx damit keiner Philosophie-Verachtung das Wort reden wollte, will auch Thompson »lediglich« vor der Armut/Dürftigkeit einer sich selbst genügenden Theoriearbeit warnen und die Geschichte einmal mehr vor den Anmaßungen der Theorie verteidigen. Seiner Ansicht nach lasse Althusser den notwendigen Dialog zwischen gesellschaftlichem Sein und gesellschaftlichem Bewusstsein außer Acht, denn gesellschaftliches Sein werde ebenso gedacht wie Denken gelebt werde, und Erfahrung entstehe zwar spontan, »aber sie entsteht nicht ohne Denken; sie entsteht, weil Männer und Frauen (und nicht bloß Philosophen) vernunftbegabte Wesen sind und darüber nachdenken, was mit ihnen und der Welt geschieht«. Althusser dagegen habe keinen zureichenden Begriff von Erfahrung und keine angemessenen Kategorien zur Erklärung von Widerspruch, Veränderung und Klassenkampf, verwechsele den notwendigen empirischen Dialog mit Empirismus, den wesentlich historischen Materialismus mit Historizismus, und sei entsprechend unfähig, mit Fragen der Werte, der Kultur und der politischen Theorie umzugehen. Sein statischer Strukturalismus leite sich vielmehr »von einer begrenzten Form akademischer Lernprozesse ab« und gedeihe v.a. in der »sozialen Nische (…) der bürgerlichen Lumpen-Intelligenz«.

Der inhaltlichen Sache nach begreift Thompson Althussers Theorieproduktion vor allem »als Ausdruck einer allgemeinen ideologischen Polizeiaktion« gegen das auch von ihm selbst geteilte »humanistische« Marxismus-Verständnis, »als den Versuch, den Stalinismus auf theoretischer Ebene zu rekonstruieren«. Denn würde man diesen praktischen, historischen Stalinismus in ein konsistentes theoretisches System übersetzen wollen, »dann würden wir eine THEORIE entwerfen, in der eine genaue empirische Analyse seiner Praktiken aufgrund erkenntnislogischer Prinzipien nicht zugelassen wäre (›Empirismus‹); in der jede moralische Kritik grundsätzlich verboten wäre (›Moralismus‹); in der die universelle Gültigkeit leninistischer Formen (allerdings von Formen in einem fortgeschrittenen Stadium bürokratischer Degenerierung) ungeprüft vorausgesetzt würde (der charakteristische theoretische Kurzschluss, das Proletariat = die Partei); in der ein strukturalistischer Reduktionismus einerseits die fundamentale Gesundheit des sowjetischen Systems in Gestalt seiner angeblich sozialistischen ökonomischen ›Basis‹ garantiert (und dabei alle politischen, rechtlichen und kulturellen Fragen auf zweit- oder drittrangige Bereiche abschiebt) und andererseits jede materialistische historische Analyse dieses Systems für unzulässig erklärt (›Historizismus‹); in der Männer und Frauen als Träger unabwendbarer struktureller Determinationen gesehen werden (›Humanismus‹) und in der es deshalb leichter fällt, sie als ›verkommene Elemente‹ oder als Dinge zu betrachten. Und dies alles finden wir vereinigt in einer Vorstellung von THEORIE als einem geschlossenen System und als einer ›Wissenschaft‹, eine THEORIE, die in ihrem Wesen begriffen werden kann mittels rigoroser Kontemplation von Texten, die mehr als hundert Jahre vor den größeren historischen Ereignissen, die diese Theorie erklären soll, geschrieben worden sind. Kurzum, der Althusseranismus ist der Stalinismus, reduziert auf das Paradigma der THEORIE. Er ist letztlich ein als Ideologie theoretisch gefasster Stalinismus.«

Mehr noch als an allem anderen, was er zeitlebens schrieb und tat, sollten sich an Thompsons fulminanter Invektive die Geister fortan nachhaltig scheiden. Die Sache selbst und ihr Stil schienen nur ein Entweder-Oder, ein entweder dafür oder dagegen, zuzulassen. Louis Althusser als Hohepriester des Stalinismus? War Althusser nicht viel mehr ein vom Maoismus beeinflusster linker Kritiker kommunistischer Anpassungstendenzen, ein aufrechter Verteidiger der Revolten innerhalb des offiziellen Kommunismus, fragte Perry Anderson in einem umfangreichen Buch, in welchem er sich mit Thompson so kritisch wie wohlwollend auseinandersetzte und den französischen Philosophen nach allen Regeln der historischen Zunft verteidigte. »Nicht die geringste Rechtfertigung« gebe es »für Thompsons Präsentation Althussers als einen – den – vollkommenen Stalinisten«. Schaut man jedoch genauer hin, so hat Thompson gerade dies nie behauptet. Konsequent vermieden hat er in seiner Streitschrift die Behauptung, dass Althusser selbst ein Stalinist gewesen sei. Immer wieder sprach er stattdessen unpersönlich vom Althusserianismus, von Althussers erkenntnislogischem Standpunkt, von Althussers theoretischer Praxis usw. usf. Er zielte mit seiner Polemik gerade nicht auf den sozialgeschichtlichen Stalinismus und die historische Person Althusser, sondern auf dessen theoretische Position und den Stalinismus als ein theoretisches Gedankengebäude. Thompson kommt es hier explizit auf die »ideologische Logik« des Stalinismus an. Auch für ihn war der Stalinismus »eine Sache der Vergangenheit. Wir aber sind schon auf dem Weg in die Zukunft. Und dennoch, ist er wirklich eine Sache der Vergangenheit? Er war ja nicht bloß ein bestimmtes historisches Ereignis, sondern auch eine der größten Katastrophen des menschlichen Denkens und Gewissens, eine Endstation des Geistes (…) Wenn wir den Stalinismus in seinem zweiten Sinne als ein System von institutionellen Formen, Praktiken, abstrakten Theorien und Herrschaftsverhalten verstehen, dann ist die ›nachstalinistische Generation‹ noch nicht geboren worden. Der Stalinismus in diesem Sinn steht für uns heute auf der Tagesordnung, und seine Ausformungen und Methoden lasten‚ wie ein ›Alp auf dem Gehirne der Lebenden‹. Und die Lebenden (ganz gleich, welcher Generation sie angehören) müssen all ihre Kraft zusammennehmen, um diesen Alp abzuschütteln.« Thompson nimmt hier also den Faden seines Antistalinismus-Essays von 1957 wieder auf und behandelt den Stalinismus zu analytischen Zwecken nicht als historischen Stalinismus, sondern als »spezifische ideologische Denkweise«, um den im Althusserianismus versteckten Stalinismus heraus zu kitzeln. Thompson betreibt hier also keine Geschichtswissenschaft, sondern Ideologiekritik und politische Theorie – und deswegen verfehlt hier Perry Andersons (in vielem anderen einleuchtende) Thompson-Kritik den Kern der Sache.

Das Elend der Theorie ist eine polemisch zugespitzte Kritik nicht der Person Althussers, sondern seines theoretischen Ansatzes. Und es ist schon gar keine Kritik Althussers allein, denn der maoistisch beeinflusste französische KP-Theoretiker steht hier nur als prononcierter Vordenker jenes philosophischen Linksradikalismus der »roten« siebziger Jahre, der trotz seiner vermeintlichen Radikalität in vielem, praktisch wie theoretisch, allenfalls halb entstalinisiert gewesen ist. Thompson selbst sah sich seit langem im gleichermaßen theoretischen wie praktischen Kampf gegen einen mechanischen Determinismus, der sich als Marxismus maskiere und die Menschen zu vermeintlich willfährigen Ausführungsorganen eines geschichtlichen Zwangscharakters namens KAPITAL mache. Dieser Kampf für eine sozialistisch-humanistische Selbsttätigkeit war ihm seit den Fünfzigern gleichbedeutend mit seinem erbitterten Kampf gegen jede Form des Elitismus, den er nun, in den siebziger Jahren, gerade im westlichen Marxismus am Werke sah. Nichts sei typischer, schreibt er im Elend der Theorie, »und für den westlichen Marxismus enthüllender, als seine von Grund auf antidemokratischen Prämissen. Ob Frankfurter Schule oder Althusser, sie sind geprägt durch die sehr starke Betonung, die sie auf den unentrinnbaren Druck ideologischer Herrschaftsformen legen, auf eine Herrschaftsform, die jeglichen Raum für Initiative und Kreativität der Masse der Menschen zerstört, eine Herrschaft, von der sich nur eine aufgeklärte Minderheit von Intellektuellen freikämpfen kann. Diese ideologische Prädisposition wurde zweifellos gefördert durch die schrecklichen Erfahrungen des Faschismus, die Massenindoktrination durch die Medien und durch den Stalinismus selbst. Doch es ist eine traurige Prämisse, von der eine sozialistische Theorie ausgehen sollte (alle Männer und Frauen, mit Ausnahme von uns, sind ursprünglich dumm), eine Prämisse, die zu pessimistischen oder autoritären Schlüssen führen muss. Außerdem fördert sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Abneigung des Intellektuellen, sich auf praktische politische Aktivität einzulassen. Ohne Zweifel kann sich das (ideale) Proletariat, in dieser oder jener kritischen Konstellation in der Art einer geologischen Verwerfung in eine revolutionäre Haltung verschieben, wo es dann bereit sein wird, die Segnungen der THEORIE zu empfangen. Warum sollte man sich denn in der Zwischenzeit die Mühe machen, zu kommunizieren – zu erziehen, zu agitieren und zu organisieren, da die Vernunft ja ohnehin nicht die Macht hat, die Nebel der ›Ideologie‹ zu durchdringen? Auf diese Weise wird eine ›revolutionäre‹ und ›marxistische‹ Kritik, die an der Kommunikation verzweifelt und nur noch ein fiktives politisches Korrelat besitzt und die außerdem enthüllt, dass alle gesellschaftlichen Übel im Kapitalismus unlösbar sind, letztlich zur ›ideologischen Hülse der Passivität‹, in der die erklärte Notwendigkeit einer ›Revolution‹ zum Freibrief für intellektuellen Rückzug wird.«

Im Elend der Theorie verbinden sich also Thompsons Politik und Theorie, sein aus dem Antistalinismus sich speisender sozialistischer Humanismus und seine marxistische Praxisphilosophie, zu einer ebenso produktiven wie explosiven Einheit. Und vergleichbar zu seiner kritischen Auseinandersetzung mit Kolakowskis antimarxistischer Wende ist auch Thompsons Kritik am Strukturmarxismus Althussers eine ausgesprochen mehrschichtige, bei welcher die politisch-polemische Form nicht selten dazu verführt, von der theoretischen Substanz abzulenken oder beide Aspekte allzu unvermittelt gegeneinander auszuspielen.

Viel ist deswegen diskutiert worden, ob es wirklich Althusser war, gegen den Thompson hier treffend angeschrieben hat, oder ob sich in Althussers Werk nicht auch, wie manche Autoren argumentiert haben, tragende Aspekte einer zeitgenössischen Theoriearbeit finden, die von denen Thompsons gar nicht so weit entfernt sind. Das ändert aber nichts daran, dass die zeitgenössischen Reaktionen zumeist (und nicht zu Unrecht) von einer Unvereinbarkeit beider Positionen ausgegangen sind. Da das von Althusser wesentlich beeinflusste strukturalistische Marx-Verständnis den hegemonialen Zeitgeist einer seit Ende der sechziger Jahre sich machtvoll entwickelnden intellektuellen Szene bildete, war fast schon zwangsläufig, dass der innerlinke Hegemoniekampf kein gleichgewichtiger mehr war. Und während Althusser selbst seine Ignoranz damit verdeutlichte, dass er, als man ihm eine Ausgabe des Thompson-Werkes zeigte, nur abschätzig gefragt haben soll, wer denn dieser E.P. Thompson überhaupt sei, schlug die Szene kräftig zurück. Negative Besprechungen seines Buches führten unter anderem im einflussreichen History Workshop Journal zu nachhaltigen Debatten, das daraufhin für Ende 1979 zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit Thompson im Rahmen ihrer Jahreskonferenz einlud. Doch aus der Diskussion über Althusser wurde eine Diskussion über Thompson, bei der sich dieser einem mehrheitlich feindlichen Publikum und scharfen Angriffen stellen musste.

Bei Thompson selbst konnte dies nur zu weiterer Verbitterung führen. Er selbst goss damals reichlich Feuer ins Öl und sah überall nur Zerfall: In Indien griff die als fortschrittliche Linke angesehene Indira Gandhi autoritär durch; in Kambodscha massakrierten von Althusser beeinflusste maoistische Marxisten die Bevölkerung und wurden durch ein anderes sozialistisches Regime, durch die Volksrepublik Vietnam gewaltsam von der Macht entfernt; in Großbritannien war soeben Margret Thatcher zur konservativen Premierministerin gewählt worden; und die Sowjetunion marschierte zu Weihnachten 1979 in das sozialistische Afghanistan ein. Das Jahr 1979 sollte sich als einer der stillen Wendepunkte des 20. Jahrhunderts erweisen, und Thompson zog bereits damals aus ihm die Lehre, dass es mit den Linken und Marxisten auch aus eigener Schuld schlecht bestellt sei.

Im Rückblick erweist sich Das Elend der Theorie deutlich als ein Werk des Übergangs. Es erschien nicht nur in einer Zeit des Übergangs, es trägt seinerseits alle Kennzeichen desselben. Thompson hatte sich vom gesellschaftlichen Aufbruch der zweiten Generation Neuer Linker nicht euphorisieren lassen. Er hatte den Aufbruch zwar begrüßt und unterstützt, wo er konnte, war aber skeptisch geblieben. Diese Skepsis verstärkte sich nun in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre und ihm wurde zur traurigen Gewissheit, was bis dahin nur ein ungutes Gefühl gewesen war: Der linke Aufbruch war vorbei, das welthistorische Ringen um eine neue Einheit von sozialistischer Theorie und Arbeiter-Praxis gescheitert. Thompson selbst wollte nun keine taktischen Rücksichten mehr nehmen und kritisierte nicht zuletzt den linken Stand der Dinge unbarmherzig. Seine intensive Auseinandersetzung mit dem Althusserianismus und seine implizite Kritik an anderen verwandten Marxismen hätten ihm verdeutlicht, schreibt er auf den letzten Seiten von Das Elend der Theorie, dass man nicht länger von einer gemeinsamen marxistischen Tradition sprechen könne und dürfe, »dass der Vorstellung einer gemeinsamen Tradition keine theoretische Bedeutung mehr zukommt« und man gleichsam von einem Kampf zweier Linien innerhalb des Marxismus sprechen müsse. Dieser Kampf sei, so Thompson, in offener Feindschaft auszutragen, als Entweder-Oder.

Gemeint war hiermit einmal mehr der Kampf zwischen antistalinistischem und stalinistischem Marxismus. Es war, als Thompson diese Zeilen schrieb, die Zeit der Charta 77 und Rudolf Bahros, die große Zeit der osteuropäischen Dissidenten, die mit Menschenrechts-Parolen gegen den verknöcherten, antiemanzipativen Nominalsozialismus ankämpften und vor deren Hintergrund der explizit antihumanistische Althusserianismus wie eine ideologische Polizeiaktion erscheinen musste. Budapest 1956 und Prag 1968, die beiden großen, blutig niedergeschlagenen Entstalinisierungsbewegungen innerhalb der kommunistischen Bewegung, hätten bewiesen, dass die eingeschworenen Feinde eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz in den kommunistischen Führungsetagen selbst zu finden seien, und es deswegen falsch sei, die innerlinken Widersprüche im gemeinsamen Kampf hinten an zu stellen. Der Slogan »Keine Feindschaft innerhalb der Linken!« errichte dagegen »einen moralistischen Verteidigungswall um orthodoxe kommunistische Organisation und Praktiken«, der die Linken selbst aktionsunfähig mache und eine Situation produziere, »in der wir uns gegenüber unseren Genossen täglich unsolidarisch verhalten, die für die Zerstörung des Stalinismus kämpfen und die unter der Staatsraison kommunistischer Macht zu leiden haben«.

Thompson ging es nicht darum, dem Sozialismus oder gar dem Kommunismus wortgewaltig abzuschwören, sondern darum, dass »ein libertärer Kommunismus oder Sozialismus, der in seinen Mitteln, seiner Strategie und seinen Zielen sowohl demokratisch wie auch revolutionär ist, fest auf einer unabhängigen Basis, auf seinen eigenen Beinen stehen, seine eigene theoretische Kritik und zunehmend seine eigene politischen Formen und Praktiken entwickeln« müsse, und dass dabei »tiefergreifende theoretische und strategische Differenzen im Interesse einer ›breiten Linken‹ (deren Interessen wiederum letztlich diejenigen der Partei sind) [nicht] versteckt und zum Schweigen gebracht werden« dürften. Zur Vorbedingung jeder gemeinsamen Aktion gehörten deswegen »die ständige und unzweideutige Kritik an allen Aspekten des stalinistischen Erbes«, die ständige und unzweideutige Kritik an allen Halbheiten der Entstalinisierung.

Doch so treffend und richtig hier eine der wirklich zentralen politischen Aufgabenstellungen einer sozialistischen Linken von Thompson benannt wird, so wenig konnte auch er sich aus den strukturellen Fallstricken eines zum Antikommunismus weiter getriebenen Antistalinismus retten. Einmal mehr war Ende der 1970er Jahre offensichtlich jener Punkt erreicht, an dem sich bspw. Victor Serge und George Orwell Ende der 1940er befanden: Ein solch antikommunistischer Antistalinismus droht allzu schnell zum Abschied von der sozialistischen Theorie und Praxis zu verkommen, wo er die komplizierte »Dialektik von Einheit und Differenz« zugunsten der Differenz verabsolutiert. Zwischen Stalinismus und Antistalinismus kann es politisch wie theoretisch nur Unvereinbarkeit geben, doch wie muss, wie kann diese aussehen? Wo der Stalinismus nur als ein historisch spezifisch eingegrenztes Phänomen gefasst wird, mag man sich im Laufe der Zeit über das Problem hinweg mogeln, wo er auch als eine politische Theorie/Idee gefasst wird, geht dies nicht. Der Stalinismus war und ist hier Fleisch vom Fleische der sozialistischen Linken – auch wenn dieses Fleisch durch und durch verdorben und vergiftet ist.

Thompson wusste dies wie wenige andere und schon seine unscheinbare Einschränkung, dass der gemeinsamen Tradition von stalinistischem und antistalinistischem Marxismus »keine theoretische Bedeutung« mehr zukomme, verdeutlicht seine Unfähigkeit, eine schlüssig durchzuhaltende Position zu formulieren, die das ungelöste zentrale Dilemma der sozialistischen Linken im 20. Jahrhundert produktiv zu wenden vermag: Angetreten, die beiden Hauptströmungen der sozialistischen Arbeiterbewegung zu erneuern und zu beerben, weil sich diese von ihren gemeinsamen emanzipativen Ursprüngen wegentwickelt hatten, war die Neue Linke – ebenso wie alle anderen Strömungen eines »dritten Weges« – historisch nicht dazu in der Lage, dies theoretisch wie praktisch schlüssig und mehrheitsfähig auch zu leisten: Sozialisten und Kommunisten konnten im roten 20. Jahrhundert weder miteinander noch gegeneinander. Vor diesem Hintergrund das Ende der gemeinsamen Tradition zu verkünden und von einer »endgültige(n) und unwiderrufliche(n) Unvereinbarkeitserklärung« zu sprechen, ist zwar nachvollziehbar, aber verheerend, denn eine solche Haltung führt – als politische, und ohne dass etwas tragfähiges Drittes existiert – entweder ins gesellschaftliche Abseits oder in die Anpassung an die herrschenden Verhältnisse.

Im Elend der Theorie wählt Thompson den letzten dieser beiden Wege, wenn er seine Philippika gegen die staatskommunistische Bewegung mit einem offenen Plädoyer für die sozialdemokratische Labour-Partei verbindet, deren Kämpfe erst die gesellschaftspolitischen Institutionen geschaffen hätten, von denen aus man nun kämpfen müsse. Doch dies war und ist keine überzeugende Antwort: Die europäische Sozialdemokratie kämpft schon seit den 1920er Jahren keine (Klassen-)Kämpfe mehr, sondern verwaltet diese bloß. Da Thompson dies im tiefsten Inneren natürlich selbst wusste, und da er wusste, dass sein Plädoyer für die zahnlose Sozialdemokratie allenfalls eine Verlegenheitslösung war und ist, sollte das auch nicht seine letzte Antwort bleiben – wohl aber dazu führen, dass sich selbst wohlwollende Kritiker seiner Althusser-Kritik nicht zuletzt hieran zurecht stießen.

Das welthistorische Ringen um eine neue Einheit von Theorie und Praxis war entschieden, die neue Einheit nicht zustande gekommen. Fielen die einen zurück in die strategielose politische Handwerkelei, zogen sich andere in die Welt hoch entwickelter Abstraktion zurück. Es begann die Zeit des offen erklärten Abschieds vom Proletariat, die Zeit der neuen sozialen Bewegungen und des aufziehenden Postmodernismus, und auch Thompson selbst sollte von all dem nicht unberührt bleiben. Auch er hatte begonnen, den Glauben an die Kraft »des Marxismus« zu verlieren, weil er nicht mehr an die jungen Marxisten glauben konnte und wollte. Ton und Inhalt seiner Angriffe gegen den Althusserianismus und andere lassen sich erst aus diesem Kontext wirklich verstehen. Und erst aus diesem Zusammenhang lässt sich verdeutlichen, dass und wie Thompsons Werk gerade damals zur Brücke für unterschiedlichste Entwicklungen werden konnte. Von den Schlusspassagen des Elends der Theorie lässt sich der Faden der Sozialdemokratisierung und des Abschieds von der Neuen Linken nachvollziehen (bspw. in der intellektuellen Szene Westdeutschlands). Von der Kritik des strukturalistischen Marxismus-Verständnisses und Thompsons Version des historischen Materialismus führen aber auch fruchtbare Fährten zu jenem explizit »politischen Marxismus« der 1980er und 1990er Jahre, wie er sich u.a. im Werk einer Ellen Meiksins Wood findet. Andere Entwicklungsstränge radikalisierten seinen kulturwissenschaftlichen Ansatz und streiften auf ihrem überwiegend postmodernen Weg die bei Thompson noch selbstverständliche Einbettung in die sozialistische Tradition und die marxistische Theorie einfach ab.

Auch der sozialistische Intellektuelle Thompson sollte nun neue Wege gehen. Das Bewusstsein der historischen Sackgasse hatte ihn dazu gedrängt, Bilanz zu ziehen und Ausschau zu halten nach solchen neuen Wegen. Hatte er mit der englischen Originalausgabe von The Poverty of Theory eine Bilanz seiner Beschäftigung mit Fragen der marxistischen Theorie vorgelegt, sollte der im dortigen Vorwort bereits angekündigte Folgeband Reasoning seine alten politischen Texte zur Neuen Linken mit einer aktuellen, kritischen Würdigung verbinden. Doch erschienen ist nur ein weiterer, gleichsam dritter Bilanzband, und zwar die Anfang 1980 veröffentlichte Aufsatz- und Essay-Sammlung Writing by Candlelight. Auch hier noch wird Reasoning als geplantes Werk erwähnt, doch blieb es bei dieser Ankündigung. Auch posthum ist dieser Band niemals erschienen. Auf die sich aufdrängende Frage, warum eigentlich nicht, wird im Allgemeinen geantwortet, dass sich Thompson nach der Fertigstellung von Writing by Candlelight voll und ganz einer neuen praktischen Politik hingegeben habe. Doch erklärt dies nicht, warum er auch später zu diesem Projekt nicht zurückgekehrt ist. Im nie vollendeten Band Reasoning spiegelt sich vielmehr das auch für E.P. Thompson offensichtlich unabgeschlossene Ende der Neuen Linken, ihr sang- und klangloser Zerfall im Übergang zu den achtziger Jahren.

Auszug aus: »Die Tränen des Edward P. Thompson«, Kapitel 9, in: Christoph Jünke, Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert, Hamburg 2014.

Bild: Titelcover Jünke, 2014 (siehe oben).

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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