von Peter Brandt

Nach einer ganzen Periode imperialistischer Expansionspolitik seitens namentlich der größeren, wirtschaftlich wie politisch konkurrierenden Staaten der nördlichen Hemisphäre, des Weltrüstens und der Formierung gegeneinander gerichteter Bündnisse, unterbrochen bzw. begleitet von wiederholten Ausgleichsbemühungen, löste der Mordanschlag bosnisch-serbischer Nationalisten auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger am 28. Juni 1914 jene internationale Krise aus, die Anfang August in den Ersten Weltkrieg mündete.

In der Juli-Krise trug die Führung des Deutschen Reiches insofern nicht unerheblich zur Verschärfung der Lage bei, als sie ihrem letzten sicheren Bündnispartner, der Donaumonarchie, eine Art Blankoscheck für das militärische Vorgehen gegen Serbien ausstellte, hinter welchem indessen das zaristische Russland stand und sogar auf eine schnelle Kriegseröffnung drängte. Das Ergebnis würde, so nahm man an, entweder – im Falle einer begrenzten „Strafexpedition“ – ein großer Prestigeerfolg, eventuell mit der Konsequenz des Zerbrechens der feindlichen Allianz Russlands mit Frankreich und Großbritannien sein. Oder: Sollte es zum großen Krieg kommen, wäre es besser, jetzt zum Kräftemessen anzutreten, bevor Deutschland durch die massiven Rüstungsanstrengungen auch der Gegner (angesichts deren in der Summe ohnehin gegebenen materiellen Überlegenheit) in eine aussichtslose Situation geraten würde. Man hätte zwar einen Krieg allein gegen Russland vorgezogen, war notfalls aber auch zum Waffengang im Westen bereit. Dieser kaum politische Alternativen zulassenden Logik war schon der sog. Schlieffen-Plan entsprungen, der vorsah, im Kriegsfall einen schnellen siegreichen Feldzug gegen Frankreich, wozu man die Verletzung der belgischen Neutralität billigend in Kauf nahm, zu führen, um erst anschließen gegen die „russische Dampfwalze“ vorzugehen. Die technischen Zwänge dieses strategischen Plans schufen mit dem Beginn der militärischen Mobilisierung fast einen Automatismus, und flüchtige Versuche in letzter Minute, das Unheil aufzuhalten oder zu begrenzen, u. a. auch seitens Kaiser Wilhelms, hatten keine Chance. Die Mobilmachung des Zarenreichs im Anschluss an die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien beantwortete Deutschland am 1. August mit der Kriegserklärung an Russland, am 3. August an Frankreich, das sich weigerte, seine Neutralität zu erklären. Am 4. August trat auch England in den Krieg ein. Den Krieg als solchen durfte die monarchische Exekutive Deutschlands eigenmächtig in Gang setzen, für seine Finanzierung benötigte sie die Zustimmung des Reichstags, der am 4. August einhellig – wie im Wesentlichen die Parlamente der übrigen kriegführenden Staaten auch – der Bewilligung der beantragten Kriegskrediten zustimmte. Unklarheit hatte vorher allein über das Abstimmungsverhalten der größten Reichstagsfraktion, der sozialdemokratischen, geherrscht. Nachdem in einer internen Sitzung die Mehrheits­verhältnisse geklärt worden waren, stimmte die Fraktion am 4. August traditionsgemäß geschlossen zu, wobei neben situationsbedingten Stimmungen auch unterschiedliche rationale Kalküle und die Kriegsgegnerschaft Russlands, des „Hortes der Reaktion“ in Europa, von Bedeutung waren. In einer auch quantitativ nicht unbedeutenden Welle von Kundgebungen hatten deutsche und französische Sozialdemokraten Ende Juli für die Erhaltung des Friedens demonstriert – bis unmittelbar vor Beginn der Feindseligkeiten. Der sich dann vollziehende Umschwung in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft darf nicht mit dem Phänomen der jubelnden Menschenmassen, die den Krieg begeistert begrüßten, meist aus dem Bürgertum und Kleinbürgertum, in eins gesetzt werden, das auf zahlreichen Fotos überliefert ist. Mit dem einstimmigen Votum des Reichstags für die Kreditbewilligung ging (was nicht absolut zwingend war) die Vereinbarung eines sozialen und parteipolitischen „Burgfriedens“ Hand in Hand. Solange dieser – in der ersten Kriegshälfte – mehr oder weniger intakt blieb, konnte Wilhelm II. seine Rolle als oberster Repräsentant des deutschen Staates und Volkes für die meisten Deutschen einigermaßen glaubwürdig spielen, obwohl seine ursprünglichen Träume vom „persönlichen Regiment“ längst an der geschriebenen und realen Verfassung des Deutschen Reiches zerplatzt waren, einer konstitutionellen Monarchie mit der Tendenz zur Verselbstständigung der Reichsleitung gegenüber dem Monarchen und dem Bundesrat der Einzelstaaten sowie zu wachsendem Einfluss des Reichstags. Spätestens seit der Daily-Telegraph-Affäre 1908 sahen weite Kreise der Parlamentsparteien, der politischen Öffentlichkeit und der Diplomatie die Einmischung des sprunghaften Kaisers namentlich in die Außenpolitik als tunlichst zu vermeidende Belastung an. Zwischen der damit angedeuteten Parlamentarisierungstendenz des politischen Systems und dem starken und mit Kriegsbeginn noch wachsenden Einfluss des Militärs in Staat und Gesellschaft wurde die Stellung des Kaisers zunehmend funktionslos. Der Kriegsausbruch bot Wilhelm II. dann noch einmal Gelegenheit zu versuchen, seinen faktischen Bedeutungsverlust repräsentativ zu kompensieren, indem er sich in pathetischen Ansprachen – so der hier dokumentierten – als geborener Führer und berufener Sprecher eines bedrängten, zum Krieg genötigten, doch einigen und unbeugsamen Volkes darstellte.

Die vorliegende Tonquelle ist authentisch nur bezüglich des Wortlauts. Die Aufnahme stammt vom Januar 1918, als Wilhelm II. seine Rede vom 6. August 1914 erneut einstudierte und „dokumentarisch“ festhalten ließ.

 

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Peter Brandt ist Professor für Neuere Geschichte an der FernUniversität in Hagen. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit liegen auf den Gebieten Nationalismus und bürgerlicher Wandel seit dem 18. Jahrhundert, vergleichende europäische Verfassungsgeschichte seit dem 18. Jahrhundert, Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus und die Deutsche Frage.

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