- Über Sinn und Unsinn des Streits um eine historische Tatsache

von Horst Helas

Immer wieder erlebe ich, dass sich Wissenschaftler, Publizisten und Politiker, die sich als ›Linke‹ verstehen, im Streit um Geschichtliches genauso verhalten wie es ihre Gegner erwarten. Sie begeben sich - oft freiwillig und aus Gewohnheit - in den Schützengraben des Kalten Krieges und  gehen zur Rundum-Verteidigung über. Das geschichtliche Thema, ob es in der DDR Antisemitismus gegeben hat, woran das gelegen haben könnte und wie man dies heute von ›Links‹ kritisch und selbstkritisch bewerten sollte, ist dabei nur ein Thema von so vielen. Allerdings ein besonders sensibles.

Was dieses Thema betrifft, wird mit Argumentationsketten und Unterstellungen gearbeitet, die man sonst nur als Alleinstellungsmerkmal von wirklichen Gegnern immer wieder und besonders laut und völlig zu Recht anprangert. Titel von ›linken‹ Streitschriften wie Vom angeblichen Antisemitismus (Detlef Joseph) oder der Mär vom Antisemitismus in der DDR (Kurt Pätzold) sind selbstentlarvend genug.

Anlass für besonders heftiges Streiten gab eine Ausstellung der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema »Das hat’s bei uns nicht gegeben!« Antisemitismus in der DDR. Die Ausstellung wurde am 11. April 2007 eröffnet, im Rathaus von Berlin-Lichtenberg wurde sie im gleichen Monat erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Heftige Debatten rief vor allem der konzeptionelle Ansatz dieser Exposition hervor. In ihm heißt es:
»Bis heute hält sich der Mythos, in der DDR habe es keinen Antisemitismus gegeben. Die DDR sah sich als antifaschistischer Staat, der zusammen mit dem kapitalistischen System Faschismus und Antisemitismus ›mit der Wurzel ausgerottet‹ habe. Als Beleg führten die Verantwortlichen diejenigen Funktionäre an, die aus dem Exil und den Konzentrationslagern zurückgekehrt waren und nun an der Spitze des Staates standen; sie verwiesen auf die zahlreichen Prozesse gegen Kriegsverbrecher und auf die antifaschistische Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Antisemitismus galt in der DDR als Erscheinung der Vergangenheit, als Verschleierungspraxis der Kapitalisten, mit der die ausgebeuteten Arbeiter davon abgehalten werden sollten, ihre wahren Feinde zu erkennen. Den Begriff Nationalsozialismus lehnte die DDR ab, da er den Sozialismus in Verruf brachte. Hinter der allgemeinen Verwendung des Wortes Faschismus verschwanden jedoch die Besonderheiten des deutschen Nationalsozialismus – insbesondere der Antisemitismus und der Massenmord an den Juden, aber auch der rassistische, totalitäre und expansionistische Charakter des NS-Systems.
Seine Bürgerinnen und Bürger hatte der Staat allesamt zu Antifaschisten und zu ›Siegern der Geschichte‹ erklärt. Demzufolge sah man keinen Grund, sich mit dem Erbe des Nationalsozialismus und des Antisemitismus in den Köpfen der Menschen auseinander zu setzen. Eine bis heute andauernde und schwer aufzulösende Verdrängung war die Folge, die Auswirkungen auf die DDR-Gegenwart hatte – auf die Erinnerung an die früheren jüdischen Nachbarn und deren Ermordung, auf die Entschädigung der Überlebenden und auf das Verhältnis zu Israel und zu jenem Terrorismus, der den jüdischen Staat seit seiner Gründung bedrohte.«

Sieht man einmal vom Streit um solche Fragen ab, ob Faschismus oder Nationalsozialismus die zutreffende Kennzeichnung der Gesellschaftsordnung in Deutschland von 1933 bis 1945 ist oder ob Antisemitismus nicht auch wesentliches Kennzeichen anderer nationaler Varianten von Faschismus nach 1918 gewesen ist, ging es vor allem um die Beschreibung der wichtigsten gesellschaftlichen Grundlagen der DDR.
Der erklärte Anspruch, der Sowjetunion wie der DDR und aller anderen sozialistischen Länder, mit der Überwindung des Kapitalismus auch den Faschismus (und mit ihm Antisemitismus) ein für allemal überwunden zu haben, wurde von den Streitpartnern als gegeben vorausgesetzt – oder als ›Mythos‹ bezweifelt.
Die Frage, ob die DDR per se in allen Etappen ihrer Existenz ein antisemitischer Staat gewesen ist oder ob es in der DDR immer auch Antisemitismus gegeben hat, wurde im Eifer des Gefechts dabei nicht selten verwechselt. Gerade weil die DDR im Rückblick ab 1989 vorrangig als Unrechtsstaat, als totalitäres Regime gekennzeichnet und der Antifaschismus in der DDR als lediglich verordnet abgewertet wurde, entbrannte in der Antisemitismusfrage der Streit besonders heftig.

Bevor Kommunalpolitiker als Gastgeber mit den Verantwortlichen für die Exposition auch nur gesprochen hatten, wurde die Ausstellung am ersten Ort ihrer Präsentation in Lichtenberg von einem repräsentativen Raum in den Gang des Rathauses verbannt. Im Neuen Deutschland wurde am 7./8.April 2007 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung von Kurt Pätzold behauptet (und später von Detlef Joseph wiederholt), dass die Ausstellungsmacher mit ihrer These vom erhalten gebliebenen Bodensatz des Antisemitismus in der Gesellschaft der DDR womöglich auf jene Wirkung vertrauen würden, auf die auch Joseph Goebbels vertraute, eine Lüge müsse nur oft genug wiederholt werden, damit sie auch geglaubt würde.

Alles nur Lüge?
Zum Tenor dieser ›Kritik‹ passt ein Leserbrief im Neuen Deutschland von 2007 zur Ausstellung, ob die Ausstellungsmacher denn nicht wüssten, dass Persönlichkeiten wie Hermann Axen, Max Kahane, Gerhart Eisler und der Rabbinersohn Albert Norden das Gesellschaftskonzept der DDR wesentlich mit getragen und auch öffentlich propagiert hatten?
Außerdem vermisste der Leserbriefschreiber, dass in der Ausstellung die als kommunistisch bewertete Widerstandsgruppe um Herbert Baum gewürdigt wurde. Der Redaktion des ND war wohl nicht aufgefallen, dass Antisemitismus auch dort schon beginnt, wo insbesondere Juden als Kronzeugen herhalten müssen für die Rechtfertigung einer Politik, die auf irrigen Prämissen beruht. Egal, ob auch Juden solche Positionen vertreten.

Überblickt man diese und ähnliche Debatten fällt auf, dass beide Streitparteien im Eifer des Gefechts nicht selten zwei Ebenen miteinander vermischen.
Erstens hat das sozialistische Gesellschaftskonzept genuine Fehlannahmen. Etwa, dass der Sozialismus nach dem Kapitalismus das absolut bessere Gesellschaftskonzept hatte, das in Theorie wie Praxis von Anfang an qualitativ und widerspruchsfrei Ausbeutergesellschaften überlegen sei.
Zweitens wurden alle - durchaus benannte - einzelnen Erscheinungen von Antisemitismus in der DDR und entsprechende Handlungen einzelner ihrer Bürger als Relikte einer zu überwindenden Ordnung bezeichnet, die den Gesetzen in der DDR widersprachen und deshalb immer und überall strikt zurückgewiesen worden seien.

Meines Erachtens ergeben sich für ›linkes‹ Streiten mindestens sechs Überlegungen genereller Art.
1. Allein die Heftigkeit der Debatten um Antisemitismus in der DDR zeigt, dass ein wichtiges Thema im ›Umgang mit DDR-Geschichte‹ aufgegriffen wurde. Defizite der geschichtswissenschaftlichen Forschung wie der politischen Bildung und des ›Allgemeinwissens‹ von Menschen unterschiedlicher Generationen in Deutschland werden deutlicher.
2. Mehr Sorgfalt und ausreichende Ausführlichkeit bei der Darlegung eigener konzeptioneller Ansichten helfen, gegenseitigen Missverständnissen und Unterstellungen von vornherein zu entgehen.
3. Die Diskussionen um diese Ausstellung (und andere Debatten) kranken oft an der Vermischung zweier Ebenen: selbst Erlebtes und Erfahrenes als DDR-Bürger einerseits wird oft durcheinander gebracht mit der nüchternen Schilderung von Tatsachen und den chronologischen Abläufen von realen geschichtlichen Prozessen in der DDR andererseits.
4. Insbesondere DIE LINKE sollte politische Kontrahenten nicht zu Hauptfeinden erklären. Es wäre mehr Streitkultur und Gelassenheit - auch gegenüber sich häufenden antikommunistischen Attacken gegen die Partei DIE LINKE - angebracht. (Was haben wir denn erwartet?)
5. Alle, auch ›Linke‹, müssen damit leben, dass sich im Deutschland von heute jedermann zu jedem beliebigen historischen Gegenstand äußern kann: zu allen historischen Epochen, zu den darin agierenden Personen, einzelnen geschichtlichen Tatsachen und Vorgängen, von der Antike bis zum gestrigen Tag. Zu berücksichtigen sind dabei nur zwei Aspekte: die Beachtung der Prinzipien des Grundgesetzes und die strikte Vermeidung von Äußerungen, die in Deutschland unter Strafe gestellt sind.
6. Der Prozess der Auseinandersetzung mit unhaltbaren Ansichten von sich als ›links‹ verstehenden Menschen muss fortgesetzt werden – wiederum unter Beachtung der Tatsache, dass Entsolidarisierung untereinander oder Selbstzerfleischung auch in diesem Falle nicht weiterhelfen – und es wohl derzeit wichtigere Felder politischen Streits in der deutschen Gesellschaft gibt.

Natürlich gab es in allen Jahren der Geschichte der DDR Antisemitismus. In einem Staat, der schon in den 50er Jahren verkündete, dass der Faschismus hier »ein für alle Mal« ausgetrottet sei, brauchte sich kein DDR-Bürger mehr mit sich selbst beschäftigen, mit Resten seiner Vergangenheit als Mitläufer, Unterstützer oder gar Täter im NS-Regime. Auch nicht mit der wüsten antijüdischen Hetze im Alltag von 1933 bis 1945 mit den im Namen Deutschlands begangenen Verbrechen an den europäischen Juden. Andere gesellschaftliche Themen wurden für wichtiger befunden.

Ein oft geäußertes Argument ist, dass antisemitische Erscheinungen in der Frühphase der Geschichte der DDR häufiger auftraten als in der Spätphase ihrer Existenz. Angelika Timm kommt zu einem anderen Schluss. Sie benennt in ihrem Buch Hammer, Zirkel. Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel (Bonn 1997)
sieben Defizite:
1. Die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung erfolgte unzureichend.
2. Mit Hilfe der marxistischen These, der Antisemitismus sei mit seinen Wurzeln durch die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu beseitigen, und mit Verweis auf den erfolgreichen Abschluss dieses Prozesses in der DDR wurde ein Strich unter die nationalsozialistische Vergangenheit gezogen und damit eine gründliche Auseinandersetzung mit Erscheinungen von altem und neuem Antisemitismus erschwert.
3. Anfang der fünfziger Jahre - während der vorwiegend gegen ›Westemigranten‹ gerichteten Kampagne des Slansky-Prozesses -  zeigten sich in der offiziellen Politik der SED-Führung, sowjetischer Politik folgend, eindeutig antisemitische Töne und Tendenzen.
4. Ansätze zu einer sowohl emotional als auch rational getragenen kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die geeignet gewesen wären, einen Diskurs zwischen den Generationen einzuleiten und aufrechtzuerhalten, wurden aus tagespolitischen Erwägungen immer wieder zunichte gemacht.
5. Seitens des Staates, im öffentlichen Verständnis und in der Bevölkerungsstatistik wurden Juden nur als Religionsgemeinschaft, nicht als Volksgruppe oder  Schicksalsgemeinschaft wahrgenommen und akzeptiert.
6. Die jüdischen Gemeinden in der DDR wurden teilweise instrumentalisiert und zur Rechtfertigung und Unterstützung der SED-Politik nach innen wie nach außen angehalten.
7. Die Negierung einer gesamtdeutschen Verantwortung für die Schoah bildete den Hintergrund für die Weigerung der DDR, eine historische Verpflichtung hinsichtlich der Entschädigungsleistungen für Überlebende des Holocaust anzuerkennen.

Meine über 20jährige Beschäftigung mit der Geschichte jüdischer Familien, die bis 1933 im Zentrum Berlins relativ friedlich neben ihren nichtjüdischen Nachbarn leben konnten, bevor sie plötzlich aus Nachbarn zu Juden wurden, hat mich natürlich auch bewegt zu fragen, wie Überlebende solcher Familien nach dem Holocaust ihr Familienschicksal sehen – und wie Historiker mit diesem Themenkomplex umgegangen sind, zu unterschiedlichen Zeiten und aus verschiedenen Blickwinkeln einer Sicht auf Gewesenes.
Aus der Flut der Eindrücke seien vier Bespiele hervorgehoben, die mir bei der Beschäftigung mit diesem Thema wichtig waren und sind:

Erstens.
Zur ›Unzeit‹, weil in Deutschland größere gesellschaftliche Umbrüche erfolgten, erschien das Buch von Lutz Niethammer, Alexander von Platho und Dorothee Wierling Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR. 30 biographische Eröffnungen (1991). Einer, der sich den Autoren gegenüber öffnete, war Getzel Taube (das ist Eugen Gollomb), von 1967 an bis zu seinem Tod im Januar 1988 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Leipzigs. Was diesem Auschwitz-Überlebenden und ehemaligen Partisanen in der DDR bei der Einstufung für eine staatliche Ehrenrente ›nur‹ als Opfer des Faschismus widerfuhr, ist bitter und kein Einzelschicksal. Der Mut dieses Mannes, immer wieder gegen Medienkampagnen in der DDR vorzugehen, wenn er die »Ineinssetzung israelischer Politik mit Faschismus« kritisierte und darin eine »Vorlage für die Entlastung der deutschen durch die Gleichsetzung der Täter und der Opfer des Holocaust vermutete«, nötigt Respekt ab.

Zweitens.
Im Jahre 2008 war im »Centrum Judaicum« der Stiftung Neue Synagoge Berlin eine Ausstellung zu sehen, zu der auch ein Begleitband erschien: Zwischen Bleiben und Gehen. Juden in Ostdeutschland 1945 bis 1956. Zehn Biographien. (Otto Ephraim, Josef Jubelski, Adalbert Bela Kaba-Klein, Fritz Katten, Julius Meyer, Erich Nelhans, Eva Robinson, Ernest Wilkan, Karl Wolfsohn und Leo Zuckermann).
Nach dem Besuch der Ausstellung und dem Nachlesen der Biografien schrieb ich in einem Bericht: »Schicksal um Schicksal berührt auf immer andere Weise. Das Dargestellte kündet von der Brutalität des Kalten Krieges, die Menschen in den Tod trieb, jahrelang hinter Zuchthausmauern verschwinden ließ, wenn man ihrer vor der Flucht noch habhaft werden konnte. Das Bleiben wurde diesen zehn Juden, die gerade den Holocaust überlebt hatten, auf vielfältige Weise verleidet, das GEHEN war immer eine Flucht in letzter Sekunde. (...) Erschüttert hat mich weniger, dass es solche Repressionen gegen führende Repräsentanten der wieder entstehenden jüdischen Organisationen in Deutschland gegeben hat. Wenn man sich anstrengte, konnte man davon auch zu ›DDR-Zeiten‹ Einiges erfahren. Viel mehr hat mich die Flut antisemitischer Aussagen von Deutschen gewundert. Nicht so sehr die Anzeigen der üblichen Denunzianten, die scharf auf eine Immobilie waren oder mit dem Betreffenden noch eine persönliche Rechnung zu begleichen hatten. Eher die offen antisemitischen Begründungen von Funktionären der VVN [=Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Anm. d. Red.] wie der SED und des Staatsapparates.«

Drittens. 
Bekanntlich fanden bis Mitte der fünfziger Jahre in der DDR - wie in anderen sozialistischen Ländern - antisemitisch gefärbte Schauprozesse gegen führende Funktionäre der nun regierenden Partei statt. Wolfgang Kießling hat über eines der prominentesten Opfer in der DDR geforscht und publiziert. Sein für mich besonders beeindruckendes Buch erschien 1994: Partner im ›Narrenparadies‹. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker.
Zur Hinterlassenschaft der DDR gehört auch die bis zuletzt anhaltende Diskriminierung von Menschen, die der DDR und dem Sozialismus ein Leben lang verbunden blieben. Solche Tatsachen auszusprechen, hat nichts mit Verteufelung oder Anti-DDR-Propaganda zu tun. Detlef Joseph kann hier nur zugestimmt werden: »Es ist bedauerlicherweise kennzeichnend, dass es nach dem Abklingen der Verfolgungshysterie der DDR keine umfassenden offiziellen und öffentlichen Rehabilitierungen der Betroffenen gegeben hat.«

Viertens.
Ähnlich sieht es mit dem Eichmann-Prozess und seiner Widerspiegelung in DDR-Medien aus. In der Stiftung Topographie des Terrors gezeigten Ausstellung Der Prozess - Adolf Eichmann vor Gericht (April bis September 2011) und dem gleichnamigen Katalog heißt es dazu:
»Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges bot das Verfahren gegen Eichmann der DDR einen willkommenen Anlass, antiwestliche Propaganda zu betreiben. Die staatlich gelenkten Presseorgane beabsichtigten, die angebliche Überlegenheit des Kommunismus gegenüber der ›kapitalistischen‹ und ›revanchistischen‹ Bundesrepublik zu demonstrieren. Diese sollte als Nachfolgerin des faschistischen Deutschland diskreditiert werden. Hauptangriffsziel war hierbei Hans Globke, Staatssekretär von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Globke hatte 1935 die Ausführungsbestimmungen zu den ›Nürnberger Gesetzen‹ mitverfasst. Er galt den ostdeutschen Medien zu Recht als Symbol personeller Kontinuität. ›Mit Eichmann steht Bonn vor Gericht‹, titelte das Neue Deutschland und stellte die DDR in die Tradition des antifaschistischen Widerstandes, während die Bundesrepublik als alleiniger Hort der Täter angeprangert wurde. Die Staats- und Parteiführung der DDR leugnete eine gemeinsame deutsche Verantwortung. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen erschien folglich unnötig.« (S. 228)
Annette Leo hat im Begleitband der mehrfach genannten Ausstellung 2010 dazu einen Beitrag geschrieben (Eichmann, Globke und die DDR), der sich mit diesen Aussagen deckt.
Auch hierzu sollte man miteinander offen streiten, direkt und nicht über die Veröffentlichung von Texten. Antisemitismus in der DDR ist für mich kein Märchen.

Noch eines: Bei allen eventuellen Verkürzungen, die sich in den Texten einzelner Tafeln der Ausstellung finden mögen, ist für mich vorrangig, dass junge Menschen sich mit dem Thema Antisemitismus in der DDR wie im heutigen Deutschland beschäftigen. Dieses Bemühen hat all meine Sympathie.
Derzeit ist die Ausstellung zum Antisemitismus in der DDR in der Gedenkstätte »Roter Ochse« in Halle/Saale zu sehen (bis 29. Juni 2012).

Weitere Ausstellungsorte sind (bzw. waren): Celle, Leipzig, Gera, Frankfurt/Main, (Asbach/Sickenberg, Bad Doberan, Berlin, Bernau, Bernburg, Breese, Bremen, Demmin, Dessau, Dresden, Eberswalde, Eisleben, Erfurt, Fürstenwalde, Geisa Rasdorf, Gollwitz, Görslow, Greifswald, Großenhain, Halle, Hettstedt, Hildburghausen u. Schleusingen, Ilmenau, Jena, KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Leipzig, Magdeburg, Nordhausen, Oldenburg, Pasewalk, Perleberg, Pirna, Probstzella, Prora, Rostock, Schönberg, Schwerin, Steinbach, Torgau, Trier, Wiesbaden, Wittenberg, Zittau, Zossen).

Abb.: Blick auf Neue Synagoge und Fernsehturm, Oranienburger Straße, Berlin (Wikimedia Commons)

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